Nary no fret in that thing
Nun ist das ja wohl absolut kein Anfänger-Thema.
Oder doch? Mein erster Fretless Bass war eine umgebaute
Hohner-JB-Kopie (ja, genau wie Jaco es gemacht hatte,
war auch in der Zeit, aber diese Polyester-Harze hatte
ich nicht zur Verfügung). Nicht, dass ich Jaco
imitieren wollte, aber er hatte das Thema aufgebracht.
Dann, Anfang 1998, stiess ich bei meinem lokalen
Dealer wieder auf diesen fretless, einen Guild Pilot4 (gebaut
1987, wie mir die freundlichen Fender-Leute mitteilten). Und wieder
ging von diesem Ding eine Faszination aus. Und wieder machte ich
am Anfang die gleichen Fehler wie damals. Aber Schritt für
Schritt ... und ich rede hier über fretless electric basses,
nicht über uprights oder so. Und trotz der Beschränkung
ist das ein Monster-Kapitel geworden. Ist der Browser schon fertig
mit Laden? Macht nix, ich fange vorne an.
Was ist anders?
Die Annahme, ein Fretless Bass sei eben nur ein E-Bass
ohne Bünde im Griffbrett ist annähernd so
falsch wie die Behauptung, ein LKW sei das gleiche wie
ein PKW, eben nur grösser und teurer. Defacto erfordert
ein Fretless eine andere Spielweise, andere Tonbildung
bis hin zu anderem Tonmaterial im Vergleich zum bundierten
Bass.
Bevor man sich nun auf Bühnen oder auch nur im
Proberaum vor den Drummern lächerlich macht oder
die Sängerin in den Wahnsinn treibt, ist eine Aktivitätenliste
von grossem Nutzen. Es empfielt sich, bestimmte Dinge
an bestimmten Stellen zu tun. Ach ja, ehe ich es vergesse:
Videos sind in diesem
Thema eine tatsächliche Hilfe, weil man den Sichtkontakt
zum Erzählenden hat.
Also, ich würde folgendermassen vorgehen:
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Was unverzichtbar und absolut
notwendig ist, ist eine halbwegs saubere Intonation.
Das ist die Fähigkeit, den gewünschten/angezielten/erwarteten
Ton (ja nachdem) zu spielen, wobei eine gewisse
Toleranz schon erwünschter Effekt ist. Daher
ist das Thema Intonation beim fretless immer das
unumstrittene Thema Nr. 1! (Nebenbei: der Name
Precision Bass leitet sich aus der Anwesenheit
von Bünden her, wodurch Intonationsprobleme
vorbei waren. In der grauen
Vorzeit hatten Bässe wie Cellos und Violinen
ja eh keine Bünde.) |
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Wenn man das Thema Intonation
im Griff hat (was nach ungefähr fünf
Jahren seit Kauf des Instruments der Fall sein
wird, zwei Stunden Üben pro Tag vorausgesetzt),
sollte man sich an das nächste Gebiet herantasten:
Tonbildung. Das ist aber gar nichts grundsätzlich
Neues, sondern nur eine Fokussierung auf Dinge,
die man sowieso intus hat. |
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Nächste Station: Melodiebildung.
Das ist der Punkt, wo sich fretted und
fretless bass erheblich unterscheiden,
dann das, was auf dem einen gut klingt, kann auf
dem anderen Bass völlig in die Hose gehen.
Hier lag meines Erachtens nach eine Stärke
von Jaco Pastorius. Er spielte einen spezifischen
Stil und eine angepasste Melodieform auf dem Fretless. |
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In gewisser Weise parallel zur Melodiebildung
liegt das chordale Spiel auf dem Fretless. Wie zuvor:
man kann es vom Bundmoster nicht auf den Bundlosen übertragen. |
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Und warum kann man einige Dinge nicht übertragen? Wegen der
unvollständigen Intonation. Spielt man die gleiche Note auf
zwei unterschiedlichen Saiten und sind die Saiten nicht perfekt
gestimmt, ergibt sich ein Frequenzunterschied. Aus dieser Differenz
bildet sich ein neuer, dritter Ton, der als Tonhöhe diese
Differenz hat. Genau dies verwendet man beim Stimmen: es wird
so gestimmt, dass sich eben kein dritter Ton, der Schwebungston,
ergibt. So weit, so gut.
