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Per Anhalter durch das Real Book - Part II
Alles was Sie schon immer über "Jazz-Blues"
wissen wollten,
aber bisher nicht zu fragen wagten.
... , verfaßt kurz vor der Jahrtausendwende
Dieser Artikel ist all jenen Bassisten gewidmet, die eine
"Tritonus-Substitution" immer noch für einen
komplizierten chirurgischen Eingriff halten, aber trotzdem
"abswingen" wie der Teufel.
Grundsätzliches
"Der Jazz ist nicht tot - er riecht nur schon etwas
komisch",
Das soll Frank Zappa sinngemäß einmal geäußert
haben. Obwohl der Jazz schon etliche Jährchen mehr auf
dem Buckel hat als zum Beispiel der Rockn' Roll ist er tatsächlich
noch nicht gestorben. Das liegt meines Erachtens daran, daß
der Jazz im Laufe der Entwicklung immer wieder Einflüsse
aus anderen Musikrichtungen aufgenommen hat (jeweils unter
dem Widerstand von den Hütern der Tradition, die vielleicht
mit für den eigentümlichen Geruch des Jazz verantwortlich
sind, der Frank Zappa aufgefallen ist).
Ein bestimmender Einfluß von außen, der dem Jazz
noch lange Zeit das Überleben sichern wird, ist der Blues
(wir wollen uns hier nicht darüber streiten, ob der Jazz
seinen Ursprung im Blues hat, oder ob der Blues später
dazugekommen ist - diese Diskussion ist für Bassisten
zu akademisch ;-)). Sehr viele Jazz-Standards basieren jedenfalls
auf Blues-Akkordfolgen. Jazz ohne Blues wäre langweilig
wie Formel 1 ohne Schumi oder die Barilla-Nudelreklame ohne
Steffi Graf.
Nun neigen Jazzer bekanntlich dazu, sich die Dinge schwerer
und komplizierter zu machen als es eigentlich sein müßte
(sonst wären sie ja erst gar nicht Jazzer geworden -
Rockmusiker haben das dankbarere Publikum, mehr Gigs und höhere
Gagen...). So haben sie auch den ursprünglich recht einfachen
und unkomplizierten Blues nicht ungeschoren gelassen und mit
auf den ersten Blick nicht nachvollziehbaren Akkordverbindungen
und "alt+m7b5b9addd#13....."-Akkorderweiterungen
versehen (ich übertreibe hier etwas - es gibt auch harmonisch
einfach gehaltene Jazz-Blues-Standards, wie den "C-Jam-Blues"
oder den "Watermelon Man" von Herbie Hancock).
Wie bei der ersten Folge (Autumn
Leaves) behalten wir auch hier die Ruhe und schauen uns
Schritt für Schritt an, was in vermeintlich komplizierten
Stücken eigentlich abläuft. Wir werden auch hier
feststellen, daß wir es fast immer mit häufig wiederkehrenden
Standard-Akkordverbindungen und bereits aus der ersten Folge
bekannten "Changes" zu tun haben.
Und auch diesmal werden wir unser Studienobjekt dazu benutzen,
unser Walking-Bass-Spiel zu trainieren. Der Jazz-Blues ist
dafür ein ideales Übungsmaterial. Dazu - bevor es
richtig losgeht - eine kurze Anleitung, nach der ich vorgehe
und mit der ich gute Erfahrungen gemacht habe: Teilen wir
uns die Akkordfolgen der Stücke in kleinere "Pakete"
ein. Bei kürzeren Abschnitten bleibt eher hängen,
was wir lernen, als wenn wir uns durch längere Akkordfolgen
arbeiten. Zu kurz sollten die Abschnitte auch nicht sein,
damit sich zusammenhängende Linien ergeben. Bei mir haben
sich Pakete zu jeweils vier Takten bewährt. Nun notieren
wir uns für diese vier Takte so viele WLBs wie uns einfallen
(ob in Notenschrift oder in Tabulatur ist egal). Vier WLBs
sollten es schon mindestens sein.
