Reality Collection


Der Tag wird kommen

Der Tag der Wahrheit?

Also wenn man das nun alles hinter sich hat, die Anfangsschwierigkeiten, Songwriting lernen oder wirklich gut covern, mindestens jede zweite Note treffen, ja dann wird der Tag kommen, an dem man seinen ersten Auftritt hat. Wenn man Glück hat, in einer mittelgrossen Kneipe, wenn man Pech hat: in einem Stadion oder einem kleinen, ernsten Club. Das absolut Schlimmste: vor den besten Freunden, der Freundin/dem Freund, der Familie, oder der Jazz-Polizei. Dazu später mehr.

Für mich kam dieser Tag (nein, es war nicht der erste Gig, aber der erste nach vielen, vielen Jahren) eher überrraschend. Wir sollten nämlich auf einer Uni-Fete spielen, gerade mal 45 Minuten Set zusammen, vor Freunden und Freundinnen, und Familie, wenn auch nicht meiner eigenen. Mir war kotzübel. Aber ich habe es überlebt. Und ich habe noch einiges dazugelernt. Auch von den Aussensaitern.

Wie geht man's denn nun an?

Gut. Mal langsam. Also man kommt dann als Band an einen Auftritt. Termin steht? Ort steht? Publikum bekannt und irgendwie einschätzbar? Also ich meine Teenies oder Kutten oder Mitglieder des ansässigen Jazz-Clubs?

Wenn Termin und/oder Ort nicht stehen, vergesst es, das ist eine tote Sache. Wenn das Publikum unklar ist: spielt Ihr als Punk-Band auf einer Jahresfeier des Schützenvereins? Oder als Prog-Rocker in einer Alten-Belustigung? Na dann viel Spass. Wirklich planbar ist Publikum aber sowieso nicht. Uni-Feten und Open Airs sind immer irgendwo Vabanque-Spiele, aber ein Besuch in der Kneipe des Geschehens kann schon einen Eindruck bringen. Auch der Blick auf die Liste der anderen Bands, falls vorhanden. Man stelle sich das mögliche Szenario vor: Prodigy, Backstreet Boys und Ihr ...

Auch gut. Termin und Ort stehen, der Rahmen passt und der Veranstalter ist halbwegs zuverlässig. Dann ist es Zeit, sich an die eigene Nase zu fassen. Hier hilft das Aufstellen eines Schlachtplans, und der sollte folgendes umfassen:

Der Set

Der Set ist die Abfolge der Stücke, die Ihr spielen wollt. So einfach das klingt, birgt diese Liste ein paar Fussangeln erster Güte in sich. Denn die Stücke und ihre Abfolge beinhalten genauso wie Songs selbst die Möglichkeit, das Publikum mit einem Feuerwerk an Shreddereien zu ermorden, oder mit einer Arie von Balladen und Interludes einzuschläfern. Die Mischung macht's. Die Stücke und ihre Abfolge sollten Euch als Band repräsentieren. Sie sollten dem Publikum Erholungsphasen gepaart mit Anregung bieten.

Schaut Euch auch die Übergänge an. Ein Stück, das auf Bb endet, ohne Übergang mit einem Stück in A zu kombinieren, kann ziemlich schief klingen. Wenn jemand zwischen den Songs etwas ankündigt oder den Song erläutert: legt diesen Inhalt wenigstens sinngemäß fest. Wo werden die Bandmitglieder vorgestellt? Im Mittelteil oder am Ende des Sets sind übliche Gelegenheiten. Auch Pausen gehören dazu, wann und wie lange?

Macht von diesem Set und alles, was dazugehört, mittelgrosse Zettel für alle. Klingt trivial, is'ses aber nicht. Und nicht das Tesa vergessen, damit man die Zettelchen auch beliebig plazieren kann.

