Musical homework, also known as practicing
...
Die erste Version dieses Artikels stammte so aus dem Jahre 1998,
viele Stunden vor diversen Instrumenten sind vergangen und der
Artikel ruft in 2006 nach Aktualisierung und Überarbeitung.
Üben, sei es an einem Instrument, im Sport oder für die Schule, gehört nicht gerade zu den beliebtesten Tätigkeiten. Solange es dabei um erzwungenes Üben geht, was für schulische Angelegenheiten eher die Regel ist, kann man den Eindruck von böswilliger Freizeitvernichtung verstehen. Geht es aber um das Üben im musikalischen Bereich, und dann auch noch um die Musik seines Herzens und das Instrument, an dem doch eigentlich
alles nur Spaß machen sollte, ist das Vorgehen nicht selten weniger lieblos und irgendwie hingeklatscht. Schade, eigentlich.
Warum Üben? Machen Gitarristen doch auch nicht.
Als vordergründige, oft genannte oder landläufige Gründe zu üben tauchen wohl am häufigsten auf:
- Flucht vor der Ehefrau/Freundin/Lebensabschnittspartnerin/Familie
(ich wüsste bessere Möglichkeiten in diesem Fall)
- Einüben technischer Fähigkeiten wie Geschwindigkeit, Koordination
(ok, lassen wir gelten)
- Musikalische Entwicklung
(was bitte soll das sein?)
- Spaß, Spaß, Spaß
(das sollte so sein, ist es aber nicht immer)
- Weil man einfach muss
(hm, ob das hinreichend ist?)
Ich würde das Üben aber noch etwas weiter fassen wollen und würde die Sache in zwei Kategorien aufteilen: die mechanische Seite und die musikalische Seite. Im Grunde verstecken sich mehr oder minder diese zwei Aspekte des Übens in der obigen Liste, aber die Betrachtung der Begründung "musikalische Entwicklung" sollte man etwas schärfer fassen. Gut, dazu später mehr, zuerst das mechanische Üben, wobei 'mechanisch' nicht negativ gemeint ist. Üben hat viel mit Einüben zu tun, da geht kein Weg drum herum. Und diesen Anteil am Üben wollen wir uns auch als Erstes vornehmen. Wobei ... gerade dieser Teil am wenigsten beliebt ist, weil langwierig,
wenig spaßig, manchmal auch anstrengend. Trotzdem sollte gerade der Übungsanteil sehr ernst genommen werden.
Daher konkretisiert in ein paar Begriffen was der Sinn und Inhalt des Übens überhaupt ist.
Automatisierung
Ein wesentlicher Aspekt des Übens ist das Automatisieren von Bewegungsabläufen. Wenn ich an vielen Stellen erst überlegen muss, was denn nun welche Hand mit welchem Finger an Nächstes tun muss, werde ich über die Reproduktion einfacher Kinderlieder wohl kaum hinauskommen. Erst wenn Abläufe automatisiert sind und der musikalische Gedanke ohne bewusstes Denken umgesetzt werden kann, ist freies Spiel möglich. Oder auch nicht-freies Spiel, wo die Augen und Gedanken auf einem Notenblatt oder Leadsheet sind, und nicht auf den Fingern.
Das kann man nämlich auch gut gebrauchen.
Koordination
Rechte-linke-Hand-Koordination ist kein Thema der Hände, sondern betrifft unsere beiden Gehirnhälften, die nicht immer so toll miteinander funktionieren wie gewünscht. Defacto werden die beiden Hände + Arme + Finger von zwei Gehirnhälften kontrolliert und gesteuert. Zwar sind die beiden Teile verbunden, aber eben nicht so ganz einhundertprozentig. Diese beiden Gehirnhälften zu einem effektiven, genauen Zusammenarbeiten in einem bestimmten Thema zu bewegen, dauert. Manchmal sogar ziemlich lange. Kinder brauchen auch sehr lange, bis sie die beiden Hände feinmotorisch benutzen könen. Und die haben sonst auch nicht viel mehr zu tun als das zu lernen. Ok, mit 5 lernt man schneller als mit 50. Noch konkreter: wir müssen die Verbindungen der beiden Hirnhälten für einen bestimmten Zweck, z.B. Bass spielen, erst ausbilden, diese Fähigkeiten sind nicht angeboren. Das braucht Zeit, und eben Üben. Synapsen wachsen nicht über Nacht.
