The Talking Hands Collection


Der professionelle Gitarrist, Teil II

oder "Gear- Pflege und Aufzucht, eine Beobachtung am lebenden Exemplar von Prof. Dr. Talking Hands"

Hatten wir doch gerade das Thema "Vintage". Bleib ich also beim Gear, und mach hier mal ein ReIssue (hehe), nämlich von einem meiner ersten Artikel in dieser meinen Serie. "Der professionelle Gitarrist". Die waren ja nicht nur für die Gitarristen, die oben an der Spitze stehen (da steh ich ja selbst nicht), nein, es handelt sich eher um einen Ratgeber für all diejenigen, die das eigene Schlafzimmer nach dem "Woodshedding" verlassen und in der Öffentlichkeit spielen.

Beziehen wir das mal speziell auf Gear, gibt es Einiges zu sagen. Ich vertreibe mir ja hier die Zeit hauptsächlich mit Studiojobs, bzw. Aushilfe als Mietgitarrist (oder wie immer man das nennen will). Und da gibt es dann halt ein Verhältnis zum Kunden, das es zu pflegen gilt. Und nach einer gewissen Zeit kriegt man ganz von alleine heraus, worauf man achten muss.

Das Auftreten.

Ich überspringe mal die ursprünglichen Gespräche, bei denen es halt darum geht, was beim Job gemacht werden muss (also Musikrichung, Blattspiel oder nicht, das ganze Musikalische). Irgendwann sollte man aber dann wissen, was für Sounds man bieten muss. Hier geht dann der Ärger los. Bei diesen ganzen Studio- und "Hired Gun"-Jobs setzt die Kundschaft nämlich voraus, dass man soundmässig flexibel ist, und nicht erst groß was mieten muss. Ich will ehrlich sein: zwar leide ich wie die meisten unter uns an G.A.S., aber soviel Gear, wie ich mir in den letzten Monaten für diese Jobs zugelgt habe, brauche ich eigentlich gar nicht.

Ich meine, zwei oder drei der Amps finde ich geil, gleiches für die Gitarren, aber das Meiste des Arsenals habe ich mir eher aus Zwang (ja, klar, klingt wie 'ne blöde Ausrede, wirkt bei der Freundin auch nicht) zugelegt. Wenn ich aber einfach mal so jamme, kommt vieles von dem Zeugs (u.a. Vintage Fender-, Ampeg- und Gibsonamps ) erst gar icht zum Einsatz. Erwartet werden sie trotzdem von den teils vorurteilsbelasteten Kunden. Und Kunde ist leider (oder vielleicht auch nicht leider) König. Die wollen Argumente wie "Alle Sounds, die Du willst, kann ich genausogut mit meinen Favoriten (ein Boogie, ein Marshall, ein Rivera, jeweils modifiziert), "hinlegen" . nein, auch hier isst das Auge mit (kennen wir das nicht aus dem Vintage-Artikel?) Tja, also, selbst wenn man nicht in der LA-Topliga spielt, sollte man schon ein kleines Arsenal an verschiedenen Amps, Gitarren und Effekten da haben. Oft bleibt es mir selbst überlassen, was ich benutze (meist bei Livejobs), genauso oft aber kriege ich ne Art "Flyer" mit expliziteren Anforderungen. Und deswegen muss das Zeug leider komplett gepflegt werden.

