 |
Geschichte des Kontrapunktes. Kontrapunkt-Konstruktion,
Grundlagen der ~. |
|
|
Punkt, Punkt, Kontrapunkt!
Teil II: Aufzucht, Pflege und Haltung
Ist das Euer Ernst? Ihr wollt wirklich noch etwas mehr wissen
über Kontrapunkt und so? So etwas mehr im Detail? Herzlichen
Glückwunsch! Ihr wolltet also etwas Musik-Geschichte.
Also ... am Anfang waren ...
Olle Kamellen und verschimmelte Mönche
Der Begriff des Kontrapunktes taucht zuerst im 14. Jahrhundert
auf, als sich die Theorie des Kontrapunktes aus der noch älteren
Theorie des Diskants entwickelte. Damals streng getrennt,
ist der Begriff des Kontrapunktes heute fast identisch mit
dem Begriff der Polyphonie ('Vielstimmigkeit'). Dazwischen,
so im 16. Jahrhundert, und später im 18. Jahrhundert
bei Djei-Ess-Bieh, hatte er eine spezifische Bedeutung, alldieweil
man ja noch nicht so clever war wie heute, wo auch Guildo
Horn den Kontrapunkt für sich entdeckt hat (besser Stefan
Raab, aber da kennt sich Bernd
besser aus).
Viele frühe Theoretiker diskutierten die Regeln für
die Führung kontrapunktischer Stimmen schon sehr detailliert,
so z.B. Tinctoris (1477), Gaffurius (1496) und Zarlino (1558).
Aber der wirkliche Höhepunkt der Entwicklung stellte
sich erst im späten 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts
ein, nämlich mit den Werken von Josquin, Palestrina,
Lassus and Byrd. Das war aber nun auch wieder 'nur' imitativer
Kontrapunkt, und so kamen die Leute bis zum 17. und auch teilweise
18. Jahrhundert nicht so richtig aus dem Quark, und da vor
allem nicht in der Kirchenmusik, was zu erwarten war. Die
bestimmte aber nun mal die Politik in der Musik noch so wie
heute die Grünen das AKW-Thema. Kanon und Fuge blieben
die vorherrschenden KP-Formen. Doch dann kam es anders, dank
Djei-Ess-Bieh und dem Fux, und sie brachten in die Sache neuen
Wind.
Was sagt uns das?
Hier muss ich Joschka Fischer und auch anderen 68ern eine
Bresche schlagen. Auch Bach hat bewiesen, das die Veränderung
eines Systems von Regeln und Verfahren am einfachsten von
innen heraus möglich ist. Bach war Kantor (Naaaaa????
Wo war das denn?????), Kirchenmusiker, er schrieb für
kirchliche Zwecke und bekam von dort den Grossteil seiner
Brötchen. Klar, da war später auch viel Stuff, der
nicht kirchlich orientiert war, hier dann mal Dank an die
weltlichen Herren dieser Zeit, die frühen Sponsoren des
Progressive Classic Rock.
Unrecht würde man aber tun, liesse man die folgende
Entwicklung nur Djei-Ess-Bieh zukommen. Auch andere Musikusse
dieser Zeit arbeiteten an diesem Thema nicht-imitativer Kontrapunkt.
Es lag auch einfach in der Luft, zu dieser Zeit, als sich
der Muff des Mittelalters verzogen hatte. Von grossem Einfluss
war da beispielsweise J.J. Fux, der ein System für seine
Schüler entwickelte, an dem sie die Techniken des KP
studieren und lernen konnten. Sozusagen eine frühe Programmierte
Unterweisung. In diesem Lehrsystem benutze er als Cantus Firmus
eine Linie in gleichmäßigen, langen Noten. Die
zweite Stimme ergänzte den CF in gleichlangen Noten,
dann zwei oder drei Noten gegeneinander, oder vier. Hinzu
kamen synkopierte Formen (1-gegen-1, entgegengesetzte Bewegungen),
und zum Schluss freifliessende Formen, die insbesondere Inversionen
benutzten. So dann auch der Begriff des invertierten zweifachen/dreifachen
Kontrapunktes. Das war schon nicht mehr ganz easy.