Bezieht man sich nun nur auf Noten innerhalb einer Oktave, ist
die Differenz in der Regel relativ gering. Und für die einfachen
Intervalle innerhalb einer Oktave ist alles übersichtlich.
Die Intervalle repräsentieren auf den üblichen Instrumenten
(Triangel, Kamm, Bierflaschen) bestimmte Frequenzverhältnisse.
So ist eine Oktave das Frequenzverhältnis 1 zu 2, die Quite
ist 1 zu 3/2 und die Dur-Terz ist 1 zu 5/4. Daraus kann man ersehen,
dass die Frequenzdifferenzen für die Grundnoten bei ungenauer
Intonation auf dem Bass in den unteren Lagen sehr niedrig angesiedelt
sind. Aaaaaaaaaber, ...
Jetzt schlägt die Praxis zu. Die Saite schwingt ja eben
nicht nur auf der Grundfrequenz, sondern produziert auch noch
sogenannte Obertöne, also überwiegend gerade
Vielfache der Grundfrequenz. Und ohne diese Obertöne würden
Saiteninstrument doof und alle gleich klingen. Je neuer und unverschmutzter
die Saiten, desto mehr und stärkere Obertöne, und dann
spielt noch das Holz eine Rolle, und die Dämpfung durch die
magnetischen Pickups, und was die Pickups überhaupt aufnehmen,
und wie die Saite angeschlagen wurde. Und dann kann man sich ausmalen,
warum jeder Bass anders klingt, und jede Saite-Marke, und Stahl
anders als Nickel, und die eine Bridge so und die andere so, und
ob eingeleimter Hals oder Schraubhals. Die Obertöne sind
das, die machen den Sound. Auch das haben bundierter und bundloser
Bass gemeinsam.
Nun bilden sich aber eben diese Schwebungstöne nicht nur
auf den Grundtönen, sondern auch auf den Obertönen.
Und da deren Frequenzen ja Vielfache der Grundtöne sind,
sind auch die Frequenzdifferenzen viel grösser und fallen
so richtig in das rein, was wir bewusst oder unbewusst als Ton
wahrnehmen. Und dann wird aus der langsamen Modulation wie beim
Stimmen echter Ton, echte zusätzliche Note, wenn auch leiser
als die Grundnoten. Und wenn die Intonation daneben ist, ergeben
sich Schwebungstöne, die einem so richtig die Socken ausziehen,
oder die Haare zu Berge stehen lassen. Oder der Drummer verschluckt
sich an seinem Bier, verendet unter'm Hihat und Ersatz ist von
Nöten.
Die Bünde nehmen uns diese Sorgen ab, denn bei
ausreichender Präzision der Plazierung und gut
eingestelltem Instrument stimmen die Grundnoten und
auch die Obertöne. Noch mehr: die entstehenden
(präzisen) Oberton-Differenzen ergeben erst den
entsprechenden Klang eines Intervalls. Wo aber keine
Bünde sind, da kann es eben übel klingen,
wenn die Töne nicht so richtig getroffen sind.
Huch, jetzt sind wir ganz schön in die Physik
abgeglitten. Na ja, Grundlagen sind manchmal auch von
Nutzen.
Wo kommt man an gute Intonation?
Das ist ganz einfach: hören, üben, hören,
üben, hören, üben, das Ganze im Dunkeln
oder mit verbundenen Augen oder beides. Allein im Zimmer
und in Ruhe und Stille. Ist doch wohl nicht zuviel verlangt,
oder?
