The Reality Collection


Immer wieder gern genommen ...

Cover-Stücke

Das englische Wort cover bzw. als Verb to cover bezeichnet über die Grundbedeutung 'bedecken', 'abdecken' hinaus auch 'tapezieren', 'belegen' oder sogar 'beziehen' in Sinne von 'einschlagen'. Interessanter noch wird die Bedeutung, wenn man auf den Begriff cover in der Medienlandschaft stößt. Da taucht dann u.A. der Begriff coverdisc auf; dies ist eine CD, die z.B. einer Zeitung oder einem Magazin beigelegt ist. Das cover in diesem Moment ist der Einband, die Hülle eines geschriebenen Werkes, sei es Buch oder Zeitschrift. Wer würde nicht schon gerne auf dem cover des Rolling Stone oder von Vanity Fair erscheinen? Hier ist das cover das Deckblatt, die Titelseite. Alles plausibel, denn das cover bezieht oder bedeckt so zu sagen das Buch oder die Zeitschrift, es ist der Einband, die äußere Hülle. Wie die Tapete eine Hülle, eine Bedeckung für die Wände. Und dann kommt man dem Kern der langen Einführung näher: ein coversong ist ein Stück in einem neuen Gewand, in einer neuen Hülle, einem neuen Umschlag, so to speak.

Keiner soll bitte erzählen, er würde niiiiiiiiieeeeeee im Leben Cover spielen. Jeder hat am Beginn seines musikalischen Einstieges und seines Ausstieg aus der Realität mal Songs bekannter und weniger bekannter Bands nach gespielt. Die Youngsters eher Stoppok oder Pur, die Oldies eher Led Zeppelin oder Cream. Und da es für viele beginnende Bands in allen Altersschichten in der Regel so ist, dass man sich mit dem Nachspielen vorhandenen Materials erst einmal so beschnuppert und warm spielt, dachte ich, dass ein paar nette Worte zu diesem Thema, und ein paar Beispiele, nicht schaden können. Das fiel mir auch so ein als es um Bandgründung, Auditions und diesen Quark ging. Aber Covers sind mehr, können viel mehr sein als das bloße Reproduzieren der kreativen Ergüsse einiger Altvorderen. Aber mal alles der Reihe nach ... (ich liebe diese drei Punkte, schon aufgefallen?)

Was da schon war und was werden könnte

Covern ist so zum Anfang das bloße Nachspielen eines schon vorhandenen, fremden Songs (Paul McCartney meinte über John Lennon, nur John selbst könnte sich wirklich covern). Geht das Material technisch nicht über das hinaus, was man so auf der Pfanne hat, erscheint die Sache simpel. In der Realität = Proberaum zeigt sich, dass es so einfach nicht ist. Und das aus verschiedenen Gründen.

Nehmen wir einen x-beliebigen Song und hören uns mal die ersten Sekunden davon an.

Some Texas blues

Eigentlich ganz simpel, oder? Nimmt man sich das Stück vor und spielt es im Proberaum nach, kann sich jedoch ein ganz schales Gefühl einschleichen. Man bekommt den Song nicht so recht hin, oder es groovt nicht, oder es klingt flach und eindimensional. Warum ist das so? Macht man die Ohren ganz weit auf und hört weniger dem Stück selbst hinterher, sondern dem Sound und Klangeindruck, stellt man fest:

  • Obwohl hier ein Trio spielt, sind drei Gitarren zu hören, später im Solo sogar vier, also heftige Overdubs
    (nachträglich eingespielte Spuren des gleichen oder zusätzlicher Instrumente)
  • Die Spuren der Einzelinstrumente sind jeweils mit satt Hall und Stereo-Expander hinterlegt
  • Die Stimme des Sängers ist nicht reproduzierbar, es sei denn man tut sich Unmengen Jack Daniels und Camel an
  • In dem Ergebnis auf der CD stecken Liter Blut, Schweiß und Tränen professioneller Ton-Ingenieure
    sowie die Spuren eines sehr guten Mastering-Tools
  • Nicht zuletzt: das sind drei hochkarätige Musiker mit bald 100 Jahren Erfahrung in den Gesichtsfalten

Aber woran wir uns, auch unbewusst, orientieren, ist das Stück wie es von der CD kommt. Und diesen Stand können wir niemals erreichen! Aber das wird vielleicht gar nicht klar, wir versuchen das Original zu erreichen, was zwangsläufig schief gehen muss. Damit laufen wir in's Leere und handeln uns eventuell sogar eine Menge Frust ein. Aber wie anders?

