| Fazit: |
Der OLP MM2 ist eine nette Stingray-Kopie, und das auch noch
mit offiziellem Haken von Musicman. Dass bei einem Bass für
unter 400€ der Pickup wie üblich das schwächste
Glied ist, verwundert nicht. Weil aber der Rest der Hardware mehr
als akzeptabel ist, lohnt sich der Tausch des Chinesen-Spulers
gegen einen «richtigen» Pickup. Die Liste der möglichen
Lieferanten ist wegen der Standardisierung des MM2/Stingray lang:
Basslines, Bartolini, Ernie Ball, WD, Seymour Duncan, um nur ein
paar zu nennen. Da ich mit den Bartolinis in meinem Jazz Bass
sehr zufrieden bin, tendierte ich wieder zu diesem Hersteller,
wenn nicht unser Gitarrist meinte ...
About Harry
Der deutsche Pickupmaker Harry Häussel hat neben Jazz Bass-
oder Precision- auch ein MM-Replacement im Programm, genannt MM-Style
Bass Pickup. Mit 106€ ist der auch noch etwas billiger als
der Bartolini mit 136€, also versuchen wir es doch einmal,
schließlich hat Harry mit seinen Guitar Pickups ja auch
einen guten Namen.
Nach ca. 10 Tagen ist der Pickup in meinem Briefkasten, ordentlich
verpackt und mit einer händisch gemalten Anschlussbelegung,
beinahe Custom Shop Feeling. Der Einbau selbst ist eine Sache
von Minuten, alles passt perfekt, Pickup-Auschnitte und auch die
Pickupschrauben finden ihre ursprungliche Position. Nur die Schaumstoffblöcke
muss man mit einer scharfen Klinge vom alten Pickup abtrennen
und unter den neuen setzen; Stahlfedern wären mir persönlich
lieber, mache ich demnächst mal so. Pickup-Schrauben liefert
Harry aber mit. Zum Glück hat Harry auch daran gedacht, dass
der Pickup in verschiedenen Konfigurationen verwendet werden kann,
und hat die vier Anschlüsse für die beiden Spulen mit
einer gemeinsamen Abschirmung heraus geführt. Als Standard
kommt der Pickup in Serienschaltung der beiden Spulen, die aber
einfach aufgelöst werden kann. Die Polepieces des HH scheinen
leicht gestaggert zu sein, sitzen demnach unterschiedlich tief
im Gehäuse.
Elektrik
Da ich die Soundpalette dieses Single-Pickup-Instrumentes erweitern
möchte, kommt ein 4-Positionen-Schalter zum Einsatz, der
vier verschiedenen Soundvarianten ermöglichen soll. Die Verdrahtung
findet sich hier,
und ich kann sie nur wärmstens empfehlen. Auch dieser Schalter
passt ohne Holz- oder Bohrarbeiten und lässt die Schaltungen
seriell, parallel und Einzelspulen zu. Details im obigen Artikel.
Sound
Nach langer Vorrede: wie klingt dieser Pickup? Er klingt verdammt
gut, besonders im Vergleich zum vorherigen Platzhalter aus dem
Land der aufgehenden Sonne. Als erstes fiel auf, und das schon
zu Hause an der J-Station, dass der Balancefehler des Original-OPL
weg war. Beim OLP-Pickup waren trotz passender Höheneinstellung
des Tonabnehmers die oberen zwei Saiten zu laut und zu vordergründig.
Das hat der HH-Pickup nicht, die übliche Einstellung mit
Absenkung auf der Diskant-Seite bringt angenehm ausgewogene Pegel
der vier Saiten. Aus Sicht des Sounds muss man nun die vier Spulen-Konfigurationen
einzeln betrachten, Bassanlage ist ein SWR Workingman's 4004 +
SWR 410T, mit Nobels OC-2 Compressor und BOSS SX-700 Effektgerät
im Amp-Insert:
- Hals-Spule allein (Singlecoil)
Wie zu erwarten sehr Höhen-stark und mit schlankem, feinem
Bass, sehr deutliche Mitten. Das ist eindeutig eine Position
für Solos oder auch für Gelegenheiten, wo der Bass
im Hörspektrum ganz vorne sein soll. Schon fast ein bisschen
sirrend, so zu sagen Stingray³. Kaum zu glauben, dass ein
Bass-Pickup so viel Höhen erzeugen kann, da lässt
man Tapping schon fast besser weg. Jedes Detail der Saitenschwingung
kommt zu Gehör, jede Veränderung der Anschlagsposition
bewirkt eine Veränderung des Sounds.
- Spulen parallel (Humbucker)
Der Humbucking-Effekt schlägt zu und Brummeinstreuungen
verschwinden. Der Sound wird nun mit beiden Spulen etwas voluminöser,
straffer und ausgeglichener als im Singlecoil-Betrieb. Es gibt
eine leichte Tendenz zum Jazz Bass-Sound in dem Sinne, dass
die Bässe konturiert und sehr gut ortbar sind, das Mittenspektrum
eher etwas zurück genommen, dafür der Hochmittenbereich
schön gleichmäßig ausgeleuchtet wird. Eindeutig
mein liebster Sound. Im Pegel in etwa dem Singlecoil vergleichbar.