Unbedingte Voraussetzung für eine gute Intonation
ist, dass man rechtzeitig hört, dass man daneben
liegt, und nicht erst reagiert, wenn das Publikum schon
fluchtartig den Club verlassen hat. Rechtzeitig heisst
in diesem Zusammenhang: in wenigen Zehntel einer Sekunde.
Die logische Folgerung: das Wahrnehmen einer Fehl-Intonation
muss unbewusst erfolgen.
Wer also schon nicht in der Lage ist, die Saiten seines Basses
ohne E-Tuner auf die Rille zu kriegen, sollte sich statt einen
Fretless besser einen neuen CD-Player zulegen, oder einen neuen
End-Schalldämpfer für seinen GTI. Gehörtraining
ist angesagt. Am besten mit realer Musik, Software
gibt es dazu aber auch (sucht mal in den Sites nach 'eartraining'),
oder auch komplette Java-Programme.
Und vielleicht gibt es da ja tatsächlich demnächst was
bei Gitarre&Bass.
Dieses Kapitel kann kein Buch, keine Internet-Site, kein Video
abdecken. Das ist Euer Bier,
da kann nicht einmal Eure Mama helfen. No chance. Punkt. Ende.
Wenn Eure Ohren und Eure Schaltzentrale nicht Fehlintonation intuitiv
wahrnehmen, Ihr sie fühlt und durchleidet (muss nicht
heissen, dass Eure Finger deshalb perfekt treffen müssen),
lasst das mit dem Fretless. Eurem Drummer zuliebe, und der Sängerin.
Übungen
Da gibt es nicht viel. Die Übungen selbst sind
trivial, gute Ergebnisse nicht. Und man steht mit jeder
Übung im Verdacht, geklaut zu haben. Scheiss' drauf,
..., wie man im Ruhrgebiet sacht.
Was wir brauchen
Ein fretless Bass ist sehr nützlich bei den Übungen,
er sollte aber gut
eingestellt sein, ein Fretless braucht genausoviel
Setup wie ein Bundie!. Ein Metronom oder Drumcomputer
lockert auf und bringt/zwingt uns in ein kalkulieres
Timing. Alternativ kann auch ein abgehalfteter Drummer
oder Perkussionist eingesetzt werden. Einfacher Amp
mit wenig Tiefbässen, keine Effekte ausser
vielleicht einem bisschen Reverb. Stimmen
mit den E-Tuner geht, die Flageolette-Methode sollte
man beim Fretless draufhaben.
Übung #1
Zuerst sollte man sich mit der generellen Lage von
Noten auf dem Fretless vertraut machen. Falls Ihr so
ein Teil mit aufgepinselten Bundstrichen habt, werdet
Ihr sehen, dass diese reichlich unnütz und höchstens
psychologische Hilfe sind (ausserdem macht ein ganzlich
unbepinseltes Griffbrett viel mehr Eindruck). Positionsmarker
in den Flanken sind ok, aber auch immer nur ungefähre
Orientierungshilfe. Es gibt auch Bässe, bei denen
die Positionsmarker an den gleichen Stellen liegen wie
beim bundierten Bass, was ja wirklich eine tolle Hilfe
ist, denn da liegen die gesuchten Noten nun gerade nicht.
Am leichtesten genau zu hören ist die Oktave,
darum sollte man damit anfangen. Oktav-Übungen:
einen 4/4 im Hintergrund, immer schön die Note
auf die '1' des Taktes. Der Bezug auf eine Leersaite
schafft uns eine Referenz zum Hören, wie wir daneben
liegen.
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G|----|----|----|----|----|----|----|----|-7--|----|-0--|-12-|
D|----|----|----|----|----|-7--|----|-0--|----|-12-|----|----|
A|----|-7--|----|----|-0--|----|-12-|----|----|----|----|----|
E|-0--|----|-0--|-12-|----|----|----|----|----|----|----|----|
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Man beachte: |
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Nach jeder gegriffenen
und gespielten Note Hand vom Griffbrett weg und
erst zum Greifen der nächsten Note wieder auf
die Saite. |
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Nicht auf das Griffbrett
starren, gelegentlich wegsehen, auch mal versuchen
zu treffen ohne hinzuschauen. Gerade am Anfang bei
absoluten Fehltreffern nicht entmutigen lassen.
