Slash, Alteriert und noch mehr Perverse


Alterierte Akkord, Polychords und Slash Chords.

Und was da sonst noch war

Noch mehr Akkorde? Reichte das nicht schon? Muss das denn unbedingt sein?

Das gesamte Prinzip Musik geht nur unter dem Aspekt Tension/Release, Aufbau von Spannungen und einer folgenden Auflösung. Und der Aufbau von Spannung erfolgt eben unter Anderem über Akkorde und Intervalle. Selbst etwas, was doch scheinbar spannungslos zu sein scheint, als Beispiel sei das lange, ausdauernde Herumreiten auf einem Akkord genannt, kann Spannung erzeugen, Erwartungshaltung wecken, locken und hängen lassen. Daher sind die noch folgenden Akkord-Formen zusätzliches Hilfsmittel. Das alles würde aber gar nicht so gehen, wenn nicht Aspekte hinzu kämen, die nichts mit Mathematik oder Physik zu tun haben, sondern mit dem menschlichen Gehör. Ein kurzer Abschnitt über das Hören und das Wahrnehmen vor den Fakten als Einleitung.

In die Tiefen von Polychords und komplexer Harmonik können wir in diesem Rahmen nicht absteigen. Aber zumindestens mit den Begriffen etwas anfangen zu können ist ja nicht schlecht. Und als Input für eigene Experimente und als Quelle für Ideen kann man es immer gebrauchen.

Miss-Verstanden?

Dass komplexe Harmonik überhaupt so eine große Bedeutung hat, hängt mit unserem Hören und Wahrnehmen zusammen. Gemeint ist Hören nicht so wie in dem alten Karlauer, wo die Tochter sagt "Die Tomaten sind aber lecker ...", und Oma versteht "Im Garten steht ein Trecker ...".

Das menschliche Gehör ist weit mehr als zwei externe Fleischlappen und Ohrenschmalz-verstopfte Löcher im Kopp. Das Gehör ist der erste Sinn, der beim Embryo entwickelt ist, unser Gleichgewichtssinn ist auch im Gehör untergebracht, dazu ist das Gehör ein sehr komplexes und empfindliches Gebilde. Es steht für Kommunikation, noch mehr als das Auge, Sprache und Musik, Liebesgeflüster und wüste Beschimpfungen. Langwierige Traumata bauen sich aus dem auf, was man lange hört, Tinnitus ist eine der übelsten chronischen Erkrankungen überhaupt. Das Gehör ist aus meiner Sicht das wichtigste Sinnesorgan, ich könnte mir eher vorstellen blind zu sein, als taub. Das wird jeder Musiker wohl auch so sehen, und hören. Eine Mutter wacht bei Geräuschen ihres Kindes auf, eher als durch Lichtveränderungen oder durch den Wecker. Wir sind auf's Hören und auf die akustische Orientierung sehr stark programmiert.

Diese große Bedeutung des Gehörs findet auch seinen Wiederhall in der emotionalen Wahrnehmung. Nur Tendenzen in der Stimmführung oder bestimmte Wortkombinationen reichen aus, bestimmte Emotionen zu wecken. Langjährige Ehemänner können ein Lied davon singen. Auch in der Musik findet das hochsensible und wahrnehmungsreiche menschliche Gehör Tummelplatz für Interpretation und Wahrnehmung. Und Wahrnehmung ist immer etwas Subjektives. Der eine kann die Stimme von Roger Chapman nicht ertragen, der andere findet sich ein Stück darin wieder. Wer Lust hat einzusteigen in dieses Gebiet, dem empfehle ich z.B. die Bücher von Joachim-Ernst Berendt, zu finden bei Amazon.

Zurück zu unseren Akkorden. Wir haben bisher Akkorde so betrachtet, dass sie bestimmte Intervalle beinhalten und welche dies sind. Wir haben auch formuliert, dass die Reihenfolge, in der die Noten gespielt werden, nicht den Akkord verändern, sondern nur Inversionen eines Akkordes sind. C-E-G ist C-Dur, E-C-G und G-E-C auch. Aber ist das für unsere Wahrnehmung tatsächlich so unbedeutend und nebensächlich? Ist es nicht, und das kann man auch deutlich hören.

Also ...