Auf diese Art und Weise erarbeiten wir uns mit der Zeit ein
Repertoire von WLB-Licks, die auf bestimmte Akkordfolgen passen.
Das Aufnotieren zwingt uns dazu, langsam und nicht zu oberflächlich
vorzugehen (unser träges Bassistenhirn hat es dann einfacher
[Nestbeschmutzer!!! d.S.]).
Wir werden feststellen, daß wir so "im Ernstfall",
also beim Begleiten aus dem Stegreif, schneller und sicherer
werden.
Ich selbst schreibe in diesen Artikel keine Basslinien. Schaut
immer wieder rüber zu Adam
Nitti und entwickelt auf der Grundlage seiner Hinweise
WLBs.
Und noch eines, bevor es losgeht. Ich werde die Theorie,
die hinter den Jazz-Blues-Akkordverbindungen steckt, zwar
ab und zu ansprechen, aber nicht im Detail erläutern.
Keiner sollte sich davon abhalten lassen, hier tiefer einzusteigen
(ein guter Stoff zum Einsteigen ist z.B. der "Jazz
Improvisation-Primer" vom Marc Sabatella). Wir wollen
es hier nur für den Anfang bei dem belassen, was für
uns "Basser" absolut notwendig ist, um einigermaßen
elegant durch ein Stück zu kommen. Und für diesen
Zweck ist weniger Theoriewissen erforderlich als man glaubt.
Und nun zur Sache.
Pack mer's
Worin unterscheidet sich nun Jazz-Blues vom traditonellen
Blues? Mir ist als erstes etwas ganz Triviales aufgefallen:
Die Stücke stehen in für Rockmusiker ungewohnten
Tonarten wie Fmaj, Bbmaj, Ebmaj, Cm etc. ... Das hat seinen
Grund darin, daß Trompeter, Saxophonisten, Klarinettisten
und wie sie alle heißen mit solchen Tonarten viel besser
klarkommen als mit unserem heißgeliebten Emaj, Amaj
etc. Viele Komponisten von Jazz-Standards spielten oder spielen
ein Blasinstrument und benutzen deshalb gerne Tonarten, die
für uns Bassisten - wenn wir ehrlich bleiben - etwas
unbequem sind, es sein denn wir verfügen über einen
5-Saiter (Seitenhieb des Verfassers, Ätsch - Rainer [6,
Bernd, 6 ... d.S.]).
Der nächste entscheidendere Unterschied liegt in mehr
oder weniger ausgeprägten Abweichungen vom Standard-Blues-Schema.
Auch wir Bassisten wissen mittlerweile, daß ein Standard-Blues-Schema
12 Takte hat, das in Stufen ausgedrückt so ausschaut:
| I |
I |
I |
I |
| IV |
IV |
I |
I |
| V |
IV |
I |
V |
|
Anmerkung:
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1 |
2 |
3 |
4 |
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Das
verwendete Takt-Nummernschema ist nun immer:
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5 |
6 |
7 |
8 |
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9 |
10 |
11 |
12 |
Oder beispielsweise in Bb:
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Bb7 |
Bb7 |
Bb7 |
Bb7 |
|
Eb7 |
Eb7 |
Bb7 |
Bb7 |
|
F7 |
Eb7 |
Bb7 |
F7 |
Sehr häufig verwendet man im 2. Takt die IV. Stufe (entsprechend
Eb7). Der gängige Akkord auf allen Stufen ist der Dominant-Septakkord.
Der hat allerdings im Blues nicht die Funktion einer Dominante,
sondern wird meistens auf jeder Stufe verwendet.