Sensorik
Beide Angelegenheiten, Automatisierung und Koordination, setzen aber voraus, dass der Regelkreis Gedanke Aktion Wahrnehmung Korrektur funktioniert. Krasses Beispiel sind bundlose Instrumente, wo ich Fehlintonation schnellstens wahrnehmen und korrigieren muss. Auch dieses akustische und mechanische Wahrnehmen (Ist der Finger exakt auf der Saite? Rutscht der anschlagende Finger zum richtigen Zeitpunkt von der Saite?) muss das Gehirn erst einmal lernen. Da kommt das Thema Gehörtraining noch mit dazu, über den sturen Teil der Fingerübungen hinaus, der die Aktionskette erst komplettiert.
So, damit haben wir unsere Ziele hinsichtlich des Übens am und mit Instrument ziemlich gut umrissen. Frage nun, welche Arten von Üben wir nutzen können.
Wie, was, wo üben?
Das instrumentelle Üben würde ich gerne etwas weiter fassen, und nicht auf instrumentelles Spielen reduzieren. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass alles, was es an Beschäftigung mit Musik gibt, im Grunde auch Üben ist. Mögliche Kategorien sind dann:
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Fingerübungen |
Hart, langweilig, dröge, unverzichtbar. |
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Facharbeit |
Erarbeiten von Standards, Stilen, Riffs,
Methoden oder Wissen anhand von Büchern, Videos oder
interaktiven Medien. |
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Jamming |
Mitspielen mit Aufnahmen von CD oder Band. |
Kommentare zu den einzelnen Komponenten wie folgt:
Fingerübungen: Ohne dieses ungeliebte Thema sind die Themen Koordination und Automatisierung leider verfehlt.
Fingerübungen sind für fast alle Instrumente ein absolutes Muss, wenn vielleicht auch in verschiedenen Graden. Fingerübungen müssen einfach sein, sollten aber auch nicht übertrieben werden.
Entsprechendes Material findet sich im Bass Practice Book.
Facharbeit: Ich halte diesen Teil des Übens für den Einsteiger für sehr wichtig. Betreffen wird es die Punkte Harmonielehre, aber auch vielleicht geschichtliche oder stilistische Aspekte von Musik. Die Auswahl des Materials erfordert
Zeit, nicht nach Katalogen, Besprechungen oder Anzeigen kaufen.
Vor dem Kauf genau reinschauen. Wenn ein Buch im Schreibstil
oder in der Aufmachung auf den ersten Blick unsymphatisch
oder unverständlich erscheint, sofort wieder weglegen. Wenn man sich ein Thema oder Buch vorgenommen hat, konsequent
daran arbeiten, nicht herumspringen.
Oder komplett weglegen. In der Regel hat Fachstudium mit Spielen zu tun, muss aber nicht immer so sein. Auch Harmonielehre pauken ist Beschäftigung mit Musik.
Jamming: Wenig dazu zu sagen. Mitspielen zu CDs oder MP3. Jamming muss nicht
unbedingt neue Erkenntnisse bringen, kann aber insbesondere
Ausdauer und Präzision trainieren. Dient auch
zum Aufbau eines Standard-Repertoires.
Dazu erstellt man sich ein MP3-Sammlung oder auch CDs mit Material, das sich als Basis für's Üben eignet. Der Schwerpunkt liegt hier nicht so sehr auf dem musikalischen Teil an sich, sondern stellt eine Art Offline-Probe dar, der im Wesentlichen der Entwicklung von Kondition und exaktem Timing dient.
Was sollte beim Üben herauskommen?
Es sollte spürbar sein, dass einen das Üben voran bringt, und dazu sollte man die eigene Entwicklung beobachten. Wer Zeit und Gelegenheit hat, vielleicht in einem 'Übungs-Tagebuch' festhalten. Damit sind Fortschritte und Entwicklungsphasen besser und objektiver wahrzunehmen. Mal beobachten, ob
man nur subjektiv unheimlich lange gebraucht hat, diesen einen Billy Sheehan-Riff draufzukriegen, oder ob es nur 30 Minuten waren. Insbesondere folgende Dinge berücksichtigen.
- Unterschätzt nicht die Bedeutung des Übens
für die rein mechanische Fertigkeit auf dem Instrument.
