| Fazit: |
Irgendwie
war mir so über die Zeit mein Zweit-Bass verlustig gegangen.
Und da ich im Proberaum Flat-Tuning brauche, zu Hause aber Standard,
musste noch ein Zweit-Bass her. Zu viel kosten sollte er nicht,
ich tendierte zu einem Squier P oder J, oder zu etwas Gebrauchtem.
Beim Durchstöbern von Katalogen und auch Reviews stieß
ich auf den OLP MM2, eine lizensierte Kopie des Musicman Stingray,
und auf begeisterte Beurteilungen. Auch in einem G&B-Test
schnitt der OLP gut ab, also warum nicht mal etwas Anderes als
mein geliebter Jazz Bass?
Den Preis, als enorm niedrig gepriesen, muss man genauer betrachten.
Listenpreis ist 453€, im Natur-Look kostet der OLP MM2 bei
Musik Produktiv in Ibbenbüren 339€, bei Thomann etwas
mehr. Mein Fender MIM Jazz Bass kostete 1995 knapp unter 800DM,
somit relativiert sich der Preis etwas, was aber an der Teuro/$-Inflation
liegt, ein MIM Jazz kostet heute so um die 550€! Aber der
Preis für den OLP schien ok.
Der OLP MM2 orientiert sich stark an seinem Original, dem Musicman
Stingray, wesentliche Unterschiede sind die passive Regelung,
einfachere Hardware und natürlich der Pickup. Letzteren kann
man relativ einfach gegen einen Delano oder beliebigen anderen
MM-Pickup austauschen, ein Vorteil der allgemeinen Verbreitung
dieses Instrumentes wie bei Fender J und P, nicht zuletzt auch
für mich ein Argument für den OLP. Obwohl die Hardware
einfach, zweckmäßig und schlicht ist, kann man nicht
meckern. Die Tuner arbeiten weitgehend tadellos, die Bridge ist
auch nicht schlechter als bei einem Fender, der Sattel aus Plastik
(wie bei einem 2000€-US-Fender auch). Die Lackierung ist
einwandfrei, das Instrument kommt optisch tadellos aus dem Karton.
Die Werkseinstellung ist so la'la. Da kann erst einmal etwas tun.
Ernie Balls runter, D'Addarios drauf, Sattel richtig einfeilen,
Hals gerade stellen, Saitenlage runter, kompletter Setup. Die
Einstellung der Halskrümmung mit der gelochten Scheibe am
Halsende ist genial, kein Suchen nach zölligen Imbus' nötig,
zur Not geht jeder mitteldicke Schraubendreher. Die Innenimbus-Maden
in der Bridge sind natürlich andere als bei Fender oder Yamaha,
etwas größer. Aber metrisch, nicht zöllig. Die
Spannfedern für die Bridge-Reiter sind etwas unterdimensioniert,
Intonationseinstellung erfordert manuelles Verschieben der Reiter.
Nach diesen Vorarbeiten spielt sich der OLP gut und entspannt.
Die Saitenlage kann sehr niedrig eingestellt werden, Lob für
die exakte und feine Bearbeitung in der chinesischen Fabrik. Die
Bearbeitung der Bünde ab Werk ist mehr als gut, keine Grate,
keine Unregelmäßigkeiten. Und für 340€ ist
das sogar eine sehr gute Bundierung. Ein kleines Manko für
mich ist der einzelne Pickup, mir fehlt der Hals-Pickup als Daumenstütze.
Wahrscheinlich werde ich eine nachrüsten, auch wenn mich
jemand schräg anschauen sollte.
Das Spielgefühl des OLP MM2 erinnerte mich auf Anhieb sehr
stark an einen Japan Fender Precision aus den mittleren 80er Jahren.
Der Hals ist mit 41mm etwas breiter als beim Jazz Bass, ähnlich
einem Precision, nicht gerade halbierter Baseball-Schläger,
aber schon eine gut verrundete D-Form. Der Standfestigkeit und
dem Sustain kommt das aber zu Gute, denn das Sustain ist wirklich
beeindruckend und steht lange im Raum. Deadspots habe ich nicht
gefunden. Das Instrument ist auch nicht leicht, etwas leichter
als ein Jazz Bass, ich schätze so 4.4 bis 4.5kg. Das ausgeprägte
Shaping des Korpus und die Fender-Form sind aber angenehm, am
Gurt hängt der OLP MM2 absolut ausgewogen und bequem. Trotz
des etwas breiteren und satteren Halses spielt sich das Instrument
auch in fixeren Passagen gut und präzise. Auffällig
ist die schon fast gefährlich direkte Tonansprache des OLP;
Tapping oder Hammer-Ons kommen mit fast dem gleichen Pegel wie
normale Anschläge. Daher ist Dämpfung wichtig, aber
unproblematisch.
