Un-Kadenzen
Öh, ... was?
Kadenzen hatten wir, Kadenzen sind Akkordfolgen, die sich
einzig und allein aus Akkorden bilden, die Stufen-Akkorde
der zu Grunde liegenden Stamm-Tonleiter sind. Der Grundton
dieser Leiter ist die Tonika, bekannteste Kadenzen sind z.B.
I - IV - V oder ii - V - I (hier ist beispielsweise Dur angesagt).
Die reichliche und umtriebige Verwendung von Kadenzen finden
wir in der Volksmusik, im Jazz und latürnich auch in
der Klassik. Schwamm drüber.
Nun waren und sind aber leider, oder auch Gott sei Dank,
nicht alle Musiker mit diesen theoretischen Hintergründen
vertraut, ganz im Gegentum, gerade die alten Recken des Rock
und Blues, vom Rock'n'Roll ganz zu schweigen, waren in Hinsicht
auf Musiktheorie eher nicht-betroffen. Und trotzdem musizierten
sie locker vor sich hin, aber dies überwiegend aus einem
reinen Erfahrungsschatz und nach dem Prinzip von Versuch und
Irrtum. Und die Akkordfolgen, die sie verwendeten, hatten
keine Wurzeln in Kadenzen, Modes oder sonstig garstigem Zeug's,
reine Spiritualität, Kreativität und Experimentierfreude
waren angesagt. So entstanden Akkordfolgen und Muster, die
nicht theoretisch zu verfolgen waren. Und die nenne ich hier
mal Un-Kadenzen ... man könnte sie auch einfach
Akkordfolgen nennen. Und um diese soll es hier gehen, wenn
auch mögliche Antworten auf mögliche Fragen zuerst
recht einfach erscheinen. Interessant ist nämlich, und
da wird das Thema nun wieder schwieriger, dass wir auch beim
improvisierten Jammen und herum-Fuddeln Methoden verwenden,
die in der reinen Theorie wieder zu finden sind. Was beweist,
dass die Musiktheorie eben nur die abstrahierte Form unseres
Musikverständnisses ist, kein lebloses Gesetzwerk.
Wo laufen sie denn?
Da wir uns hier nicht in der Theory Collection befinden,
nehmen wir ein Kapitel auf, das reine Praxis und Erfahrungswissenschaft
ist. Zurück zur Frage: sie laufen besonders in der Rock-Musik
einschliesslich des geliebten Kapitels ProgRock/ProgMetal
und das junge Kind Nu Metal/Nu Rock nicht zu vergessen. In
Tausenden von Proberäumen wird man diese musikalischen
Unwesen treffen, und so treffen sie auch uns als Bassist.
Aber, und das ist wichtig: in diesen Fällen, sind wir
in diesen Fällen besonders auf unser Gehör und unser
Gefühl angewiesen. Speziell in der Rock-Musik kann uns
eine Akkordfolge über den Weg laufen, die nicht nur schräg
klingt, sondern auch so gemeint ist. Man nehme nur King Crimson,
Tool oder sogar Tony Levin, wo man ungewohnte Akkordfolgen
findet, und das zuhauf.
Was mache ich bei einer konsequenten Powerchord-Folge, bei
einer Aneinander-Reihung von Doublestops? Was spiele ich dazu?
Dur oder Moll, oder brauche ich gar wieder Modes? Es ist nicht
zu umgehen, in diesen Fällen hilft uns die Musiktheorie
mit Modes und Harmonisation wenig, doch sie hilft ein bisschen,
nämlich dort, wo Intervalle und Akkorde die Quintessenz
sind.
Vivisection
Um etwas konkreter zu werden, schauen wir uns erst einmal
ein paar dieser Un-Kadenzen an, wie sie im Rock gerne vorkommen.
Die folgenden Beispiele sind keineswegs konstruiert, und doch
finden wir Regeln, die den Umgang mit diesen Folgen erleichtern.
