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Per Anhalter durch das Real Book - Part IV
Wie man den Jazzer-Geheimcode knackt
Inzwischen ist zum Thema Jazz-Bass für Einsteiger in
kurzer Zeit sehr viel mehr zusammengekommen als ich gedacht
hätte. Damit sich der Stoff etwas setzen kann, greifen
wir uns in dieser Folge zur Vertiefung noch einmal ein Thema
heraus, das wir schon öfter gestreift haben. Es geht
darum, die Akkordsymbole, die uns im Real Book begegnen, richtig
zu lesen. Wir wollen den Cm5b9#13add11- Geheimcode der Jazzer
entschlüsseln.
Wenn wir aus dem richtigen Blickwinkel an die Sache rangehen,
ist dieser Code relativ leicht zu knacken, denn viele der
Geheimzeichen sind Botschaften, die sich in erster Linie an
die Solisten richten (es sind häufig Hinweise auf die
zu verwendenden Skalen), bzw. an diejenigen, die besonders
raffiniert begleiten wollen. Wir wollen ja (zunächst
zumindest) etwas ganz anderes - nicht glänzen, sondern
mit so einfach wie möglich gehaltenen Basslinien unfallfrei
und einigermaßen elegant durch ein Stück kommen
(oft glänzt man gerade damit, die raffinierten Sachen
werden vom Publikum ignoriert). Und dann sind nur noch die
Teile des Geheimcodes von Interesse, die uns Auskunft über
die für den Klang des jeweiligen Akkordes entscheidenden
Intervalle geben.
Wichtig sind für uns lediglich Grundton, Terz, Septime
und Quinte. Die Quinte stelle ich hier mit Absicht an den
Schluß, weil sie bei den Akkorden, wo sie als reines
Intervall vorkommt, für den Klang keine Rolle spielt.
Es folgt nun eine geraffte Übersicht über den Teil
des Jazzer-Geheimcodes, der für uns Wald- und Wiesen-Bassisten
von Interesse ist, jeweils mit einer Anmerkung dazu, was wir
tun bzw. lassen, wenn uns diese Geheimzeichen begegnen.
1. Dur oder Moll - die Terz entscheidet
| Akkord |
Symbole/Beispiele |
Intervalle |
Intervallstruktur |
| Dur-Akkord |
C, CM, Cmaj |
Grosse Terz |
3
|
| Moll-Akkord |
Cm, Cmin |
Kleine Terz |
b3
|
Es liegt auf der Hand, daß wir bei Dur-Akkorden keine
kleine Terz spielen und bei Moll-Akkorden keine große
Terz.
2. Die Septime färbt den Klang
| Akkord |
Symbole/Beispiele |
Intervalle |
Intervallstruktur |
| Maj7-Akkord |
CM7, Cmaj7, C 7 |
Grosse Terz
Grosse Septime |
3
7
|
| Dominant-Septakkord |
C7 |
Grosse Terz
Kleine Septime |
3
b7
|
| Moll-Septakkord |
Cm7, Cmin7, C-7 |
Kleine Terz
Kleine Septime |
b3
b7
|
| Moll-maj7-Akkord |
Cm-maj7 |
Kleine Terz
Grosse Septime |
b3
7
|
m-maj7" sagt dem Solisten, daß die harmonische,
bzw. melodische Moll-Skala gefragt ist. Das ist für uns
egal bis auf die Tatsache, daß wir um die kleine Septime
einen großen Bogen machen.
3. Terzfreie Zone" - Akkorde, die sich nicht
entscheiden können
| Akkord |
Symbole/Beispiele |
Intervalle |
Intervallstruktur |
| Suspended Chords |
Csus, Csus2, Csus4,
C7sus4, C9sus4 |
Keine Terz
Kleine Septime |
2/4
b7
|
Suspended-Chords sind Akkorde ohne Tongeschlecht (der Ausdruck
Bi-Akkorde" liegt mir auf der Zunge, aber ich verkneife
mir das, Anm. d. Verf.). Angesagt ist die kleine Septime und
das Intervall, das hinter sus" steht. (Sehr beliebt
bei Gitarristen ist der 9sus4, für den man einfach nur
den Zeigefinger als Barrée über den Grundton legt.)
