Artikulation Zwo
Slap Cat vs. Family Man
In Teil I zum Thema Artikulation ging es ein wenig mehr um technische
Aspekte wie Greifen und Betonung. Zum Vertiefen möchte ich
noch den ersten Artikel um einige Punkte ergänzen, die nach
einem Genre-Wechsel (vom Rock- zum Songwriter-Business) für
mich erst wieder tiefere Bedeutung gewonnen haben. Was zur Folge
hatte, dass ich an diesem Artikel so lange herum geschraubt habe
wie an keinem anderen zuvor. Man müsste über dieses Thema
eher ein Video drehen, oder noch besser interaktiv Auge in Auge
heran gehen. Der Versuch ist gültig, es in schriftlicher Form
zu versuchen. Wie weit er sinnvoll oder gar erfolgreich ist, muss
man sehen.
Warum?
Nach tieftöniger Tätigkeit in diversen Rock-Formationen,
natürlich mit tatkräftigen Schlagzeugern, HiGain-E-Gitarren
über fette Marshall-Stacks und immer ein paar dB über
den empfehlenswerten Lautstärken im Proberaum bin ich vor einiger
Zeit in eine Quasi-Akustikcombo geraten: Piano, Akustik-Gitarre
und mein Jazz Bass dazu. Kein Drummer. Und musste als Erstes gehörig
umdenken. Heavy-Riffs, wildes Getappe und möglichst drei Boxen
am 400Watt-Amp hatten hier überhaupt keine Daseins-Berechtigung
mehr. Ich musste mich nun viel stärker in eine reine Support-Tätigkeit
orientieren, musste auf Grund vorliegender Song-Strukturen eine
Menge an den dazu passenden Linien arbeiten, Dynamik und Betonungen
ohne Lautstärke realisieren. Kurz und gut: ich musste deftig
an Spieltechniken tüfteln. Dazu an Sound-Fragen, die mir so
bisher noch nicht unter gekommen waren. Und das brachte mich zu
meinem Lieblings-Thema zurück ... dem Übersetzen von Stimme
auf das Instrument, und die Bildung eines individuellen Stils.
Artikulation war das Stichwort, die Fähigkeit des Formulierens,
das Gewinnen einer eigenen, unverwechselbaren Stimme im grummelnden
Chor der Amateur-Bassisten, allein Dutzende in der Heimatstadt,
Tausende wahrscheinlich in diesem Land. Wir darunter, und die nicht
immer mit gutem Gewissen gestellte Frage auf der Zunge: Wie hebe
mich ab, wie schaffe ich den Sprung (wohin auch immer)? Was macht
denn nun den guten Bassisten, oder den wirklich guten, letztendlich
aus? Viehlosofische Betrachtungen beiseite - am Ende ist es immer
die Frage nach guten und weniger guten Bassisten. Und man selbst
möchte natürlich zu den guten gehören.
"Es gibt heute eine Menge guter Bassisten, aber kaum großartige
wie Jaco" sprach es doch so schön Jack Bruce aus.
Nicht die exorbitanten Techniker, Speedfreaks und Super-Slapper
haben die Zeiten überdauert. Jaco ist nach wie im Gespräch,
Jack Bruce, Mr. Who (R.I.P.) und alte Zeppelin-Besatzungsmitglieder,
und auch die Jüngeren wie Steve Bailey oder Billy Sheehan sind
nicht in jeder Ausgabe von Gitarre&Bass. Aber wenn man über
eine Zeit von ein paar Jahren geht, dann sind es doch eher diese
Leute, die im Gespräch bleiben. Was macht diese Spieler so
interessant? Ich denke, ich ahne die Antwort: es ist der gleiche
Faktor, der auch einen Joe Cocker, einen Bono und einen Mr. Chapman
unvergesslich lässt. Es ist die Stimme, the voice. Und
ihre Stimmlage, ihr Sound, und nicht zu vergessen: ihre Gesangslinien.