Ich meine jetzt nicht, dass man dafür sorgt, dass 'ne funktionierende Sicherung drin ist bzw. die Röhren noch nicht schwarz sind, nein, remember: Das Auge isst mit!!!! Ich habe schon vor Jahren beim Jobben in einer PA-Verleihfirma (Hallo Heiner, Hallo Stefan!) gelernt, dass einige Kunden (Veranstalter, Mieter, Bandleader, Sponsoren etc.) tatsächlich gucken, wie und mit was man da ankommt. Tatsächlich hatten wir damals alle Kabel säuberlichst aufgerollt und in Flightcases transportiert, anstatt alles im Knubbel mit Plastiktüten heranzuschleppen. Die Geräte wurden öfter gereinigt, nach dem Einsatz im Kuhstall (wo ja oft mal Feten geschmissen werden .) dann den Mief und Biergestank loswerden etc. Und genauso halte ich es auch noch, und ich glaube, das ist auch notwendig. Zumal niemand von uns in der LA-Szene arbeitet, wo einem die Jungs von Andy Brauer die Klamotten zum Job karren, aufbauen und verkabeln. Also, das Zeug reinigen, Kabel (natürlich mit Ersatzkabeln) in Schuss halten, auf Funktion prüfen, möglichst in Koffern, Flightcases oder unter Schutzhauben transportieren.

Beim Aufbau dann sollte das ganze reibungslos gehen. Wer da erst die schmierigen Speakerkabel löten muss oder ähnliches, verliert schon Punkte. Und Jungs: glaubt es mir, sicher sind Ersatzteile und eine Doppelausführung an Kabeln auch ein Kostenpunkt, aber es geht doch nicht nur darum, nach aussen hin einen guten Eindruck zu machen. Auch innerlich kann man sich sicherer fühlen, weil das Zeug einfach funktioniert! Man hat Ersatz da, und kann die meisten üblichen Pannen schnell selbst beheben, ohne mit hochrotem Kopf schwitzend mit 'nem Feuerzeug nach dem Fehler zu suchen. Also Kabel in doppelter Ausführung, und immer mal wieder mit Widerstandsprüfer auf Funktion prüfen.

Zu Kabeln.

Da habe ich bei Techstar in Nashville einiges gelernt.Zum Beispiel achte ich nun auf die Kabel, die ich im Hauptsignalweg (zwischen Gitarre und Amp, ggf. mit Tretminen einsetze. Das ist natürlich jedem selbst überlassen, ist Geschmackssache und nur meine Meinung. Wer denkt, dass das alles Spinnerei ist, OK! Wichtig finde ich anzumerken, dass nicht unbedingt der ganze Kabelsalat aus megateuren Kabeln bestehen muss. Wie gesagt, Hauptsignalweg Monster- oder Cordial-Kabel, für Patchen oder für's Rack sowie für Speakerkabel kann man eher konventionellere Ware verwenden. Dabei auch wieder Bedacht: Man kann sich selbst sehr gute Kabel anfertigen, solange man vernünftiges Kabelmaterial benutzt und einigermassen zuverlässige Stecker (z.B . Neutriks) Und das hat einen Vorteil: Man kann sich die Dinger auf Länge zurechtschneiden. Als ich damals mit dem Rackzeugs anfing, hatte ich zwischen den einzelnen Geräten (Buchsenabstand unter 10 cm) teilweise niedliche 2m Kabel. Irgendwann fiel mir nicht nur Soundverlust auf, sondern auch wie lächerlich das aussieht (nicht zu vergessen der Spass, 60m überflüssiges Kabel im hinteren Rackdeckel unterzubringen). Also Kabel zurechtgeschnitten, Neutriks drangelötet (ein Abend Arbeit, wenn man es vernünftig macht) und fertig. Alles noch doppelt, und mit kleinen Tags (Namensschildern) versehen, um auch im Stress schnell zu sehen, welcher Stecker wo hin geht, bzw. welches Kabel für welchen Pfad vorgesehen ist.