Wenn ich mal ein paar Tage (oder wegen Urlaubs länger)
kein Instrument in der Hand hatte, merke ich geradezu die
Steifheit in den Fingern und den Mangel an Kraftentwicklung.
Von Koordination ganz zu schweigen.
- Nächstes Ziel ist das 'Sich-zurecht-Finden' auf
dem Griffbrett. Das schliesst die Fähigkeit ein, die
Note, die man als nächstes spielen möchte, auch
tatsächlich zu finden. Für diese Fähigkeit
ist es notwendig, die Position einer Note auf dem Griffbrett
intuitiv parat zu haben. Dies wiederum ist reine Trainingssache,
auch wenn man es am Anfang nicht glaubt und ein büschen verzweifelt.
- Kondition. Wenn mal längere Proben anstehen und
so nach vier Stunden die Finger anfangen zu schmerzen, wird
dieser Punkt spätestens deutlich.
Dann sind Fimgerübungen nicht ausreichend berücksichtigt worden.
- Konditionierung: das ist das eigentliche Geheimnis für
Spielfertigkeit guter Musiker. Praktisch heisst das, für
eine gegebene x-beliebige Note ohne Nachzudenken eine Terz
oder Sexte oder None greifen zu können. Wohlgemerkt:
ohne Nachdenke und ohne zu suchen!
In den Bereich Konditionierung gehört auch noch 'muscle
memory', das Greifen von Intervallen ohne bewusstes
Positionieren.
Man 'weiß', wo die Noten sind.
Zur Entwicklung dieser Fertigkeiten ist regelmässiges,
konzentriertes Üben unumgänglich.
Immer kritisch: die Zeit
Es ist anzuraten sich ein Übungsprogramm zu planen, das ein wenig Ähnlichkeit mit einem Stundenplan hat. Das fördert etwas die Disziplin, vermindert faule Ausreden nicht zu üben und zwingt in ein gewisses Muster.
Wie baue ich mir nun mein Übungsprogramm zusammen? Das hängt vom Instrument, von den persönlichen Zielen und einfach auch vom Stand in den Fertigkeiten ab. Ein Anfänger wird anders und Anderes üben als jemand, der das Instrument schon 20 Jahre spielt. Ein Gitarrist könnte mehr Bedarf an Fingerübungen haben als ein Bassist. Als möglichen Vorschlag für den Fall "Bassist, so noch im Aufbau begriffen" könnte ein Übungsplan so aussehen:
Geplanter Übeanteil pro Woche: 1h pro Tag außer Sonntags.
Immer zuerst 10min Fingerübungen zum Warmspielen.
Die und die Stücke aus einer Sammlung zum Jammen, 30min.
20min Improvisation, zu diesem Thema kommen wir gleich genauer.
Das sieht sehr streng aus, ist auch nur ein Beispiel. Aber es lohnt sich, sein Üben zu planen, das ist die eigentliche Message.
Musikalische Aspekte
So, das war nun der Teil Mechanik. Kommen wir zu den mehr musikalischen Aspekten wie Gehörtraining, Repertoire und noch etwas weitergehende Betrachtungen. Bringt uns diese nächsten Arbeitsgebiete auf dem Tisch.
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Eartraining |
Überwiegend Erkennen und Reproduzieren von Intervallen. |
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Improvisation |
Anwendungen harmonischer und melodischer Grundlagen auf instrumentelles Spiel. |
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Transkription |
Analyse und Interpretation von Stücken anderer Musiker. |
Einen Marathon zu laufen ist zuerst eine Sache des physischen Trainings. Allein die körperliche Fahigkeit bringt mich aber nicht durch, sondern ich brauche eine mentale und psychische Konditionierung.
Analog würde ich die Geschichte mit dem Üben hinsichtlich musikalischer Themen sehen.
Eartraining, Gehörtraining
Eines der meistunterschätzten Kapitel.
- Gehörtraining ad I: Ich kenne Leute, die über geraume Zeit nicht
hören, dass sie in der Tonart danebenliegen oder ihr
Instrument verstimmt ist.
- Gehörtraining ad II: Gerade durch Transkribieren und Ausprobieren von
theoretischen Ansätzen erlernt man, Intervalle und
Akkorde zu hören und zu erkennen, ohne detaillierte
Analyse.