Beispiel #1, wir fangen gemächlich an, ist eine Akkordfolge,
die mir beim Jammen vor dem PC eingefallen ist. Und die geht
so:
| Bass Player's Dream
(guitar) |
 |
 |
Es klingt ein wenig exotisch, manche Akkorde. Also schauen
wir mal genauer hin:
|
E|-0-
B|-0-
G|-2-
D|-2-
A|-0-
E|---
|
Verse Part #1 |
= Asus2 |
|
E|-0-
B|-3-
G|-2-
D|-0-
A|---
E|--- |
Bridge Part #1 |
= Dsus2 |
E|-0-
B|-0-
G|-0-
D|-2-
A|-3-
E|--- |
Verse Part #2 |
= Cmaj7 |
|
E|-0-
B|-3-
G|-0-
D|-2-
A|---
E|--- |
Bridge Part #2 |
= Cadd9 no root |
E|-0-
B|-0-
G|-0-
D|-0-
A|-2-
E|-3- |
Refrain Part #1 |
= Gmaj+13 |
|
|
|
|
E|-0-
B|-0-
G|-0-
D|-2-
A|-3-
E|--- |
Refrain Part #2 |
= Cmaj7 |
|
|
|
|
... und dieses Konglomerat an Akkorden ist erst einmal nicht
eine Kadenz, darauf weisen schon die Suspended-Akkorde und
schrägen Cadd9-Fragmente hin. Man könnte sich mit
Ausreden wie 'Akkord-Substitutionen' behelfen, nimmt man jedoch
A als Tonika an und versucht dann die entsprechenden Stufen
zu identifizieren, kommt auch nichts Sinnvolles dabei heraus.
Und Bridge Part #2 ist Beweis für die Regel mehr seinem
Gehör zu vertrauen als blind auf das Griffbrett zu starren
und darauf zu pochen, gerade eben sein es doch noch D gewesen.
C ist hier definitiv Grundnote des Akkordes, oder was davon
übrig ist. Fragen an das Gehör wären: wo ist
eher Moll- und wo ist eher Dur-Familie angesagt? Welches sind
die Grundnoten? Was passt dazu?
Ich würde sagen: VP#1 = Moll, VP#2 = Dur, RP#1 = Dur,
RP#2 = Dur, BP#1 = Dur, BP#2 = Dur. Your mileage may vary.
Version Nummer Eins einer Basslinie dazu macht es erst mal
ganz straight: Nur Grundnoten der Akkorde und Quinten, da
kann man nix falsch machen. Man könnte auch wirklich
nur die Grundnoten nehmen, aber mit leicht synkopierten Oktaven
und Quinten geht das auch etwas farbiger:
| Bass Player's Dream
(guitar + basic bass) |
 |
 |
Und das wäre schon völlig akzeptabel so. Warum
die breite Gitarrenlinie noch mit Dutzenden von Bass-Noten
attackieren? Höchstens in der Bridge wäre das machbar,
dezent und zurückhaltend:
| Bass Player's Dream
(guitar + extended bass) |
 |
 |
Wer trotzdem mit dieser Folge etwas herum spielen möchte, findet
hier noch eine Playalong Version in TablEdit
oder MIDI,
und auch, als Beweis für Realität, eine realisierte
Form.
Always the same story
Ich erinnere mich noch dunkel an den Ausspruch eines Gitarristen
auf die Bermerkung, irgendwie käme einem bekannt vor,
was er da spielte: besser gut geklaut als schlecht gespielt.
Manche Akkord- oder Notenfolgen kommen in Tausenden von Stücken
vor, sie laufen einem immer wieder über den Weg. Auch
Unkadenzen, die schlimmsten ihrer Art. Auf dem Papier sieht
es noch harmlos aus:
D | C | B | Bb |
A
In der Gitarristen-Version gern als Powerchord-Folge gespielt.
Muss aber gelegentlich leicht abgewandelt werden, weil es
sonst doof klingt.Der erfahrene Benutzer wird wissen, was
ich meine ... und die vier Takte davor sind nur Ausschmückung.
Sage mir keiner, das sei megaflach, das ist härtester
Proberaum-Alltag, vor allem wenn man die Zwanzig noch nicht
erreicht und sein Instrument erst vor drei Monaten erworben
hat. Diese Folge könnte in Tausenden von Proberäumen
an Tausenden von Tagen gespielt worden sein.
| Rocky Horror (guitar) |
 |
 |
Na klar, alles Powerchords, und dann noch quer durch die
Botanik. Da ist keine zu Grunde liegende Leiter sichtbar,
geschweige denn hörbar. Somit: Ohren weit auf, hinterher
hören, in Intervallen hören und das Feel aufnehmen.