Was Cocker singt, würde bei Chapman vielleicht daneben klingen.
Und Gabriels Musik wäre vielleicht für Grönemeyer
singbar, für Williams aber schon nicht mehr. Also ist da eine
Verbindung von Sound und Linienführung mit der jeweiligen Person.
Das muss zusammen passen.
Ach ja, fast hätte ich diese Betrachtung aus der Einleitung
vergessen. Ist das nicht oft so, dass man mit dem Instrument vor
der Brust sich selbst demontiert? "Ich spiele immer die
gleichen Licks ..." oder "Irgendwie muss ich anders
spielen ...". Warum? Ist geht doch um die eigene Stimme,
und dass man möchte, dass das eigene Spiel von außen
personifizierbar wird. Warum hätte Jimi anders spielen wollen
als er es tat, und Bruce Hornsby braucht auch nur einmal in die
Tasten zu greifen und man weiß, wer da herum klimpert. Also
bleiben wir doch bei uns, und versuchen unser Spiel in der Richtung
weiter zu entwickeln, dass wir unsere Sprache, unsere Spielweise
erweitern, nicht modifizieren oder gar in die Tonne treten. Das
war auch das, was in einem Dreier, in einem Trio ohne Trommler,
in einer Akustik-Combo nun um so eklatanter wurde: eigene Stimme,
aber unterstützend.
Stimme vs. Instrument
Beginnen wir der Vollständigkeit und Verwirrung halber mit
einer Gegenüberstellung, die im ersten Teil schon zur Sprache
kam: Artikulation als Begriff aus der Sprache, gebunden an Personen.
Wer würde schon die deutsche Synchronstimme von Sean Connery,
Peter Falk oder Arnold 'Arnie' Schwarzenegger nicht wieder erkennen?
Stellen wir die Parameter und Faktoren von Sprechen und Instrumentalspiel
gegenüber. Sinn und Zweck: zu erkennen, welche Stellschrauben
wir denn zur Verfügung haben, für unserer Unterfangen.
| Sprache |
Formen |
Instrument |
| Stimmlage |
Hoch, tief |
4/5/6-Saiter, Hohe
oder tiefe Lagen |
| Stimmspektrum |
Wenig/viel Obertongehalt,
tendenziell rauher oder weicher Klang, weiblich/männlich/kindlich |
Anschlagsart, Saiten,
Pickups, Amp/Speaker, Effekte, Finger oder Plektrum, Holzsorten
Hals/Body |
| Stimmführung |
Weiter oder enger
Frequenzbereich |
Notenwahl im Notenbereich |
| Attack |
Starke/wenig Betonung
von stimmhaften Konsonanten, flache oder breite Vokale |
Finger, Pick, Thumping,
Slap, HammerOns/PullOffs, Dämpfung, Legato/Slide/Glissando |
| Wortwahl |
Umfang und Schwerpunkte,
verbal/Substantiv-orientiert ... |
Grundnoten oder Skalen,
Patterns oder Licks, über mehrere Oktaven oder eben nicht |
| Satzbau |
Komplex, einfach |
Grundton, pentatonisch
oder volle Skalen, mit oder ohne passing notes |
| Semantik |
Sachlich, bildhaft,
blumig, ironisch ... |
Grundton-Spiel oder
Nutzung aller Intervalle, 1-on-1, intervallisch (z.B. 5-on-1)
oder auch kontrapunktisch, Synkopen, off-beat oder on-beat |
| Syntax |
Wenige oder viele
Satzformen |
Chordal oder modal,
wechselreich oder lick-konstant, Grundton-Spiel |
Sicher lassen sich noch viele Charakteristika der Sprache finden,
sichtbar wird jedoch, dass die Artikulation einerseits Techniken
in Anspruch nimmt (wie sie professionelle Sprecher oder Schauspieler
auch lernen), oder einfach ausgewählt, angeboren oder angeeignet
sind. Hinzu kommen die Aspekte des Instrumentes, ob Mahagoni oder
Esche, Ahorn- oder Palisander-Griffbrett. Alles zusammen gibt uns
aber eine enorme Palette an Farben und Colorierungen an die Hand,
mit denen man arbeiten kann.