Das ist soweit ganz gut und schön und auch eine im Jazz
gar nicht so seltene Form. Nun soll aber etwas Abwechslung
in die Sache kommen. Wie könnte man das zum Beispiel
tun. Schauen wir uns diese Akkordfolge an:
|
Bb7 |
Eb7 |
Bb7 |
Bb7 |
|
Eb7 |
Eb7 |
Bb7 |
G7alt |
|
Cm7 |
F7 |
Bb7 |
F7 |
Bei den Takten 8 - 11 zucken wir zunächst zusammen,
aber Keine Panik (wie es in "Per Anhalter
durch die Galaxis" so schön heißt").
Da passiert nix, was uns aus der Bahn werfen muß. Greifen
wir mal auf unserem Bass nacheinander die Grundtöne der
Takte 9 bis 11: C, F und Bb. Fällt uns da etwas auf?
Richtig - es geht in Quinten abwärts. Und welche Standard-Akkordfolge
geht in Quinten abwärts? Bingo: ii - V - I.
Wie wir bereits in Folge 1 gesehen haben, lieben die Jazzer
die ii-V-I Verbindung heiß und innig. Es liegt sehr
nahe, diese Folge auch in das Blues-Schema einzubauen. Im
vorliegenden Fall zielt die Akkordsequenz auf das Bb7 in Takt
11, also auf unsere Stufe I.
Nun benötigen wir noch eine elegante Wendung, die von
Takt 8 auf das Cm7 im Takt überleitet. Das Bb7, das im
Standard-Blues im Takt 8 sitzt, klingt nicht so elegant. Eine
schöne Überleitung wäre ein Dominantseptakkord,
z. B der G7. Und nun kommt noch etwas ins Spiel, was die Jazzer
sehr gerne tun: Akkorde ersetzen. Man spricht hier von "Substitution".
Eine ganz beliebte Substitution für Dominantseptakkorde
sind sogenannte "alterierte" Akkorde wie eben jener
G7 alt.
Man könnte nun im einzelnen ausführen, daß
der G7alt aus den Tönen der alterierten Skala gebildet
wird, welche die 7. Stufe von Melodisch Moll darstellt, eine
Skala mit einer ganz speziellen Intervallstruktur etc. ...
aber das wollen wir hier mal beiseite lassen. Merken wir uns
einfach die Intervallstruktur dieses Akkordes: 1, 3, b5, 7,
... b9 etc. Näher erläutert ist die Sache in Kapitel
4.
Wenn wir gerade bei ii-V-I Verbindungen sind, wir bringen
noch mehr davon in unserem Jazz-Blues unter: Im vorherigen
Beispiel sind wir mit Cm7-F7-Bb7 auf unserer I gelandet. Schaffen
wir denn eine ii-V-I Verbindung, die auf Stufe IV ankommt?
Selbstverständlich. Ab Takt 1:
|
Bb7 |
Eb7 |
Bb7 |
Fm7 | Bb7 |
|
Eb7 |
... |
... |
... |
|
... |
... |
... |
... |
Alles klar? Ja doch - gehen wir mal weiter (Takt 5 bis 7):
|
Bb7 |
Eb7 |
Bb7 |
Fm7 | Bb7 |
|
Eb7 |
Edim |
Bb7 |
... |
|
... |
... |
... |
... |
Was ist das denn schon wieder? Im Standard-Blues-Schema käme
in Takt 6 ein Eb7 , und dieses Eb7 wird wieder mal substituiert.
"Dim" steht für einen verminderten Akkord.
Vermindert heißt, es sind nur kleine Terzen übereinandergeschichtet.
Die Intervallstruktur lautet also 1-b3-b5-b7. Auch der sieht
- wie der alterierte Akkord, dem m7b5 recht ähnlich (bei
der Septime müssen wir etwas aufpassen). Es funktionieren
jedenfalls ähnliche WLB-Begleitungen (ausprobieren).
Diese Substitution haut deshalb hin, weil man Eb7 und Edim
aus der gleichen Skala ableiten kann (verminderte Skala !?!),
aber das soll uns hier mal nicht interessieren.
