Da war doch noch was?
Im Moment beiße ich mir die Zähne aus, nämlich
an Stella By Starlight. Also erst einmal etwas Anderes, was
ich an dieser Stelle noch brauche, nämlich einige Hinweise
zu Abschnitt 5 der Walking Bass Lines: chromatische Durchgangstöne.
Hatte Adam Nitti auch schon am Beispiel
Autumn Leaves behandelt, möchte ich jetzt aber noch einmal
generalisieren. Warum 5? Schauen wir noch einmal zurück im
Zorn.
Rekapitulieren wir
Haben wir ein Leadsheet/Chordchart vor der Nase und blicken wir
auf die verzeichneten Akkorde, hatten wir bisher vier Methoden betrachtet,
eine Basslinie dazu zu spielen.
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Grundtonspiel |
Wir spielen einfach nur die Grundnoten der Akkorde.
Dieses eignet sich vor allen Dingen, wenn ein Stück völlig
neu ist und man sich die Akkordfolge einprägen möchte. |
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Quintenspiel |
Man nimmt neben den Grundnoten noch die (beiden)
Quinten dazu, die höhere und die tiefere. Aufpassen beim
m7b5, da ist eine verminderte Quinte aktiv. |
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Akkordnoten |
Man nehme die Akkordnoten, z.B. beim x7 Grundton,
Durterz, Quinte und kleine Septime. Auch einfach zu merken und
in vielen Fällen sogar schon gänzlich ausreichend.
Weiterhin geht das denn auch von oben nach unten, sogenannte
Akkordbrechungen oder Arpeggios. Oder querfeldein, 1 - 5 - 3
- b7. Das ist ja schon was. |
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Diatonik |
Bisherige Eskalationsstufe, alle Noten der jeweils
zugehörigen Leiter der Stufe, bei 2-5-1 in Dur z.B. Dorisch
- Mixolydisch - Ionisch. Aufpassen bei Alterationen, Dominant-Substitutionen
und all den kleineren und größeren Stolpersteinen. |
Das können wir ja auch nach Belieben mixen, also in einem
Takt Grundnoten, im nächsten Akkordnoten, dann Teile einer
Leiter, wieder Arpeggio usw. usf. Und die oben angedeutete Variante
#5 nehmen wir nun noch dazu. Dann haben wir spieltechnisch erst
einmal alles an Möglichkeiten in der Tasche.
Chromatik
Was Chromatik ist, fand sich schon in einem anderen Artikel:
eine erweiterte Diatonik, indem eine Leiter durch leiterfremde Noten
ergänzt wird. Chromatisch deshalb, weil theoretisch auf alle
Noten der chromatischen Leiter zurückgegriffen werden kann.
Beim Blues als Blue Notes bezeichnet.
Im Grunde alles nix Neues. Vielleicht noch mal lesen. Dieses Verfahren
ist nun im Jazz im Prinzip genauso zu verwerten, jedoch sollten
wir ein paar Regeln beachten, die ein wenig strenger und doch weitgreifender
sind als mit den paar Blue Notes in der pentatonischen Leiter. Wir
müssen ja dieses Mal nicht nur die Pentatonik betrachten, sondern
im Prinzip alle möglichen Leitern, von Ionisch bis zu Harmonisch-Moll.
Verhaltenregeln
Wenn wir eine beliebige Leiter mit chromatischen Noten ergänzen,
sollten trotzdem einige der Regeln beachtet werden, die aber nicht
nur in der Chromatik gelten, sondern eigentlich generell bei allen
Walking Bass Lines, wenn nicht sogar allen Bass Lines überhaupt.
Man merke:
| 1. |
Metrum 4/4 vorausgesetzt, kommt auf den Beat 1
immer der Grundton. Ausnahmen sind für Niels Henning Ørsted
Peddersen, Dave Holland und Eberhard Weber reserviert. |
| 2. |
Auf Beat 4 kommt niemals die gleiche Note wie
auf Beat 1 des nachfolgenden Taktes. Dann lieber zurück
zum Grundton oder zur Quinte, auch wenn die schon mal dran waren. |
| 3. |
Die schwachen Zählzeiten (wo ist eigentlich
mein Englisch geblieben?) 2 und 4 sind gute Kandidaten für
chromatische Durchgangsnoten. |
| 4. |
Walking heißt auch, dass
es sich um eine fließende, möglichst gleichförmige
Bewegung handeln sollte. |
Eine weitere Regel, die sich aber in der Verwendung von Chromatik
nicht immer durchhalten lässt:
| 5. |
Auf die starke Zählzeit 3 sollte möglichst
ein Akkordton positioniert werden. Im Falle chromatischer Durchgangsnoten
wenigstens eine leitereigene Note. |
Das sollte relativ klar, wenn nicht sogar plausibel sein. Aber:
was sind denn nun die geeigneten, universellen, unfehlbaren Durchgangsnoten
für z.B. Dorisch, Mixolydisch, Phrygisch, Lydisch#2, Flamenco
und Enigmatisch? Getroffen, versenkt. Wo man am Ende chromatische
Noten positioniert, ist in 90% der Fälle nämlich Erfahrung,
Geschmack, genialer Einfall oder Zufall. Und auch unsere obigen
Regeln sind dann in einigen Fällen schwer durchzuhalten.