Allerdings ... die individuelle Stimme ist auch elektrisch bedingt.
Als Beispiele seien Tony Levin, Flea und Stanley Clarke genannt.
Ihr 'Sound' ist sehr prägnant und von hohem Wiedererkennungs-Wert.
Was aber auch an Instrument und Effekten liegt. Jedoch eben am Ende
auch die individuelle Art, wie man eben Bass-Linien aufbaut und
sie dann realisiert.
Der andere Teil der Stimme
Eine Menge Bassisten, fürwahr nicht alle, bauen sich aus dem
Setzkasten der Harmonik ihr Repertoire zusammen. Jeder Instrumentalist,
sei es Bass, Gitarre, Violine oder Posaune, hat seine Art, Linien
und Riffs zu konstruieren, manche Pianisten sind Arpeggien-Spieler,
andere legen Schwerpunkte auf Vollakkorde (Gruppe A wäre z.B.
Keith Emerson, in Gruppe B fände man Friedrich Gulda, oder
besser fand ihn ...). Jeder baut sich mehr oder minder aus dem persönlichen
Urschleim seinen persönlichen Stil zusammen, wobei subjektive
und objektive Stärken und Schwächen ihre Spuren hinterlassen.
Auf den Bass bezogen hatten wir in den Grundlagen Basslinien-Konstruktion
verschiedene Fälle betrachtet: Rock,
Blues, Pentatonik,
Akkorde oder modales
Spiel. Betrachtet man diesen Set als Sammlung von Lego-Steinen,
aus dem sich das Eine oder Andere bauen lässt, kommt man der
Auswahl an stimmlichen Mitteln näher, und einer möglichen
Antwort auf die Frage, wie man seine individuelle Spielweise ausbildet.
Tatsächlich sind die Möglichkeiten enorm, auch für
den Bass. Angefangen vom simplem Grundtonspiel bis hin zu Linien
über alle 22 Bünde + passing notes ist alles drin. Was
man davon nun verwendet, und wie, das unterscheidet und kennzeichnet
den jeweiligen Bassisten wie auch den Koch, der eine mit viel Kräutern,
der andere mit Maggi. Ich bevorzuge Kräuter der italienischen
oder indischen Küche. Your mileage may vary.
Allgemeines und Besonderes
Ich versuche einmal, diese Punkte wenigstens anzureißen.
Bei den folgenden Notenfolgen gibt es jedoch noch eine Fußangel:
Erinnern wir uns an die Details der Modes,
gibt es innerhalb von Kadenzen Tonarten, die bestimmte Intervalle
eben nicht enthalten und dafür eben andere. So ist die Quarte
zwar auch in Äolisch und Ionisch enthalten, in Lydisch aber
nicht. Eine Linie mit einer reinen Quarte wäre also innerhalb
einer Kadenz auf der IV. Stufe für Dur flasch. Ist aktuell
Phrygisch angesagt, hätte die kleine Sekunde keine Existenzberechtigung.
Vorsicht daher an diesen Stellen! Geht es kadenzartig modal durch
die Toanarten und nur modal zu, sind eher Walking
Basslines die geeignete Waffe und man klingt wie Jaco Pastorius.