Gehörtraining erlaubt das Erkennen von Intervallen oder auch ganzen Akkorden hinsichtlich Tongeschlecht und eventueller Erweiterungen. Mit einem gut gebildetem Gehör kann ich zum Beispiel feststellen, dass ein Stück auf C anfängt, sich dann eine Quarte hoch und ein Quinte abwärts bewegt. Was es mir erlaubt, dem auch passend folgen zu können. Aber wie kommt man zu dieser Fähigkeit. Einfach: viel hören, viel spielen, viel mitspielen.
- Spielt Euch durch Standard-Riffs, nutzt das Jamming aus dem mechanischen Teil bis zum Abwinken. Das
Aneignen von Standards schützt zu einem grossen Teil
vor Ideenlosigkeit oder Hilflosigkeit, weil einem so immer
irgendetwas einfällt, weil man Muster in der Hinterhand
hat, melodisch oder rhythmisch abgewandelt.
Aber: je mehr ich höre und nachspiele, desto eher verinnerliche ich Muster und den Klang von Intervallen und Akkorden.
- Gehörtraining findet auch beim Autofahren, Kartoffelnschälen oder Dösen im morgentlichen Bett statt. Musik nicht nur auf sich einrieseln lassen, sondern Intervallen und Patterns bewusst hinterher hören. Wie bewegt sich die Basslinie? Wie die Akkordlinie? Nicht nur hören, sondern wahrnehmen und verfolgen.
Aus diesem Grunde wollte ich auch Üben nicht auf die Zeit mit dem Instrument vor dem Bauch reduzieren. Musikalisches Üben findet zu jeder möglichen und unmöglichen Zeit statt.
Improvisation
Improvisation ist eine Art Vorstufe von Songwriting. Das Realisieren musikalischer
Ideen auf dem Instrument, Anwenden erlernter Kapitel der Harmonielehre, Ausprobieren, was klingt und was klingt gut. Trotzdm braucht auch dieser Anteil eventuell Hilfsmittel, geeignet sind Drum-Computer, Software- oder Hardware-Sequencer. Mit denen programmiere ich mir beispielsweise eine Akkordfolge (Am - Dm - Em - C# - Am - Dm - ...) und arbeite über diese Folge mit passenden Leitern uder Akkordbrechungen, soliere oder baue einfach eine interessante Basslinie.
Ergebnisse des Improvisierens können sein, müssen aber nicht sein: kleine Songs, wiederverwertbare Patterns.
Transkription
Kommen wir quasi zur Königsdisziplin unserer
Übeaktivität: dem Analysieren und Ausnotieren vorhandener Stücke. Der Lerneffekt durch Transkribieren ist unschätzbar, weil ich einerseits mit Spieltechnik konfrontiert bin, andererseits Gehörtraining und Facharbeit integriert sind.
Wie man transikribiert und welche Hilfsmittel zur Verfügung stehen, ist in den Case Studies im Detail beschrieben. Daher gehe ich auf die Technik an dieser Stelle nicht weiter ein.
Einen anderen Aspekt des Transkribierens und natürlich nachfolgenden Spielens möchte ich aber noch mal an's Herz legen: der Sache mit dem Eintauchen in Musik. Kleines Beispiel.
Seit Ende der 60er-Jahre kenne ich Jethro Tull, schätze ihre Musik, vor allen Dingen die Werke der Mittelzeit wie Songs From The Wood, Heavy Horses oder Stormwatch. Das war die Zeit, als ich mir eine akustische Gitarre gekauft hatte und wieder etwas herumspielte, bis ich auf die Idee kam, mir die Sachen doch mal genauer rauszuhören (das war vor dem Aufkommen des Internets wie man es heute kennt). Also saß ich Stunden vor dem Plattenspieler, nudelte die einzelnen Akkordfolgen durch und hörte die Akkorde raus. Der Aufwand war groß, aber es schaffte mir einen ganz persönlichen Zugang zu dieser Musik. Beim Transkribieren schlüpfe ich ein bisschen in die Person des Autors, vollziehe seine Gedanken nach und lerne an ihm. Das ist das Wertvolle am Transkribieren.
Übungsplanung und -durchführung
Es erscheint zuerst schwierig, sein Üben zu planen. Und vor allen Dingen Verlauf, Inhalt und Struktur. Ist es aber gar nicht, wenn man ein paar Minuten des In-sich-Gehens vorausschickt.
Gepaart mit ein paar Ratschlägen aus meiner eigenen Erfahrung.