Es gibt Bands, deren ganzes Ziel ist es, die Originale so weit wie irgend möglich zu reproduzieren. Beispiele sind die Silver Beatles oder Musical Box. Oder Mayqueen. Dazu treiben die Leute einen ungeheuren Aufwand, suchen sich die Original-Instrumente und -Amps der Vorbilder zusammen, reisen den ehemaligen Bandmembers hinterher und interviewen sie zu Details aus den Studios und der jeweiligen Zeit. Unter diesen Umständen kann man eventuell das Original knapp erreichen oder sich wenigstens annähern. Wir Amateur-Dödels aus Stuttgart oder Berlin oder Mauthausen oder Radebeul werden das nicht schaffen. Somit aus der Traum vom tollen Coversong? Mitnichten. Wir müssen nur einen etwas anderen Weg gehen. Und auch diese Wege sind von Profis beschritten und für gut befunden worden.

The way out of whatever

Ein kurzer rechtlicher Hinweis

Das Urheberrecht schützt Werke von Autoren, so auch von Musikern. Interessanter Weise sind in musikalischen Werken Akkordfolgen nicht schützbar, sondern nur Texte und Melodien. Und so hat auf Musik die GEMA ihre Finger in Spiel und ist für die pakuniäre Behandlung der Aufführung von Musik zuständig. Sobald wir also von einem Autor ein Stück übernehmen und aufführen, und sei es nur in der Kneipe nebenan, haben wir Gebühren an die GEMA abzuführen. Und für unsere Coverstücke trifft das vollends zu, bitte darauf achten.

Die Schlussfolgerung, dass man nun einfach ein Stück nimmt, die Akkordfolge beibehält und eine neue Melodie und einen neuen Text dazu strickt, schützt uns vor der GEMA, allerdings wird dann das Stück keiner mehr dem Original zuordnen können. Und dann ist es auch kein Coverstück mehr.

Ein kurzer musikalischer Hinweis

Wollen wir eines oder mehrere Stücke covern, kommt die Frage nach dem Warum auf. Man sollte sich diese Frage ernsthaft stellen, die Bandbreite der möglichen Antworten ist groß. Entweder um sein eigenes Programm ein wenig zu strecken. Oder um ein paar Reißer im Set zu haben, die das Publikum ein wenig anheizen. Oder man spielt nur Coversongs, wie es die Top40-Bands oder Tanzbands tun. Oder einfach nur zur Übung oder for fun. Ich für meinen Teil betrachte Coversongs unter dem Aspekt der Auffrischung eigenen Programms bis zum Gestalten eines kompletten Sets mit möglichst bekannten, aber nicht zu bekannten und/oder flachen Chanties. Letzteres habe ich zum ersten Mal im Trio mit Gitarre und Piano gemacht, es war ein Heidenspaß. Und es forderte die Kreativität mindestens genau so heraus wie Selbstschreiben von Stücken.

Die Frage nach dem Warum ist auch maßgeblich dafür, wie man an die Stücke heran geht. Um Highlights zu setzen oder als Aufwärmer sieht die Sache noch anders aus als für's Komplett-Programm. Und in der Mischung mit eigenen Stücken stellt sich schnell die Frage nach Konsistenz des Sets. Es kann sogar sein, dass man mit den ersten Coverstücken und dem folgenden eigenen Programm Abbrüche schafft, die das Publikum enttäuschen. Darum sollte man sich um das Einbringen von Coversongs genaue Gedanken machen, ob es passt und wie es passt.

