Was brauchten wir bisher? Was hatten wir?
Wenn man Bernds 'Jazz für
Rock-Bassisten' ordentlich durch gearbeitet hat, hat man ja
schon das Meiste intus. Was man eben da brauchte waren die Themen
Modes, noch mehr
Modes, Kadenzen
und etwas Akkordwissen.
Oder auch davon noch einen Tucken
dazu. So, das wäre dann das notwendige theoretische
Gerüst.
Damit kann man nun anfangen und sich an die Materie Jazz Bass wagen.
Obwohl in den beiden Betrachtungen All The Things You Are und Beautiful
Love schon ausufernd gepredigt, hier noch einmal als kurze und knappe
Zusammenfassung.
Akkorde - Modes - Kadenzen
Die vier Stücke bisher waren aus zwei Lagern, ATTYA und BL
stammen aus dem klassischen Jazz, Summertime und Aisha eher aus
dem modernen Jazz. Aber alle vier sind in den diversen Realbooks*
zu finden. Während wir uns für die beiden letzten auch
ohne großes theoretisches Wissen durchmogeln können,
erfordern die Klassiker erheblich weitergehende Kenntnisse. Aber
warum?
Klar, es liegt an den Akkorden, und damit an den beteiligten Kadenzen.
Wie in Aisha erwähnt, orientierten sich die Jazz-Klassiker
eher an den alten Methoden der Komposition, an der Klassik. Und
damit waren auch die harmonischen Sachen auf dem Tisch, nämlich
Kadenzen und Modulationen dazu, jeweils passend. Bis dahin noch
übersichtlich wird es aber nicht so einfach, wenn wir auf Akkorde
stoßen, die nicht einfach Sept-Akkorde oder sogar nur Dur-/Moll-Akkorde
sind, sondern einen für Rock-Mucker fremden Ausdruck haben.
Und warum das so ist, und was man damit macht, möchte ich noch
einmal näher beleuchten. Wird wohl doch nicht so ganz kurz,
dieser Boxenstop. Aber wir haben ja Zeit, oder nehmen sie uns einfach,
gell?
Die Brot-und-Butter-Kadenz und ihre Fallstricke
Viele Jazz-Standards benutzen die sogenannte 2-5-1-Kadenz, oder
ihre Geschwister 6-2-5-1, oder sogar 3-6-2-5-1. Diese Kadenz kann
in Dur und Moll vorkommen. So betrachten wir immer beide. 2-5-1,
das heißt die Akkorde auf der 2. und 5. Stufe, danach Auflösung
auf die Tonika. Für C als Tonika und mit der Tonika-Parallele
A-Moll ist das schnell und einfach zusammen geschustert, sowohl
Akkorde als auch Modi:
|
Dur
|
|
Moll
|
|
ii
|
V
|
I
|
|
iio
|
v
|
i
|
|
D m7
|
G 7
|
C M7
|
|
B m7b5
|
E m7
|
A m7
|
|
Dor
|
Mix
|
Ion
|
|
Lok
|
Phr
|
Äol
|
|
|
|
|
Das ist nun die reine Lehre für Sept-Akkorde. Interessanter,
aber auch schwieriger wird es, wenn wir nun mal alle möglichen
Extensions zu den Akkorden nehmen, und was dann passiert. Bleistift,
Papier und so weiter gemacht wie damals bei der Bildung der Sept-Akkorde,
Hinzufügen weiterer diatonischen Terzen zum Akkordstapel. Dazu
machen wir das für C-Dur, gleiches Verfahren wie anno dunnemal,
Harmonisieren oder Bilden der Stufenakkorde, werden Erinnerungen
wach? Ok, hier vollständig:
| |
I
|
ii
|
iii
|
IV
|