Patience please, patience ... |
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Wenn man merkt, dass
man 'daneben' liegt, nicht den Finger von der Saite
nehmen, sondern mit einer leichten Rollbewegung
der Fingerkuppe korrigieren. Diese Intonations-Korrektur
muss verinnerlicht und automatisiert werden. Sie
ist der Schlüssel zur perfekten Intonation,
denn auf Anhieb treffen tun selbst die Profis nicht
immer. Es soll aber nicht verschwiegen werden, dass
häufiges Spielen diese Punktlandungen wahrscheinlicher
macht. |
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Anfangen mit ca. 60bpm,
mit zunehmender Sicherheit steigen. Bei 240bpm aufhören. |
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Ziele: |
Erste Erfahrungen,
wo Noten liegen, Greifgefühl entwickeln. Intuitive
Korrektur von Intonations-Ungenauigkeiten erlernen.
Das Verhalten des Basses abschätzen können
(Noten liegen etwas oberhalb oder unterhalb von
Markern). |
Übung #2
Wiederum eine Oktav-Übung, hier wie bei Steve
Bailey gesehen. Metronom/Drummer wie zuvor, diesmal
aber vier Takte ganze und zwei Takte halbe Noten, das
Griffbrett hochwandern.
Diese Übung schafft auch eine Gelegenheit, das
Greifen mit allen vier oberen Fingern zu üben.
Dazu bedient der Zeigefinger die unterste Lage, für
die nächsten drei höheren Lagen wird jeweils
der nächsthöhere Finger benutzt. Erste wenn
man mit dem kleinen Finger den Bund nicht mehr erricht,
wird nach oben 'geshiftet'.
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G|------|------|------|------|------|------|
D|------|-3----|------|-3----|---3--|---3--|
A|------|------|------|------|------|------|
E|-1----|------|-1----|------|-1----|-1----|
G|------|------|------|------|------|------|
D|------|-4----|------|-4----|---4--|---4--|
A|------|------|------|------|------|------|
E|-2----|------|-2----|------|-2----|-2----|
(Lagenwechsel, shift!)
G|------|------|------|------|------|------|
D|------|-5----|------|-5----|---5--|---5--|
A|------|------|------|------|------|------|
E|-3----|------|-3----|------|-3----|-3----|
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Hier nun noch die 'One-Finger-Per-Fret' Lagenbeschreibung
(Fingernummerierung gehabt, 1 = Zeigefinger, 2 = Mittelfinger
u.s.f.), zu Deutsch: der Fingersatz für
obige Übung:
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G|--------|--------|--------|--------|--------|--------|
D|--------|-(3)----|--------|-(3)----|---(3)--|---(3)--|
A|--------|--------|--------|--------|--------|--------|
E|-(1)----|--------|-(1)----|--------|-(1)----|-(1)----|
G|--------|--------|--------|--------|--------|--------|
D|--------|-(4)----|--------|-(4)----|---(4)--|---(4)--|
A|--------|--------|--------|--------|--------|--------|
E|-(2)----|--------|-(2)----|--------|-(2)----|-(2)----|
Lagenwechsel!
G|--------|--------|--------|--------|--------|--------|
D|--------|-(3)----|--------|-(3)----|---(3)--|---(3)--|
A|--------|--------|--------|--------|--------|--------|
E|-(1)----|--------|-(1)----|--------|-(1)----|-(1)----|
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Man beachte: |
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Nach dem
A auf der E-Saite wechselt man auf das A# auf der
A-Saite, ab dem D auf das D# der D-Saite, ab dem
G auf der D-Saite auf die G-Saite und dann hoch
bis zum 12. Bund. |
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Neben dem
reinen Erfassen der Positionen spielt auch das Aneignen
eines Automatismus' für die Positionierung
auf der Saite abhängig von der Lage eine grosse
Rolle (muscle memory). So wie wir uns ohne
hinzusehen am Hinterkopf (jetzt musste ich ein Körperteil
umgehen ...) kratzen können, so sollte auch
das Greifen einer Note in unserem Bewegungsablauf
verankert werden. |
|
Ziele: |
Gehörbildung,
Intonations-Korrektur, Bilden eines internen Bewegungs-Gedächtnisses.
