The Theory Collection


Ersatz von Akkorden in Sequenzen/Kadenzen, Akkord-Verwandtschaften.

Ausgewählte Kapitel der Harmonielehre:
Diatonische Reharmonisation

Womit könnte ich Euch denn noch quälen? Oder was wäre noch hilfreich zu wissen für den Allrounder? Einige Sachen waren noch auf der Liste. Mischen wir also die Karten (misch, misch, misch): And the winner is ... DR!

Wozu braucht man das?

Nicht unbedingt für den Bass, nicht unbedingt nur für die Gitarre, nicht unbedingt für's Instrument überhaupt. Aber für Songwriting sehr hilfreich, im Jazz unumgänglich und zur Vertiefung praktisch. Mittels DR (Diatonische Reharmonisation) kann man Akkorde innerhalb von Kadenzen und Harmonisierungen von Linien durch andere Akkorde ersetzen, so dass auch lang gehaltene Akkordfolgen oder simple Kadenzformen einen gewissen Pfiff bekommen. Ausserdem ist das der Einstieg zum Thema Akkord-Substitution, was sich auch noch irgendwo in unserem Themenstapel herumlümmelt. Den Bassern sei gesagt, dass unser Heroe P. McC. und auch der Dünne mit der langen Nase dieses Kapitel ausgeschlachtet haben. Also nicht nur Dünndraht-Kram oder Tastenkrüppel-Zeitvertreib.

Vorarbeiten

Bevor wir aber in das Thema vollends einsteigen, benötigen wir noch ein paar Werkzeuge und Begriffe, die RD zugrunde liegen und erst erklärbar machen. Nun kann es sein, dass das Thema nicht so auf Anhieb Verständnis erlangt. In diesem Falle zweimal lesen (<OUTING>: ich hab's 219 Mal gelesen</OUTING>).

Wahlverwandtschaften

Als wir bei dem Thema Tonleitern und Quintenzirkel und besonders Kadenzen waren, hatten wir einzelne Verwandtschaften zwischen Leitern beschrieben, die wiederum hingen mit der gleichen Struktur der Tetrachords zusammen. Das war bei der Frage, wie man die anderen Dur-Leitern aus der C-Dur-Leiter erzeugt. Und auch bei den Modes kamen gewisse Verwandschaften zutage.

Eine Verwandtschaft, die wir gesehen hatten, war die zwischen Ionischer (Dur-) Leiter und Äolischer (Natürlich Moll-) Leiter bzw. Modus auf der VI. Stufe. Aufgrund der Ableitungsform war auch zu jeder Note die Quinte (im Uhrzeigersinn) = V. Stufe und die Quarte (gegen den Uhrzeigersinn) = IV. Stufe zu finden.

Wobei wir uns immer auf Ionisch bezogen hatten. Die Nachbarschaft der Noten, z.B. C - F - G oder D - A - E werden wir gleich in einem anderen Zusammenhang wiederfinden.

Trennen wir uns einen Moment von der Leitern und gehen auf Akkorde und Noten zurück. Gibt es auch Verwandtschaften zwischen Akkorden und Noten? Ja, gibt es, und zwei sind hier von besonderer Bedeutung: die Quint-Verwandtschaft und die Terz-Verwandschaft. Diese beiden Verwandtschaften sind wichtig für unser Thema. Wer's vergessen hat ...

Quint-Verwandtschaft

Zwei Noten oder Akkorde sind quintverwandt, wenn ihre Grundnoten (die '1', für die Mathematiker) im Intervall einer Quinte liegen und sie mindestens eine Note gemeinsam haben. Das ist nicht überraschend. Aber eine solche Verwandtschaft ist auch fortlaufend. Bleiben wir bei unserer C-Dur-Tonleiter, deren Noten und Akkorden. Übrigens gilt das Folgende nicht nur für die Dur-Leiter, nein es gilt für alle Stamm-Tonleitern, das sind die, die sich harmonisieren lassen = es können auf den Stufen leitereigene (diatonische) Akkorde gebildet werden. Das ist nicht nur Natürlich-Dur, sondern auch Natürlich-Moll als Modus zu Dur, Harmonisch-Moll und Melodisch-Moll.