V
|
vi
|
vii
|
| C |
1
|
|
|
|
|
|
|
| C# |
|
|
|
|
|
|
|
| D |
|
1
|
|
|
|
|
|
| D# |
|
|
|
|
|
|
|
| E |
3
|
|
1
|
|
|
|
|
| F |
|
b3
|
|
1
|
|
|
|
| F# |
|
|
|
|
|
|
|
| G |
5
|
|
b3
|
|
1
|
|
|
| G# |
|
|
|
|
|
|
|
| A |
|
5
|
|
3
|
|
1
|
|
| Bb |
|
|
|
|
|
|
|
| B |
7
|
|
5
|
|
3
|
|
1
|
| C |
|
b7
|
|
5
|
|
b3
|
|
| C# |
|
|
|
|
|
|
|
| D |
9
|
|
b7
|
|
5
|
|
b3
|
| D# |
|
|
|
|
|
|
|
| E |
|
9
|
|
7
|
|
5
|
|
| F |
11
|
|
b9
|
|
b7
|
|
b5
|
| F# |
|
|
|
|
|
|
|
| G |
|
11
|
|
9
|
|
b7
|
|
| G# |
|
|
|
|
|
|
|
| A |
13
|
|
11
|
|
9
|
|
b7
|
| Bb |
|
|
|
|
|
|
|
| B |
|
13
|
|
#11
|
|
9
|
|
| C |
|
|
b13
|
|
11
|
|
b9
|
| C# |
|
|
|
|
|
|
|
| D |
|
|
|
13
|
|
11
|
|
| D# |
|
|
|
|
|
|
|
| E |
|
|
|
|
13
|
|
11
|
| F |
|
|
|
|
|
b13
|
|
| F# |
|
|
|
|
|
|
|
| G |
|
|
|
|
|
|
b13
|
|
|
Ion
|
Dor
|
Phr
|
Lyd
|
Mix
|
Äol
|
Lok
|
|
Diese Tabelle gibt uns nun die Akkordstruktur der Stufenakkorde
nicht nur mit den Septimen, sondern auch den Nonen, Undezimen
und Tredezimen.
Das Ergebnis sollte nicht wirklich überraschen bezüglich
der hohen Intervalle. Es ergeben sich nämlich nicht immer
nur reine 9er, 11er oder 13er-Intervalle, was auch bezüglich
der zugrunde liegenden Skalen nicht so sein sollte, weil ...
- I und Ionisch: Ionisch enthält nur die reinen oder
großen Intervalle.
- ii und Dorisch: der 'Oberteil' von Dorisch hat auch nur
reine Intervalle.
- iii und Phrygisch: die 9 ist eine oktavierte 2, und da
Phrygisch eine b2 hat, muss es auch eine b9 sein. Und die
klene Sexte macht die b13, weil die 13 eine oktavierte Sexte
ist.
- IV und Lydisch: die lydische Quarte macht eine #11, weil
die 11 eine oktaverte Quarte ist.
- V und Mixolydisch: hier ist wieder alles im reinen; die
kleine Septime hat keine Auswirkung.
- iv und Äolisch: die kleine Sexte macht die die b13.
- iiv und Lokrisch: kleine Sekunde und kleine Sexte spiegeln
sich auch in den hohen Intervallen, b9 und b13.
Wir ziehen Konsequenzen
Was soll uns das nun sagen? Es sagt uns eine Menge. Nehmen
wir mal an wir sollen im düsteren Angesicht der Jazz-Polizei,
mit Gewalt auf die Bühne gezerrt, einen uralten versifften
Precision in die schweißnassen Hände gedrückt,
ein paar natürlich allen Anwesenden bekannte Standards
begleiten (allen bekannt außer uns natürlich),
ein handgekritzeltes Leadsheet vor den tränengefüllten
Augen.
Da stehen nun z.B. Akkorde wie m7b13 oder 9#11 oder b9b13
(warum wir letzteren in der linken Tabelle nicht finden erzähle
ich gleich). Dann sagen uns diese Akkordsymbole eine Menge:
- In einem m7b13 ist auf jeden Fall die Tonika drin, zu
einer gewissen Wahrscheinlichkeit auch die b3, immer die
b7; b13 ist aber parallel die kleine Sexte. Und die Quinte
kommt auch, die stünde nämlich sonst als b5 oder
#5 mit drin. Da keine b9 erwähnt ist, bleibt es auch
bei der großen Sekunde.