Sagen wir mal so, es gibt für fast alle Leiterarten ein paar
Kandidaten, mit denen man richtig liegt, und die die Jazz-Polizei
nicht beim Biertrinken stören. Und ganz interessant ist, dass
die unkritischen Bereich der Leiter für Chromatik der Anfang
und das Ende der Leiter sind. Das hängt mit den obigen Regeln
zusammen. Wenn wir im Beat 1 auf der Grundnote liegen, führt
der Weg entweder aufsteigend oder absteigend weiter, je nachdem,
wo wir hin wollen. Daher ist die Chromatik an diesen Stellen gut
nutzbar. Gruppieren wir ein paar Leitern in ihre Grundbereiche Dur
und Moll, und schauen uns die Möglichkeiten jeweils an. Aber
nur für die Modi von Dur, sonst würde das unübersichtlich
und ausufernd.
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Dur-Leitern
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Ionisch
Lydisch
Mixolydisch
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Moll-Leitern
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Dorisch
Phrygisch
Äolisch
Lokrisch
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Wir könnten sogar so weit gehen, für alle Leitern das
gleiche Pattern zu verwenden. Sind die Noten diatonisch, sind sie
es eben; sind sie es nicht, sind es chromatische Durchgänge.
Nehmen wir die Akkordfolge Am7 - D7:
Wenden wir dies für ein bereits bekanntes Stück an, nämlich
Autumn Leaves, könnte das in etwas wie folgt aussehen.
Bitte beachten, dass die Linie komplett in der ersten Lage gespielt
ist. Eine gute Übung für's Vier-Finger-Spiel, und auch
Griffbrett-Trekking findet wieder statt:
| Autumn Leaves |
Chromatisch eingefärbt |
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Was ist hier verwendet? Grundton, Chromatik und Arpeggios. Bei
den Arpeggios stehen uns ja auch mehrere Varianten zur Verfügung,
nämlich beliebige Abfolgen der Noten, sowie aufsteigend und
absteigend. Die Wahl, welche Noten man als Durchgangsnoten verwendet,
ist und bleibt Geschmackssache. Es kann vorkommen, dass der eine
Basser die Note als passend empfindet (sprich: hört), ein anderer
Bassist das aber nie so spielen würde. In jedem Falle zu berücksichtigen
sind dabei Dissonanzen, die zusammen mit Akkorden der Gitarre oder
des Pianos auftreten können. Was aber nur beweist, dass die
letztendliche Instanz eben das musikalische Gehör ist, denn
eine wirkliche harmonische Analyse ist doch immer mit Auswand verbunden.
Also ob sich zum Beispiel dieser oder jener Basston mit einer Extension
des vollen Akkordes beißt.
Zurück zum Programm
Einen Kommentar will ich mir an dieser Stelle nicht verkneifen.
Was ist denn nun, wenn ich auf den ersten Beat eines Taktes nicht
den Grundton lege, sondern vielleicht einen 'starken' Akkordton
wie die Quinte oder die Terz? Klar geht das. Wir würden aber
dann die Position des Harmoniestützers wenigstens zum Teil
verlassen, was nicht der Lebensinhalt einer Rhythm Section ist,
oder sein sollte. Die Gelegenheit, wo dieses Abweichen aber geradezu
notwendig ist, ist das Solo. Dort sind wir als Bassist zu einem
Teil von der doch einschränkenden Regel 1-auf-1 entbunden.
Da mich jedoch der Jazz auch erst kurze Zeit wirklich beschäftigt,
möchte ich hier ein Solo über Autumn Leaves nicht
wagen. 
Mit diesem Arsenal kann ich mich nun weiter an Stella By Starlight
wagen. Und daher melde ich mich erst in einiger Zeit zurück,
denn SBS fordert schon etwas Aufmerksamkeit.
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