Spiel doch mal was dazu ...
Oh, ich liebe diesen Satz. Er taucht immer wieder auf, wenn
der Gitarrist, Keyboarder oder der Saxophonist mit seiner
Tröte ankommt und wieden deeeeen geilen Riff auf
Lager hat. Gitarristen und Keyboarder haben da noch einen
Vorteil. Oft (aber auch nicht immer) können sie zumindestens
vage beschreiben, was sie da spielen. Und das ist dann meistens
eine Art von Progression, und was das ist, wissen wir inzwischen.
Und wir kennen auch Akkorde und Rhythmik-Grundlagen. Und so
sollten wir also unseren Teil dazu beitragen können.
Es geht jetzt in Folge 781 der Blindenstrasse um die Konstruktion
von Basslinien, um das Umsetzen der bisherigen theoretischen
Ausführungen.
Aber halt, halt, vorher machen wir uns noch ein paar Gedanken.
Bassisten denken immer vorher nach und blah ... blah ... blah
...
So what the hell is a bass player?
In der Einführung hatten wir schon über die Rolle
des Bassisten im Bandgefüge gesprochen. Ich möchte
jetzt gern noch einmal auf diese Thematik und mehr zurückkommen,
weil sie bei der Entwicklung von Basslinien eine wichtige
Rolle spielt.
Die Beschreibung als Bindeglied zwischen Rhythmik und Harmonik
kommt der Sache schon nahe, aber es steckt noch mehr dahinter,
nämlich die Rolle des Basses in einem Song, in einem
Konzept und in einem Klanggefüge. Nein, das sind keine
philosophischen Betrachtungen, das ist harter Band-Alltag
und oft das Salz in der Suppe.
Was ist ein Song?
Scheint auch wieder eine von diesem doofen Fragen zu sein
... mmmh, ... mal sehen, also ein Song ist, äh, ist eigentlich
..., äh wenn ..
Zuerst kann man der Sache näher kommen, wenn man zu
formalen Beschreibungen geht. Zum Beispiel so:
Ein Song ist eine wohldefinierte Abfolge
von Kadenzen oder Melodielinien, die mittels
Aufbau von Spannung und Abbau dieser Spannung oder durch Kombinieren
von
Konsonanz und Dissonanz die Bindung eines Zuhörers bewirkt.
So mathematisch dieser Satz auch klingt, und er ist nicht
hinreichend beschreibend (was ist mit Schlagzeug-Soli und
mit reinen Klang-Spielereien?), beinhaltet er das Ziel und
die Methoden eines jeden Musikstückes: beim Zuhörer
Interesse, Assoziationen oder auch Emotionen zu wecken, oder
wenigstens zu transportieren. Was wäre sonst mit Simon
& Garfunkel, Ramstein oder auch Biermann. Es geht immer
um den Transport von irgendetwas und es ist wichtig, dass
man den Zuhörer bindet, damit er das jeweilige Werk überhaupt
wahrzunehmen bereit ist.
Heisst konkret: Stundenlang auf der gleichen Powerchord-Linie
herumzuprügeln und für das Bass immer nur eine frische
Saite kaufen zu müssen kann Absicht sein, oder purer
Dilettantismus.
Von Innen nach Aussen oder vom Makrokosmos zum Mikrokosmos
Ein Song in der Pop/Rock-Musik hat in den meisten Fällen
eine Struktur, oder genauer besehen sogar mehrere Strukturwelten.
Und die sollten inetwa zusammenpassen.
Fangen wir aussen an (top down approach sagen die
Computer-Bändiger). Die meisten Songs haben eine Vers
bzw. Strophe/Refrain-Struktur mit keinen oder vielen Zwischenstufen.
Ein einfaches Beispiel:
- Ein Intro (kann eine Abwandlung des Verses sein oder
was Eigenständiges)
- Verse
- Bridge (eine Brücke zwischen Vers und Refrain)
- Refrain (der vielleicht wichtigste Teil)
- Verse
- Bridge
- Refrain
- Coda oder Outtro (ähnlich dem Intro)
Das kann nun ein Megaseller werden oder auch
ein neues Werk der Kastelruther Spatzen. Also das allein ist
es nicht. Ein guter Song braucht mehr, nämlich einen
Hook, einen Haken, an dem der Zuhörer festhängt,
der ihn nicht mehr loslässt.
Der Hook, mein Liebling
Der Hook ist das Teil, was den Song ausmacht,
das was im Gehirn und/oder im Bauch bleibt, der Teil des Songs,
der ihn eindeutig charakterisiert. Ohne Hook kein Song. Wenn
er keinen Hook hat, vergesst das Ganze.
Ein Hook muss keine Melodie oder Kadenz sein,
es kann beinahe alles sein. Eine Melodie, ein Sound, ein bestimmter
Rhythmus, oder der Text, irgendein Detail. Ein paar Beispiele:
| |
Der Song |
Der Hook |
|
Dave Brubeck: Take Five |
Der 5/4 und die Basslinie |
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Deep Purple: Smoke On The Water |
Der meistgespielte Gitarren-Riff überhaupt (in
Musikgeschäften verboten) |
|
Peter, Paul and Mary: Leaving On A Jetplane |
Ich glaube, es ist die Refrain Melodie. |
|
Genesis: Carpet Crawlers |
Die Arpeggios, und sicher auch die Refrain-Melodie. |
|
Pink Floyd: Money |
Die Basslinie und der gerade Rhythmus. |
|
Rolling Stones: Paint It Black |
Die konstante Drums- und Gitarrenlinie. |
Manchmal ist es gar nicht so einfach, den Hook
zu identifizieren. Aber alle guten (und erfolgreichen) Songs
haben einen. Hast Du keinen, kauf Dir einen ...
