Acoustic Collection


Acoustic Corner, Teil 2: Stegtonabnehmer

Das externe Mikrofon macht auf der Bühne nicht jeden glücklich. Versuchen wir es anders.

Nimmt mir mal einer den Ton ab?

Es gibt verschiedene Arten von Tonabnehmern, mittlerweile haben sich piezokeramische Pickupsysteme durchgesetzt, die man meistens kurz Piezos nennt. Der Großteil der schon mit Tonabnehmer ausgerüsteten Akustikgitarren wird mit Piezosystemen ausgestattet. Zu den anderen Tonabnehmern und Kombinationen mehrerer Systeme später mehr. Die Piezotonabnehmer, die unter oder anstelle der Stegeinlage eingebaut werden, basieren auf piezokeramischen Kristallen. Dieses Material hat die Eigenschaft, unter Druck und unter Reibung Spannung abzugeben. Jeder Hersteller hat hier seine besondere Methode, die Kristalle einzubauen, anzuordnen oder zu bearbeiten. Diese Methoden sind immer innovativ, mindestens aus der Raumfahrttechnik und denen der Konkurrenz weit überlegen. Nebenbei bemerkt gibt es mittlerweile Stegtonabnehmer, die nach Herstellerangaben NICHT auf Piezobasis arbeiten. Gut, soll sein, mir ist auch egal, wie es funktioniert - so lange es gut klingt!

Es gibt sogenannte passive und aktive Systeme. Aktive Systeme verfügen neben dem Pickup, Buchse und interner Verkabelung auch noch über einen Vorverstärker, gerne auch Preamp. Dazu gleich mehr.

Und jetzt aufgepickt

Soviel erst einmal zum theoretischen Hintergrund, hinein in die Praxis. Piezos klingen unnatürlich, der Klang ist kalt, hart und spitz. Wer so etwas erzählt, hat vielleicht den Piezosound vor Urzeiten im Kopf und schon lange keine neuen Piezosysteme gehört. Die Zeiten, in denen Piezosysteme eher an ein kaputtes Cembalo erinnert haben, sind nämlich lange vorbei. Die klanglichen Ergebnisse aktueller Piezosysteme sind mehr als brauchbar, teilweise klingt es sogar richtig gut. Das soll aber nicht bedeuten, dass wir jetzt einfach ein Kabel in die Ausgangsbuchse stöpseln und zufrieden sein können. Mit ein paar kleinen Tricks läßt sich der Sound nämlich noch deutlich verbessern.

Wichtig sind erst einmal gut eingespielte Saiten. Ja, richtig gelesen, alte Saiten, die akustisch schon nicht mehr ganz brillant, sondern eher "gebraucht" klingen, ergeben verstärkt einen wärmeren Sound. Es ist totaler Unsinn, vor einem Auftritt brandneue Saiten aufzuziehen, um einen besseren Sound zu erreichen. Verstärkt klingt das nämlich meist nur unangenehm spitz. Das ist genau der klirrige Sound, der Piezosystemen häufig vorgeworfen wird. Wegen neuer Saiten dann im späteren Signalweg die Höhen abzusenken, macht den Sound nicht viel besser. Eingespielte Saiten sind die deutlich bessere und auch billigere Lösung. Nur der Vollständigkeit halber der Hinweis: Aus akustisch schon "toten" Saiten läßt sich natürlich kein vernünftiger Sound herzaubern.

Für die Sicherheitsfanatiker noch ein Tipp: Ein Satz "angespielter" Saiten gehört in den Gitarrenkoffer. Falls sonst auf der Bühne eine Saite reisst und zwischen den angespielten eine neue Saite aufgezogen wird, klingt´s furchtbar!

Und noch mehr Elektronik

Elektronische Helferlein, sprich Effektgeräte, können den meisten Tonabnehmern zu absolut überzeugenden Ergebnissen verhelfen. Auch wenn sich die Puristen mit Grausen abwenden, es klingt mit manchen Effekten paradoxerweise natürlicher als ohne.