Ein weiterer kritischer Punkt liegt darin, ob man als Band seinen eigenen Sound und Feel hat oder ob die Sache noch im Unklaren steht. Ist man als Band schon länger zusammen und nähert sich dann aus welchen Gründen auch immer einem Cover, muss das fremde Stück zuletzt im Sound & Feel der Band so auftauchen, dass es nicht heraus fällt, nicht fremd wirkt. Im Idealfall klingt das Coverstück dann wie von der Band selbst. Das ist das, was ich oben mit der Konsistenz des Sets meinte.

Die Variablen

Unter diesen Gesichtspunkten kann man dann anfangen, das fremde Stück zu verwursten. Da wir, wie oben geschildert, das Original nicht erreichen können/wollen/sollen/dürfen, müssen wir das Stück verändern. Nicht verändert werden soll(t)en, um das Stück weiter erkennbar zu halten:

Die Melodie, gesanglich oder instrumental; diese identifiziert das Stück.
Der Text, dito.
Der grobe Ablauf; kennt das Publikum das Stück, erwartet es auch in etwa den gleichen Ablauf.

Wohl aber veränderbar sind, da sie obige Punkte nicht berühren:

Das Tempo (schneller, langsamer)
Die Tonart (kann für die Vokalisten sogar notwendig sein)
Das Metrum (Pop-Song im Reggae-Shuffle, Klassiker im Metal-Headbanger-Zweiviertel)
Die unterliegenden Akkorde (Melodie und/oder Text tragen das Stück)
Die Instrumentierung (vom Trio zum Orchester, von der Band zur One-Man-Show)
Der Sound (weil eine andere Band den Song nun spielt)

Es kann sogar wesentlich einfacher sein ein Stück aus einer ganz anderen musikalischen Ecke zu missbrauchen, als eventuell einen Rock-Klassiker in einer Rockband. Je mehr das Stück verfremdet wird, ohne den notwendigen Wiedererkennungswert zu schmälern, desto eher wird es dann auch ein 'echter' Coversong. Geliehen, aber nicht geklaut. Und besser gut geklaut als schlecht selbst gemacht.

Speibiele

Beispiel #1 ist ein Exempel für Cover verbunden mit einem ziemlichen Spartenwechsel. Das Original stammt aus so ungefähr der gleichen Zeit wie die Coverversion, allerdings ist die Coverband eine der ersten Heavy-Bands dieser Zeit, Anfang der 70er-Jahre: Spooky Tooth (von The Last Puff).

Original
Fälschung
Doch wohl bekannt

Ein Stück aus einem Folk-, Pop- oder Songwriter-Umfeld in Rock oder sogar Metal zu überführen ist eine beliebte Methode. Aber es muss gar nicht immer eine stilistische Distanz aufgebaut werden, auch innerhalb des gleichen Genres kann interpretiert und variiert werden. Roy Harper ist eher der Folk-Ecke zuzuordnen, aber er kann auch einen Folk-angehauchten Song in seiner eigenen Weise covern (in diesem Fall auf dem Jethro Tull Tribute-Album To Cry You A Song):

Original
Fälschung

Auffällig ist hier neben der anderen Instrumentierung, dass das Original in scheinbar anderer Rhythmik da steht, Roy Harper es aber einfach nur im Picking spielt. Damit bekommt die Sache einen anderen Feel. Geänderte Instrumentierung + andere Rhythmik, noch ein Kochrezept. Das oben erwähnte Album ist übrigens auch eine Fundgrube für das Thema Coversong. Magellan, Keith Emerson, John Wetton, Echolyn und viele andere Große covern, was das Zeug hält, aus einer Quelle. Solche Tribute-Alben sind oft gute Quellen für Anregungen.

Dass sogar das Cover besser als das Original werden kann, kommt öfter vor. Nun liegen zwischen den beiden Aufnahmen zwar viele, viele Jahre, aber die Verjüngung tut dem alten Stück ganz gut (aus Encores, Legends & Paradox).