Aufbau/Abbau

Klärt mit dem Veranstalter, wann und wie Ihr aufbaut, und auch wieder abbaut. Teilen sich mehrere Bands Equipment? Gibt es eine gemeinsame geliehene PA? Sind Mikros da? Mikro-Ständer? Worum kümmert sich der Veranstalter? In einer Kneipe muss man damit rechnen, dass noch nicht einmal eine Steckdose in der Nähe ist, also Verlängerungskabel mit Verteiler nicht vergessen. Kabel sichern, gegen Vandalismus und als Versicherung, dass man nicht drüber stolpert und mit Getöse die Backline (Amps, Boxen, Racks) abräumt.

Eigene PA? Herzlichen Glückwunsch, aber ist sie auch bühnentauglich? Eine PA ist mehr als nur Mischpult und Amps und Multicore und Effektgeräte. Kabel für den Anpassungs-Fall dabei? Bei Bastelarbeit kann die PA noch mal viel Zeit beim Aufbauen kosten, also ingenieurmäßig vorgehen, sauber und übersichlich verkabeln, möglichst in einem Rack.

Wenn PA mit Mixer und allem PiPaPo als Leihgut: Wie werden die Amps abgenommen? Mikros? DI-Boxen? Line-Outs der Verstärker? Klären!

Gibt es was zu essen? Übernachtungsmöglichkeiten? Bekommt Ihr das, was Ihr mitnehmt, auch sicher in Eure Autos?

Diese Liste ist eine der endlosen. Setzt Euch zusammen und macht ein Brainstorming. Spätestens zwei Wochen vor dem Termin. Oder sucht Euch einen Gig-erfahrenen Kollegen. Macht Euch viele, viele Tage vor dem Auftritt eine Liste, was einzupacken ist, so dass Ihr es nur noch abhaken müsst. Dreissig Minuten vor der Proberaum-Entleerung werdet Ihr nicht mehr den Kopf frei genug haben.

Das Drumrum

Was ist mit Werbung für die Veranstaltung? Macht das der Veranstalter oder seid Ihr selbst verantwortlich? Wenn mehrere Bands spielen: optimal ist es, sich vorher abzusprechen. Vorher = vor dem Aufbauen.

Soundcheck (das ist, wenn man allein oder mit dem Mann am Mischpult sich gegeneinander in Sound und Lautstärke abgleicht): wer wann wie lange? Legt vorher, schon im Proberaum, Eure Sounds gegeneinander. Grummelnde, brüllende Marshall-Stacks gegen einen dünnen, mittenbetonten 12"-Bassamp geben Euren Songs kaum den richtigen Ausdruck.

Transport: nochmal, Zeitplan! Absprache, Raumplanung.

Bühne: wer steht wo? Wenn Ihr auf der Bühne an einer Stelle landet, wo Ihr Euch irgendwie unwohl fühlt, nehmt es nicht hin.

Chemie: von einem Auftritt sind alle betroffen. Alle packen an, und alle tragen ein klar definiertes Stück Verantwortung. Wenn einer den Boss mimt: hat er seine Kompetenz bewiesen?

Euer Kram

Und am Ende liegt's doch wieder bei jedem Einzelnen. Kümmert Euch frühzeitig um Euer Equipment und vor allem um's Instrument. Kaputte Kabel und aussetzende Potis können Nervenkrisen auslösen. Batterien laufen immer mitten im Solo leer. Um Gottes Willen nicht zehn Minuten vor dem Gig neue Saiten aufziehen; wenn, dann ein oder zwei Tage davor. Wenn das Instrument in Ordnung ist, lasst es auch so. Versuche noch hier oder da etwas zu verbessern, können verdammt in die Hose gehen.

Hier erleichtert auch das Vorhandensein eines Backup-Instrumentes das Leben. Es spielt sich etwas beruhigter, wenn man weiss, dass hinter dem Amp zur Not noch ein Ersatzinstrument steht, so dass eine Unterbrechung von weniger als einer Minute passiert, statt neue Saiten aufzuziehen. Habt Ihr kein zweites Instrument, fragt einen Kollegen. Is' ja nur für den Notfall. Und eine Drahtlos-Anlage, so dass die Kabelprobleme minimiert werden ist auch nicht übel. Ist aber kein Muss. Und darf auch keine neue Baustelle werden.