Üben der Vier-Finger-Methode. |
Übung #3, #4, #5 und #6
Gleiches Übungsverfahren, aber für die anderen
Intervalle.
Schritt 1: Die Quinte
auf der nächsthöheren Saite, da die Quinte
sich für das Hörbarmachen der Intonations-Qualität
auch gut eignet.
Schritt 2: Die Quarte
auf der nächsthöheren Saite. Dazu 'barrt'
man den Finger über die zwei beteiligten Saiten.
Die absolut sekrechte Positionierung des Barrenden Fingers
zum Hals ist essentiell. Man kann es auch mit zwei Fingern
versuchen.
Schritt 3: Die Grosse
Terz auf der nächsthöheren Saite.
Schritt 4: Die Kleine
Terz auf der gleichen und der nächsthöheren
Saite.
Übung #7, #8, #9:
Die Sexte und
Septimen auf
der übernächsten Saite.
Übung #10 und #11:
Die b10 und die
10 auf der E und
G-Saite.
Übung #12 et ad infinitum
Jetzt haben wir aber den Lateiner raushängen
lassen, dabei habe ich nur das kleine Latinum.
Übungen mit Wechsel der Saitenpositionen sind
auch toll und lehrreich:
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G|------|------|------|------|------|------|------|------|
D|------|------|------|-3----|------|------|------|-3----|
A|------|-3----|------|------|------|---3--|------|------|
E|-1----|------|-1----|------|-1----|------|-1----|------|
G|------|------|------|------|------|------|------|------|
D|------|----3-|------|----3-|------|------|------|----4-|
A|----3-|------|----3-|------|------|----4-|------|------|
E|-1----|-1----|-1----|-1----|-2----|------|-2----|------|
G|------|------|------|------|------|------|------|------|
D|------|------|------|-4----|------|----4-|------|----4-|
A|------|-4----|------|------|----4-|------|----4-|------|
E|-2----|------|-2----|------|-2----|-2----|-2----|-2----|
|
... und so weiter und so fort.
Weitere Intervall-Wechsel:
- 1 - 3 - 10 - 3 - 1 - 3
- 10 - 3 ...
- 1 - b3 - b10 - b3 - 1
- b3 - b10 - b3 - 1 ....
- 1 - 5 - 10 - 5 - 1 - 5
- 10 - 5 - 1 ...
Die Auswahl ist unerschöpflich. Erkenne die Möglichkeiten
...
Das Ganze nun akustisch und elektrisch
findet sich auf einer getrennten Seite, nämlich
den Intonations-Übungen.
Dort findet Ihr TablEdit- und MIDI-Files mit einigen
dieser Übungen. Warum? Mehr auf der genannten Seite.
War das schon alles?
Wie bitte? Bis Ihr das so richtig im Griff habt und
eine gute Intonation erreicht, werden schon einige Zeiteinheiten
in's Land gehen. Achtet besonders darauf, die Fehl-Intonationen
zu hören und möglichst schnell zu korrigieren.
Diese Übungen sind ein Extrem an Langweiligkeit
und Stumpfsinn. Und genau so notwendig und hilfreich.
Tonbildung
Ich nehme an, dass Ihr schon durch Lesen der bisherigen
Zeilen eine perfekte Intonation erreicht und Üben
völlig überflüssig ist. Daher würde
ich Euch in diesem Fall und an dieser Stelle das Erlernen
des Gitarrenspiels nahelegen, ohne Intonationsprobleme
und mit viel höhrem Pussie-Erfolgsfaktor als bei
so einem Fretless-Bassisten mit seinen Schwielen auf
den Fingerkuppen und seinem hochempfindlichen Gehör,
dass drei Mücken im Zimmer anhand der Sirr-Höhe
eindeutig und im Millisekunden-Bereich identifizieren
kann.
