Eine Einführung zu Walking Basslines
von Adam Nitti
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[Für
diejenigen, die mit 'Autumn Leaves'
nichts anfangen können, ist hier das
MIDI-File. (der Sätzer)]
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Liebe Bass-Gemeinde,
solltet Ihr irgendwann mal Swing Jazz gehört haben,
wart Ihr sicher auch öfter mal gefangen von diesem
spezifischen Sound einer Walking Bassline. Walking Basslines
sind ein essentieller Bestandteil improvisationsorientierter
Musik, und man sollte, wenn man ein Allround-Bassist sein
möchte, mit der Entwicklung solcher Basslinien vertraut
sein.
Walking Basslines setzen, ganz allgemein gesprochen,
Viertelnoten auf jeden Beat eines Taktes in einem Stück
Swing oder Jazz. Und ihr gleichförmiger Taktverlauf
ist das, was ihnen dieses Gefühl von 'Gehen' oder 'Schreiten'
gibt.

Walking Basslines sind insofern einzigartig, dass sie zwei
Funktionen dienen:
- Sie definieren den Zeitverlauf, das Timing des
Stückes *
- Sie liefern ein harmonisches Grundgerüst für
die anderen Instrumente, auf dem sich diese abstützen
können.
*[Ich verwende
den Begriff Timing hier als Zusammenfassung
von Geschwindigkeit,
Rhythmus und Feel, weil es sonst im Deutschen Wortkaskaden
werden ...
der Sätzer]
Sprechen wir mal einen Moment über diese
Funktionen, angefangen mit Punkt 1, wie oben ...
Die Zeit ist wahrscheinlich eines der wichtigsten
Elemente in der Musik. In einfachen Worten, die Zeit bestimmt
die Geschwindigkeit, den beat, das feeling
der Musik. Timing ist das, auf was Ohren, Gefühl und
Emotionen einrasten, was uns mit den Finger schnippen lässt
und was uns dazu bringt, uns zu Musik zu bewegen. Ohne eine
eindeutige Festlegung des Timings ist eine Musik unbestimmt,
uneindeutig, unausgesprochen und nicht fassbar, und das
kommt beim Zuhörer auch genauso an. In vielen Musikstilen,
z.B. Rock, Country oder Heavy Metal, ist es das Schlagzeug,
was das Timing für den Rest der Band vorgibt. Jedoch
im Swing ist es der Bass, der Zeiträume festlegt.
Der Bass legt auch ein harmonisches Fundament
für das jeweilige Stück. Harmonik kann einfach
definiert werden als Akkord-Abfolge über eine Melodie
über ein Zeitraster. Akkorde geben zum improvisierenden
Musiker Schlüssel an die Hand. Alle anderen Komponenten
des Stücks, Melodie, Solos, und die Basslinie, sollen
dieses harmonische Gebilde vervollständigen. Als Bassisten
solltet Ihr in der Lage sein, Walking Basslines ohne jede
Akkord-Begleitung zu spielen, und doch sollten noch immer
alle Akkordwechsel über die Melodie innerhalb des Stückes
eindeutig wahrnehmbar sein. Und das heisst, das weit mehr
gespielt werden muss als nur die Grundnoten und Quinten
eines Akkordes. Es heisst, dass die Noten so gespielt werden,
dass sie die zugrundeliegenden Akkorde auf gleitende, spontan-kreative
Weise verbinden. Nicht zu vergessen: eine Walking Bassline
ist wirklich nichts anderes als ein Solo in überwiegend
Viertelnoten.
Nach dieser Vorrede, schauen wir uns mal eine Walking Bassline
an, die über die ersten acht Takte von 'Autumn Leaves'
führt:

Eine Linie wie diese zeigt sehr anschaulich, was die typischen
Elemente traditioneller Jazz Swing Walking Basslines sind.
Sie zeigt modellhaft die Konzepte, die wir später in
Detail diskutieren werden ...
Nach meiner Meinung ist es der absolut beste
Weg, traditionelle Basslines zu lernen, indem man so viele
Basslinien in alten Jazz-Stücken hört und transcribiert
wie nur möglich. Der Aspekt Gehörschulung im Erlernen
des Jazz kann nicht beiseite bleiben ohne mittelfristig
das so wichtige 'jazz feel' in seinem eigenen Spiel zu opfern.
Ansonsten glaube ich, es ist am Anfang hilfreich den Aufbau
von Basslines an einer dreistufigen Vorgehensweise zu üben.
Stufe 1: Entwicklung von Walking
Basslines nur mit Akkord-Noten
Akkordnoten sind einfach nur die Noten, die einen bestimmten
Akkord darstellen. Im Jazz gibt es vorwiegend vier Haupt-Akkordnoten:
Grundnote, Terz, Quinte und die Septime irgendeiner siebennotigen
Tonleiter (manche Akkorde haben noch die Nonen, Elfen und
Dreizehnen drin, aber das kommt später). So besteht
zum Beispiel eine F-Dur-Tonleiter aus den Noten:
|
F
|
G
|
A
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Bb
|
C
|
D
|
E
|
F
|
|
1
|
2
|
3
|
4
|
5
|
6
|
7
|
1
|
Der Akkord Fmajor7 hat nun den Grundton, die
Terz, die Quinte und die Septime:
Da diese Noten nun das sind, was den Akkord bildet, macht
es auch Sinn, genau diese Noten für den Bau einer Walking
Bassline zu benutzen, und die bildet dann wiederum die harmonische
Basis. Hier ist wieder eine Walking Bassline über 'Autumn
Leaves', die allerdings nur die Akkordnoten verwendet:

Akkordtöne sind also offensichtlich eine sehr sichere
Wahl für eine Walking Bassline, abhängig vom jeweiligen
harmonischen Kontext. Unabhängig von Eurem Ausbildungsstand
verbessern Übungen nur auf Basis von Basslinien mit
Akkordnoten insgesamt Eurer Melodiegefühl und Euren
Sinn für Harmonik.
Stufe 2: Walking Basslines mit leitereigenen Noten
Die Noten der Tonleitern bilden den nächsten Schritt
beim Aufbau guter Walking Basslines. Wie der Name schon
sagt, kommen nun alle Noten der Leiter zum Einsatz, inklusive
der Akkordnoten. Am Beispiel unseres Fmajor7-Akkordes ergeben
sich ja folgende leitereigenen Noten:
|
F
|
G
|
A
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Bb
|
C
|
D
|
E
|
F
|
|
1
|
2
|
3
|
4
|
5
|
6
|
7
|
1
|
(Vergesst nicht, das man jedem Akkord aus jeder siebenstufigen
Tonleiter bilden kann, indem man seine Noten der zugrundeliegenden
Tonleiter entnimmt. Dies ist eine einfache Methode, Leitern
mit ihren entsprechenden Akkorden in Einklang zu bringen.)
Während wir bei Nutzung der Akkordnoten nur vier Noten
zur Verfügung hatte, sind es nun sieben Noten zum Aufbau
unserer Basslinie. Wie immer ist es sinnvoll, auf den ersten
Beat jeden Taktes einen Akkordton zu setzen. Hier ist also
eine neue Walking Bassline, gleiche Akkord-Folge, aber mit
den Noten der Basis-Tonleitern zu jedem Akkord:

Wie man sehen und hören kann, machen die Leiternoten
die Linie etwas fliessender als bei reinen Akkordnoten.
Und das, weil uns die Leiternoten kleinere Abstände
zwischen den Noten erlauben. Die Basslinie aus Leiternoten
klingt auch etwas 'würziger' als die aus Akkordnoten.
Stufe 3: Walking Basslines mit chromatischen
Noten
Das Hinzufügen von Noten aus der chromatischen Leiter
und Übergangsnoten komplettiert den dreistufigen Ansatz
zum Aufbau von Walking Basslines. Chromatische Linien sind
in der Hinsicht ungewöhnlich, dass sie die Grenzen
der strikten Harmonisierung und Leiter-Theorie in ihrem
Aufbau überschreiten. Ironisch genug, dass gerade sie
die am meisten authentisch und vollständig klingenden
sind, mit Rücksicht auf den Jazz-Zusammenhang natürlich.
Wie ich schon erwähnt hatte, ist gutes Gehörtraining
und genaues Zuhören essentiell um die Nuancen in Walking
Basslines zu erhaschen. Das ist besonders bedeutsam beim
Aufbau von chromatischen Linien.
Chromatik fügt alle verbleibenden, nicht leitereigenen
Noten zu unserer Palette hinzu. Erinnert Euch noch mal an
unser Beispiel Fmajor:
|
F
|
G
|
A
|
Bb
|
C
|
D
|
E
|
F
|
|
1
|
2
|
3
|
4
|
5
|
6
|
7
|
1
|
Mit Chromatik bekommen wir alle möglichen Noten innerhalb
der Oktave:
|
F
|
Gb
|
G
|
Ab
|
A
|
Bb
|
B
|
C
|
Db
|
D
|
Eb
|
E
|
F
|
|
1
|
b2
|
2
|
b3
|
3
|
4
|
b5
|
5
|
b6
|
6
|
b7
|
7
|
1
|
Wir haben nun zwölf Noten, mit denen wir arbeiten
können. Und doch macht es es viel schwieriger, eine
Note auszuwählen. Als allgemeine Regel gilt: es ist
sinnvoll, die chromatischen Noten auf die unbetonten Schläge
zu setzen, jeweils im Bezug zur aktuellen Harmonik (im 4/4
sind die unbetonten Schläge 2 und 4, die betonten 1
und 3). Die nun folgende Walking Bassline fokussiert sich
auf einen chromatischen Ansatz, wieder mit der gleichen
Akkordfolge wie zuvor:

Wie Ihr sehen könnt, ist der chromatische Ansatz der
mit den feinsten Übergängen zwischen den Akkorden.
Nämlich, weil die kleinsten möglichen Intervalle
zwischen den Noten anwendbar sind. Wenn Ihr mal genau den
grossen Jazz-Bassisten zuhört, und speziell den Kontra-Bassisten,
werdet Ihr feststellen, dass sie durchgängig chromatische
Linien verwenden. Ihre Basslinien scheinen ein Eigenleben
zu entwickeln, und ihre Melodiösität hat wohl
unzweifelhaft die anderen Solisten inspiriert, mit denen
sie zur Zeit der Aufnahme zusammengespielt haben.
Je mehr und öfter Ihr diese Ansätz übt,
desto besser werdet Ihr im Improvisieren werden. Das Fliessende
in Euren Linien wird ihren Weg in Eure Solo-Arbeit nehmen,
seid also so musikalisch bei jeder Übung wie Ihr könnt.
Und wie bei jedem konzeptuellem Ansatz: Lasst Geduld walten.
Dieser Stoff ist kaum über Nacht in den Griff zu kriegen.
Übt eine Methode zu einer Zeit, und verwendet möglichst
vielfältige Akkord-Folgen.
Viel Spass damit und bis zum nächsten Mal ...
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