Habt Ihr das notwendigste Werkzeug dabei? Ersatzsaiten, -kabel und -Batterien? Verteiler? Stimmgerät? Gurte (ich sagte 'Gurt_e'!)? Ein Sänger ohne eigenes Mikro gehört erschossen.

Notenständer, Hocker und Getränkeflaschen gehören nicht auf die Bühne, schon gar nicht auf Amps oder Boxen, sondern höchstens an den Rand, oder hinter dem Drummer. Gaffa-Tape (ein starkes Klebeband) ist unverzichtbar. Höchstens Textil-Klebeband ist ein Ersatz. Legt vor dem Auftritt fest, wer sich um welche gemeinsamen Probleme kümmert, damit Eure Probleme auch Eure Probleme bleiben.

Und dann die Nerven

Bis hierher hat die Sache einen Vorteil. Man kann's aufschreiben und abhaken, man kann es diskutieren, man kann andere Leute fragen. An einem Punkt wird es dann aber doch kritisch, und das ist der Seelenzustand vor diesem Ereignis. Wer nun meint, dies sei eine Story der Amateure und Anfänger, der liegt daneben. Frank Zander, der Sänger und Entertainer, ist ohne zwei bis drei Kurze nicht auf die Bühne zu bekommen, und der Mann hat noch heute reichlich Auftritte. Martin Barre, der Gitarrist von Jethro Tull, hat mit dem reifen Alter von 50 Jahren und Hunderten von Gigs immer noch jedes Mal Lampenfieber, wie er in einem Interview zugegeben hat. Leute, von denen wir es nie annehmen würden, kämpfen jedes Mal mit der schieren Angst, Sänger, Entertainer, Moderatoren, Politiker.

Und das war der Punkt, an dem ich mich mal etwas näher umgehört habe. Vielleicht hilft es ja in Eurem Fall. In meinem hat es geholfen. Nicht 100%, aber immerhin.

Die eigene Erwartung und die unfaire Unterstellung

Warum ist man vor einem Auftritt nervös? Selbst wenn uns selbst die Antworten ganz sonnenklar zu sein scheinen, ignorieren wir unseren bisherigen Umgang mit Erfolgen und Misserfolgen. Und unser Nervenkorsett schlägt uns da leicht ein Schnippchen, indem uns gar nicht selten unsere inneren Vorgänge nicht bewusst sind.

So kann die Angst vor dem Auftritt einerseits die Angst vor einem Versagen sein, dass wir uns verspielen, dass wir dann nicht ernstgenommen werden, dass man uns lächerlich findet. Das versteht man auch. Und deshalb führt die Einsicht in diese Ängste nicht unbedingt zu einer Lösung. Was ist denn, wenn wir gar nicht das Publikum fürchten, sondern dass wir bei einem Versagen unser Selbstvertrauen und unsere eigene Einschätzung in Frage stellen? Wie gehen wir für uns ganz innerlich mit diesem Versagen um? Fürchten wir uns selbst viel mehr als die Jazz-Polizei am Tresen? Oder noch eine Möglichkeit: Haben wir uns bisher in einer bestimmten Weise dargestellt, vor der Band und den Kollegen, und fürchten wir die Offenbarung, dass da tolle Potemkinsche Dörfer aufgebaut wurden? So, wenn man nicht ganz ehrlich war und nun auf den Boden der Tatsachen zurückkommen muss.

Dann war da noch das Alter. Ich behaupte, es ist einfacher mit 18 zum ersten Mal vor Publikum zu stehen als mit 38. Warum? Weil zum einen die Wahrnehmung eine andere ist. Und weil man in seinem Sozialsystem anders integriert ist. Je mehr man in den Jahren fortgeschritten ist, desto mehr nimmt man seine Umgebung unter den eigenen Gesichtpunkten wahr. Bis so bis 70, dann merkt man überhaupt nix mehr ...

