Basslinien-Konstruktion
Wir werden nun eine mehr oder minder einfache Kadenz resp. Akkordfolge nehmen und
darüber in einigen Schritten eine Basslinie entwickeln. In
dieser Entwicklung wollen wir auch Regeln und Hilfen finden,
die für die Konstruktion von Basslinien hilfreich oder sinnvoll
sind. Und dass wir das mit dem Hintergrund Akkord-Formen tun,
ist ja wohl auch klar. Was aber nun am schönsten ist: ich
kann mit wenigen Begriffen Zusammenhänge beschreiben, ohne
grossartige Umschreibungen. Tja, so nützt die ganze Theorie
noch noch etwas.
Alle MIDI-Samples sind übrigens mit TablEdit
erstellt, ein TAB- und Standard-Notationsprogramm, das ich wärmstens
empfehlen kann. Und für den etwas besser klingenden MIDI-Sound
(auch für die Gitarre&Bass-MIDI-Samples verwendbar):
TiMidity,
ein MID2WAV-Renderer.
Dinge, die am Anfang klar sein müssen
Bevor man sich entschliesst, was man denn nun spielt, sollten
mindestens folgende Dinge klar sein:
1. Akkordfolgen, Kadenzen
Das heisst: welche Akkordfolgen (= Kadenzen) spielen Gitarren
und/oder Keyboards? Und das für die einzelnen Elemente des
Songs, also für Intro, Strophe, Refrain etc. Ist eigentlich
logo, aber es gibt da doch Unterschiede. Spielen sie A5, A, A7,
Amin7 oder sogar A7sus4? Für die Basslinie jenseits der Metal-Welt
schon wichtig, denn es entscheidet darüber, welche Noten
wir für unsere Basslinie verwenden können.
2. Was ist es für ein Stück?
Eine Ballade oder ein Uptempo Dance Track? Purer 70ies Rock oder
sowas mehr Pink Floyd-mässiges? Folk vielleicht sogar? Dies
ist wiederum für eine Leitlinie über den rhythmischen
und melodischen Aufbau hilfreich bis nötig. Auch die Spieltechnik
hängt da drin (ein geslappter Folksong hat aber auch seine
Reize).
3. Ablauf
Das ist unsere schon früher angesprochene Makrostruktur
zweiter Ebene. Zwar ist der Ablauf nicht das Schwierige, wenn
man weiss, was man spielt. Aber gerade am Anfang hält man
einen Song doch nicht so ganz zusammen, wenn man sich sehr auf
das eigentliche Spielen konzentrieren muss.
... und die berühmten Fussangeln ...
Nun jibbet Fälle, wo von alledem wenig verfügbar ist.
Man stelle sich die Situation vor, es gibt endlich eine Band und
einen Proberaum, die Instrumente sind bezahlt, man steht halb
glücklich, halb nervös schwitzend zusammen und stellt die berühmte
Frage: Was spielen wir denn nun? Oder: Erster Gig, Programm
ist durch und man soll nun etwas spielen, was man entweder gar
nicht kennt oder höchstens so mit halbem Ohr von WDR2 oder
MTV.
Heisst: Ihr müsst in der Lage sein, eine Kadenz zu erkennen,
die beteiligten Akkorde zu hören und den Ablauf
zu begreifen. Und das wird erheblich einfacher, wenn Ihr folgendes
tut:
|
Musik hören, Musik bewusst hören, Hören
üben, alle Musik hören, Intervalle erkennen,
Hören, Hören und nochmals Hören.
|
|
Hört vor allen Dingen auch Musik, die bisher ausserhalb
Eurer Reichweite liegt. Für Bassisten sind z.B. Bach's Werke
eine wahre Fundgrube. Also: Für die Konstruktion
einer Basslinie ist die Auswahl des Notenmaterials grundlegend.
Ihr könnt sicher sein, dass vor oder bei Eurer ersten Audition
das Thema Hören und Analysieren relevant wird. Haben wir
also alles zusammen, geht's zum nächsten Schritt.