Einige Akkorde, die uns in der freien Wildbahn unter kommen können, fehlen also noch. Die Gelegenheiten, wo man mit diesen kleinen Gemeinheiten konfrontiert werden könnte, sind mannigfach. Mal drohen die Gitarristen damit, dann wieder spielen Keyboarder/Pianisten so unverständliches Zeug, wo wir gehörmäßig denn erst einmal gar nix mit anfangen können und uns mit unseren vier Saiten allein gelassen fühlen. Keine Sorge, so schlimm ist das gar nicht.

Es geht um einige Akkord-Formen, die nicht gerade alltäglich sind, aber eben doch mit steigender Komplexität der Musik und zunehmender Vergreisung der Ausführenden auf den Tisch kommen können. Jazzer nicht betrachtet. Nehmen wir die Stichworte auf und folgen willig.

Alterierte Akkorde

Ein Blick in das Fremdwörter-Lexikon antwortet: Alteriert heisst so viel wie 'verändert' oder 'abgewandelt'. Die Definition ist:

Alterierte Akkorde sind solche, die um leiterfremde Noten ergänzt wurden. In der Regel betrifft dies die Quinte (5), die None (9), die Undezime (11) und/oder die Tredezime (13), die chromatisch alteriert wird.

Heisst übersetzt: der Akkord beinhaltet Noten oder wird durch Noten ergänzt, die nicht zu der zu Grunde liegenden Leiter gehören. Und das Wörtchen chromatisch heisst meistens irgend etwas mit Halbtönen. Das scheint allem bisher Geschilderten zu widersprechen, aber ist eben wieder der Sieg der Praxis über die Theorie. Warum werden obige Intervalle im Akkord alteriert? Weil die 1 nicht darf, das ist die Tonika und damit Tonart-bestimmend, und die Terz ist für das Tongeschlecht bestimmend, darf also auch nicht verändert werden. Warum macht man das, warum 'alteriert' man Akkorde? Eben aus oben schon geschilderten Grund, zum Aufbau von Spannung, um Akkord-Folgen so zu verändern, dass zusätzliche Spannung erzeugt und später wieder aufgelöst wird. Einfach nur Spielen mit dem Sound. Darum! Da aber eine Alteration erst oberhalb der 5 Sinn macht, sind alterierte Akkorde meist Sept-Akkorde oder höher.

Methode #1 ist es, ein Intervall des Akkordes zu alterieren, somit ein Intervall chromatisch zu verändern. Chromatisch verändern heisst konkret, die Note um einen Halbton zu erhöhen oder zu erniedrigen. Methode #2 wäre noch, ein krummes, chromatisches Intervall hinzuzufügen. Da wir hier in der Theorie sind, können wir detaillierter betrachten. Welche Intervalle denn überhaupt wohin veränderbar wären. Dazu brauchen wir einmal mehr unsere Intervall-Tabelle:

Ursprüngliches Intervall Alteriert Und?
5
b5 Das ist eine etwas gefährliche Geschichte, weil es eine drastische Veränderung des Akkordes hin zu übermäßig oder vermindert darstellt.
#5
7
b7 Möglich, aber auf die Kadenz bezogen auch ein drastischer Eingriff. Führt leicht aus der Diatonik heraus und klingt dann schräg.
#7 #7 == 1, also nicht verwendbar
9
b9 Entspricht der kleinen Sekunde + 1 Oktave
#9 #9 == b3, aber eine Oktave höher
11
b11 b11 == 3, aber eine Oktave höher
#11 Verwendbar
13
b13 Verwendbar
#13 Verwendbar

Jetzt die schlechte Nachricht. Schaut man sich nach Alterierten Akkorden um, und nimmt das Realbook in die Hand, findet man wenig konkrete Anforderungen. Ja noch schlimmer: oft findet man dort die Angabe C7alt oder so als Angabe, was heisst, man solle dort etwas spielen, was C7 ist, und dann nach eigenem Gutdünken eben alteriert. So kommen wir zur Definition der zweiten Stufe:

Alterierte Akkorde sind Sept-Akkorde, die nach eigenem Geschmack und beinahe grenzenlos durch leiterfremde Noten erweitert wurden, solange keine nahe zusammen liegenden Intervalle verwendet werden, die harmonisch ungünstige Kollisionen erzeugen (z.B. kleine Sekunde).