Mollig geht's hier zu, schliesslich sind wir harte Rocker
(erinnert sich noch jemand an den Film From Dusk To Dawn?).
Eigentlich wäre für dieses Jahrhundertwerk der Gitarrenkunst
nur harte Achtel auf die Grundnoten standesgemäß,
aber so einfach wollen wir die Sache nicht an uns vorüber
ziehen lassen.
Die Reduzierung auf Powerchords hat in den Leitern einen
Counterpart, der auch von den anderen Instrumenten genutzt
wird, z.B. für eventuell vorkommende Solos. Es ist die
Pentatonik. Hat man es mit Reihungen von Powerchords zu tun,
ist dies das Werkzeug der ersten Wahl. Die Entscheidung, welche
Pentatonik denn nun anzuwenden ist, trifft das Ohr. In diesem
Fall und der recht eindeutigen Festlegung auf die Moll-Welt
drängt sich die pentatonische Moll-Leiter auf. Ein gradliniger
Ansatz in diese Richtung könnte sich so anhören:
| Rocky Horror (guitar
+ min-penta bass) |
 |
 |
Huch! Das geht ja mal und mal geht es gar nicht so gut! Da
stimmt etwas nicht!
In der Tat, tatsächlich, obwohl alles Powerchords und
Moll-Tendenz, passt die Moll-Pentatonik nicht immer. Zwar
auf der Quasi-Tonika, dem D, aber bei den restlichen Stufen
(hoffentlich) hörbar nicht. So hat sie uns wieder eingeholt,
die böse Musik-Theorie. Gehen wir zurück zur Harmonisierung
von Leitern, hatten wir dort auch den Effekt, dass auf
einigen Stufen Dur-Akkorde standen, auf anderen Moll-Akkorde.
War die Tonika Dur, waren auch die Stufen IV und V in Dur,
war die Tonika Moll, waren die Stufen IV und V auch Moll.
Aber für die anderen Stufen galt das nicht, in den Modes
Ionisch und Äolisch waren sogar alle anderen Stufen Dur
bei Moll und umgekehrt. Also hier auch? Gut dass wir darüber
gesprochen haben ...
| Rocky Horror (guitar
+ mix-penta bass) |
 |
 |
So passt das jetzt einigermaßen. Wir brauchen tatsächlich
auf der Quasi-Tonika und der Quasi-Dominate Moll-Pentatonik,
auf den anderen Stufen Dur-Pentatonik. Erwischt! Was bleibt
ist aber die Erkenntnis, dass Powerchords und Pentatonik gut
zusammen gehen.
Noch eine Playalong-Version? Hier, pitter scheen ... TablEdit
und MIDI.
Dritter Streich
Zuerst war da diese balladige sus-add9-13-noroot-invertiert-Akkordfolge.
Dann kam dieser Teenie-Riff aus der dritten Gitarrenstunde.
Was könnte noch Schlimmeres kommen? Klar, etwas Jazziges.
Graben wir Jimi und Jaco aus, lassen Miles etwas dazu beitragen
und mischen alles kräftig durch, werfen die Jazz-Pozilei
aus dem Saal und machen einen auf Jazz-Rock. Es wird haarig.
| Jazzy Nonsense (guitar) |
 |
 |
Tatsächlich bricht sich der Jazz, und damit die Theorie
Raum. Ein Teil dieser Akkordfolge ist ... Quintfall-Sequenz.