- In einem 9#11 findet sich eine #11 als Parallele zu einer
#4; Lydisch ist nicht unwahrscheinlich, auch wegen der 9
als Parallele zur Sekunde.
- Ein b9b13 hätte eine kleine Sekunde und eine kleine
Sexte, kaum etwas Anderes als eine reine Quinte.
Wir können also schon mit einer kleinen Sicherheit vom
Akkord auf die verwendbare Leiter, oder als Minimallösung
auf das Akkordpattern schließen. Und das brauchen wir
auch, weil Jazzer so progressiv und avantgardistisch sein
können.
|
Zuvor noch einmal die Akkordstrukturen für Dur, zur Zusammenfassung
und Erinnerung:
 |
I |
1 - 3 - 5 - 7 - 11 - 13 |
 |
ii |
1 - b3 - 5 - b7 - 9 - 11 - 13 |
 |
iii |
1 - b3 - 5 - b7 - b9 - 11 - b13 |
 |
IV |
1 - 3 - 5 - 7 - 9 - #11 - 13 |
 |
V |
1 - 3 - 5 - b7 - 9 - 11 - 13 |
 |
vi |
1 - b3 - 5 - b7 - 9 - 11 - b13 |
 |
vii |
1 - b3 - b5 - b7 - b9 - 11 - b13 |
Für Moll als Tonikaparallele kann man, auf der 6. Stufe beginnend,
einfach das Gleiche entwickeln.
Watten datten für'n Akkord?
Auch wenn mal glaubt, dass im Jazz so alles tollstens geregelt
ist: man täuscht sich leicht. Es wird gern und reichlich probiert
und herum gespielt. Zu sehen an Aisha,
was sich harmonisch an einigen Stellen kaum erklären lässt
bezüglich der Akkordfolgen. Und tatsächlich, es gibt eine
Latte an Akkordfolgen, in denen die Komponisten herum alteriert
haben, was das Zeug hält. Alteriert? Da war doch was in einem
anderen Artikel? Genau.
Ein alterierter Akkord ist ein Akkord, dem leiterfremde Töne
verabreicht wurden. Dafür haben die Jazzer auch flugs einen
neuen Begriff erschaffen, für das Verlassen der reinen Lehre.
Ist immer gut, wenn man angesprochen wird und hat einen beeindruckenden
Fachbegriff parat, in diesem Fall den des erweiterten diatonischen
Raumes. Darin geht es um die freiere Verwendung der Extensions,
der Akkord-Intervalle in Akkorden oberhalb der 7.
Es kann sich nämlich zu einer Zeit des Komponierens so ergeben
haben, dass der Komponist in einer sonst formal richtigen Kadenz
den D m7add9 durch einen Dm7#11 ersetzt hat. Dann wäre die
11 hochalteriert. Oder er machte aus einer 13 eine b13, dann
wäre die 13 tiefalteriert. Und dies aus einem rein klangmalerischen
Grund. Dann bildet die #11 nämlich eine Dissonanz zu anderen
Intervallen, was dann spannender und dringlicher klingen kann. Fand
der Composer eben gut so, gefiel ihm. Auch wenn harmonisch gar nicht
vollkorrekt.
Und dann?
Können wir für den Fall Dm7#11 unser gemütliches
Dorisch wahrscheinlich in die Tonne treten. Denn Dorisch hat keine
#4 und damit keine #11. Wir können Dorisch probieren, aber
es könnte daneben gehen. Was wir nun bräuchten wäre
eine Leiter, die zwar wie Dorisch aussieht, aber eine #4 enthält.
Wo finden wir so etwas? im Just
Chords Book of Scales! Schauen wir mal durch ...
A ha!
Dorisch mit einer #4 ... was soll denn so etwas ... hmmmm ... Hier!!!
Der vierte Modus von Harmonisch Moll! HM4 = Dorisch#4! Es gibt also
tatsächlich eine richtig offizielle Leiter, die zu Dm7#11 passen
würde. Ist Dorisch, aber mit einer #4. Mixolydisch#4 gibt es
auch, wird aber wohl kaum passen, denn es ist mit einer b3 zu rechnen.
Doch, HM4 bietet sich an.
