The Theory Collection


Gehör-Training rhythmisch.

Noch wat mehr auf'de Ohren ham?

Hatten wir uns im vorherigen Teil nur auf die harmonischen Aspekte des Gehörtrainings konzentriert: natürlich ist das nicht alles. Wesentlicher Teil des Erkennens von Musik ist natürlich auch der Rhythmus, was sich in den verschiedenen Notenlängen, Geschwindigkeiten und dem Timing ausdrückt. Und ein Basser ohne gutes Timing ist wie ..., na wie war das noch mal ... ?

Wie wesentlich die Einflüsse sind, die auf den Sound und Feel einer Basslinie wirken, ist vielleicht an einigen Riffs aus unserer beliebten Reihe Riff Of The Week ersichtlich, besser erhörlich. Also weiter im Thema Hören, Fühlen, Erkennen und Spielen.

Ein paar Fussangeln

Können wir in unserer beliebten Tabulatur die Notenwerte noch eindeutig darstellen, verlässt uns bei den Notenlängen der Wert der Beschränkung. Hier kommen wir zugunsten einer eindeutigen und vollständigen Darstellung um Standard-Notation nicht mehr herum. Am schwierigsten wird dort das Entschlüsseln der Rhythmik empfunden, die Noten kann man ja noch abzählen. Also haben wir genau in's Schwarze der Grauens-Zielscheibe getroffen.

Lärmziel-Kontrolle!

Bauen wir uns für dieses aktuelle Thema nun mal eine Lernziel-Pyramide auf, könnte diese hier so aussehen:

  1. Wesentliche Metren und Notenlängen kennen und 'klopfen' können, z.B. mit den Fingern auf dem Tisch oder mit zwei unterschiedlichen Schreibern auf Tassen, Gläsern und Telefonen.
  2. Notenlängen und Metren erkennen und benennen können.
  3. Gehörte oder gedachte Notenlängen in Standard-Notation schreiben können.

Der letzte Punkt ist eigentlich das Ziel aller Bemühungen, aber auch die schwerste Sache. Bin man soweit kommt, nimmt man sich erst einmal die einfachen Dinge vor.

Was ist zu erkennen?

Das eigentlich Einfachste ist das Erkennen eines Grund-Rhythmus. Dabei sind grundlegende mathematische Fähigkeiten wie Zählen bis Zehn sehr hilfreich. In manchen Fällen ist es nicht ganz einfach, nämlich wenn die Mukker viel offbeat oder Triolisch spielen, oder Rhythmus-Wechsel aneinanderreihen. Aber dazu später mehr.

Herauszufinden, ob es nun ein 4/4-Taktmass oder ein 3/4 ist, ist ja im Grunde volltrivial, und damit nicht der grosse Punkt in der Sache Rhythmisches Gehörtraining. Es ist viel mehr das Erkennen von Notenlängen. Das ist der Knackpunkt. Das Taktmass dahinter ist (mit Einschränkungen) nicht von so grosser Bedeutung. Die Notenlängen bezogen auf das Taktmass, das ist des Pudels Kern. Auch wenn die folgenden Beispiele und Themen immer unter einer Titelzeile 4/4 oder so stehen: konzentriert Euch auf Notenlängen! Ziel in diesem Thema ist es, ein Feel für Notenlängen zu entwickeln.

Hier jetzt erst einmal die ganz einfachen Dinge, der Vollständigkeit halber.

Die Grundlagen

Zur Info, einige Basis-Metren:

Basis-Metren 4/4, 3/4, 6/8, 7/8:


Das ist schon klar, oder? Ansonsten schaut noch mal auf die graue Theorie.

Die Trivialen

Das sind die Basis-Metren in Viertel. Also, hier die gängigen, immer auf A2, mit einem Elektronen-Drummer als Metronom. Und so bekommen wir die gleichmässigen Notenlängen Ganze, Halbe und Viertel Noten. Und da wir es hier mit Notenlängen aus einer binären Teilung zu tun haben, ist das eben auch sehr gleichmässig:

Binäre Notenlängen, 1/1, 1/2, und 1/4, 120bpm


Das ist ja wohl ziemlich einfach, diese drei Grund-Notenwerte zu erkennen. Also keine Arbeit. Auch das Thema ternäre Teilung hatten wir schon im Grundkursus Rhythmik. Zum Hören auch hier ein Beispiel:

Binäre und ternäre Notenlängen, 1/4, 1/8, und 1/8-Triolen, 120bpm


Teilen wir eine Viertelnote binär (das heisst durch Zwei), bekommen wir Achtelnoten. Teilen wir jedoch ternär, also durch Drei, bekommen wir für jede Viertelnote drei Achtel-Triolen. Wie oben zu hören und zu sehen. Die Triolen haben so etwas Rollendes, Staccato-Haftes und sind an diesem Feel zu erkennen. Also genau hinhören.