Ich hatte mal einen Stingray in der Hand, trocken, den Sound
selbst kannte ich nicht wirklich. Als ich aber zum ersten Mal
den OLP am Amp hatte, erkannte ich den Sound auf Anhieb wieder.
Ich kann nicht beurteilen wie nahe er nun am Stingray liegt, aber
der Wiedererkennungswert ist sofort da. Ich würde sagen,
der OLP klingt wohl ganz ähnlich wie ein Stingray. Was mir
fehlt, ist Varianz in den Sounds. Man kann zwar die beiden Spulen
des PU einzeln mischen, aber sehr viel unterschiedliche Sounds
kann der OLP so nicht. Ein wenig mehr Attack, ein wenig mehr Pfund,
viel mehr gibt die passive Regelung nicht her, jeden Falls nicht
im Vergleich zu Bässen mit separaten Hals- und Bridge-Pickups.
Die Höhenblende greift übrigens erst auf den letzten
45° sehr deutlich, das könnte man durch ein anderes Poti
oder einen anderen Kondensator ändern. Überhaupt könnte
man an diesem Bass prima basteln, sind MM-Parts doch gut und reichlich
zu bekommen.
Bei ersten Anspielen solo war ich ein wenig enttäuscht.
Es klang doch ziemlich dünn und sehr drahtig, zu drahtig,
ohne Fülle. Ach ja, der Amp ist ja noch auf den Jazz Bass
eingestellt, also etwas mehr Tiefbässe, Hochmitten und Höhen
zurück, Ambience-Regler weiter auf, mehr Kompression. Aaaaaaah
ja! Das klingt schon anders. Aber der Entschluss für einen
anderen Pickup stand schon fast fest. Bei der ersten kompletten
Probe änderte sich dieser Eindruck. Sobald der Amp einen
anständigen Pegel bringt und die Spielweise ein wenig rauer
wird, kommt der OLP gut durch, er braucht eben nur etwas mehr
Dampf. Im Bandpegel ist der Sound des OLP MM2 pfundig, mit einem
ganz deutlichen Hochmitten-Anteil, ziemlich crisp und mit kräftigem
Attack. Stingray-artig eben. Er trägt verdammt gut, klingt
akzentuiert und ist nicht zu überhören. Kein Bass für
Reggae oder Traditional Blues, aber für Funk und Rock eine
sicherlich gute Wahl. Es ist in Original-Form vom Sound her sicher
kein Bass für frickelige Solo-Arbeit, auch wenn die leichte
Bespielbarkeit dies unterstützen würde. Aber im Band-Kontext
liefert der OLP MM2 im Rahmen des Möglichen alles was man
braucht, vor allen Dingen Wumms und Druck plus Höhen und
Attack. Abstriche muss man beim Original-Pickup ion der Transparenzt
machen, Mehrsaiten-Akkorde sind nicht unbedingt die Stärke
des OLP-Pickups. Dass bei Bässen dieser Preisklasse aber
der Pickup i.d.R. das schwächste Glied ist, ist eine Binsenweisheit.
Weil jedoch die Hardware-Basis gut ist und die Verarbeitung auch,
kann man leichten Herzens einen Hunni für einen anderen Pickup
spendieren (siehe dazu auch Harry
Häussel MM-Style Pickup!)
Der Preis geht also mehr als in Ordnung, sogar der Pickup ist
in dieser Preisklasse genau genommen besser als üblich, die
Verarbeitung makellos. Er ginge auch ohne Weiteres als Erstinstrument
durch, nicht nur für Anfänger, die Qualität und
der Sound reichen dafür aus. Meinen heavily-modified MIM
Jazz Bass wird er so schnell nicht ablösen, aber der hat
auch Jahre des Reifens gebraucht. Dem OLP MM2 würde ich das
auch nicht absprechen, mal sehen, was aus ihm wird. Den Kauf habe
ich auf jeden Fall nicht bereut, ist ein nettes und wahrscheinlich
zuverlässiges Instrument.
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