Weiter im Text - wir waren bei Takt 7 angekommen. Wie wäre
jetzt mal für die Überleitung auf Cm (in Takt 9)
mit einer ii-V-i Verbindung in Moll? Bitteschön - also
nochmal von Takt 5 an:
|
Bb7 |
Eb7 |
Bb7 |
Fm7 | Bb7 |
|
Eb7 |
Edim |
Bb7 |
Dm7b5 | G7alt |
|
G7alt |
Cm7 |
... |
... |
Da wir nur noch einen Takt bis zum Cm7 haben, wechseln wir
halt halbtatkig (wie auch in Takt 4).
Diese ii-V-i weicht durch den G7alt geringfügig von
der Standard ii-V-i Verbindung ab. Daß Dominatseptakkorde
häufig durch "alt" - Akkorde ersetzt werden,
kennen wir schon. Das geschieht auch häufig mit der V
in einer ii-V-i Verbindung. Mit was für einem Akkord
wir es zu tun haben, ist uns inzischen einigermaßen
klar.
Treiben wir in den nächsten Takten das Spiel mit den
ii-V-I (i) Verbindungen mal weiter (damit wir die Übersicht
nicht verlieren, legen wir nochmal von vorne los):
|
Bb7 |
Eb7 |
Bb7 |
Fm7 | Bb7 |
|
Eb7 |
Edim |
Bb7 |
Dm7b5 | G7alt |
|
Cm7 |
F7alt |
Bb7 | G7alt |
Cm7 | F7alt |
Auch wenn es komplitziert aussieht - das ist lediglich eine
Aneinanderreihung bereits bekannter Verbindungen: in Takt
9-11 die ii-Valt-I Verbindung, die auf unserer Grundtonart
rauskommt (mit umgestrickter Stufe V - wie wir auf "alt"
reagieren, wissen wir mittlerweile), in Takt 11 mit dem G7alt
als Einleitung einer weiteren ii-Valt-I Verbindung in Richtung
Bb, allerdings ohne die Auflösung zur I. Die kommt erst
in Takt 1 des 2. Songdurchlaufs, was sehr elegant wirkt.
Damit haben wir eine "Blues-Progression", die recht
häufig gespielt wird. Wir sollten uns diese Akkordfolgen
merken und ausprobieren, wie wir auf verschiedenen Wegen durch
das Stück "walken". Eine Besonderheit besteht
darin, daß die Akkorde teilweise halbtaktig wechseln,
das heißt wir haben je Akkord nur noch zwei Töne,
um den Klang hörbar zu machen. Das ist nur auf den ersten
Blick schwieriger als eintaktige Wechsel, denn wir können
uns in "undurchsichtigen" Situationen eher durch
zwei Noten mogeln als durch vier. Gerade bei halbtaktigen
Wechseln wirken manchmal Grundtonlinien ganz gut, oder man
spielt etwa bei b5-Akkorden (m7b5, alt, oder dim) jeweils
Grundton und verminderte Quinte.
Wer das jetzt alles ohne Unterbrechung durchgelesen hat,
mag etwas den Überblick verloren haben. Fassen wir deshalb
die für uns wesentlichen Punkte einmal zusammen:
Wir fassen zusammen ... äh, ...
- Die im Jazz-Blues üblichen
Akkordverbindungen sind in aller Regel Aneinanderreihungen
von ii-V-I (i) Verbindungen in Dur oder Moll. Mit etwas
Übung können wir diese Verbindungen beim Spielen
mit unserem mittlerweile geübten Ohr identifizieren.
ii-V-I Verbindungen sind (siehe "Eselsbrücke"
für Quintfallsequenzen in Teil 1) uns WLB-technisch
bereits in Fleisch und Blut übergegangen.