Und so wurden die Komponisten der frühen klassischen
Periode in diesem Thema geschult. Die Werke von Mozart und
Haydn strotzen nicht gerade davon, nutzen dieses Thema aber
schon intensiv, gerade in den Sonaten-Formen. Beethoven nutze
die Fugen-Form bis zum Abwinken, z.B. in der Hammerklavier-Sonate
und seinen Streicher-Klamotten. Schubert fällt da noch
ein, Brahms, Bruckner. Mendelssohn war ein ganz Heisser in
der Geschichte. Und am Ende dann Wagner und seine Monumental-Orgien.
Wer sich da ein wenig schwerer tat, waren insbesondere die
italienischen Komponisten, aber die haben ja auch heute noch
Probleme mit ihren Formel-1-Wagen ... englische und französische
Komponisten tendendierten da wieder eher zum Rückzug
auf die Modelle des 16. Jahrhundert (wer je einen Mini gefahren
hat, weiss, was ich meine).
Am Ende dieser Periode bleibt Johann Sebastian Bach als derjenige,
der kontrapunktische Methoden und Werke zu einem einsamen
Höhepunkt geführt hat. Seine Toccaten und Fugen,
die Brandenburgischen Konzerte, Das Wohltemperierte Klavier,
Lautenspiel und Passionen.
Today, today ...
Im Bereich des 20. Jahrhunderts, also verdammt nahe am Heute,
kommen dann Stravinsky, Mahler und auch Schönberg dazu.
Jetzt hätte ich beinahe Hindemith vergessen. Und Keith
Emerson, und Gentle Giant, und Yes, und Zappa, und Stefan
Raab? Übertreiben wir es nicht.
Fazit #1
Was bleibt: in der modernen Musik ist der Kontrapunkt so
integriert und verwoben, dass wir ihn nicht mehr eindeutig
indentifizieren können. Wir sind geradezu gewohnt, kontrapunktisch
zu hören. Alles andere scheint fast langweilig. Oasis
zum Beispiel. Bach (aber nicht nur er) hat gezeigt, dass die
Existenz in einem System, und die Integration darin nicht
zwangsweise zu einem Verlust an Freiheit und Fortschritt führt.
Man kann also auch Tanzmucke oder Top40 machen, ohne deshalb
die Modes zu vergessen, oder die 7sus4-Akkorde.
Entwicklung neuer Stile und Verfahren sind auch Kreativität.
Aber in der Hauptsache harte Arbeit, am Ball bleiben und Offenheit
für Ideen. Bach soll übrigens überwiegend im
Kopf komponiert haben. Soviel an die Adressen der Kollegen,
die behaupten, Theorie und Üben behindere die Kreativität.
Blödes Geschwätz und faule Ausreden.
Und: Verfahren und Methoden
Am Beispiel Die Kunst der Fuge lässt sich ganz
gut darstellen, was es so an Verfahren und Methoden bei der
Konstruktion von kontrapunktischen Linien gibt. Das ist zwar
noch nicht mal wirklich an der Oberfläche gekratzt, aber
immerhin. Man nehme ...
Ein Subjekt, einen Cantus Firmus
Und den klauen wir uns bei J.S.B, Contrapunctus VII,
aus Die Kunst der Fuge. Ein ganz kleines Stück
nur, er hat wohl nichts dagegen:
| Cantus Firmus: |
|
|
Und über diese Linie wollen wir nun vier Methoden zeigen,
wie man eine KP-Stimme entwickeln kann, und was dann auch
in die berühmte Hose geht: Stretto, Inversion,
Augmentation und Diminution.
Inversion
Das ist einfach. Dort wo sich der CF in einem Interval nach
oben bewegt, folgt die 2. Stimme in entgegengesetzter Richtung.
Welches Interval man nun nimmt, hängt vom Kontext ab.
Heisst: falls es quietscht, ersetze man das invertierte Intervall
duch das nächst tiefere oder höhere. Und sehe dann,
wie man weiterkommt.
| Inversion: |
|
|
Oh, das funktioniert ja ganz gut. Gekauft.
