Harry Häussel MM-Style Bass Pickup (Deutschland, 2004)
Musicman Made in Germany
Reviewer: Rainer Böttchers
Bild: http://www.pickupmaker.com/
Typ: Stingray-Pickup, passiv
Preis: 106 € (Neu)
Fazit:

Der OLP MM2 ist eine nette Stingray-Kopie, und das auch noch mit offiziellem Haken von Musicman. Dass bei einem Bass für unter 400€ der Pickup wie üblich das schwächste Glied ist, verwundert nicht. Weil aber der Rest der Hardware mehr als akzeptabel ist, lohnt sich der Tausch des Chinesen-Spulers gegen einen «richtigen» Pickup. Die Liste der möglichen Lieferanten ist wegen der Standardisierung des MM2/Stingray lang: Basslines, Bartolini, Ernie Ball, WD, Seymour Duncan, um nur ein paar zu nennen. Da ich mit den Bartolinis in meinem Jazz Bass sehr zufrieden bin, tendierte ich wieder zu diesem Hersteller, wenn nicht unser Gitarrist meinte ...

About Harry

Der deutsche Pickupmaker Harry Häussel hat neben Jazz Bass- oder Precision- auch ein MM-Replacement im Programm, genannt MM-Style Bass Pickup. Mit 106€ ist der auch noch etwas billiger als der Bartolini mit 136€, also versuchen wir es doch einmal, schließlich hat Harry mit seinen Guitar Pickups ja auch einen guten Namen.

Nach ca. 10 Tagen ist der Pickup in meinem Briefkasten, ordentlich verpackt und mit einer händisch gemalten Anschlussbelegung, beinahe Custom Shop Feeling. Der Einbau selbst ist eine Sache von Minuten, alles passt perfekt, Pickup-Auschnitte und auch die Pickupschrauben finden ihre ursprungliche Position. Nur die Schaumstoffblöcke muss man mit einer scharfen Klinge vom alten Pickup abtrennen und unter den neuen setzen; Stahlfedern wären mir persönlich lieber, mache ich demnächst mal so. Pickup-Schrauben liefert Harry aber mit. Zum Glück hat Harry auch daran gedacht, dass der Pickup in verschiedenen Konfigurationen verwendet werden kann, und hat die vier Anschlüsse für die beiden Spulen mit einer gemeinsamen Abschirmung heraus geführt. Als Standard kommt der Pickup in Serienschaltung der beiden Spulen, die aber einfach aufgelöst werden kann. Die Polepieces des HH scheinen leicht gestaggert zu sein, sitzen demnach unterschiedlich tief im Gehäuse.

Elektrik

Da ich die Soundpalette dieses Single-Pickup-Instrumentes erweitern möchte, kommt ein 4-Positionen-Schalter zum Einsatz, der vier verschiedenen Soundvarianten ermöglichen soll. Die Verdrahtung findet sich hier, und ich kann sie nur wärmstens empfehlen. Auch dieser Schalter passt ohne Holz- oder Bohrarbeiten und lässt die Schaltungen seriell, parallel und Einzelspulen zu. Details im obigen Artikel.

Sound

Nach langer Vorrede: wie klingt dieser Pickup? Er klingt verdammt gut, besonders im Vergleich zum vorherigen Platzhalter aus dem Land der aufgehenden Sonne. Als erstes fiel auf, und das schon zu Hause an der J-Station, dass der Balancefehler des Original-OPL weg war. Beim OLP-Pickup waren trotz passender Höheneinstellung des Tonabnehmers die oberen zwei Saiten zu laut und zu vordergründig. Das hat der HH-Pickup nicht, die übliche Einstellung mit Absenkung auf der Diskant-Seite bringt angenehm ausgewogene Pegel der vier Saiten. Aus Sicht des Sounds muss man nun die vier Spulen-Konfigurationen einzeln betrachten, Bassanlage ist ein SWR Workingman's 4004 + SWR 410T, mit Nobels OC-2 Compressor und BOSS SX-700 Effektgerät im Amp-Insert:

  • Hals-Spule allein (Singlecoil)
    Wie zu erwarten sehr Höhen-stark und mit schlankem, feinem Bass, sehr deutliche Mitten. Das ist eindeutig eine Position für Solos oder auch für Gelegenheiten, wo der Bass im Hörspektrum ganz vorne sein soll. Schon fast ein bisschen sirrend, so zu sagen Stingray³. Kaum zu glauben, dass ein Bass-Pickup so viel Höhen erzeugen kann, da lässt man Tapping schon fast besser weg. Jedes Detail der Saitenschwingung kommt zu Gehör, jede Veränderung der Anschlagsposition bewirkt eine Veränderung des Sounds.
  • Spulen parallel (Humbucker)
    Der Humbucking-Effekt schlägt zu und Brummeinstreuungen verschwinden. Der Sound wird nun mit beiden Spulen etwas voluminöser, straffer und ausgeglichener als im Singlecoil-Betrieb. Es gibt eine leichte Tendenz zum Jazz Bass-Sound in dem Sinne, dass die Bässe konturiert und sehr gut ortbar sind, das Mittenspektrum eher etwas zurück genommen, dafür der Hochmittenbereich schön gleichmäßig ausgeleuchtet wird. Eindeutig mein liebster Sound. Im Pegel in etwa dem Singlecoil vergleichbar. Die Spritzigkeit des Sounds bleibt.
  • Bridge-Spule allein (Singlecoil)
    Im Prinzip der Hals-Spule ähnlich, aber der Bass-Bereich wird geringfügig knorrziger, die Höhen noch einen Tucken energiereicher. Es scheint mir so, als sei der Output der Bridge-Spule etwas höher, was plausibel wäre, wenn die Bridge-Spule prägender für den Gesamtsound sein soll. Die Variation zur Hals-Spule ist nicht sehr hoch, aber doch hörbar.
  • Spulen in Serie (Humbucker)
    Aua! Das ist aber ein heftiges Pfund, erst einmal den Pegel am Bass herunter drehen. Dank des nun einzelnen Master Volume-Reglers geht das ohne Soundverluste. Durch die Serien-Schaltung addieren sich die beiden Spulen-Spannungen, was sich in hoher Ausgangsleistung und natürlich in Brummfreiheit zeigt. Im Vergleich zur Parallel-Schaltung schluckt der Pickup nun durch die große Induktivität einen erheblichen Anteil an Hochmitten und Höhen, legt dabei aber in den Bässen satt zu. Das drückt gnadenlos, da kommt die Bassanlage ganz schön in's Schwitzen. Gut, dass ich keinen 15er Speaker mehr habe, das würde im Proberaum der Tiefbass-GAU. Let's rock, kann man da nur noch sagen. Das ist der Sound für die alltägliche Bass-Arbeit in der Rock-Band, sattes Pfund unten herum, mehr als ausreichende Präsenz in den Mitten und Höhen.

Highlights

Zwei Dinge fallen im Vergleich im OLP-Pickup deutlich auf. Erstens bleibt der Bass-Bereich in allen Konfigurationen druckvoll und satt, wird aber nie matschig oder mulmig; auch in der Serienschaltung übernehmen die Tiefbässe zwar die Regie, decken aber höhere Frequenzbereiche nicht zu. Zweitens: der alte OLP-Pickup war beim Anschlagen von mehr als einer Saite überfordert und lieferte nur ein diffuses Soundgemisch. Harry Häussels MM-Style Pickup arbeitet in einem in 5. oder 7. Lage angeschlagenen Mehrsaiten-Akkord noch jede einzelne Saite klar heraus, jede Note des Akkordes steht präsent im Raum. Der Pickup klingt in jeder Situation transparent und mit gutem Druck in den unteren Registern, bei gleichzeitig kristallklaren Mitten und Höhen, als Singlecoil sogar sirrend oder klingelnd.

Mankos

Das Einzige, was mir fehlt, aber was nicht an diesem Pickup liegt, sondern am Instrument, ist die Feingeistigkeit eines Fender Jazz Basses (ich kann auch nix dafür, dass ich schon vor 30 Jahren bei Musik Titt mit glänzenden Augen vor einem Fender JB gestanden habe :-). Der OLP ist ein Bass, der mit viel Dynamik und Power gespielt werden will und bei Spiel im Layback Modus verreckt. Da muss man schon etwas beherzter zugreifen, damit das Instrument an's Leben kommt, was dann aber auch den Schub bringt. Verhaltenen Jazz oder beschwingten Folk mit dem OLP zu spielen wäre ein hoffnungsloses Unterfangen; Rock bis in die heftigsten Grade sind eher die Domäne des OLP. Ein Fender Jazz und ein OLP/Stingray sind zwei Welten und zwei Sound-Gattungen, das muss man sich klar machen und weder von der einen noch von der anderen Seite die eierlegende Wollmilchsau erwarten.

Fazit

Der Häussel MM-Style-Pickup ist sein Geld absolut wert, vor allen Dingen mit der oben gezeigten Pickup-Umschaltung. Ich habe jetzt für Rock-Applikationen einen ausgeglichenen mittigen Sound in der Parallel-Schaltung, das heftige Precision-Pfund in der Serien-Schaltung und noch die beiden Einspuler-Solo-Positionen, mit denen ich jeden Gitarristen an die Wand spiele, was Mitten-Stärke und Präsenz angeht. Trotzdem sind alle Positionen nie Fender-Sounds, sondern eben Stingray-Sounds, wenn auch in den unterschiedlichsten Variationen. Auch die Serien-Schaltung hat immer noch einen sehr kräftigen Attack in den Höhen, wenn auch verhaltener als in der Parallel-Schaltung. Und sicher band-dienlicher. Aber es bleibt immer Stingray-Sound. OLP + Harry Häussel MM-Style Pickup = 470€, ein Super-Angebot.

Ist ein toller Pickup, was der Harry Häussel da liefert. Und mindestens so gut wie ein deutlich teurerer USA-Pickup, wenn nicht in seiner Ausgewogenheit und Charakterstärke noch besser (ich traue höchstens Bartolini vergleichbare Ergebnisse zu). Kann ich ohne Bedenken weiter empfehlen, das Beste, was man dem OLP an tun kann. Und vielleicht probiere ich in der nahen Zukunft auch mal aus, was Harrys Jazz Bass-Pickups in meiner #1 so treiben.

Bewertung:
Stabilität/Zuverlässigkeit: 9 / 10
Nutzen: 9 / 10
Features: 10 / 10
Preis/Leistung: 10 / 10

GESAMT: 9 / 10
 
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