Die Möglichkeiten sind vielfältig. Ich bin aber trotzdem sicher, dass, wenn man vor dem ersten/nächsten Auftritt mehr als einfach nur Aufregung verspürt, da irgendwas nicht ganz kosher ist in der eigenen Einstellung. Und dass man da mal genauer hinhören sollte.

Barry Green hat da in seinem Buch The Inner Game Of Music sehr interessante Beispiele gebracht. Er beschreibt zum Beispiel eine Umfrage unter teilweise recht bekannten Musikern und ihre Probleme mit Lampenfieber und Versagens-Ängsten. Dabei stellt sich heraus, dass solche Probleme mit Vorerfahrungen zusammenhängen, die bis in die Kindheit zurückreichen und mit Eltern oder früheren Erlebnissen zusammenhängen. Wir erlernen im Laufe des Lebens bestimmte Wertvorstellungen, die oft mit Formulierungen wie 'man muss' oder 'man darf nicht' einhergehen. Gerade unsere Eltern, aber auch Partner oder enge Freunde haben an diesem Punkt sehr großen Einfluss. Aus diesem System bilden sich zwei Fronten: Anforderungen, die von aussen zu scheinen kommen, und unser inneres, wesentlich freieres Empfinden. Diese fehlende Balance kann sehr schnell zu einem Stolperstein werden, weil sich diese Vorerfahrungen verselbstständigen und verzerrt werden. Ich formuliere es mal ganz drastisch: 'Wenn ich auf der Bühne versage, wird man mich nicht lieben und/oder mich auslachen'. So rational unsinnig dies erscheint, unsere Seele arbeitet mit solchen Prinzipien. Auch mit dem Bass oder den Sticks in den Händen.

Genug der psychologischen Beratung. Ein paar Punkte dazu:

  • Erlaubt Euch, zu versagen. Rechnet mit dem Versagen, auch Satriani und Stu Hamm versagen. Nicht das Versagen ist schlimm, sondern nur Eure Vorstellung, was daraus entstehen könnte.
  • Wenn Eure Hände schwitzen, lasst sie schwitzen. Wenn Eure Hände zittern, lasst sie zittern. Wenn Eure Knie versagen, setzt Euch irgendwo hin. Ob Ihr es glaubt oder nicht: niemand wird es bemerken.
  • Lasst das, was ist, auch sein. Verdrängt keine Probleme oder Mankos. Vergebt Euch selbst, stellt Euch nicht selbst an den Pranger.
  • Schafft Euch 'pit holes'. Wenn Ihr glaubt, dass Ihr den Faden verliert oder ein Black-Out droht: schaut auf Euer Griffbrett, oder auf den Drummer (ja, das meine ich sehr ernst ...), dreht Euch einen Moment vom Publikum weg. Drängt die Aussenwelt zurück und konzentriert Euch nur aucf Eurer Spiel. Was Euch als endlose Zeit erscheint, ist für alle anderen der Bruchteil einer Sekunde. Nehmt Euch Raum. Ihr habt ein Recht auf Nervosität und Angespanntsein!
  • Wenn Ihr eine Situation als angsteinflößend und bedrohlich empfindet: welche andere Situation kommt Euch in den Sinn? Hört auf Euer Inneres, nicht auf das, was zu sein scheint.

Die Aussensaiter

Und dann habe ich noch die Aussensaiter gefragt, was sie denn so dazu meinen. Es gab eine Menge Antworten, einige habe ich beispielhaft übernommen, und ich glaube, sie sind sehr nützlich.

Bernd:

Rezepte gegen Lampenfieber? Man kann da viel erzählen und Du kannst Dir auch viel vornehmen. Sobald ihr da steht und spielt, wird alles mehr oder weniger unbewußt ablaufen. Einzelne Tips wirst Du vergessen haben. Es kommt darauf an, daß die Grundeinstellung stimmt. Die Grundeinstellung sollte heißen: "Wir machen das zum Spaß, und den wollen wir auch haben". Versucht Spaß daran zu haben.