Mal im Ernst. Ich habe mit Verblüffung festgestellt,
dass ich, seit ich so oft den Drahtlosen in der Hand
habe, auch auf dem Bundierten erheblich sicherer und
unabhängiger von Sichtkontrolle geworden bin.
Nun aber zum Thema Tonbildung. Ein kurzes Kapitel.
Na ja, ...
Greifhand-Entwicklung
Auf dem bundlosen Bass hat die Greifhand einen viel
grösseren Einfluss auf den Klang als beim Bundi,
was ja logisch ist. Wichtig dafür sind:
Druck des Greifens
Sustain und Klang der Noten hängen davon ab.
Es empfiehlt sich eine Kraftentwicklung der Greifhand.
Fingerstellung der Greifhand
Durch den Fingerkontakt mit der Saite geschieht eine
Dämpfung, die weiterhin vom Winkel des Fingers
zur Saite abhängt. Ausprobieren. Allgemein akzeptiert
ist, dass die Finger möglichst senkrecht zur Saite
aufgesetzt wird, da hier die Krümmung der Haut
stärker ist als an der Fingerkuppe.
Anschlag
Es soll fretless Bässe geben, die über spezielle
Sensoren verfügen und sich bei Annäherung
eines Plektrums an den Bass unter 30cm selbst zerstören.
Habe so ein Teil aber noch nicht selbst gesehen (Kobra,
übernehmen Sie!)
Neben dem konventionellen Fingering ist das Thumping
, das Anreissen mit der Aussenseite des Daumens, eine
beliebte Anschlagstechnik auf dem Fretless. Es erzeugt
einen weichen Anschlag mit viel Energie. Dadurch entsteht
besonders der schnurrende typische Ton des Fretless.
Fretless-Spezialitäten
Das ist es natürlich, die Dinge, die man auf
dem Bundlosen machen kann und auf dem Bundierten nicht.
Da hätten wir als erstes den Slide, das
Anreissen einer Saite und dann Hinauf- und Hinab-Gleiten.
Unverzichtbar! Ein absolutes Muss! Bekannt, gegessen.
Komplette Intervalle auf dem Griffbrett hochschieben
kommt auch gut. Aber da muss wirklich die Intonation
schon sehr gut sein.
Aber es gibt es noch anderes. Wenn Ihr Flageolettes
kennt (kurze Erklärung siehe Stimmen):
Ein Flageolette im 12. oder 7. Bund und dann sofort
die Saite an dieser Position auf's Griffbrett drücken
und einen Slide nach oben oder unten. Das sollen die
Ketarristen doch mal nachmachen.
Noch ein Gag: von einem Intervall in ein anderes gleiten,
z.B. von 1 - 5 in 1 - 6 und zurück. Oder 1 - 10
in 1 - b10. Ungeheurliche Varianten sind denk- und machbar
und der Effekt schlechthin. Gitarristen werden erst
grün, dann rot, zerschlagen ihre PRS Custom vor
Neid auf ihrer Marshall-Box oder rammen ihre Sambora-Strat
in ihren Soldano.
Equipment
Man braucht für den Fretless keine besonderen
Amp oder Lautsprecher. Allerdings sollte die Anlage
schon in der Lage sein, eine saubere Mittenwiedergabe
zu unterstützen. Die Höhen sind nicht sehr
wichtig, der Fretless Sound entsteht in den Mitten und
Tiefmitten. 4x10er sind fein, aber 15er mit guter Mittenwiedergabe
bringens auch.
Zwei nützliche Effekte
ausser dem Compressor sind für meinen Geschmack
Reverb und Chorus oder Leslie. Der Reverb
macht den Ton noch weicher und tragender. Der Chorus
verdeckt ein wenig Intonations- Ungenauigkeiten und
hebt die Räumlichkeit an.