Wenn man nun Viertel durch Drei teilt und Achtel-Triolen bekommt, kann man das auch mit Halben oder so? Tatsächlich, es geht. Und wir bekommen Viertel-Triolen. Allerdings muss man nun schon sehr genau hinhören:

Halbe und Viertel-Triolen, 120bpm


Und damit wir die gängigen Klamotten zusammen haben, darf der Shuffle nicht fehlen, die Pausen ebenso, denn ohne sie gäbe es den Shuffle ja nicht:

Shuffle, 120bpm

Viertel und Achtel-Pausen, 120bpm


Soweit alles klar? Klar, ey. Dann dürften diese zweimal drei Beispiele ja kein Problem sein. Es sind je drei Takte pro Sequenz, jeder jeweils viermal wiederholt. Dann sacht mir ma', was denn da so die Notenlängen sind, also wann, wo, was und so. Sind nur binäre Notenlängen und Achtel-Triolen, keine Schweinereien:

Rhythmik-Test #1:

Lösung ...
Rhythmik-Test #2:

Lösung ...

Na? Wohl doch nicht so trivial.

Der Casus Cnactus

Jetzt wissen wir auch, was die Sache so schwierig macht. Fortlaufende Viertel, zum Beispiel in einer Walking Bass Line, sind eher die Ausnahme, und auch leicht zu erkennen und zu schreiben. Die meisten Stücke benutzen jedoch unterschiedliche Notenlängen in einem Takt. Und es liegen auch nicht immer alle Noten auf Viertel-Grenzen. Manchmal werden Noten ganz kurz vor den Viertel-Genzen gespielt (offbeat), oder auch verzögert. Ist die Betonungs-Regel für den Standard-4/4

STARK-HALBSCHWACH-HALBSTARK-SCHWACH

kann man diese Betonung-Regel auch ändern, z.B. in

SCHWACH-STARK-HALBSCHWACH-HALBSTARK

(synkopieren), man kann die Note auf den ersten Beat eines Taktes regelmässig weglassen und erhält ein Reggae- oder Ska-Feeling. Oder man kombiniert letzteres mit viel triolischen Noten, dann sind wir bei Police (triolischer Offbeat).

Das sind nämlich die Schwierigkeiten, auf die man stößt. Es ist ja gar kein Problem, einen 4/4 auf den Tisch zu hämmern. Allerdings aus einem laufenden Teil herauszuhören, was die 'Eins' ist, welche Notenlängen dann folgen, das ist das wirklich Schwierige. Aber das ist ja wohl nun schrecklich klar geworden. Und darum ist Rhythmik manchmal um so vieles vertrakter als ein paar doofe Intervalle, Skalen oder Akkorde. Sorry for the inconvenience ... may the force be with you (Olli würde sagen: 'Herzlichen Glückwunsch, Sie haben sich zur Reinigung des Lastenaufzuges entschieden ...').

Was das noch ein wenig komplizierter macht ...

Tja, da waren in der Standrad-Notation doch noch diese Noten mit 'nem Pünktchen vor dem Kopf, und auch noch die Möglichkeit, mittels des Bindebogens Noten auch über die Taktgrenzen zu halten. Auf Backe, jetzt kommt's dicke.

Pünktchen und Anton

Ja, also dann Punktierte Noten. Da war ein Punkt, der macht die Hälfte dazu, und zwei Punkte, machen 1/2 und 1/4 der ursprünglichen Notenlänge dazu. Gilt aber immer nur innerhalb eines Taktes. Doppelt-Punktierungen habe ich bisher sehr selten gesehen, lassen wir die erst einmal beiseite und bleiben bei den Einpunktern. Beispiel:

Halbe, Viertel und Achtel punktiert, 120bpm


Die Punktierungen machen auch ein Offbeat-Feeling, weil sie grundsätzlich die nächste Note auf den nächstniedrigeren Teilungsgrad verschieben. Daher sind sie oft nicht ganz einfach zu identifizieren und man muss schwer aufpassen, ob dort ein Päuschen ist, oder es eine punktierte Note bringt. Basser sollten sich mit den Punktierten warm machen, denn Basser legen selten Päuschen ein. Gitarristen sind da schlapper. Schon mal 'ne punktierte Achtel-Triole verwendet? Höllisch, höllisch ...

So am Rande: Noten einer bestimmter Länge können nur auf den Positionen stehen, auf denen sie innerhab des Taktes passen. So kann mittig zwischen zwei Viertel-Beats keine Viertel-Note gesetzt werden, nur eine Achtel! Und auf Beat 2 eines Viertel-Taktes keine Halbe, nur eine Viertel oder kleiner ... fiel mir noch so ein.