Die Spritzigkeit des Sounds bleibt.
- Bridge-Spule allein (Singlecoil)
Im Prinzip der Hals-Spule ähnlich, aber der Bass-Bereich
wird geringfügig knorrziger, die Höhen noch einen
Tucken energiereicher. Es scheint mir so, als sei der Output
der Bridge-Spule etwas höher, was plausibel wäre,
wenn die Bridge-Spule prägender für den Gesamtsound
sein soll. Die Variation zur Hals-Spule ist nicht sehr hoch,
aber doch hörbar.
- Spulen in Serie (Humbucker)
Aua! Das ist aber ein heftiges Pfund, erst einmal den Pegel
am Bass herunter drehen. Dank des nun einzelnen Master Volume-Reglers
geht das ohne Soundverluste. Durch die Serien-Schaltung addieren
sich die beiden Spulen-Spannungen, was sich in hoher Ausgangsleistung
und natürlich in Brummfreiheit zeigt. Im Vergleich zur
Parallel-Schaltung schluckt der Pickup nun durch die große
Induktivität einen erheblichen Anteil an Hochmitten und
Höhen, legt dabei aber in den Bässen satt zu. Das
drückt gnadenlos, da kommt die Bassanlage ganz schön
in's Schwitzen. Gut, dass ich keinen 15er Speaker mehr habe,
das würde im Proberaum der Tiefbass-GAU. Let's rock, kann
man da nur noch sagen. Das ist der Sound für die alltägliche
Bass-Arbeit in der Rock-Band, sattes Pfund unten herum, mehr
als ausreichende Präsenz in den Mitten und Höhen.
Highlights
Zwei Dinge fallen im Vergleich im OLP-Pickup deutlich auf. Erstens
bleibt der Bass-Bereich in allen Konfigurationen druckvoll und
satt, wird aber nie matschig oder mulmig; auch in der Serienschaltung
übernehmen die Tiefbässe zwar die Regie, decken aber
höhere Frequenzbereiche nicht zu. Zweitens: der alte OLP-Pickup
war beim Anschlagen von mehr als einer Saite überfordert
und lieferte nur ein diffuses Soundgemisch. Harry Häussels
MM-Style Pickup arbeitet in einem in 5. oder 7. Lage angeschlagenen
Mehrsaiten-Akkord noch jede einzelne Saite klar heraus, jede Note
des Akkordes steht präsent im Raum. Der Pickup klingt in
jeder Situation transparent und mit gutem Druck in den unteren
Registern, bei gleichzeitig kristallklaren Mitten und Höhen,
als Singlecoil sogar sirrend oder klingelnd.
Mankos
Das Einzige, was mir fehlt, aber was nicht an diesem Pickup liegt,
sondern am Instrument, ist die Feingeistigkeit eines Fender Jazz
Basses (ich kann auch nix dafür, dass ich schon vor 30 Jahren
bei Musik Titt mit glänzenden Augen vor einem Fender JB gestanden
habe :-). Der OLP ist ein Bass, der mit viel Dynamik und Power
gespielt werden will und bei Spiel im Layback Modus verreckt.
Da muss man schon etwas beherzter zugreifen, damit das Instrument
an's Leben kommt, was dann aber auch den Schub bringt. Verhaltenen
Jazz oder beschwingten Folk mit dem OLP zu spielen wäre ein
hoffnungsloses Unterfangen; Rock bis in die heftigsten Grade sind
eher die Domäne des OLP. Ein Fender Jazz und ein OLP/Stingray
sind zwei Welten und zwei Sound-Gattungen, das muss man sich klar
machen und weder von der einen noch von der anderen Seite die
eierlegende Wollmilchsau erwarten.
Fazit
Der Häussel MM-Style-Pickup ist sein Geld absolut wert,
vor allen Dingen mit der oben gezeigten Pickup-Umschaltung. Ich
habe jetzt für Rock-Applikationen einen ausgeglichenen mittigen
Sound in der Parallel-Schaltung, das heftige Precision-Pfund in
der Serien-Schaltung und noch die beiden Einspuler-Solo-Positionen,
mit denen ich jeden Gitarristen an die Wand spiele, was Mitten-Stärke
und Präsenz angeht. Trotzdem sind alle Positionen nie Fender-Sounds,
sondern eben Stingray-Sounds, wenn auch in den unterschiedlichsten
Variationen. Auch die Serien-Schaltung hat immer noch einen sehr
kräftigen Attack in den Höhen, wenn auch verhaltener
als in der Parallel-Schaltung. Und sicher band-dienlicher. Aber
es bleibt immer Stingray-Sound. OLP + Harry Häussel MM-Style
Pickup = 470€, ein Super-Angebot.
Ist ein toller Pickup, was der Harry Häussel da liefert.
Und mindestens so gut wie ein deutlich teurerer USA-Pickup, wenn
nicht in seiner Ausgewogenheit und Charakterstärke noch besser
(ich traue höchstens Bartolini vergleichbare Ergebnisse zu).
Kann ich ohne Bedenken weiter empfehlen, das Beste, was man dem
OLP an tun kann. Und vielleicht probiere ich in der nahen Zukunft
auch mal aus, was Harrys Jazz Bass-Pickups in meiner #1 so treiben.
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