Ein Flanger kann eine merkwürdige Kombination
von Zartheit und Brutalität herausbilden.
Overdrive oder Oktaver haben beim Fretless wenig zu
suchen.
Wie gesagt, ein eher bescheidener Abschnitt. Jedoch
gerade die Themen Greifen und Anschlag sind wichtig.
Melodiebildung und Akkorde
Jo, jetzt wären wir ja mal wieder so richtig
im Subjektiven.
Also, was wir oben schon hatten: man kann Basslinien
von 'Normal-Bass' nicht unbedingt auf den fretless Bass
übertragen, weil entweder es nicht mehr so recht
klingt oder schon geringste Intonations-Schwankungen
den Klang verderben. Nein, auf dem Fretless muss es
etwas anders gemacht werden. Und wer anders sollte uns
den Weg zeigen als Jaco?
Wie 'macht' man eine Basslinie für den Fretless?
Wenn ich die Antwort hätte, würde ich nicht
hier an meinem PC sitzen und solchen Mist schreiben.
Stattdessen sässe ich am Strand in Venice, würde
mein verdriessliches Konterfei auf dem Cover des Bass
Player bewundern und Miezen zum Cola-Holen und Hamburger-Füttern
haben. Aber so sitze ich hier in Paderborn, und das
Wetter ist zu schlecht zum Radfahren und zu gut zum
Sterben.
Ihr wollt meine üblichen Binsenweisheiten hören?
Hier kommen sie, aber sagt nicht schon wieder, das hättet
Ihr alles schon gewusst.
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Die Regeln des chordalen
Ansatzes gelten weiter. Ebenso alle anderen
Regeln bezüglich Betonungen und Notenmaterial. |
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Die Besonderheiten des bundlosen
Griffbretts sind reichlich auszunutzen, insbesondere
in Form von Sliding und Anschlagstechniken.
Da der spezifische Fretless-Sound nur bei gegriffenen
Noten entsteht, ist die Verwendung von Leersaiten
so weit wie möglich zu vermeiden. |
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Bezüglich des Notenmaterials
sind die oder generell Passing Notes von
Wert. Sie unterstützen die Wirkung von Slides
und lassen keinen Zweifel daran, dass hier ein fretless
bass am Werk ist. |
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Akkorde sollten wegen
der Intonationsgefahren eher vermieden werden, Arpeggios
sind besser verwendbar. Wenn schon Akkorde oder
Double Stops, dann innerhalb einer Oktave
die perfect intervals (perfect 4th =
Quarte, perfect 5th = Quinte, octaves
= Oktaven) nutzen. Erst die hohen Intervalle
9, 10 und 11 sind für Double Stops wieder ok,
dort schlagen Intonationsprobleme nicht so hart
zu (werden wir noch hören). |
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Pentatonik
und Modes
können auf dem Fretless hilfreich sein. Jedoch
nicht Linien vom Standard-Bass auf den Fretless
übertragen. |
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Damit der Sound des Fretless
rüberkommt, sollten die Basslinie eher langsam
und getragen sein, keine Hammering-Orgien und
Speed Runs. Die Noten klingen lassen, dynamisch
spielen. |
Mehr kann ich Euch leider nicht an die Hand geben.
Ausser noch drei Beispiele mit fretless bass Basslinien.
Zwei sind geklaut, aber gut. Und dann noch mein unvermeidlicher
Senf dazu.
| Fretless #1: |
The Jaco Riff |
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Nicht von Jaco geklaut, sondern von Paul Westwood,
der versucht, wie Jaco zu klingen.
Die Linie basiert auf Dur-Pentatonik mit einigen Passing
Notes. Den Triller am Ende hätte ich aber weggelassen
und durch einen Slide ersetzt. Kann man aber so machen.
Charakteristisch und beachtenswert ist die punktierte
Viertel am Anfang, die ein gängiges Stilmittel
auf dem Fretless ist. Da Jaco eine sehr gute Intonation
drauf hatte, konnte er sich auch mehrere Lagenwechsel
pro Riff erlauben. Der Riff ist aber recht unkritisch,
da der Kern reine Intervalle sind, bei denen Intonationsfehler
nicht so drastisch auffallen.