Piezosysteme nehmen ja die Gitarre nur an der Stegeeinlage, also einem einzigen Punkt ab. Beim rein akustischen Spiel hören wir dagegen Soundreflexionen der gesamten Gitarre und teilweise des Raumes. Dem verstärkten Klang fehlen diese Soundreflexionen, daher fehlt etwas die Fülle des Sounds. Wenn es voll und weich klingen soll, holen wir uns die Soundreflexionen einfach aus Delay- oder Reverbeffekten, also Echo- oder Hallgeräten. Es geht jetzt absolut nicht darum, ständig die Hallverhältnisse des Kölner Doms oder des eigenen Badezimmers zu simulieren, sondern nur um eine subtile Andickung des Klangs. Also bitte nur einen ganz kurzen Raumhall oder ein bis zwei Delaywiederholungen mit sehr kurzer Delayzeit.

Ein harter Soundcharakter muss aber gar nicht unbedingt ein Problem sein. Wer mit anderen zusammenspielt, kann sich mit einem "trockenen" Sound vielleicht sogar besser durchsetzen. Seidige, weiche und warme Sounds gehen häufig vor lauter Schönheit im Zusammenspiel mit anderen unter. Im Bandeinsatz gelten da ganz andere Regeln als bei einem Soloauftritt.

Ein weiteres Problem ist oft die übertriebene Dynamik von Piezosystemen. Eine leichte Betonung einer Note oder eines Akkords führen dann dazu, daß das Publikum wegen des plötzlichen Lautstärkesprungs regelrecht zusammenzuckt. Dagegen kann man wieder mit elektronischen Helferlein vorgehen. Mit einem Kompressor oder einem Limiter werden Dynamikspitzen gekappt. Damit ist man vor den ungewollten Lautstärkeschwankungen geschützt. Der Sound wirkt übrigens auch etwas dichter und natürlicher hinter einem dieser beiden Effekte.

Aber erst anklopfen!

Wer kleine oder größere Rhythmuseinlagen auf der Gitarrendecke trommeln will, kann sich ernsthafte Probleme einhandeln. Nach meinen Erfahrungen reagieren darauf manche Piezosysteme überhaupt nicht, andere wieder viel zu laut. Wer sich für diese Spielweisen interessiert, sollte sehr intensiv probieren, was nachher aus den Boxen zu hören ist.

Der einzig richtige Tonabnehmer

Pickupsysteme sind genauso wie Gitarren Geschmackssache. Aber wie findet man in der riesigen Auswahl auf dem Markt das System, das einem gefällt? Es lassen sich nur die Systeme ausprobieren, die schon in Gitarren eingebaut sind. Wenn man den akustischen Sound seiner eigenen Gitarre und einer "elektrifizierten" vergleicht und sich dann den verstärkten Sound anhört, kann man ungefähr ahnen, wie der Tonabnehmer im eigenen Instrument klingt.

Über einige Dinge sollte man sich vorher allerdings klar werden. Piezotonabnehmer brauchen einen Preamp (Vorverstärker), um wirklich gut zu klingen und je näher der Preamp am Pickup plaziert ist, mit desto weniger Signalverlusten muß man leben. Es ist also schon sinnvoll, den Preamp direkt in die Gitarre einzubauen. Allerdings läuft ein Preamp nicht ohne Strom, daher muss irgendwo in der Gitarre noch eine Batterie befestigt werden. Der Batteriewechsel wird damit meistens etwas schwieriger. Der Preamp wird normalerweise durch das Einstöpseln des Kabels in die Gitarre eingeschaltet und braucht auch nur dann Strom. Zum Glück brauchen Preamps nicht so viel Strom, dass die Batterien ständig leer sind, vorausgesetzt, man zieht nach Gebrauch das Kabel aus der Gitarrenbuchse.

Preamps gibt es mit und ohne Reglern für Laustärke und Klang. Natürlich ist es verlockend, gleich die gesamte Kontrolle über seinen Sound "an Bord" zu haben. Die Regler sind auch auf den Preamp und den Pickup abgestimmt, wenn man das gesamte System von einem Hersteller kauft. So eine Reglereinheit braucht allerdings auch ein Loch in der Zarge. Das möchte nicht jeder seiner Gitarre antun und abgesehen davon kann man bei externen Geräten natürlich hochwertigere Equalizer einsetzen, als in den Onboardsystemen eingebaut werden. Wer mehrere unterschiedliche Gitarren verwendet, z.B. wegen Open Tuning, kann ausserdem die gleichen externen Geräte für mehrere Instrumente verwenden.