Diatonisch, leitereigen eben. Und nicht nur die Noten, auch die Akkorde. Also für C-Dur, C Ionisch, machen wir das jetzt einmal.

Noten: Bezogen auf C ist G mit C quintverwandt, und auch F ist mit C quintverwandt. F ist mit G ebenfalls, wenn auch nur indirekt, quintverwandt, nämlich über C! Es sind aber alles Abstände einer Quinte.

Stufen-Akkorde: G bzw. G7 und C bzw. Cmaj7 sind direkt quintverwandt. F bzw. Fmaj7 und C bzw. Cmaj7 ebenso. G bzw. G7 und F bzw.Fmaj7 sind indirekt quintverwandt.

Schauen wir uns noch mal das Kapitel Kadenzen und Songwriting an, erinnern wir uns sicher an diese wichtige Akkord-Folge C - F - G in C-Dur, als Kadenz geschrieben: I - IV - V. Eine der ganz wichtigen Akkord-Folgen, ohne die Heino nie eine Mark verdient hätte, die Brot-Und-Butter-Kadenz, die Grundlage des Geronten-Stadels. Und nun stellen wir fest, dass diese drei Akkorde noch in einem anderen Zusammenhang stehen, nämlich der Quint-Verwandtschaft. Zufall? Nein, keineswegs. Schauen wir weiter und werfen wir einen verschärften Blick auf die Noten dieser Akkorde:

Akkord
1
b3/3
5
Fällt was auf? Durch den Quint-Abstand der drei Akkorde schliessen sich die 1 und die 5 so zusammen, dass sie quasi den Staffelstab aneinander weitergeben. Und sie haben so immer mindestens eine Note gemeinsam.
F-Dur
F
A
C
 
C-Dur
C
E
G
 
G-Dur
G
B
D
 

Diese drei hochverwandten Akkorde einer Leiter nennt man die Haupt-Akkorde, und sie sind in allen Dur-Leitern Dur-Akkorde. Die übrigen Stufenakkorde heissen dementsprechend Neben-Akkorde. Und für die Haupt-Akkorde gibt es feste Funktions-Begriffe, nämlich:

Stufe I: Tonika (T)
Stufe IV: Subdominante (S)
Stufe V: Dominante (D)

Bleiben wir diatonisch, so ist die Sache klar. Für die Tonika sind hier die Akkorde der Dominante und der Subdominante quintverwandt. Jedoch gehen die Definitionen noch weiter. So bezeichnet man auch dann zwei Akkorde als quintverwandt, wenn ihre Grundnoten im Abstand einer Quinte stehen und die Akkorde darüber hinaus noch mindestens eine weitere Note gemeinsam haben. Weitere in der Literatur zu findende Definition würde ich ignorieren, auch wenn sie häufig zu finden sind. Diatonisch ist es der Quintabstand, nicht-diatonisch Quinte zwischen den Grundnoten plus eine weitere Note dazu.

Damit bekommt man auch schon eine wage Vorstellung von der zweiten Verwandtschaft, der ...

Terz-Verwandtschaft

Da es aber nun der Terzen zweie gibt, gibt es auch zwei Verwandschaftsarten, nämlich die Dur- oder Großterz-Verwandschaft, und die Moll- oder Kleinterz-Verwandschaft.