Wenn die Solisten sus-Akkorde sehen, freuen sie sich, weil
sie nicht auf ein Tongeschlecht festgelegt sind. Wenn wir
eine Terz spielen würden, dann würden wir ihnen
dieses Vergnügen nehmen.
4. Die Quinte macht den Klang
| Akkord |
Symbole/Beispiele |
Intervalle |
Intervallstruktur |
Übermäßiger
Akkord
(augmented chord) |
Caug, C+ |
Grosse Terz
Überm. Quinte |
3
#5
|
| m7b5 |
Cm7b5 |
Kleine Terz
Verm. Quinte
Kleine Septime |
b3
b5
b7
|
| Verminderter Akkord |
Cdim, Co |
Kleine Terz
Verm. Quinte
Doppelte verm. Sept. |
b3
b5
bb7 (6)
|
| Alterierter Akkord |
C7alt, C7b5(#5),
C7#9, C7b13 |
Grosse Terz
Verm. Quinte
Kleine Septime |
3
b5
b7
|
| #4, #11 (lydisch) |
C#4, C#11 |
Grosse Terz
Überm. Quarte |
3
#4 (=b5)
|
Das ist zwar jetzt eine lange Liste, aber bis auf den übermäßigen
Akkord sind es durchweg Akkorde mit verminderter Quinte. Wir
machen bei diesen Akkorden nix verkehrt, wenn wir die verminderte
(übermäßige) Quinte ausspielen.
Vielleicht noch ein Wort zum Alt-Akkord. Es ist ein Akkord,
der auf der alterierten Skala gebildet wird. Das ist die 7.
Stufe von Melodisch Moll. Wenn wir uns die Skala ansehen (Intervallstruktur:
1/ b2 (b9), #2 (#9) / 3 / #11 (b5) / b13 (#5) / b7 / 8 (1)),
stellen wir fest, dass da alle möglichen denkbaren schrägen"
Intervalle drin sind. Allerdings z.B. keine reine Quinte.
Im Notenblatt sieht man auch häufig Symbole wie b9, b13
etc., die aussagekräftiger sind, als das Symbol alt".
Wir haben sowohl eine Dur-Terz, als auch eine Moll-Terz. Wenn
wir hier schön chromatisch spielen und um die reine Quinte
einen Bogen machen, kann wenig schiefgehen.
Was die Sache mit lydisch" betrifft, mache ich
es mir hier einfach und setzte die #4 mit der b5 gleich. Das
ist zwar musiktheorethisch ein todeswürdiges Verbrechen,
aber es ist nun mal ein und derselbe Ton. #4" bzw.
#11" sind ein Hinweis darauf, daß der Solist
die lydische Skala verwendet. Dabei macht die übermäßige
Quarte den Klang aus. Wir fahren nicht schlecht, wenn wir
hier Töne vermeiden, die sich mit der #4 nicht gut vertragen.
5. Es passiert was mit dem Grundton - Slash Chords
Wenn wir so etwas sehen wie Cmaj7/G heißt das, daß
nicht der Grundton des Akkordes im Bass liegt, sondern der
Ton hinter dem Schrägstrich.
Alle anderen Akkorderweiterungen können wir für
unsere Zwecke zunächst außen vor lassen. Das Real
Book liest sich nun sehr viel leichter, da wir uns auf die
für eine solide Bassbegleitung entscheidenden Dinge beschränken.
Wir müssen auch nicht immer alle der genannten Intervalle
ausspielen. Es kommt darauf beim Lesen schnell zu schalten:
Welche Töne könnte ich jetzt spielen, wenn
ich wollte", welche Töne verkneife ich mir
besser". Mit etwas Übung funktioniert dieses Schalten"
schnell genug, um aus dem Stegreif zu begleiten.
Habe fertig!
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