Die Operation

Unabhängig von Fabrikat und Aufbau des Piezotonabnehmersystems ist ein fachmännischer Einbau für ein vernünftiges Ergebnis unerläßlich. Der Tonabnehmer wird unter oder anstelle der Stegeinlage eingebaut. Wenn der Tonabnehmer unter der Stegeinlage eingebaut wird, muss natürlich die Stegeinlage an der Unterseite abgefeilt werden, damit sich die Saitenlage nicht verschlechtert. Die Stegeinlage muss vollkommen plan auf dem Tonabnehmer aufliegen. Bei Tonabnehmern, die die Stegeinlage ersetzen, muss in einigen Fällen die Fräsung im Steg erweitert werden. Weder Stegeinlage noch Pickup dürfen wackeln. Andernfalls kann es zu Lufteinschlüssen kommen. Als Resultat würde der Pickup unausgeglichen klingen und außerdem bei höheren Lautstärken fürchterlich pfeifen.

Aus dem Tonabnehmer selbst führt ein Kabel in das Innere der Gitarre. Dafür muss ein Loch durch den Steg und durch die Decke gebohrt werden. Um in Kontakt mit der Außenwelt zu treten, wird noch eine Klinkenbuchse benötigt. Im Normalfall wird der Endklotz der Gitarre aufgebohrt und dort eine Buchse eingebaut, die gleichzeitig als Gurthalteknopf dient, gerne auch die "klassische Pürzellösung" genannt. Vom Einbau in die Zarge rate ich dringend ab. Wenn dann mal jemand über das eingestöpselte Kabel stolpert, bricht die Zarge sehr schnell.

Einige Hersteller werben damit, dass der Einbau ihrer Systeme auch für einen Laien problemlos machbar sei. Bei allem Vertrauen in Eure handwerklichen Fähigkeiten überlaßt Ihr den Einbau dennoch besser einer Werkstatt. Wer seine Finger nun wirklich nicht da heraushalten will oder kann, der probiert es wenigstens nicht beim ersten Versuch an seiner besten Gitarre!

Der Entscheidung zweiter Teil

Aber will ich überhaupt in meiner Gitarre bohren und vielleicht sogar fräsen lassen? Wer für seinen akustischen Liebling viel Geld ausgegeben hat, fühlt sich bei diesem Gedanken nicht so sehr wohl. Die bange Frage lautet immer, ob die Gitarre hinterher auch akustisch genauso klingen wird wie vor dem Einbau. Einige behaupten, der Klang einer Gitarre würde sich nach dem Einbau eines Tonabnehmers hörbar verändern. Ein Tonabnehmer unter der Stegeinlage führt zu Soundverlusten, da die Saitenschwingungen nicht mehr direkt auf die Decke treffen. Ein Tonabnehmer, der die Stegeinlage ersetzt, ist meistens aus einem anderen Material als die alte Stegeinlage, also klingt es anders. Das Loch in der Gitarrendecke verändert das Schwingungsverhalten.

Sind diese Einflüsse wirklich hörbar oder sind das nur Spinnereien? Ich kann es sehr gut verstehen, wenn jemand bei einem wertvollen Instrument das Risiko eines Tonabnehmereinbaus nicht wagt. Bei Sammlerstücken wären die kleinen Umbauten echte Wertminderungen. Zu diesem Thema empfehle ich Erics Artikel zum Thema Vintage!

Bei einer "Gebrauchsgitarre" sind die Verluste meiner Ansicht nach erträglich. Das ist aber nur meine ganz subjektive Meinung, bitte keine Bombendrohungen. Schließlich ist auch ein wertvolles Instrument eigentlich dazu da, gespielt und auch gehört zu werden. Natürlich gibt es genug gute Gründe, seiner Gitarre den Einbau und das ruppige Bühnenleben zu ersparen und statt dessen eine Bühnengitarre anzuschaffen. Das wird allerdings deutlich teurer als ein Pickupsystem incl. Einbau.

 
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