Terz-Verwandtschaft heisst, dass zwei Akkorde innerhalb einer Leiter mit ihrer Grundnote in einer kleinen oder grossen Terz auseinanderliegen und eine Terz gemeinsam beinhalten. Diese Abstände gelten sowohl rein als auch invertiert, daher ist die Terz in zwei Richtungen zu finden. Und auch hier ist wieder sowohl die 'rein diatonische' Betrachtung möglich, und die frei auf alle Akkorde bezogene. Bei der diatonischen Betrachtung besteht keine Wahl, denn es gibt ja für jede Stufe der Leiter nur je einen terzverwandten Akkord (genauer: einen Nebenakkord), der entweder Kleinterz- oder Großterzverwandt ist. Betrachten wir aber alle Akkorde, unabhängig von einer vorliegenden Leiter, so gibt es eben zwei terzverwandte Akkorde.

Diatonisch C-Dur
Freie Akkorde
Für T:
C -> Am & Em   C - Eb Kleinterz-Verwandschaft
Für S:
F -> Dm & Am   A - Cm Kleinterz-Verwandschaft
Für D:
G -> Em & Bdim   C - E Großterz-Verwandschaft

Betrachten wir die diatonische Geschichte noch näher und formulieren wir es auf Stufen bezogen:

Diatonisch C-Dur
Haupt-Akkord
Terzverwandter Nebenakkord
Für T:
C - Am - Em  
I
vi, iii
Für S:
F - Dm - Am  
IV
ii, vi
Für D:
G - Em - Bdim  
V
iii, vii

Von diesen beiden Neben-Akkorden ist einer stärker und einer schwächer verwandt. Wieso? Nun, sieht man sich die Noten der Akkorde an, so stellt man fest, dass jeder der Neben-Akkorde zwei Noten mit dem Haupt-Akkord gemeinsam hat, das ist die gemeinsame Terz. Aber die beiden Akkorde unterscheiden sich auch in einem anderen Punkt, nämlich dem, ob sie die Grundnote des Hauptakkordes beeinhalten.

Haupt-Akkord 1. Neben-Akkord 2. Neben-Akkord
C = C - E - G
 
vi = A - C - E
iii = E - G - B
F = F - A - C
 
ii = D - F - A
vi = A - C - E
G = G - B - D
 
iii = E - G - B
vii = B - D - F

Die 1. Neben-Akkorde beinhalten die Grundnote des Haupt-Akkordes, in der Tabelle unterstrichen angemerkt; der zweite Neben-Akkord tut das nicht. Deshalb ist der 1. Neben-Akkord der stärker verwandte, der 2. der schwächer verwandte. Und was vielleicht noch auffällt: sieht man sich den stärker terzverwandten Akkord mit den zwei gemeinsamen Noten an, hat man fast so eine Ähnlichkeit mit dem invertierten Hauptakkord. Das liegt an der gemeinsamen Terz.

Was dann heisst: statt eines Haupt-Akkordes kann man einen der beiden Neben-Akkorde setzen, den wir in den Kadenzen auf den Gruppierungen mit benannt hatten. Und diesen Vorgang, den nennt man Reharmonisation. Ersetzen eines Haupt-Akkordes durch einen Nebenakkord, der terzverwandt ist. So bleibt die Grundrichtung der Kadenz, der Akkord-Folge, im Grunde gleich. Sie bekommt aber eine andere Farbe. Und deshalb verwendet man DR in Songs, nämlich um häufig wiederkehrenden Akkord-Folgen etwas Farbe zu geben und die Statik aufzubrechen.

Das war alles.

So einfach, eigentlich. Hat gar nicht weh getan.

Jetzt wissen wir, was das ist, Diatonische Reharmonisation. Testen wir mal, ob das in der Praxis tatsächlich funktioniert. Jeweils ein paar Akkord-Folgen aus C-Dur, und Ersetzen der Haupt-Akkorde durch die terzverwandten Neben-Akkorde. Zuerst immer die Original-Kadenz aus den Haupt-Akkorden, danach die reharmonisierte Kadenz. Ausgangspunkt ist immer die I - IV - V-Kadenz in C-Dur, C - F - G.