Original
Fälschung

Die auffälligste Änderung ist zuerst Jerry Goodman, der mit seiner Teufelsfiedel den Melodiepart übernimmt. Aber beim zweiten Hinhören fällt noch auf, dass zwar die Melodie annähernd die gleiche ist, der Background und sogar die Begleitakkorde, vor allem aber die Basslinie wesentlich verändert wurden. Was beweist, wie stark die Melodie der Wiedererkennung dient. Solange die Melodie wiedererkennbar ist, bleibt der Ursprungssong präsent.

Zuletzt noch der Beweis, dass Finnen nicht nur fälschlicher Weise behaupten irgendwelche Kräuter-Bonbons erfunden zu haben, was dann aber die Schweizer waren. Nein, sie scheuen auch nicht vor Interpretation klassischen Materials ihrer Region zurück (wenn man Finnland und Norwegen mal einer Region zuordnet) und spielen es auf diabolischen Cellos:

Original
Fälschung

No comment. Eines der heftigsten Cover jemals. Das Orginal ist übrigens Edvard Griegs 'In der Halle des Bergkönigs' aus der Peer Gynt Suite. Hört man sich beide Versionen komplett an, stellt sich Apocalypticas Version in der Stimmung sehr verwandt heraus. So heftig es auch klingt, sie haben den Feel des Originals beibehalten. Apocalyptica haben sich sonst mehr auf das Covern von Metallica-Songs spezialisiert, sind aber auch vor eigenwilligen Interpretationen von Klassikern nicht fies. So kann man denn auch als reine Coverband ein ganz eigenständiges stilistisches und musikalisches Bild abgeben.

Zurück zum Ursprung. Das Coverstück als Highlight im ansonsten selbstgebackenen Repertoire. Das machen auch die, die es gar nicht nötig haben, z.B. Alanis Morissette unplugged.

Original
Fälschung

Auch hier hat sich der Background gehörig gewandelt. Klar, im Original ist es Piano, dann aber Gitarre. Das konnte sie gar nicht 1:1 übernehmen. Aber wie sie das gemacht hat, finde ich ausgesprochen clever. Und doch wieder der gleiche Effekt, der anzustreben ist: das Stück wird im Intro noch nicht sofort erkennbar. Erst nach den ersten Noten der Melodie und den ersten Fragmenten Text ist klar, was das für ein Lied ist und wer es ursprünglich geschrieben hat. Die Reaktion des Publikums ist eindeutig.

Genug der Worte

Ich hoffe, dass die Beispiele ein wenig gezeigt haben, wie man an Covers heran gehen kann und was der Kern der Interpretation ist. Und was so einfache Kochrezepte sind, um daran zu gehen. So unterschiedlich die Ergebnisse sein können, ist das «gute» Covern eine kreative und aufwändige Herausforderung, die dem Schreiben eigener Songs nicht sehr viel nach steht. Dem Werk eines anderen Musikers seinen eigenen Stempel auf zu drücken, ohne den Ursprung oder den Feel zu zerstören, ist die kleine, aber schwer zu überwindende Hürde. Einfach nur nachspielen, und das mit dem Anspruch der Autentizität und Perfektion, führt in fast allen Fällen nicht zum Ziel.

Will man ein Stück als Cover verwenden, steht davor die intensive Beschäftigung mit der Quelle und den markanten Kennzeichen. Ist es tatsächlich nur die Melodie und/oder der Text? In der Tat finden sich auch gerade in rockigen Welten Stücke, deren wichtigstes Merkmal ein bestimmter Riff oder eine Akkordfolge ist (warum fällt mir jetzt gerade Owner Of A Lonely Heart ein?). Was ist unverzichtbar und was ist modifizierbar? Wie transformiere ich dies in meine eigene Welt? Was würde wohl der Autor von meiner Version halten? Kann ich das Stück in mein Programm integrieren und fühle ich mich wohl dabei? Was auch heißt: ist die gesamte Band mit dem Song einverstanden?

Ich trauere meiner Coverband, die am Ausstieg des Gitarristen gescheitert ist, immer noch hinterher. Es war bisher das Beste, was ich musikalisch gemacht habe, auch wenn ich mir die Finger wund gespielt habe. Soll mir noch einer erzählen, er würde niemals in einer Coverband spielen, habe ich auch mal gesagt ...

 
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