- Analyse der eigenen Stärken
und Schwächen
Zuerst sollte man in sich gehen und wenigstens sich selbst
gegenüber seine persönlichen Mankos feststellen.
Habe ich Probleme mit der Technik? Habe ich Probleme mit
dem Repertoire? Oder weiss ich vielleicht sogar gar nicht,
was meine Probleme sind? (Siehe auch: Stolpersteine
am Ende der Seite)
- Aufteilen des Übens
Abhängig von den festgestellten Problemen sollte man
einen Mix an Üben für sich zusammenstellen. Könnte
z.B. so aussehen:
Technische Probleme: 50% Fingerübungen, 30% Improvisation, 15%
Theorie, 5% Jamming
Repertoire-Probleme: 30% Transkription, 30% Improvisation, 20%
Theorie, 20% Jamming
- Knackpunkt Fingerübungen
Fingerübungen müssen sein, schon zum Warmspielen. Aber ich würde sie nie länger als 15 oder maximal 20 Minuten durchziehen. Sie können kontraproduktiv wirken, vor allen Dingen beim Anfänger, der sich Sehnen oder Muskulatur sauer fährt. Je besser aber die Kondition wird, desto konzentrierter können die Übungen werden. Daher die Grundregel:
- Aufhören, wenn es weh tut
Entweder liegen Haltungsfehler vor, oder die Übungen werden falsch durchgeführt (siehe auch Orthopädisches), oder es liegt eine individuelle Anfälligkeit vor. Abklären, warum Schmerzen entstehen, nicht drüberbügeln, so a'la "Es nutzt nur, wenn es schmerzt."
- Übungs-Parameter
Üben ist in der Regel langsam. Üben ist konzentriert. Um sich Fähigkeiten anzueignen oder Fähigkeiten zu trainieren, ist es notwendig, etwas langsam anzugehen und erst mit zunehmender Beherrschung das Tempo zu steigern. Das gilt für Fingerübungen genauso wie für Improvisation.
Gerade Fortgeschrittene hetzen gerne, zum langsamen Spielen und Üben zwingen. - Übungs-Plan
Ideal, aber schwer durchzuhalten, ist ein fester Übungsplan,
beispielsweise 30 Minuten pro Tag, oder 45 Minuten montags,
mittwochs und donnerstags. Aber auch 10 Minuten pro Tag
sind besser als 2 Stunden alle drei Wochen.
- Übungs-Verfahren
Die Übungszeit sollte klar aufgeteilt sein, je nach
Plan sogar in feste Zeitraster.
- Umgebung
Wenn Ihr erst Kabel zusammensuchen müsst und den Übe-Amp
aus dem Keller holen, habt Ihr schon genug Gründe gefunden,
heute nicht zu üben oder es zu verschieben. Schafft
Euch stattdessen eine Infrastruktur, so dass Ihr innerhalb
einer Minute komplett zum Üben bereit
seid.
- Last but not least: Fokus
Ihr müsst Euch definitiv klar sein, was Ihr wofür
übt. Üben nur um des Übens willen wird weder
etwas bringen noch Spass machen.
Stolpersteine
Bis hierher sind das wohl Binsenweisheiten. Gebe ich zu. Vielleicht
war aber auch die eine oder andere Idee drin, die Euch bei
Eurer Planung hilft. Jetzt kommen wir an den Punkt, wo alles
bisher Gesagte nichts nutzt und Leute in die Depression oder
in's Aufgeben treibt:
- Ich will ja, aber ich weiss nicht, was
ich üben soll.
Das heisst, dass Euch Eure Schwächen nicht bekannt
sind. Und das kann insbesondere dann sein, wenn Ihr ganz am
Anfang steht oder irgendwo in der Mitte. Zuerst einmal Entwarnung
generell: Ihr werdet an solche Punkte immer wieder kommen.
Die Amis nennen das 'in the rut'. Selbst Profis
geben zu, dass sie immer wieder an einen solchen Punkt kommen
und feststecken. Mögliche Auswege:
Flucht nach vorne, geht in einen Musikladen und sucht Euch
ein Buch zu einem Thema, das Euch interessiert, zwingt
Euch zur Arbeit an diesem Thema.
Manche Musikschulen bieten Schnupperkurse an, z.B. 3 x 45min
für 35€ oder so. Nutzt diese Angebote um mit einem
Lehrer eine Bestandsaufnahme zu machen und Eure Situation
zu analysieren.
