Basslinien-Konstruktion, Teil 2
Eine solche pure Grundton-Basslinie mag langweilig
erscheinen. Die Beispiele #1 und #2 zeigen, dass das
nicht unbedingt so sein muss. Man kann das Prinzip auch
noch auf die Spitze treiben, indem man tatsächlich
konstant auf einer einzelnen Note in konstanter Höhe
hocken bleibt. In Simple Minds' Waterfront ist
das beispielsweise so gemacht, eine einzelne Bassnote
im Shuffle-Format, und doch treibt der Bass zusammen
mit dem Schlagzeug den Song gnadenlos durch. Vielleicht
mal bei Gelegenheit reinhören.
Noch Beispiele unbekümmerter Grundton-Linien:
Cranberries: Zombie, nahezu alles von Nirvana
und Teile der ersten Live-CD. Tracy Chapman
nicht zu vergessen.
Das Prinzip des konstanten Basstons hat auch noch
einen Namen: Orgelton oder Pedalton, stammt
natürlich wieder aus der klassischen Musiktheorie.
Die Extremform eines Grundton-Basses.
Is' dat schlecht oder so ...?
Man sollte bitte nicht das Kind mit dem Bade ausschütten
und das, was sich so im Mussick-Bissnöss so abspielt,
für die einzige Wahrheit und Leitlinie halten.
Es ist die Zeit der 5- und 6-Saiter-Bässe, stumpfer
Techno-Linien und Dream Theater-Auftritte. Als Folge
gibt es Leute, die sich schämen, auf ihrem Bass
eine Grundton-Linie zu spielen. Und das ist der grösste
Quatsch. Genaugenommen erfüllt gerade die Grundtonlinie
die ureigensten Aufgaben des Basses. Also, bitte. Getz
ma' Butter bei de Fische.
Langsam vorwärts
Zugegeben, immer nur auf dem Grundton herumzuprügeln
ist auch nicht das Wahre. Was hatten wir denn da noch
so?
Neben dem Grundton und seiner/seinen Oktaven springt
die Quinte in's Auge, die Note, die in fast allen Akkorden
(ausser augm und dim) vorkommt, keine
Beziehung zum Akkordgeschlecht hat und überhaupt
fast so universell ist wie der Grundton selbst. Mal
schauen, wo wir die Quinte unterbringen können.
| Ex #3: |
Bassline mit der Quinte
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Es wurden einerseits Quinten zwischen
den Akkordwechseln (= Modulationen) eingefügt,
und es wurden Grundnoten, die nicht auf den Akkordwechsel
fallen, durch Quinten ersetzt. Das dann über
zwei Oktaven. Doch, hat sich schon was geändert.
Wenn Ihr Euch die Noten mal mit TablEdit anseht (Nein!
Ich kriege kein Geld dafür, nicht mal Saiten, aber
ICH arbeite damit, und die Shareware-Version ist frei
und reicht zum Angucken und Anhören!) und in Eurem
Browser TablEdit als Helper-Applikation für .tef-Files
einstellt, schaut Euch Takt 5 an. Dort entsteht eine
ganz seltsame Kombination, die gleiche Note G (auf der
D-Saite) hintereinander, einmal als Quinte im C-Akkord,
einmal als Grundton des G-Akkords. Das war nicht beabsichtigt,
aber wenn ich stänkern wollte, würde ich sagen
es war's. So wie Paulchen und Yesterday.
Quinten sind was Feines
Weil sie eben nicht das Geschlecht des Akkordes repräsentieren,
sie sind im Moll-, Dur-, Suspended- und Powerchord enthalten.
Neutrale Gesellen sozusagen. Und darum fast universell
zu verwenden. Und immer einfach zu finden:
Auf der nächsthöheren
Saite + 2 Bünde höher,
Auf der nächsttieferen Saite im gleichen Bund.
Aber Oktaven sind auch was Feines
Und auch leicht zu finden:
Zwei Saiten
höher + 2 Bünde,
Zwei Saiten tiefer - 2 Bünde,
Merken! Hat man diese Positionen gefressen
und kennt sie schon ohne darüber nachzudenken,
ist das schon die halbe Miete. Der Rest ist Rutschen,
und schon ist die Bass-Linie komplett.
Akkorde haben mehr als zwei Noten!
Jawoll! So iss'et. Nehmen wir die auch
noch mit rein. Was hatten wir denn da so im Angebot?
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Takt#2: |
A5:
Na, da ist das Angebot beschränkt. Da aber
Gitarren den 5er-Akkord meistens aus Verlegenheit
spielen, kann man ein bisschen hinterherhören.
Ersetzt der A5 einen major- oder minor-Akkord? Dann
kommt noch eine mögliche Terz in die Auswahl,
sozusagen als versteckte Passing Note. Wenn es aber
unklar ist, lassen wir es lieber.
Gsus2: Da hätten wir die
1, die 2 und die 5. |
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Takt#3: |
A5
hatten wir schon.
C: 1, 3, 5.
D7: 1, 3, 5, b7 |
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Takt#4: |
D5:
Gilt Ähnliches wie für A5, mal hinterherhören. |
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Takt#5: |
C5:
können wir langsam singen.
C: 1, 3, 5.