F wird Am:
F wird Dm:
F wird Am, G wird Em:
F wird Dm, G wird Em, C wird Am:

Na, das scheint ja tatsächlich zu funktionieren! Scheint es doch so, als sei gegenüber der Ausgangs-Kadenz eine neue entstanden. Im Prinzip jain, aber ... eben durch Substitution.

Was ist aber jetzt mit den Bassern? Geht das in einer Bass-Linie auch? Versuchen wir es. Substitutionen wie zuvor, nur in einem Take, und am Ende müssen wir natürlich der Substitution C zu Am in der Bass-Linie folgen, sonst wird das nix:

Quasi-RD in der Bass-Linie:

Ein wenig Interpretation sei an dieser Stelle vergönnt. Was haben wir da gemacht? Wir haben statt der Akkord-Töne der Original-Kadenz die der Akkorde aus der Substitution benutzt. Was sind das? Noten aus C-Dur. Und? Wir bleiben bei den Noten von C-Dur, beginnen aber auf Beat #1 in den substituierten Akkorden nicht mit der Grundnote des jeweiligen Akkordes (F und G, das bleibt in der Keyboard-Linie ja gleich), sondern einer anderen. Und das war gemeint, als ich Paul McCartney und Geddy Lee am Anfang erwähnte, denn die haben sich zu eigen gemacht, nicht grundsätzlich mit dem Grundton am Beginn eines Taktes zu beginnen, sondern mit einem anderen der Leiter, die im Moment die Tonika stellt. Das ist oft die Quinte, aber auch nicht selten eine Terz oder Sexte.

So kommen die Dinge wieder zusammen. Theorie und Praxis, Farbenlehre und Kreativität.

Wenn Ihr dat Janze nun mal mit anderen Kadenzen versucht, z.B. ii - V - i oder I - vi - ii - V, für Ionisch natürlich, oder auch in der Moll-Parallele, werdet Ihr feststellen, dass man Akkorde nicht essen kann. Aber das Prinzip der Diatonischen Reharmonisierung funktioniert sehr gut. Ich war auch verblüfft. Beim 219. Mal ...

Freiheit für die Gummi-Bärchen!

In der Praxis ist die Interpretation von Quint-Verwandtschaft und Terz-Verwandtschaft noch viel weiter möglich. Insbesondere die Terz-Verwandschaft ist auch ausserhalb einer Kadenz manchmal etwas sehr Feines. Radikalinskis gehen sogar soweit, eine Terz-Verwandschaft schon dann zu attestieren, wenn zwei Akkorde mindestens eine Note gemeinsam haben. Funktioniert aber in der Praxis nicht so gut. Klingt nicht immer. Und stimmt auch nicht mit der Lehre überein.

Ausprobieren lohnt sich aber auf jeden Fall. Nach dem Verfahren 'Denken - Spielen - Hinhören' kann man nun Ketten von verwandten Akkorden perlen lassen. Mal frei assoziiert, aber alles Terz- und Quint-Verwandtschaften:

Am - C - Am - C - Dm - F - Dm - F

Em - G - Bm

Asus2 - C - G - D
(die Ian Anderson-Akkordfolge ...)

Und die Akkorde passen deshalb zusammen, weil zwischen ihnen zumindestens schwache Quint- oder Terz-Verwandschaften bestehen, auch wenn sie keine diatonischen Akkorde sind, oder nur Ausschnitte aus diatonischen Kadenzen. Und noch ein Schmankerl: neben der Terz- und Quint-Verwandschaft könnte man noch eine Quart-Verwandtschaft definieren. Damit kommt man dann in weitere Kadenzen und und und ...

Wat nu?

Damit haben wir uns nun auch schon mittig in das Thema Akkord-Substitution geworfen und mit DR einen ersten, massiven Eindruck bekommen. Bleibt nur noch abzuwarten, wann ich Zeit für den nächsten Schritt habe. Hm, würde sagen: das Fronleichnam-Wochenende ...

 
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