Auch wenn Ihr es nicht glaubt: Lasst den Bass mal zwei Wochen
in der Ecke stehen. Kann in Einzelfällen Wunder bewirken.
Wenn Ihr vielleicht tatsächlich schon sehr weit gekommen
seid: wie wäre es mit einem zweiten Instrument, z.B.
Mandoline oder Bluesharp. Kann neue Motivation bringen.
- Ich schaffe es einfach nicht regelmässig
zu üben
Da wird es etwas übler. Es sieht nämlich nach
einem Motivationsproblem aus. Und um das in den Griff zu bekommen,
muss man schon etwas tiefer gehen.
- Frage Nr. 1: Warum will ich ein/dieses Instrument spielen?
Ganz ehrlich, Butter bei de' Fische. Warum spiele ich?
Ist es, um mich auszudrücken, mich in meiner Musik
wiederzufinden? Macht es mir wirklich Spass und gewinne ich
daraus Erfolgserlebnisse, die ich geniesse und brauche? In
diesem Fall bis Du vielleicht einfach nur stinkfaul. Oder
ein Flippie, ein Hänger. Versuche, ohne Üben über
die Runden zu kommen oder Dich zum Üben zu zwingen.
Wenn Du allerdings feststellst, dass Du Musik machst, weil
es 'in' ist, oder weil Deine Freunde es auch machen, oder
weil Du den Status haben willst, weil Du zu einer Gruppe gehören
möchtest, aus Konsum-Orientierung, dann wirst Du daraus
auch nicht genügend Motivation schöpfen, regelmässig
und gezielt zu üben. Denk drüber nach ob die aktive Musik für Dich das richtige Thema ist.
- Frage Nr. 2: Was sind meine Ziele?
Man sollte sich von Zeit zu Zeit mal hinsetzen und eine
Bestandsaufnahme machen, idealerweise mit einem Lehrer seines
Vertrauens. Wo stehe ich, wo komme ich her, wo will ich hin?
Das klingt so trivial, aber wenn man das ernsthaft tut und
alles Bisherige in Frage stellt, sich den Kopf freimacht von
allen Zwängen und von Umgebungsbedingungen befreit, dann
entpuppen sich scheinbar feststehende Annahmen und Überzeugungen
als zweifelhaft.
Es könnte sein, dass Du nicht weisst, wo Du eigentlich
hin willst. Und daraus lässt sich eben keine Energie
erzeugen, zu üben und an Dir zu arbeiten. Zwar sagt ein
chinesisches Sprichwort Der Weg ist das Ziel, aber
auch dieser Spruch setzt die Existenz eines Ziel voraus.
Wenn Du feststellst, dass Dir reale Ziele fehlen, versuche
aus Deiner persönlichen Historie, Deiner aktuellen Situation
und Deiner Lebensorientierung Ziele zu definieren, auch wenn
Du für die Realisierung dieser Ziele auf erhebliche Widerstände
stösst. Tue, was Du für Dich tun musst, tue es nicht
für Andere.
- Was ist mein Ziel als Musiker und wie beeinflusste es mein Üben?
Dazu gehört auch festzustellen, welche
Art von Musiker man denn nun gerne ist. Arbeite ich gerne
unter Studio-Bedingungen, zu Hause am Multitracker, als Amatuer-Version
einer Hired Gun, eines Siteman's? Oder suche
ich das Feedback eines Publikums, den Kitzel von Auftritten?
Lerne ich lieber Tanzen oder versuche ich Satriani an die
Wand zu spielen? Oder sogar beides? Viele Bücher, Videos
und auch Lehrer beleuchten die Aspekte Motivation, Inspiration
und Lebensorientierung aus meiner Sicht gar nicht oder nur
sehr oberflächlich. Ich denke, dass die Problematik des
Übens aus eher diesen Quellen stammt.
Fazit
Etwas philosophisch ist es zum Schluss geworden, aber wir
sollten Beweggründe und Abgründe in uns selbst auch
in der Musik nicht ignorieren. Oft tun oder lassen wir Dinge
ohne uns über die wahren Hintergründe dieser Entscheidungen
klar zu sein. Für das Thema Üben heisst das, dass
Probleme damit Ursachen haben können, die aus einer ganz anderen
Ecke kommen. Und es ist wert, sich in dieser Richtung Gedanken
zu machen.
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