- Mitunter werden Akkorde "substituiert"
(pfui), z.B. Dominat-Septakkorde durch alterierte Akkorde
auf dem gleichen Grundton. Das hat für die Bassbegleitung
sehr viel weniger Bedeutung als für die Solostimme.
Wir sollten uns lediglich merken, daß "alt"
und "dim" - Akkorde ihren speziellen Klang aus
den Intervallen b3 und b5 beziehen und dies bei unseren
Basslinien berücksichtigen.
Machen wir jetzt mal 'ne kleine Kaffeepause.
Kaffeepause zuende
Dürfen es noch mehr Substitutionen sein?
Wenn wir gerade bei Substitutionen sind - was kann man da
noch so alles treiben? Eine ganz besondere Art der Substitution
möchte ich hier nicht unterschlagen, weil sie sehr häufig
verwendet wird, und das nicht nur im Jazz-Blues. Schauen wir
uns mal eine triviale ii-V-I Verbindung an, z. B.
Dm7-G7-Cmaj7
und nehmen uns mal die V, den G7 vor. Die entscheidenden
Intervalle, die den Klang dieses Akkordes ausmachen, sind
die Terz (B) und die Septime (F). Es handelt sich im einen
"Tritonus", der die Spannung erzeugt, die für
die Auflösung zur I (Cmaj7) so wichtig ist. Nun ist dieser
Tritonus ein symmetrisches Intervall, das heißt wenn
man ihn umkehrt (F unten, B oben), kommt wieder ein Tritonus
heraus. Und diese Töne wiederum sind Terz und Septime
eines neuen Dominant-Septakkordes. Welcher wohl - klar: Db7.
Und deshalb funktioniert unsere ii-V-I Verbindung genauso
auf diese Weise:
Dm7-Db7-Cmaj7.
Es klingt sogar fast noch interessanter als G7, denn das
Db ist ein sehr gut klingender Leitton für die Bewegung
zum C hin. Db und G, unsere beiden Grundtöne, bilden
wiederum einen Tritonus. Deshalb heißt diese Art der
Subtitution "Tritonus-Substitution". Sie funktioniert
bei Dominantseptakkorden fast immer, und deshalb wird man
ihr im Jazz (nicht nur dort) häufig begegnen.
Wir sollten uns den Klang dieser Substitution einprägen
und üben, mit welchen Walking-Bass-Linien wir hier zurecht
kommen. In der Praxis wird wenig schiefgehen, denn eine Tritonus-Substition
kann man auch mal spontan einflechten, um Abwechslung reinzubringen.
Es fällt, weil die Akkorde in den entscheidenden Intervallen
die gleichen Töne haben, nicht einmal auf, wenn sich
der Solist einen Dreck um unsere kunstvolle WLB-Konstruktion
schert und stur seinen Stiefel weiterspielt.
Also nochmal zur Zusammenfassung:
Sehr häufig wird ein Dominant-Septakkorde durch
einen anderen Dominant-Septakkord ersetzt, dessen Grundton
eine verminderte Quinte (Tritonus) vom ursprünglichen
Grundton entfernt ist (Tritonus-Substitution)
Zum guten Schluß
Jetzt haben wir unser Rüstzeug für den Jazz-Blues
beisammen. Wir wissen, mit welchen Mitteln die Jazzer in das
Standard-Blues-Schema Abwechlung bringen. Sie ersetzen Dominant-Septakkorde
durch andere, die ähnliche Töne enthalten und sie
arbeiten ausgiebig mit ii-V-I (i) Verbindungen in Dur und
in Moll.
Die für den, der es nicht gewohnt ist, teilweise verwirrend
erscheinenden Akkorderweiterungen sind in erster Linie als
Hinweise für die Solisten sehen, welche Skalen sie verwenden
sollen. Für uns, die wir zunächst nur mit eine einfache,
aber funktionierende WLB hinbekommen wollen, sind diese Skalen-Spielereien
nicht so wichtig. Uns zeigen die Erweiterungssymbole, wie
an den entscheidenden Stellen - entscheidend sind Terz, Quinte
und Septime - die Akkordstruktur aussieht, welche wir beim
Begleiten mehr oder weniger stark berücksichtigen müssen
(das gilt nicht nur für den Jazz-Blues). Diesbezüglich
gibt es nur wenige Grundtypen, und die finden wir noch einmal
im vierten Teil.