Wenn Ihr Euch verspielt, grinst Euch an. Wenn ihr selbst Spaß dabei habt, dann kommt das auch rüber. Bei mir ist das so, daß ich kurz vor'm Auftreten immer noch leicht nervös bin. Diese Nervosität brauche ich aber, damit ich konzentriert bin. Ich kann mich an Gigs erinnern, wo ich vorher völlig ruhig war, und dann hab ich immer am beschissensten gespielt.

Oly:

Im Ernst - ich spür zwar 'ne gewisse positive Spannung, die aber daraus entsteht, daß ich endlich auf die Bühne will. Erstmal kann ich dem beipflichten, was die anderen schon gesagt haben, aber hier noch zusätzlich meine 'psychische' Einstellung: Da draußen (im Saal) sind in der überwiegenden Mehrheit Leute, die besser sehen als hören. D.h. für mich in erster Linie: egal was ich wie spiele - wenn ich dabei lache, die Leute angucke, meinen Spaß an der Sache 'rüberbringe, kann ich mir sicher sein, daß es den Leuten gefällt. (Lachen und Spaß haben muß ich auch nicht proben und falsch machen kann ich dabei auch nichts.)

Mit dieser 'Sicherheit' ausgestattet, spiel ich automatisch unverkrampft und dadurch auch fehlerfreier. Eine weitere Sicherheit gibt mir auch meine Band - wenn irgendwer Mist baut, wird weder böse geguckt, noch rumgepöpelt und in 99,9% aller Fälle noch alles so hingedeichselt, daß es keiner merkt (z.B. wenn unser Sänger der felsenfesten Überzeugung ist, daß jetzt der Refrain und nicht die Bridge kommt). Ich hatte es grad schonmal im Chat erzählt: Wenn mir mal beim Solo nix mehr einfällt, geh ich halt in's Publikum, schnapp mir die Hand einer Frau und leg ihren Zeigefinger auf's Griffbrett - klingt dann zwar Sch..., aber die Leute denken trotzdem, was für'n toller Gitarrist ich bin ;-))

Ich will damit nicht sagen, daß man den absoluten Müll spielen kann (und das will ja auch keiner), aber es gibt so'n paar kleine Sachen, mit denen man sich aus 'Notsituationen' befreien kann. Nebenbei bemerkt: Show is für mich nicht gleich Show und das peinlichste sind für mich Poser, die sich in Positur stellen und dann falsch spielen. Ok - selbst wenn sie richtig spielen, find ichs peinlich ;-))

Situation Bass-Solo: Sollteste dich wirklich so dermaßen verhauen - hör auf und erzähl den Leuten mit deinem strahlendsten Lächeln, daß du diesen Fehler extra eingebaut und jahrelang geübt hast, um zu sehen, ob die Zuschauer es auch merken (oder halt irgend 'nen anderen Quatsch). In dem Moment, wo du weißt, wie du dich aus der Klemme befreien kannst, passieren dir immer weniger Fehler. Was ich mit dem ganzen Kram jetzt sagen wollte - natürlich soll man versuchen, so gut und fehlerfrei wie möglich zu spielen (viel üben, proben und auftreten nutzt da 'ne ganze Menge), aber wenn ich weiß, was ich machen kann, wenn was schief geht, bin ich ganz enorm von den Versagensängsten befreit. Ansonsten - auch von mir festes Daumendrücken.

Manuel:

Ansonsten meine persöhnliche Erfahrung: Wenn man im Übungsraum mit 70% Einsatz 100% Resultat erhält, ist man für den Ernstfall gewapnet.