Schaut bei Bernd nach, der
hat das detaillierter beschrieben, was das ist. Aber da die
Akkorde nicht Stufenakkorde sind, sondern teils abartiges
Material, ist das keine wirkliche Kadenz, lediglich die Idee
der Quintfall-Sequenz ist aufgenommen. Die Akkorde, acht an
der Zahl:
|
E|-0-
B|-8-
G|-7-
D|-6-
A|-7-
E|-0-
|
#1 |
= Emin7b5 |
|
E|---
B|-0-
G|-0-
D|-0-
A|-2-
E|-0- |
#5 |
= Emin7 |
E|-0-
B|-0-
G|-2-
D|-2-
A|-0-
E|--- |
#2 |
= Asus2 |
|
E|-0-
B|-0-
G|-5-
D|-2-
A|-0-
E|--- |
#6 |
= Amin7add9 |
E|-0-
B|-3-
G|-2-
D|-0-
A|-0-
E|--- |
#3 |
= Dsus2/A |
|
E|-0-
B|-3-
G|-2-
D|-0-
A|-0-
E|---
|
#7 |
= Dsus2 |
E|---
B|-3-
G|-0-
D|-0-
A|-3-
E|-3- |
#4 |
= Gsus4 |
|
E|-3-
B|-1-
G|-0-
D|-0-
A|-3-
E|--- |
#8 |
= Csus2 |
Wir sehen, es bleibt schwierig. Zwar haben wir bis auf die
Substitution im Akkord #8 im Prinzip eine Quintfall-Sequenz,
aber wegen der abenteurlichen Akkorde nutzt uns das modale
Spiel hier wenig. Die Lösung ist so einfach wie langwierig:
man muss in jeder Stufe heraushören, wie die Tendenz
liegt, den Grundton beachten und dann improvisieren. Hier
gibt es kaum Regeln und Verfahren. Ein mögliches Ergebnis:
| Jazzy Nonsense (guitar
+ bass) |
 |
 |
Dieser Ausflug in das Perverse stellt uns aber wenigstens
ein paar Anhaltspunkte bereit, die für erste Ansätze
taugen:
- Eindeutige Dur- oder Moll-Akkorde vertragen immer
die Grundnote, die Terzen und Quinten, mit den Septimen
muss man aufpassen, welcher Septim-Akkord denn hier auftritt,
von den Sexten besser die Finger lassen; im Feld/Wald-Wiesen-Rock
ist in der Regel auch die große Sekunde verwendbar.
- Die Suspended Chords (sus2, sus4, sus47) vertragen
sich mit der Ionischen Leiter meist problemlos.
- Vorsicht ist geboten, wenn diminished oder augmented
chords vorkommen (dim, augm), durch das Fehlen der reinen
Quinte sind einfach nur Ionisch oder Äolisch sowie
die Grund-Pentatoniken eine Falle. Hier bräuchte man
tatsächlich wieder die Modes, die diese veränderte
Lage der Quinte wieder spiegeln.
Fazit
Die drei Beispiele waren nicht ohne Grund so zusammen gestellt,
ich habe mir tatsächlich etwas dabei gedacht (darum hat
es auch so lange gedauert ).
- Wird man mit Unkadenzen konfrontiert, ist in der ersten
Linie das Gehör gefragt, sowie der Feel für Intervalle
und Tongeschlechter. Da wenige theoretische Regeln noch
sinnvoll greifen. Um so wichtiger wird das Thema Gehörtraining.
- Dieser Feel ergibt sich aus Übung und eigener Improvisation.
Wesentlich hilft auch, viel und viel unterschiedliche Musik
zu hören. Ich sagte hören, nicht im Hintergrund
dudeln lassen.
- Bass Player's Dream zeigt Methode #1: So weit wie
möglich auf Grundnoten und Quinten zurück ziehen,
so lange die anderen Instrumente den harmonischen Raum füllen.
Stattdessen eher rhythmisch oder artikulativ arbeiten.
- Teenie Riff behandelte Methode #2: die ach so beliebten
Powerchords haben ihr Gegenstück in den Leitern in
der Pentatonik. Jedoch muss hier ein gewisser TSD-Zusammenhang
geachtet werden (Tonika-Subdominate-Dominante), bezüglich
des Tongeschlechtes auf den einzelnen Stufen. Teenies wissen
oft nicht, was sie tun.
- Methode #3, Jazzy Nonsense, betrifft das Fehlen
echter harmonischer Anhaltspunkte. Daher darf sich hier
bassistische Genialität austoben, so lange denn der
Basser zuhören kann. Der Tonika folgen ist immer en
vogue, die Ausgestaltung, auch modaler Weise, ergibt sich
mit dem Üben solcher Monster.
So, das wollte ich noch los werden ...
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