Schon klar, da vorne auf der Bühne wird man wohl kaum auf
die Idee kommen in Harmonisch Moll zu wildern. Oder doch? So weitab
liegt die Idee nicht, das Dorisch einfach mit einer #4 zu spielen.
Und der Jazz-Polizei fällt das Zigarettenpapier aus der Hand,
das Staunen ist unendlich. Ende des Tagtraums. Unser Beispiel war
eh erfunden und abgedreht genug.
Blicken wir auf ein paar Leadsheets, fallen uns noch weitere Kandidaten
in's Auge. Nur mal so durch gegangen und geschaut, was da so für
Akkorde auftauchen.
| 7 bzw. dom7 |
Das ist recht eindeutig. Dominantseptakkorde
gehen fast immer gut mit Mixolydisch einher. |
| 7b9 |
Oh Chott! Das wäre dann
ein Dominantseptakkord, aber mit einer kleinen Sekunde! Dazu
passt, ich erspare Euch an dieser Stelle die Sucherei, die Flamenco-,
die alterierte und die HM5-Skala (Mixolydisch b9b13). Letzte
ist gefährlich, wegen der b13. Am besten Weglassen der
b13 resp. b6 und gut is'. |
| m7b5 |
Der riecht förmlich nach
Lokrisch. Halbverminderte Skala geht auch. |
| 7#11 |
Hatten wir oben, Mixolydisch
#11. |
| 7#5 |
Auch nett. Kann man HM5 nehmen,
oder Zigeuner-Leiter. |
| M7 |
Hier ist der Fall
einfach klar: Ionisch. |
| m7 |
Da muss man deutlich
auf den harmonischen Kontext schauen, kann ja auf der ii/iii/iv
von Dur auftreten, oder auf der i/iv/v von Äolisch. |
| m7b9 |
Wahrscheinlich Phrygisch,
wegen der b9. |
| mmaj7 |
Minor-Major7, also
Moll-Akkord mit großer Septime. Stufenakkord von Melodisch
Moll Stufe i. Geht wenig Anderes als eben Melodisch-Moll. |
Zum Teil leiten uns also die Modi recht gut. Wie beim m7b5, beim
dom7 oder M7. Tauchen allerdings alterierte Extensions in den Akkorden
auf, mussman die Alterationen mitnehmen. Oder Skalen auslassen und
auf Arpeggios der Akkorde zurück gehen.
Fazit
So lange wir es also mit den 'normalen' Stufenakkorden zu tun haben,
bleibt die Sache überschaubar. Wir schauen wo der Weg hin geht
(
Tonika), welche Noten stehen davor, welche Stufen wären das
und mappen sozusagen die Modi auf die Akkorde.
Was tun, wenn nun alterierte Akkorde auftauchen? Und woran erkenne
ich überhaupt, dass diese Akkorde alteriert sind? Die Grundmodi
muss man natürlich im Kopf haben! Extensions (9/11/13) ansehen,
da finden die Alterationen statt - Extensions um eine Oktave nach
unten schieben (9/11/13
2/4/6) - wenn die Extensions dann zu der Leiter passen = drin sind,
ist alles paletti. Wird aber aus der Extension ein Intervall, das
da nicht rein gehört, liegt eine Alteration vor. Also muss
ich auch eine andere Leiter spielen. Wie im Beispiel von oben, mit
der #11, statt Dorisch eben HM4 = Dorisch #4.
Und hilft alle Analyse nix weiter, oder wenn es mal schnell gehen
muss - Hinhören und einfach spielen, beim nächsten Turn
wissen wir dann, ob wir falsch lagen. Oder wie ein erfahrener Jazzer
es mal formulierte:
Dont worry about the changes ... we'll fake it

Heißt übersetzt: wenn Du nicht weißt, was Du spielen
sollst, ist Grundtonspiel auch etwas ganz Nettes.
* Der Name Real
Book ist eine Verballhornung. Die ersten Transkriptionen von
Jazz-Standards hießen
Fake Books, also Fälschungs-Bücher. Real Book
ist so zu sagen die Inversion von Fake Book. Zurück
...
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