General Bass Line Construction Set, Part I
Der Witz ist alt, dass Bassisten mit Grundton und Quinte völlig
auskommen und mit anderen Intervallen überfordert sind. Zu
seinen seligen Zeiten in Emerson, Lake & Palmer als auch
bei King Crimson hat Greg Lake dieses Konstrukt heftigst
benutzt und bewiesen, dass Grundton (plus Oktaven) und Quinte (plus
deren Oktaven) schon eine Menge Noten sind. Dieser Ansatz kann also,
praktisch bewiesen, prima funktionieren. Ein Blick auf's Griffbrett
für den Grundton E offenbart es:

Würde man sich also in seinem Spiel allein auf diese beiden
Noten konzentrieren, wäre der Noten-Vorrat nicht einmal so
begrenzt. Im Gegenteil, wenn das vorliegende Stück schon in
sich sehr abwechselungsreich in den Akkordwechseln oder -folgen
ist, reicht das für die Basslinie oft aus. Ein praktisches
Beispiel ist Cardiff Bay von Martyn Joseph. Es sind sehr
viele Akkord-Wechsel, teilweise auch ein wenig kryptisch und unorthodox,
die Basslinie dazu besteht bis auf ganz wenige Ausnahmen, nämlich
Fills, aus Grundtönen und Quinten dazu.
| Songs from the Attic: Cardiff
Bay |
 |
Was auch eine gute Improvisations-Übung ist, nämlich
sich auf einige wenige Intervalle zu beschränken und nur mit
diesen Linien und attern zu bilden. Schauen wir uns noch ein paar
Konstruktionen nur aus 1 und 5 an, einfach einmal so durchgenudelt.
| 1/5 construKCtion: |
 |
 |
| |
Offengestanden ist das nur mit Grundton und Quinte nicht ganz so
einfach. Nehmen wir uns für die restlichen Fälle ein weiteres
reines Intervall dazu, das auch immer wieder gerne verwendet wird:
die Quarte.

Da wird das Griffbrett schon voller, und es offenbaren sich auch
Muster, die das Erlernen erleichtern.
Nimmt man nun als hier letzte Stufe die Dur-Pentatonik zu Hilfe,
wird es schon für E fast eng:

Es ist daher gar nicht allein die Wahl die Noten,
die entscheidet, sondern wie man mit diesem Grundmaterial umgeht
und daraus an Variabilität zieht. Stellschraube #1 so zu sagen.
Stellschraube #2 will ich ja gar nicht verschweigen:
ein 75er Jazz Bass, reine Nickel-Saiten, mit einem CE-5-Chorus (Depth
auf fünf Uhr), dahinter einen Bassman und eine 15er-Box, das
kann man nicht imitieren oder nachahmen. Das geht nur so und nicht
anders, und ist auch ein unverwechselbarer Faktor. Aber kommen wir
zu Stellschraube #3:
Dynamik
Worauf ich hinaus will: seine zwei Bass-Licks, einen für den
Verse, einen für den Refrain, in einem 18-Minuten-Opus permanent
und penetrant durch zu ziehen ist sicher nicht das, was einen 'guten'
Bassisten ausmacht. Es ist auch nicht das, was dem Stück zu
Gute kommt, will man es für den Zuhörer interessant halten
und Dynamik realisieren. Ohne jetzt in die uralte Diskussion Was
ist Groove? abzugleiten: Wir brauchen neben der Wahl der harmonischen
und elektrischen Gestaltung auch Mittel und Wege, oder sagen wir
wieder Stellschrauben, über die Zeitlinie Spannung und Dynamik
aufzubauen, mit dem Ziel eine Steigerung oder auch eines Verhaltens.
Dies auch dem Stück zu Gute, anstatt konstant vom Intro bis
zum Outtro seinen einen Lick durch zu spielen. Dynamik heisst mal
mehr, mal weniger, mal lauter, mal leiser. Und das in einem 'passenden'
Rahmen. Rufen wir uns noch einmal eine Grafik aus einem anderen
Artikel in's Gedächtnis.
Dargestellt ist der Verlauf Dynamik über die Zeit in einem
Song. Wir fangen leise und sanft an, steigern uns über die
Zeit um in einem brachialen Crescendo zu enden. Hier ist der Drummer
und jeder andere gefordert, das auch zu realisieren. Was machen
wir Bassisten damit?