Es gibt also keine eindeutigen Regeln, wie Alterierte Akkorde gebildet werden, der Ketarrist greift ja eher arglos und wahllos in die Saiten. Ein paar gebräuchliche Alterierte Akkorde als Anhaltspunkte, für ein paar davon jeweils in MIDI :

Name Intervalle
dom7b5 1 - 3 - b5 - b7
dom7#5 1 - 3 - #5 - b7
dom7b9 1 - 3 - 5 - b7 - b9
dom7#9 1 - 3 - 5 - b7 - #9
7b5 1 - 3 - b5 - 7
7#5b9 1 - 3 - #5 - 7 - b9  
7#9/b9 1 - 3 - 5 - 7 - b9 - #9  
9#11 1 - 3 - 5 - 7 - 9 - #11  
13b9 1 - 3 - 5 - b7 - b9 - 13  
min6 1 - b3 - 5 - 6
6add9 1 - 3 - 5 - 6 - 9

Ein paar Akkorde werden gelegentlich auch als Alterierte Akkorde bezeichnet, obwohl sie Noten enthalten, die sehr wohl leitereigen, aber aus dem reinen Akkord-Aufbau nicht ableitbar sind. Darum habe ich in der Tabelle auch die min6 und 6add9-er aufgenommen. Dann seien hier dazu die Sext-Akkorde (1 - 3 - 5 - 6) und die schon behandelten Suspended Chords (1 - 2 - 5, 1 - 4 - 5, 1 - 4 - b7) auch noch genannt. Die reine Lehre aber nennt nur Akkorde mit leiterfremden zusätzlichen Noten Alterierte Akkorde.

Wozu nun diese abgedrehten Akkorde? Anwendungs-Sparte Nummero 1 ist ... der Jazz. Allerdings finden diese Alterationen nicht immer unbedingt als Hauptakkorde ihren Platz, sondern dienen oft als Übergangs-Akkorde, als chromatische Übergänge, als Füllmaterial und Spannungsträger, besonders in den Kadenzübergängen zur Auflösung auf Tonika oder in Fake-Kadenzen. Nimmt man die Idee der Alteration auf und überträgt sie in andere Stile, kann ein abgemagertes Vorgehen daraus abgeleitet werden, und das ist dann gar nicht mehr so selten: Alterationen in einfachen Akkorde als Übergangs-Linien zwischen Akkorden:

Tull Movement: From D to A

Aber weil's im Jazz so schön ist, doch noch ein Beispiel für die komplexe Klangwirkung, und wie unser Öhrchen das mit nimmt, nun von einem Meister der Improvisation, ein Ausschnitt:

Thelonios Monk: Round Midnight

Polychords

Polychords (siehe auch Polyester, Poly-Klinik, Polypen) sind Vielfach-Akkorde. Sie bestehen aus zwei Teilen, einer Ober- und einer Unterstruktur. Daher resultiert auch der englische Name upper structure chords. Jeder Teil ist ein kompletter oder auch nur ein Teil eines Stufen-Akkordes einer Leiter, und zwar die Unterstruktur ein Akkord über die Note 'N', die Oberstruktur ein Akkord über die Note 'N + 1'. Notiert wird der Polychord als Akkord-Oberstruktur/Akkord-Unterstruktur, z.B. D/C, ausgesprochen 'D über C'.

Schwer verständlich? Praktisches Beispiel.

Man nehme die Leiter G-Dur, darin die Dominante und Subdominante (C, D) und baue den Polychord D/C. C wird Unterstruktur, D wird Oberstruktur:

e|---2----
b|---3---- Oberstruktur: D
g|---2----
------------------
D|---2----
A|---3---- Unterstruktur: C
E|--------

Analysieren wir einmal, was wir bekommen, wenn wir diesen Polychord mit seinen beiden Basis-Akkorden (komplett) als Reihe aufschreiben:

C - E - G - A - D - F#

Und diese Reihe stammt aus der Leiter C-Lydisch. Das wundert nicht, denn auf der IV. Stufe steht der Modus Lydisch. Schreiben wir die Reihenfolge um:

C - E - A - D - F#

Und analysieren die Intervalle: bezieht man sich auf die obere Akkord-Struktur, D, und bezieht darauf die Intervalle, ist dieser Akkord in der oberen Struktur eine 5 + 1 + 3, in der Unterstruktur eine 9 + #13. Also könnte man diesen Akkord in Gänze auch als verstümmelten D#13 in einer Inversion betrachten.