Augmentation
Man nehme den CF und erzeuge die 2. Stimme, indem man die
gleiche Linie in langsameren Notenwerten hinzufügt, meist
im Verhältnis 2:1 oder 3:1
| Augmentation: |
|
|
Aus, das passt ja wohl nicht so ganz am Ende. Passen wir
ein wenig an ...
| Augmentation2: |
|
|
Diminution
Dito, aber diesmal nicht längere, sondern kürzere
Notenlängen, aber auch 2:1 oder 3:1
| Diminution: |
|
|
Auch hier klemmt es etwas mit einem Intervall. Ersetzen wir
solche kritischen Intervalle durch Quarten, Quinten oder Oktaven,
also reine Intervalle.
| Diminution2: |
|
|
Und so merkt man, dass diese Verfahren eben nicht immer sofort
zu sauberen Ergebnissen führen. Was tun? Die Dinge aus
den drei Verfahren und die Ergebnisse aus dem vorherigen
Artikel zusammenfassen. So kommt man zu:
Stretto
Hauptsächlich basierend auf der Inversion, mit Ergänzungen
aus dem Intervall-Vorrat. Und so wird's sauber und es klappt
dann auch mit der Nachbarin.
| Stretto: |
|
|
Und was hat der Meister damit gemacht? Hier also noch die Fugen
so, wie Bach sie dann wirklich geschrieben hat:
| Contrapunctus I: |
|
| Contrapunctus II: |
 |
Im Vergleich der zwei Sätze wird deutlich, wie unterschiedlich
KP rhythmisch und harmonisch umgesetzt werden kann. Auch wenn man klassische
Musik nicht so abkann, kann man aus diesen Ansätzen lernen.
Hilft das denn?
Im Grunde ja. Schlüssel sind und bleiben die Intervalle.
Farben bleiben die Inversion und Anteile der obigen Geschwindigkeits-Varianten.
Und ich wusste vor ein paar Wochen noch nicht einmal, wie
man Kontrapunkt schreibt.
Ein weiteres Thema, das bei der Konstruktion von parallelen
oder kontrapunktischen Stimmen hilft, ist der Chor-Satz.
Dieser geht von der klassischen Aufgliederung eines Chores
in Sopran, Alt, Tenor und Bass aus und ordnet diesen Stimmen
tragende und begleitende Funktionen zu. Und er liefert Methoden
zur Konstruktion dieser Linien, meist als Bewegungen
bezeichnet. Teil der klassischen Harmonielehre.
Point Black nutzt diese Verfahren, jenseits von Perfektion:
| Point Black: |
|
|
So, ich glaube, das reicht jetzt auch mit dem Punctus Contra
Punctus. Aber gelernt haben wir ja hoffentlich ein wenig,
oder ... ? Und sei es nur, wie man statt Unisono und Quinten-Schiftereien
Bass/Gitarren-Parts ein wenig flockiger und interessanter
gestalten kann.
Fazit #2:
Contrapunkt ist eine grundlegende Sache in der modernen Musik,
also nix mit olles Zeug und so. Die Punker können es
sich vielleicht schenken. Die Tanzmucker auch. Der Rest, meine
ich, nicht.
Auch die Musik-Geschichte ist alles andere als langweilig.
Wenn man dann erst feststellt, dass in unserer HiTech-POD-DigitalAmp-2000Watt-Sampler-Musik
die harmonischen und strukturellen Ergebnisse des 16. Jahrhundert
wieder deutlich sichtbar werden ... da ist mehr als Mittelalter
und strenge Klassik. Was ich meine: schaut man sich die klassische
Harmonielehre mal im Detail an, stellt man fest, dass gerade
die, die sich von Konvention am weitesten zu entfernen scheinen,
am nächsten an den musikalischen Entwicklungen von 1600-1900
teilhaben. Die Jazzer, die ProgRocker, und ... die Grunge
People und Pop Rocker. Hört man hinterher, tauchen da
doch glatt wieder Chor-Satz und Bewegungssysteme desselbigen
auf. Teilweise unverfälscht. Die klassische Harmonielehre
hilft beim Verständis aktueller Musik. Ausser bei Tic-Tac-Two,
da nützt jarnischt mehr.
Ist Klassik langweilig? Zieht Euch mal Bach's Toccatas und
Orgelwerke rein, die Brandenburgischen Konzerte, die
Passionen. Da fliegt Euch aber der Draht aus der Mütze,
da ist Seele drin. Stravinsky's Feuervogel, Mozart's
Requiem (obwohl ich den Burschen sonst gar nicht ab
kann), Schönberg's Streichquartette. Aber nein,
Ihr wollt ja gar nicht wirklich.
Solltet Ihr aber ...
|