Die simpelste Version wäre ein Volume-Pedal und einfach immer
lauter werden. Nicht falsch, aber doch sehr begrenzt. Es ist mehr
möglich:
 |
Lassen wir gelten: Anschlags-Stärken, vom weichen
Daumenanschlag in Saitenmitte bis zu harten Slap oder Pop. |
 |
Tonhöhe: Ein im 12. oder 14. Bund gespieltes E
hat i.d.R. eine wesentlich weichere Wirkung als das E der tiefen
E-Saite. Zugleich offeriert ein solches hohes E eine gewisse
Spannung beim Zusammenklang mit anderen Instrumenten. |
 |
Notenzahl: Eine Linie aus konstanten Vierteln mit einer
einzelnen Note hat eine andere Wirkung als die gleiche Note,
aber in Oktaven gespielt. Noch anders ist die Wirkung einer
simplen Folge wie 1 - 5 - 8 oder 1 - 8 - 5. |
 |
Rhythmik: Ein weites Betätigungsfeld. Je schneller
eine Linie, desto treibender, je komplexer, desto spannender. |
 |
Harmonik: Auch harmonisch sind Steigerungs- und Verflachungsformen
möglich, vom Pedal-Bass über 1 - 5 - 1 Patterns bis
hin zu voll modalen Linien. |
 |
Spieltechniken: Slides und weitere Spiel-Effekte sind
ein zusätzliches Gestaltungsmittel, auch Dynamik betreffend.
Anschlag in der Mitte der Saite oder nahe der Bridge, mit oder
ohne Fingernägel. |
 |
Instrumentelles: Jazz Bass und beide Pickups auf 100%,
oder nur Bridge-PU, Höhen voll drin oder heraus geblendet,
Saitentypen. |
Das ist an dieser Stelle unser Vokabular, aus dem wir schöpfen
können, Einsatz elektronischer und elektrischer Mittel gar
nicht mal berücksichtigt, unsere Palette, aus der wir die Struktur
eines Songs kolorieren können. Der letzte Nebensatz ist mir
sehr wichtig. Denn dort, wo aus den anderen Instrumenten aus taktischen
oder technischen Gründen nicht das Mehr an Dynamik zu erzielen
ist, und wo der Groove/Backbeat des Drummers fehlt oder nicht allein
Bewegung bringen kann, dort kann der Bass Einiges tun.
"Mehr Noten" = "Besser"?
Flea hatte ich oben schon erwähnt. Ich habe mal einen Workshop
mit ihm erlebt, und wenn man sich ansieht, wieviele Noten pro Sekunde
der Bursche zu erzeugen im Stande ist, wird einem ganz anders. Aber
ist das "gut"? Ich denke eher weniger, es kommt mir doch
sehr wie Effekt-Hascherei vor (dafür bekomme ich jetzt bestimmt
wieder Hass-Mails). Billy Sheehan ist auch ein Super-Basser, der
kann auch wie wild auf dem Instrument herum prügeln. Kann,
tut er aber zu den meisten Gelegenheiten nicht (in diesem Falle
empfehle ich Time Crunch von Niacin als Ohrenfutter).
Stattdessen pflegt Billy viel mehr Schwerpunkte auf harmonische
und spielerische Sahnehäubchen zu setzen und führt z.B.
B3 und Bass zur Harmonie (griechisch: harmonia = Ebenmaß,
Gleichklang, Verbindung). Da passt alles bestens zusammen, melodisch
und harmonisch. Obwohl sich die beiden Instrumente unter anderen
Bedingungen schwer in's Gehege kommen könnten.
Demnach wäre es keine Lösung, einfach mehr zu spielen
und dadurch Dynamik oder Varianz zu generieren. Es sei denn, an
den richtigen Stellen. Oder die anderen Versionen von mehr Noten:
 |
Wir haben ja alle Noten mehrfach auf dem Brett.