Dazu, und zu mehr, benutzt man nun die Bindebögen. Sie verbinden oder verlängern Notenlängen, oder reichen eben auch über einen Takt hinaus in den nächsten. Darum heissen sie auch Haltebögen. Viel Spass damit:

Riff mit Bindebögen, 120bpm


Die punktierte Viertel am Anfang des zweiten Taktes könnte man auch als gebundene Viertel + Achtel schreiben, aber so ist es korrekter. Was dieser Riff zeigt: durch das Binden der Noten am Ende des ersten und Anfang des zweiten Taktes wird die Eins des zweiten Taktes sozusagen 'verschleiert' und ist nicht mehr als eindeutiger Beat wahrzunehmen. Erst wenn man mitzählt/klopft, was voraussetzt, dass man weiss, dass es 4/4 ist, enthüllt sich die gebundene Note am Takt-Anfang.

Und jetzt die ProgRocker

Was lieben die? Rhythmus-Wechsel und eingeschobene Takte. Die sind manchmal teuflisch schwer als solche zu erkennen. Aber was ist das überhaupt?

Rhythmus-Wechsel sind, wenn ein Stück, das eigentlich z.B. in 4/4 läuft, in ein anderes Metrum, z.B. 6/8 oder 3/4 wechselt. Das kann für nur einen Takt oder mehrere oder für den ganzen Rest des Stückes sein.

Ist es nur für einen einzelnen Takt, spricht man meist von einem eingeschobenen Takt.

Ein simples Beispiel, das beides hat. Der Grundrhythmus ist 4/4, dann Wechsel in zwei 6/8, ein eingeschobener 2/4 als Überleitung zurück zum Grundrhythmus. Rather simple, aber in der Praxis effektvoll zum Setzen von Highlights oder 'Schieben' von Übergängen, Verdeutlichen von Struktur-Wechseln etc. pp.:

Changing Rhythms:  

Jo, manchmal sind solche eingeschobenen Takte kaum zu erkennen, oder man fragt sich, warum man beim Transkribieren eines Stückes plötzlich danebenhängt. Dann könnte ein Rhythmuswechsel passiert sein. Wie gesagt, ..., ProgRocker sind da die besten Kunden.

Was machen wir hier eigentlich?

Nein, nein, ich habe mich nicht in einem Thema Rhythmik verlaufen, es geht immer noch um Eartraining. Während sich bei dem harmonischen Teil (Intervalle, Akkorde) das Erkennen im weitesten Sinne inner-gehirnlich abspielt, ist das Verfahren im rhythmischen Eartraing etwas anders gebaut. Hier ist Voraussetzung, dass man als erstes mittels der Notation abbildet, wie klingt diese oder jene Notenlänge, oder diese Notationsform. Die Nuance an Unterschied zur Harmonik ist die, dass wir uns Rhythmik sichtbar machen, bevor wir sie verinnerlichen. Der Unterschied liegt in Standard-Notation und Griffbrett-Diagrammen als Abbildungsmedium. Notation macht Rhythmik formulierbar, bei der Harmonik geht das verbal besser, weil wir viele Begriffe wie Intervall-Namen und Akkord-Namen haben. Und die Begriffe der Harmonik sind mächtiger.

Soweit ein Ansatz zum Thema Eartraining, Rhythmische Abteilung. Zum Schutze seltener Rassen habe ich die beliebten Themen Quintolen, Polyrhythmik und 2/4 weggelassen.

Wie weiter?

Auch in diesem Falle, wie schon beim harmonische Teil, würde ich zum Üben und Studieren ein Notations-Programm empfehlen. Finale, Sibelius, Encore, TablEdit bietet in der Version 2.30 nun auch Drum Tabs, was das Bauen von Rhythmus-Patterns sehr einfach macht.

Wie unterschiedlich die gleichen Noten bei unterschiedlichen Notenlängen und -Positionen wirken (was man beim Herumspielen mit TE so entdeckt), zeigt dieses kurze (und langweilige) Beispiel, mal rockig, mal jazzig. Aber immer die gleichen Noten.

Das 'Finale':  

Müsste man vom Hören her irgendwann mal direkt in Notation umsetzen können, wenn man soweit ist.

Die absolut beste Übung ist jedoch immer noch das Transkribieren von bekannten Songs, oder das komplette Schreiben eigenen Materials. Zumindestens mir ist es so gegangen, dass mit diesem Aufschreiben ein erstes Feeling für Rhythmik entstand, besser gesagt, wie diese Rhythmik auf dem Papier festgehalten wird. Tun wir uns beim Festhalten von Stücken nach dem Jammen mit der Harmonik noch nicht so schwer, scheitert das Gedächtnis zuverlässig in der Form 'Irgendwie haben wir das letztes Mal anders gespielt'. Die konkrete Erwähnung, dass da z.B. punktierte Viertel oder Triolen im Spiel waren, hilft der Erinnerung oft schlagartig weiter. Also auch hier noch mal der Hinweis, sich musikalische Abläufe in konkrete Formalismen zu drücken. Nicht zur Einschränkung, sondern zur Erinnerung und Festigung.

Ansonsten nehmt Ihr vielleicht das eine oder andere mit, ..., oder lasst es ... den Drummern.

 

 

 
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