Notenmaterial
Was sich hier als triviale Überschrift präsentiert,
ist aus meiner Sicht einer der beiden ganz wesentlichen Punkte
im Aufbau einer Basslinie. Es handelt sich um den Baustoff, aus
dem die Linie entsteht, es bestimmt die Farbigkeit, das Feeling
und den emotionalen Inhalt der Basslinie. Und hier bildet sich
die Rolle des Basses als Lieferant eines Hooks, oder als pures
Füllwerk. Oder sollte ich meine Ansprüche zurückschrauben
(wer im Glashaus sitzt, ...).
So, wenn also die Kadenz bekannt ist, sind die Akkorde bekannt
und damit erhalten wir die Information, welches Notenmaterial
wir verwenden können. Bewusst theoretisches Beispiel: Die
Kadenz ist Asus2 - Cmaj7 - D. Aus dieser Akkordfolge ergibt sich
zwangsläufig, welche Noten wir spielen dürfen, und welche
eventuell, und welche gar nicht.
Chordal Notes, Akkordnoten
Damit haben wir folgende Noten resp. Intervalle zur Verfügung:
|
Für Asus2: |
1, 2, 5 |
= |
A, B, E |
|
Für Cmaj7: |
1, 3, 5, 7 |
= |
C, E, G, B |
|
Für D: |
1, 3, 5 |
= |
D, F#, A |
Sieht auf den ersten Blick etwas ärmlich aus, oder? Ist
es aber gar nicht, denn wir haben ja alle Noten in mindestens
zwei Oktaven auf dem Bass zur Verfügung. Und damit wird es
schon eher Highspeed-Playing, wenn wir alle Noten verwenden. Der
grüne Kram sind also die verwendbaren Noten, die eigentlich
in jedem Fall 'passen'.
Passing Notes
Kommen wir zu den Noten, die eventuell verwendbar sind.
Ob das nun geht, oder nicht, muss man ausprobieren. Für die
Eventual-Noten wenden wir heuristische Verfahren aus. Äh,
na ja, gut, wir nutzen die Erkenntnisse aus Blues und Jazz, nämlich
die Passing Notes aus den zugehörigen Tonleitern. Das sind
Noten, die eigentlich nicht dazugehören, aber als Übergänge
zwischen den immer-passenden Noten verwendet werden können.
ACHTUNG: Das sind 'passing notes' (Durchgangsnoten),
also bleiben diese nicht stehen, sondern werden nur im Übergang
gespielt.
Folgende Noten sind als Passing Notes verwendbar:
|
In Akkorden mit: |
das Intervall |
Wo? |
|
einer kleinen Terz (z.B. min, min7): |
die 3 |
zwischen b3 und 5
oder b3 und 7 |
|
einer grossen Terz (z.B. maj, maj7, dom7): |
die b3 |
zwischen 1 und 3 |
|
einer grossen Septime (z.B. maj7): |
die b7 |
zur 7 hin |
|
einer kleinen Septime (z.B. min7, dom7): |
die 7 |
von der b7 zur 1 |
Void Notes
Bleiben die Noten, die in keinem Fall gehen, auch Void Notes
genannt. Das ist schon schwieriger zu merken, aber um so leichter
zu hören (oder zu fühlen, für unsere Sensibelchen
unter den Lowendern):
|
Zu den Void Notes gehören alle Noten, die mit
einem der Chordal Notes ein stark dissonantes Intervall
bilden und keine Passing Notes sind, in der Regel die
kleine Sekunde oder die kleine None.
|
|
Schon plausibel, oder? Das doch ach so stark dissonante Intervall
des Tritonus bzw. der vermindeten Quinte habe ich hier nicht mit
aufgenommen, weil wir ja Rockies sind. Johann Sebastian würde
zwar in seinem Grab rotieren, aber wir sind doch tolerant. Tatsächlich
kann in der Rockmusik der Tritonus schon verwendet werden, trotz
oder gerade wegen seiner Dissonanz. Nur b2 und b9 passen im Grunde
nie.
Was macht man nun mit einer Menge Bausteinen? Man braucht einen
Plan, wie man sie zusammensetzt.
Es gibt jetzt zwei Wege, um weiterzumachen. Entweder steht Ihr
noch ganz am Anfang. Dann wäre die Beschäftigung mit
konventionellen Formen wie dem Blues
sinnvoll.
Oder Ihr geht gleich etwas mehr in's Detail: Here comes Plan9 from outer space.
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