Ich mag pingelig sein, ich fühle mich damit besser, es sieht besser aus und wie die Binde, gibt es ein Gefühl von Sicherheit (woher ich das weiss? Freundin gefragt ...) Also nicht mit Kabeln von 78 verschiedenen Herstellern in 30 verschiedenen Farben, alles in Plastiktüten verpackt auftauchen. Klinge ich nun wie ein Snob? Ich hoffe nicht. Ich glaube, dies alles kann mit etwas Nachdenken schon als Wahrheit angesehen werden. Also, das Zeug sollte "maintained" (in Schuss gehalten) werden, gereinigt und geprüft werden. Auch wichtig ist für mich die Werkzeug- und Ersatzteilkiste. Hatte Rainer mal drüber geschrieben. Hier mal ein Einblick in meine Kiste:

  • Saitenschneider und -Kurbel
  • Spitz- und Schnabelzange (für's Filigrane )
  • Diverse Flach- und Kreuzschlitzschraubendreher
  • Divers Inbuschlüssel
  • Gaffatape
  • Schreiber und Papier
  • Eine Kiste mit Saiten (ganze Sätze der verwendeten Stärke(n) sowie Einzelsaiten)
  • Vielfachmessgerät
  • Ersatzröhren (gematched, wenn's geht)
  • Sicherungen
  • Mappe mit MIDI-Tabellen, Telefonnummern, Manuals
  • Ersatzgurt
  • Beutel mit Schrauben für Gitarre (z.B. Gurtpinschrauben, Schlagbrettschrauben)
  • Pflegemittel (her für vor dem Job)
  • Zwei Patchkabel
  • Batterieprüfer sowie mind. 2 Ersatzbatterien

Was noch ? Ach ja .

Gitarren.

Auch die sollten in Schuss sein. Ich mag mal wieder pingelig sein, aber ich halte nix von "Eine Gitarre muss gespielt aussehen". Also reinige ich sie beim Saitenwechsel. Polieren, Griffbrett mit Limeoil oder "Fretboard Conditioner" bearbeiten, Sattelkerben reinigen (u.U. mit Graphit bestreuen), Intonation prüfen, Potis auf Funktion prüfen, und bei aktiven PU's nicht erst warten, bis die Batterie ganz leer ist.

Wieso das alles? Nicht nur, weil es einen guten Eindruck macht Nein, wir reden hier ja auch über einen Job (ob nun als Sessionmucker oder beim Gig der eigenen Band). Wie guckt ihr denn, wenn ihr 'nen Elektriker bestellt, um was in der Wohnung zu reparieren, und der taucht total verdreckt von der Baustelle auf, mit dem Werkzeug im Bauschutteimer? Klar, vielen ist es egal, oft können die Jungs nix dafür, aber man muss immer überlegen, ob es beim Kunden nicht einen üblen Eindruck macht . da kann es egal sein, ob man nun geile Soli spielt, wenn das Rig im Hintergrund aussieht wie mit mit dem Gabelstapler hingestellt. Und wie gesagt, all die Schoten . Kunde ist König, Auge isst mit . Sprichwörter gibt es viele, und genauso viel pingelige Kundschaft. Und leider gehört es wohl zum "professionellen Gitarristen", nicht nur gut zu spielen, sondern auch vorbereitet zu sein, und mit vernünftigem gepflegten Werkzeug aufzukreuzen.

Ob mir das passt oder nicht, da muss man sich nach richten, denn die Konkurrenz ist gross, und wer will den Job an den nächsten Kandidaten verlieren, bloss weil man den Sinn und Zweck von organisiertem Handwerkszeug nicht einsieht. Wer nach Nashville geht und 'nen Einblick in die Studioszene nimmt, kriegt die Romantik vom Sessionplayer oft ausgetrieben. Die Jungs kommen mit der Thermoskanne zur Arbeit, für die ist es ein Job wie für andere Autoverkäufer oder was weiss ich. Will ich das schlecht machen? Nein, nur will ich darauf hinweisen, dass wir bei Jobs als Mietmusiker oder in der eigenen Band ein Privileg haben: Wir werden bezahlt für etwas, was wir lieben (Mucke machen), aber es ist ein Job, deswegen sollte man die Augen aufbehalten und versuchen, ein klein wenig Ernsthaftigkeit und Professionalität mitzubringen

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