Oder Du kaufst Dir das Buch 'Harmonielehre
und Songwriting', in dem das Thema in viel mehr Detail
abgehandelt ist.
Worüber redet der eigentlich?
Ich? Ich rede über die Konstruktion von
Basslinien und über die Rolle des Bassisten in der Band
und im Song.
Es ist nur alles nicht so easy, Mann. Warte
doch noch mal. Wir waren aussen, bei der Songstruktur und
beim Hook. Und jetzt gehen wir eine Etage tiefer. Da oben
war die eine Struktur. Nehmen wir nun ein Element, z.B. den
Verse. Dieser wiederum kann nun seinerseits wieder unterteilt
werden, z.B. in eine oder mehrere Kadenzen.
Eine Kadenz besteht aus Akkorden, und
Akkorde bestehen aus einzelnen Noten. Und wenn ich
Abi hiesse, würde ich jetzt noch weiter untergliedern,
nämlich den Ton von der Saite in Grund- und Oberschwingungen.
Und die Songs zusammen in eine Struktur auf der CD oder auf
dem Band. Und siehe da, es gibt eine Folge von Strukturen.
Versteht Ihr jetzt, worauf ich hinauswollte? Ein Song ist
eine in sich verschachtelte Linie von Strukturen und Unterstrukturen.
Und in jeder dieser Struktur muss die Rolle des Basses definiert
werden, denn die Strukturreglen sind unterschiedlich. Aber
am Ende muss alles zusammenpassen.
Zusammenfassung
Um es anzudeuten, wir kommen zum Ende der Philosophen-Runde,
die Spaghetti sind aufgefressen, und wir packen in die Summary
sowohl Gehabtes als auch Resultate. Erscheinen diese etwas
altbacken und konservativ, mag das daran liegen, dass ich
schon so alt bin. Oder daran, dass ich schon so oft auf die
Schnauze geflogen bin.
-
Die Basslinie unterstützt, verstärkt
oder formuliert die Struktur des Songs. Der Bassist
hilft dem Hörer, sich zu orientieren. Daher sollte
die Basslinie zu den Mikro- und Makro-Strukturen des Songs
passen.
Also: der Bass kann Solo-Instrument sein, aber seine
Hauptaufgabe liegt im Support.
-
Basslinien sollten einen konstanten
Faktor innerhalb des Songs darstellen. Es ist nichts
Schlimmes, eine konstante, einfache Basslinie zu spielen.
Wichtig ist die Struktur der Linie und rhythmische Variabilität.
Also: Keep it short and simple but not too simple.
-
Der Bass kann herrliche Hooks erzeugen
und damit für den Song unverzichtbar werden.
Also: Bemüht Euch um ein farbiges Spiel, wobei
die Farbe aus der Linie selbst, aber auch aus der Rhythmik
kommen kann.
-
Damit Makro-Strukturen innerhalb eines
Songs zu einander passen, sollten Mikro-Strukturen
gegenläufig sein. (Äh, was ...?). Wenn also
Gitarren- oder Keyboardparts sehr komplex oder unruhig
sind, sollte die Basslinie einfach und konstant sein.
Sind die anderen Linien eher gleichförmig, kann eine
komplexere Basslinie Farbe und Abwechselung bringen. Wettbewerb
ist innerhalb der Band nicht angebracht. Der Zuhörer
wird schnell merken, dass nicht er das Ziel ist, sondern
hier ein Kampf der Titanen abläuft (Negativ-Beispiel
Nr. 1: Dream Theatre).
Also: Bassist, bleibt bei deinen Saiten.
-
Die Zusammenarbeit zwischen Drummer(in)
und Bassist(in) ist einer der wichtigsten Faktoren
innerhalb der Band.
Also: Der Drummer ist unser bester Freund.
-
Der Sound kommt zu 90% aus den Fingern.
1000 Watt, vier Lautspecherboxen, acht Instrumente und
vierzehn Effektgeräte ersetzen kein musikalisches
Können und handwerkliche Fähigkeiten.
Also: Üben, üben, üben. Hören,
hören, hören.
-
Nobody creates in a vacuum.
Odds and ends
Leider leben wir in einer Zeit, in der es schicklich
ist, jeden, der besser oder weiter oder erfahrener ist als
man selbst, erst einmal in Frage zu stellen. Der Lehrer ist
immer ein Arsch und alte Leute kapieren eh nicht, worum es
geht.
Dabei werfen wir das über Board, wodurch
unsere heutige Kultur und Zivilisation entstanden ist: das
Lernen an Vorbildern und das Übernehmen von Erkenntnissen
bzw. deren Anwendung. Und genau dazu möchte ich ermutigen.
Sucht Euch Bassisten als Vorbilder, Leute, deren Spiel Ihr
super findet und in deren Windschatten Ihr weitersegeln wollt.
Verinnerlicht die Distanz zu diesen Vorbildern, damit Ihr
einen Weg findet, diesen Abstand zu verringern.
Analysiert Eure Vorbilder. Wie spielen sie,
was spielen sie? Was macht den Reiz ihres Spiels aus? Spielen
sie Single Note Lines oder eher Double Stops? Oder ist es
die Rhythmik? Oder einfach nur Ihr Sound?
Wir machen jetzt erst einmal mit ganz einfachen
Grundlagen weiter, die aber eine ganz wichtige Basis darstellen.
Es geht darum, wie man eine Saite in
Bewegung setzt.
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