Warum aus dieser Möglichkeit nicht Gewinn schöpfen.
Als Beispiel eine einfache absteigende Linie, die so:
| |
G|---------------
D|---------------
A|-5-4-2---------
E|-------5-3-2-0- |
oder so: |
G|---------------
D|-------------2-
A|-5-4-2---------
E|-------5-3-2--- |
gespielt werden kann.
|
 |
Es muss ja nicht immer die Grundnote sein, auf der
man landet, gerade an Stellen, wo es so sein sollte, also auf
der 1 eines Taktes oder beim letzten Ton des Songs. Gerade Keyboarder
reagieren auf Abweichen von dieser Regel oft unwirsch, versuchen
kann man es aber doch: statt Grundnote Terz, Quinte oder sogar
Septime. Das dann noch ein paar Fingerbreiten höher. |
 |
Den vorherigen Versuch ausgebaut, beliebt als Outtro, aber
auch genauso in der Bridge oder in einem Interlude verwendbar:
pentatonische Läufe und Ende auf einem Doublestop: 
|
Ein Beispiel
Ein alter Chantie von James Taylor, geliebt oder gehasst: Carolina
on my mind. Annahme: zu spielen nur mit Gitarre, Piano und Bass,
kein Schlagzeug. Da das Stück bis auf ein Interlude nur aus
Refrain und Verse besteht, Refrain und Verse auch noch 27-mal wiederholt
werden, kommt aus meiner Sicht ein wenig Langeweile auf. Der Text
ist auch nicht der Brüller. Was tun? Wie in diesen Leier-Song
ein wenig mehr Bewegung und Dynamik bringen?
Um in diesen Song trotzdem Dynamik hinein zu bekommen, bietet sich
die Variation der Bass-Linie über die Refrains an. Paart man
diese Variationen mit der entsprechenden Spieldynamik, kommt man
der Sache erheblich näher als mit einer konstanten Bass-Linie.
Hier einmal ein paar Refrains dieses Songs hintereinander gepackt,
mit unterschiedlichen Bass-Linien darüber:
| Carolina on my mind (Refrains): |
 |
 |
An diesem Beispiel wird auch das Thema Stimmführung offenbar.
Ich habe viel Quinten und Oktaven benutzt, nur an wenigen Stellen
modale Anleihen. Das mache ich oft, weil es einfach und übersichtlich
ist. Trotzdem ist mit diesem geringen Aufwand Einiges an Colorierung
möglich. Was hier im MIDI-Falle nicht gut realisierbar ist:
verschiedene Anschlagstechniken. Beispiele: 1. Verse/Intro Thumbing,
ganz weich und tiefe Einzelsaiten. In den nächsten Teilen normaler
Anschlag in Saitenmitte, später mehr Noten und Verlagerung
des Anschlags in Richtung Bridge, somit schärferer, prägnanterer
Ton.
Nun ist das Beispiel COMM etwas hinterhältig, weil dieser
Refrain schon von vornherein viele Akkord-Wechsel hat, und die Variation
leichter fällt. Bei einem simplen Blues-Schema, wo über
Dutzende von Pattern-Wiederholung der gleiche Kram hin genudelt
wird, sieht die Sache schon anders aus.
Letzter Arbeitshinweis: Die Greifhand greift nicht nur
Wenn man mal die Extreme eines Anfängers am Instrument und
eines alten Bass-Sackes gegenüber stellt, fällt einem
wohlweislich auf, dass das Spiel eines geübten und erfahrenen
Spielers irgendwie fließender, farbiger klingt. Die Frage
an ihn, wie er das denn macht, wird wahrscheinlich mit einem Achselzucken
beantwortet, weil man nach vielen Jahren bestimmte Spieltechniken
verinnerlicht hat und sie einem selbst gar nicht mehr auffallen.
Das macht nun der Eine so und der Andere auch nicht. Der Sound kommt
aus den Fingern, und natürlich auch aus den Fingern der Greifhand.