G: 1, 3, 5. |
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Takt#6: |
Wieder A5,
ist aber Schlussakkord, also sollte man tunlichst
die Grundnote verwenden. Schlussnoten sind oft Grundnoten,
es sei denn, man möchte den Hörer 'hängen
lassen' (Ssssssäcke!!) |
Warum gebe ich hier eigentlich Intervalle
an, und nicht Noten? Weil ich Euch doch im theoretischen
Teil gesagt hatte, dass Ihr Euch die Positionen der
Intervalle auf dem Griffbrett relativ zum Grundton einprägen
sollt. Wenn man das tut, dann muss man immer noch wissen,
wo welche Note auf dem Griffbrett zu finden ist, damit
man die Tonika hat, aber danach kann man sich dann in
Intervallen orientieren. It's easy, man.
REGEL #7:
Ein Taucher, der nicht taucht, taugt nix. Ein(e)
Basser(in), der/die nicht die Intervallpositionen relativ
zu einem beliebigen Grundton auf dem Griffbrett fliessend
beherscht, auch nicht.
Bliebe nun noch die Aufgabe, sich so
richtig auszutoben. Und die sich bietende Lücke
zu füllen: der Takt #4, wo der Guitar Hero wohl
ein Schläfchen einlegen möchte. Da hauen wir
rein, das lassen wir uns nicht entgehen, dieses Vakuum
muss gefüllt werden.
| Ex #4: |
Full Bassline rot/weiss
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Nehmen wir dieses Ergebnis noch ein
wenig auseinander und leiten für uns ein paar
zusätzliche Erkenntnisse daraus ab.
Takt#1
Gim'me four ist immer gut. Wacht der Drummer
wieder auf, oder legt seinen Playboy beiseite.
Takt#2
Der beginnende A5 bestimmt und leitet die gesamte
Sequenz. Daher bleibt der Bass hier auch erst einmal
eine Zeit stehen. Es wäre Overplaying, nun schon
wie wild herumzuarbeiten. Die 16tel-Quinte zum nächsten
Oktav-A ist ein Schnörkel. Durch den Wechsel eine
Oktave höher entsteht eine Spannung, die durch
den Verbleib in diesem Bereich auch im Wechsel zum G
gehalten wird. Das liegt weiter daran, dass die Gitarre
in der gleichen tiefen Lage bleibt. Diese Spannung löst
sich erst und endlich zum nächsten Takt auf.
Takt#3
Jetzt sind wir wieder zum Ausgangspunkt zurück.
Zuerst bleiben wir auch brav in der Grundton - Quinten
- Sequenz. Bei dem kommenden C und Gsus2-Akkord waren
wir bisher auf dem Grundton geblieben. Nun finden wir
eine unsymmetrische 8tel/16tel-Sequenz, die die Gitarrenakkorde
als Arpeggios wiederholt.
Takt#4
Anstatt das Loch mit einem wilden Solo-Part in D zu
stopfen, hauen wir dem Gitarristen so richtig dazwischen.
Er lässt den D5 stehen, also wäre der gesamte
Takt D-orientiert. Der Bass muss natürlich jetzt
eine D5 - C5 - Sequenz machen, klar doch. Lockert aber
auf ohne zu übertreiben.
Takt#5
Da ja im 'Hauptteil' der Rückgang zum 1. Takt
folgt (welcher mehr fliessend ist), kann hier ein wenig
Bewegung aufkommen. Einerseits durch die Gitarre, die
eine Dur-Folge spielt, und durch den Bass, der schon
fast eine Art Walking Bassline präsentiert.
Takt#6
Auch Bassisten können Akkorde spielen. Aber aufpassen:
das klingt nur mit einem Bass mit Höhenreichtum
und Prägnanz. Ein Preci mit zugedrehtem Tone-Regler
würde hier wehtun.
Was folgern wir daraus?
Nicht ganz offensichtlich, doch zu beachten:
REGEL #8: Die
Akkordwechsel sind kritische Punkte und sollten genau
beachtet werden.
REGEL #9: Steht
ein Akkordwechsel an, sollte sich der Bass aus möglichst
kurzer harmonischer Entfernung darauf zubewegen. Oktavwechsel
sollten vermieden werden.
REGEL #10:
Neben der Auswahl des Notenmaterials ist die Rhythmik
und die Betonung für die Wirkung der Basslinie
entscheidend.
REGEL #11:
Der Aufbau von Spannung kann nicht nur durch Kadenzen
erfolgen, sondern auch, wie im Beispiel, durch Notenverschiebungen
in Oktavabständen.
REGEL #12:
Werden Akkorde im Parallelanschlag auf dem Bass gespielt,
sollte zwischen Grundton und Quite/Terz eine Oktave
Abstand gewahrt werden.
So, das war ja schon mal was. Es sollte auch so die
Basisdinge der Basslinien-Konstruktion gezeigt haben
(I hope). Wie man nun an eine gute Basslinie kommt,
ist eine reine Sache der Intuition. Und die ist nicht
gottgegeben, sondern entsteht aus Erfahrung, Übung
und reproduzierbarem Katalog von Standard-Riffs. Daher
wieder der Verweis aud die Bass
Bible.
In den nächsten beiden Kapiteln gehen wir etwas
auf Spieltechniken
ein, weil das mehr mechanische Angelegenheiten sind.
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