Noch ein Beispiel: E - G - B - D - F# - A. Wäre als einzelner Akkord interpretiert ein Emin11. Anders betrachtet ist es aber Em7/D. Auf der Ketarre ist das nicht mehr zu spielen, aber auf dem Klafünf:

Em7/D:
oder als Emin7(9) ohne Bassnote:

Und da dat Janze ja diatonisch, und somit immer leitereigen ist, sind natürlich auch die üblichen Kadenzen möglich, als Geschmacksprobe eine 2 - 5 - 1 in D mit Polychords:

2: Em11 -> Em7(9)/D
5: A13 -> A13/A
1: Dmaj9 -> Dmaj7/A

 

 

Spätestens jetzt wird klar, dass Polychords und Gitarristen natürliche Feinde sind, Keyboarder haben da weniger Probleme, sie können den unteren Akkord mit der linken und den oberen Akkord mit der rechten Hand spielen. Und da finden sich dann auch die Hauptverwender von Polychords, nämlich bei den Leuten mit den vielen Tasten. Oder auch bei den Stick-Playern, die machen auch mal Sachen mit Polychords.

Und weiter geht der Faden. Was ist denn, wenn wir nun als Unterstruktur nicht mindestens eine einzelne Terz eines Akkordes oder mehr verwenden, sondern sogar nur die Grundnote? Dann bekommen wir ...

Slash Chords

Und ein Slash Chord ist ein Akkord, dem nur eine andere tiefste Note verpasst wird. Das kann die Grundnote des nächsttieferen Akkordes in der Leiter sein, mutt aber nicht. Die Notation ist ähnlich wie die der Polychords, daher nicht verwechseln. Ein Slash Chord Am/G wäre demnach ein A-Moll mit einen G als Bass-Note. D/F# findet sich in so mancher Tabulatur oder in Chord-Charts, ist aber kein Slash Chord, denn das F# ist ja Akkord-Note, somit ist dieser D-Akkord nur eine Inversion.

Wozu dann das Ganze? Entweder zur Färbung, und damit Interessant-Machen eines Akkordes. Oder in ähnlicher Verwendung wie die Polychords.

Zusammenfassung

Ist das kompliziert ...

Alterierter Akkord
  • Ein Alterierter Akkord ist ein Stufenakkord einer Leiter, dem eine oder mehrere leiterfremde Noten hinzu gefügt wurden.
  • Das hinzugefügte Intervall ist immer oberhalb der Terz, also Quinten, Septimen und höher.
  • Jazzer spielen Alterierte Akkorde, um das Publikum zu verwirren oder wenn sie den Faden verloren haben.
  • Basser halten sich dazu an die Grundnote und die nicht-alterierten Intervalle, bzw. an den zu Grunde liegenden Modus.
Polychord
  • Ein Polychord ist ein Akkord, der aus zwei Akkorden zusammen gesetzt ist.
  • Die beiden Akkorde stammen aus den Stufen einer Leiter, der tiefere Akkord ist die Basis, der höhere Akkord ist der darauf folgende Stufenakkord zum tieferen in der Leiter.
  • Für den Basser zählt zuerst die Grundnote des tieferen Akkords, die Grundnote des höheren Akkords kann ausprobiert werden. Die zu Grunde liegende Leiter geht auch immer.
Slash Chord
  • Ein Slash Chord ist ein Akkord, dem eine andere als die Grundnote als tiefste Note gegeben wird.
  • Ist die tiefste Note doch Bestandteil des Akkordes, ist kein reiner Slash Chord, sondern eine Inversion des Akkordes.
  • Ist die tiefste Note leiterfremd, ist es ein alterierter Akkord.
  • Gelegentlich wird ein Akkord in einer Inversion als Slash Chord geschrieben, damit deutlich wird, dass der Akkord eben so gespielt werden soll (z.B. D/F#).
  • Für den Basser zählt nur die Grundnote des Hauptakkordes und der Modus als tonales Zentrum.

Alles klar?

 
©Rainer Böttchers, 1995-2021      Impressum/Credits & Maintainer