Silivio:

  1. Du sollst cool bleiben
  2. Du sollst dir dein Publikum in Unterwäsche vorstellen (Ehrlich!!! Das hilft!)
  3. Du sollst weder Alkohol trinken noch Marihuana rauchen vor dem Auftritt ... schon mal etwas peinlicheres als eine Band gesehen, die besoffen/bekifft auf der Bühne steht?
  4. Du sollst wissen, dass DU deine Musik kennst und jeden Fehler hörst, dein Publikum aber gar nichts oder etwas total anderes hört. Ich weiss ja nicht was für Musik du spielst, aber sei dir bewusst ... dein Publikum wird gar nichts oder andere Dinge als du als falsch empfinden.
  5. Du sollst nicht hören auf die Polizei der Musiker ... die kritisch mit verschränkten Armen hinten an der Bar steht ... was die sagen interessiert keine Sau. (...hm...ausser es ist SONST KEIN PUBLIKUM dort...!!!)
  6. Du sollst vorher gut essen
  7. Du sollst Ersatzsaiten, Imbusschlüssel, Kabel, Noten, Schraubenzieher, Ersatzgitarre mit auf deinen Weg nehmen. (eigentlich selbstverständlich...)
  8. Du sollst lachen wenn alles schiefgeht
  9. Du sollst dich verlassen können auf deine Band.
  10. Du sollst Spass haben und dich für jede Tomate und jedes Ei einzeln bedanken!

Winni:

Zum Essen würde ich noch anmerken, daß man auch nicht "zu gut", also Sachen die dann schwer im Magen liegen essen sollte. Welchen Punkt ich noch besonders wichtig finde, ist daß man sich auf die Mitmucker verlassen können muß. Das gibt eine ganz andere Sicherheit, als wenn man das Gefühl hat wenn man sich vermuckt, gerät die ganze Band aus dem Takt.

Daß das Publikum die Fehler, die man selber wahrnimmt nicht hört, kann man ganz leicht feststellen, wenn man in paar nicht muckende Freunde mal fragt, ob sie den Eindruck hatten irgendwas wäre schief gegangen: Dei kommen immer mit den Situationen, wo man auch was sieht (Saite gerissen, hektisch bis lange in den neuen Part auf dem Streßbrett rumgesteppt oder so) oder mit Stellen wo man so stolz auf die gelungen eingesetzten etwas "anspruchsvolleren Harmonien"
ist, oder mit Stellen, wo rythmisch etwas arg nicht stimmt. Falsche Töne in Maßen hört (fast) keine Sau, auch wenn man mal einen Partwechsel verschnarcht fällt das nur auf, wenn starke Dynamiksprünge oder ein rythmischer Wechsel damit verbunden ist. Und: live sind kleine Patzer so schnell vorbei, daß sie über den Gesamteindruck völlig vergessen werden. Ich würde sogar sagen, daß eine Band, die sich dauernd verspielt, aber tight ist und grooved vom Publikum als wesentlich fähiger (und korrekter spielend) wahrgenommen wird, als eine Band, die "klappert".

Ein bischen Lampenfieber ist ja auch gar nicht so schlecht, zeigt es einem immerhin, daß man die Sache ernstnimmmt und motiviert zur gründlichen Vorbereitung. Überhaupt, wenn man das Gefühl hat, man kann in jeden Song den man spielen muß nach spätestens einem oder zwei Takten (reflexmäßig, also ohne Nachdenken) einsteigen und wissen kann wo man ist, gibt einem das auch eine gewaltige Sicherheit. Nicht gut dagegen, wenn man irgendwo immer mit Partwechseln hadert, oder überlegen muß wie der Part denn jetzt war. Das kommt zwar bei neuen Stücken dann doch immer mal wieder vor, ist aber eigentlich Mist.

Es hilft übrigens auch bei anderen Gelegenheiten etwas vor Publikum zu machen. Ich hatte zum Beispiel in den letzten Jahren die Möglichkeit regelmäßig Schulungen durchzuführen, bei denen dann so zwanzig Leutchen aus verschiedenen Gebieten (Metalltechniker, Zahnärzte, Studenten, ...) da saßen, die für einen zweitägigen Kurs irgendwas um die eineinhalb Kilomark gelöhnt hatten. Das gibt einem eine unheimliche Routine sich vor anderen Menschen zu produzieren, und man kann es irgendwann besser als nur für sich allein, weil dann der "Kick" fehlt. Wenn Du also die Möglichkeit hast irgendwas vor "Publikum" zu machen (und sei es auch nur irgendeine pfiffige Geschenkpräsentation auf einer Geburtstagsparty), tu das!