Auch zu erkennen ist, dass die Slides eine Orientierungshilfe
sein können, um beim Lagenwechsel wieder einen
festen und sicheren Ausgangspunkt zu erreichen.
| Fretless #2: |
Rainer's Riff |
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Bei genauem Hinhören dem Jaco-Riff nicht unähnlich.
Ebenfalls Pentatonik , aber Moll, mit wenigen Passing
Notes.
Hier kommt eine Leersaite zum Einsatz, jedoch wird
diese Note ausgenutzt, um den Lagenwechsel durchzuführen.
Im Detail handelt sich um identische Notenabfolgen,
jedoch jeweils in zwei folgenden Oktaven. Eine Moll-Linie
über ebenso zwei Oktaven würde einen würdigen
Abschluss bieten.
| Fretless #3: |
The Rick Laird Riff
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Mitgezählt? Es ist 5/4, wodurch die Linie merkwürdig
gestreckt und zögernd erscheint. Die Jahrgänge
vor 1965 sollten den Riff auch identifieren können:
'You know, you know' vom Mahavishnu Orchestra.
Hier ist es fast reiner chordaler Ansatz, die Progression
ist m5 - 4 - m1 und der Bass folgt mit den Akkord-Noten.
Obwohl die Noten als Argeggios gespielt werden, ist
gut zu hören, dass die 10 bzw. b10 anstatt der
3/b3 erheblich besser hörbar und spielbar ist.
Wenn man mal versucht, die 10er-Intervalle durch 3er
zu ersetzen, merkt man schnell, wie schwammig die Geschichte
wird. Erstens geht die Spannung verloren, zweitens sind
Intonationsfehler viel deutlicher zu hören als
mit den 10er-Intervallen.
Noch ein Punkt: Das Mischen von Triolen und geraden
Notenwerten. Macht sich auch gut.
Fazit
Es musste kommen. Es war unausweichlich: das Ende
dieses Kapitels. Und was waren nun meine Fehler?
- Der Versuch, Basslinien vom bundierten zum bundlosen
Bass 1:1 zu übertragen. Das geht nur selten,
wie z.B. beim Rick Laird-Riff, der war erst auf einem
Standard Jazz Bass, klingt aber auch auf dem fretless
bass gut. Eine Ausnahme.
- Das Wesentliche am Fretless ist sein Klang und
die naturgemässe Fehlintonation, das 'immer
etwas Danebenliegen'. Anstatt diesen Effekt zu
bekämpfen, sollte man ihn bewusst einsetzen.
Auch sollte man sich klarwerden, dass die Wohltemperierte
Stimmung bundierter Instrumente eben nicht das Mass
aller Dinge ist und der Fretless dies offenbart.
- Um Unbehagen zu vermeiden, sollte man bestimmte
Intervalle meiden, die auf dem Bundie selbstverständlich
sind. Viel Oktav-Grenzen überschreiten, viel
Sliding, viel Dynamik.
- Der Übungsaufwand für reine handwerkliche
Technik und Sicherheit ist vielfach höher als
auf dem Standard-Bass. Ich schätze heute mindestens
ein paar Monate intensiven Übens, um eine einigermassen
verträgliche Intonation zu haben.
- Wie bei den Effekten sollte man den Fretless nicht
als Show-Effekt oder Gag benutzen. Entweder ganz oder
gar nicht. Ich könnte mich sogar zu der Behauptung
hinreissen lassen 'Entweder nur bundiert oder nur
bundlos'. Ich für meinen Teil könnte mich
an die Abwesenheit von Bünden gut gewöhnen.
Und verpassen Sie nicht unsere nächste Folge
mit dem Titel 'Der Bassist, der nicht im Dunkeln
spielen konnte'.
Quatsch, jetzt geht's natürlich zu Flageolettes
...
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