Somit liegen im Greifen auch viele Aspekte von Artikulation, auch
dort findet die individuelle Spielweise ihr Terrain.
Die Rede ist von den Techniken, die beim Greifen eingesetzt werden.
Und auch das ist keine rocket science, es geht ganz einfach um Slides,
Hammer-Ons und Pull-Offs, Taps und Pops. Diese komplettieren das
Arsenal aus der Harmonik und Rhythmik zu einem Werkzeugkasten der
Artikulation.
Am Anfang war ...
... dass man Noten spielt und diese hintereinander aufreiht. In
diesen jungen Tagen unseres Spiels, sei es Bass oder Gitarre, haben
wir wahrscheinlich Note an Note gereiht, und auch Note für
Note angeschlagen, das möglichst noch punktgenau auf die Viertel
oder Halben. Und das klingt laaaaaaaaaaaangweilig. Erst wenn entsprechende
Sicherheit auf dem Instrument da ist, gestattet man sich Freiflüge
und weicht von dieser Methodik ab. Es ist aber auch angebracht,
diese Nuancen genauer zu betrachten und eventuell gezielt einzuplanen
und zu üben, wenn man dieses so verwenden will. Es ist in der
Regel aber so, dass man diese Spielweise so integriert, dass man
später eher Probleme hat, sie nicht einzusetzen. Eher unvollständig,
aber beispielhaft, die Wirkung von Slides:
| Slides: |
 |
 |
Das dann noch als letzten Hinweis: vieles, was im Spiel der Großen
so schön und harmonisch klingt, ist auch die Arbeit der Greifhand
im Zusammenspiel mit dem Anschlag. Slides und Hammer-Ons/Pull-Offs
statt einzeln angeschlagenener Noten, im schweren Gewässer
auch Pops und Slaps. Je nach Stilrichtung auf eben dieses Gleiten
und Schweben achten, oder auch auf Dynamik im Sinne von punktuellem,
abgestoppten oder rhythmisch brutalem Spiel.
Zum Schluss noch ein kleines Beispiel, einerseits als das, was
ich für geschmackvolle Bass-Arbeit halte, weil zurückhaltend,
aber das Stück unterstützend, andererseits auch als Beispiel,
wie der Einsatz von wenigen Noten, aber viel Artikulation aus der
Greifhand (Slides, Flageolettes) eine Basslinie lebendig gestaltet.
Es ist der bereits oben erwähnte Billy Sheehan, vin der CD
Time Crunch:
| Niacin: Glow |
 |
Fazit
So, das war mal wieder ein Akt, diese paar Zeilen ... 
Hat aber auch damit zu tun, dass die Artikulation letztendlich
eine Essenz all der der Dinge ist, die man über einen Lernzyklus
erst getrennt erfasst. Das Zusammenführen der einzelnen Bestandteile
wie Anschlag, Notenwahl, Greiftechniken, Liniengestaltung, Rhythmik
und und und, das führt zu Fragen der Artikulation.
Was das Üben solcher Aspekte betrifft, sollte im Übungsplan
ein erklecklicher Brocken an Zeit für Improvisation
reserviert sein. Sicher sind Skalen und Akkorde wichtig, gerade
am Anfang. Wenn dann aber über die Jahre (ich betone: Jahre!)
die harmonischen Grundlagen in's Kleinhirn eingesickert sind, ist
die Konzentration auf Artikulation bestimmt ein wichtiger Schritt.
Es ist aber auch ein Schritt, der oft schwer fällt, da er fordert,
sich einerseits auch einmal von den selbst ausgetretenen Pfaden
zu lösen, und gleichzeitig bei sich selbst zu bleiben.
Und das wiederum führt zurück zum Thema der unverkennbaren
Stimme. Und zum guten Basser? Na, ich weiß nicht ... vielleicht
doch eher zum guten Musiker.
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