Prof. Dr. mus. phil. Rainer B. würde dieser Liste noch hinzufügen:

  • Wenn irgendwie möglich, schaut Euch vorher die location, den zukünftigen Ort des Auftrittes an. Erstens verhindert das falsche Vorstellungen, zweitens erleichtert es die Planung. Ist es eine Kneipe oder ein Club, dann schon vorher mal ein bis zwei Bierchen dort genehmigen. So seht Ihr dann auch Euer (wahrscheinlich) zukünftiges Publikum. Macht Euch etwas vertraut mit dem Raum und seiner Ausstattung, so dass er Euch dann am besagten Tage nicht mehr fremd ist.
  • Seid mit dem Kopf in der Musik und bei Eurem Instrument, nicht im Publikum, das ist wichtig. Schottet Euch ein Stück ab. Ihr werdet nur dann das optimale Ergebnis erziehlen, wenn Ihr Euch voll auf das konzentriert, was Ihr tut, nicht dadurch, dass Ihr das Publikum erforscht, was eh nicht möglich ist, denn Ihr werdet nur Euch selbst wahr nehmen, nicht die Menschen vor Euch.
  • Ihr hört nur einen Teil des gesamten akustischen Ergebnisses, Ihr sein nur ein Bruchteil des Ganzen. Demnach kann ein Fehler von Euch auch nicht das Ganze stören.
  • Gebt Euch eine Sicherheit, indem Ihr das Material übt, bis Ihr es auch ohne den Rest der Band komplett abspulen könnt. Die Sicherheit aus diesem Üben und aus der Verlässlichkeit Eures Equipments schafft Euch viel Stress vom Hals.
  • Ignoriert die Trottel und Hetzer an der Theke. Die kühlen sowieso nur ihr Mütchen für ihre eigene Unfähigkeit.
  • Wenn die Zeit dazu da ist, gönnt Euch einen kleinen Spaziergang oder ein paar ruhige Minuten irgendwo in einer stillen Ecke. Nehmt Euch eine mentale Auszeit. Plant Zeit für Unerwartetes ein.

Finger weg von, wie schon gesagt, Alkohol und Stoff, ebenso keine Medikamente außer 'harmlosen' Sachen wie Baldrian-Präparate. Einige Leute schwören in solchen Situationen auf Rescue Remedy, ein Mittelchen aus der Bachblüten-Therapie, oder auch auf homöopathische Mittel. Solche Hilfsmittel haben den Vorteil von Null Nebenwirkungen, falls sie also nicht wirken, kann man auch nix falsch machen.

Also ich habe bestimmt wieder die Hälfte vergessen ... aber das ist Eure Lernkurve.

Wie mein Auftritt gelaufen ist? Ich habe zum ersten Mal die PA allein ab- und wieder aufgebaut. Keine Saite ist gerissen, kein Kabel war kaputt. Ich war nervöser als bei meiner Hochzeit und der Geburt meines ersten Kindes zusammen. Habe mich nur einmal wirklich verhaspelt, einen Einsatz verpasst. Das Publikum hat gar nichts gemerkt, der Rest der Band nur so gerade eben. Es ist gut gelaufen, ich war fast mit mir zufrieden ...

Und O//i meinte:

Boah ey, datt sehe ja jetzt erst. Da geht's ja um unseren Muenster-Gig ! Da fehlen aber im Nachbericht noch einige Punkte, wie z.B. der Basser, der nach dem Gig mit dem Proberaumschluessel unauffindbar war, der Gitarrist, der der Wegbescheibung des Sängers vertraute ("auf den Ring und immer geradeaus..." HarHarHar ..), dem dann noch auf einer dunklen Ausfallstrasse fast ein Alki vor die Karre lief, der dann um 4:00 die Bassamps und die halbe PA alleine zurück in den Proberaum wuchten durfte, nicht zu vergessen die chaotische Anfahrt... ;))) Aber der Gig an sich war gut :)


Na denn ...

 
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