Noch ein Hinweis für die Konstruktion von WLBs. Bei
Adam Nitti steht, daß viele bekannte Jazz-Bassisten
hauptsächlich mit chromatisch gefärbten WLBs arbeiten.
Wenn wir das selbst ausprobieren, werden wir feststellen,
daß wir uns Denkarbeit umso mehr sparen, je mehr chromatische
Töne wir verwenden. Dazu ein Beispiel: Wenn wir in einer
ii-V-i Verbindung wie etwa Am7b5 - D7 (od. D7alt) - Gm7 das
G mit einem G# (respektive Ab) ansteuern, dann paßt
das sowohl für einen normalen D7 (dann hätten wir
G mit einem chromatischen Durchgangston angesteuert) als auch
für D7alt (dann wäre das Ab ein Akkordton). Letztendlich
ist uns egal, ob wir nun mit dem Ab einen Durchgangston oder
einen Akkordton spielen, Hauptsache es klingt gut.
Deshalb, als Ergänzung unserer ii-V-I Eselsbrücke
aus Folge 1, eine Faustregel für
das Walken (aus dem Stegreif) durch komplizierte Changes:
immer schön chromatisch von einem Akkordgrundton
zum nächsten.
Und noch ein letzter Tip zum Schluß:
nicht nur von Takt zu Takt denken, sondern am besten
in Vierergruppen
- wir sehen z.B Takt 1 bis 4, prägen uns die Folge der
Grundtöne ein und "walken" dann von Takt zu
Takt. Wenn wir im letzten Takt sind schauen wir uns die nächste
Vierergruppe an.
Der Jazz-Blues-Elchtest
Und nun kommt als Anschauungs- und Übungsobjekt noch
eine (auf Jam-Sessions häufig gespielte) Blues-Progression,
die es in sich hat. Wenn wir solche Changes im Griff haben,
dann gibt es nur noch wenige Realbook-Standards, die uns in's
Schwitzen bringen [ich
schwitze schon beim Korrekturlesen ... d.S.]. Die
Akkordfolge ist mit ii-V-I Kadenzen und -Substitutionen gespickt
- mehr kann man wirklich kaum noch unterbringen. Zur Übung
werden wir diese Akkordfolge analysieren (jeder für sich
- in diesem Artikel schreibe ich nichts darüber, Auflösung
folgt später) und uns für die Changes soviele WLBs
wie möglich ausdenken.
Wer einen Sequenzer hat, möge sich ein Playback programmieren
und seine WLBs auf der Stelle ausprobieren. Als letztes legen
wir dann unsere Noten bzw. Tabulaturen zur Seite und improvisieren
Bass-Lines über diese Changes. Zuerst bei ganz langsamem
Tempo. Sobald wir uns nicht mehr verspielen, wird das Tempo
gesteigert. (Ein mit allen Wassern gewaschener Jam-Session-Bassist
spielt sowas bei ungefähr 180 bpm)
Das ist die Akkordfolge:
|
Fmaj7 |
Em7b5 | A7b9 |
Dm7 | G7 |
Cm7 | F7 |
|
Bb7 |
Bbm7 | Eb7 |
Am7 | D7 |
Abm7 | Db7 |
|
Gm7 |
C7 |
Fmaj7 | D7alt |
Gm7 | C7 |
Diesen Jazz-Blues-Elchtest hat sich Charlie Parker ausgedacht.
Das Stück heißt "Blues For Alice".
Viel Spaß damit.
Das reicht für heute.
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