The Bernd Weitzmann Collection


Per Anhalter durch das Real Book - Part IV

Wie man den Jazzer-Geheimcode knackt

Inzwischen ist zum Thema Jazz-Bass für Einsteiger in kurzer Zeit sehr viel mehr zusammengekommen als ich gedacht hätte. Damit sich der Stoff etwas setzen kann, greifen wir uns in dieser Folge zur Vertiefung noch einmal ein Thema heraus, das wir schon öfter gestreift haben. Es geht darum, die Akkordsymbole, die uns im Real Book begegnen, richtig zu lesen. Wir wollen den Cm5b9#13add11- Geheimcode der Jazzer entschlüsseln.

Wenn wir aus dem richtigen Blickwinkel an die Sache rangehen, ist dieser Code relativ leicht zu knacken, denn viele der Geheimzeichen sind Botschaften, die sich in erster Linie an die Solisten richten (es sind häufig Hinweise auf die zu verwendenden Skalen), bzw. an diejenigen, die besonders raffiniert begleiten wollen. Wir wollen ja (zunächst zumindest) etwas ganz anderes - nicht glänzen, sondern mit so einfach wie möglich gehaltenen Basslinien unfallfrei und einigermaßen elegant durch ein Stück kommen (oft glänzt man gerade damit, die raffinierten Sachen werden vom Publikum ignoriert). Und dann sind nur noch die Teile des Geheimcodes von Interesse, die uns Auskunft über die für den Klang des jeweiligen Akkordes entscheidenden Intervalle geben.

Wichtig sind für uns lediglich Grundton, Terz, Septime und Quinte. Die Quinte stelle ich hier mit Absicht an den Schluß, weil sie bei den Akkorden, wo sie als reines Intervall vorkommt, für den Klang keine Rolle spielt. Es folgt nun eine geraffte Übersicht über den Teil des Jazzer-Geheimcodes, der für uns Wald- und Wiesen-Bassisten von Interesse ist, jeweils mit einer Anmerkung dazu, was wir tun bzw. lassen, wenn uns diese Geheimzeichen begegnen.

1. Dur oder Moll - die Terz entscheidet

Akkord Symbole/Beispiele Intervalle Intervallstruktur
Dur-Akkord C, CM, Cmaj Grosse Terz

3
Moll-Akkord Cm, Cmin Kleine Terz

b3

Es liegt auf der Hand, daß wir bei Dur-Akkorden keine kleine Terz spielen und bei Moll-Akkorden keine große Terz.

2. Die Septime färbt den Klang

Akkord Symbole/Beispiele Intervalle Intervallstruktur
Maj7-Akkord CM7, Cmaj7, C7 Grosse Terz
Grosse Septime

3
7
Dominant-Septakkord C7 Grosse Terz
Kleine Septime

3
b7
Moll-Septakkord Cm7, Cmin7, C-7 Kleine Terz
Kleine Septime

b3
b7
Moll-maj7-Akkord Cm-maj7 Kleine Terz
Grosse Septime

b3
7

„m-maj7" sagt dem Solisten, daß die harmonische, bzw. melodische Moll-Skala gefragt ist. Das ist für uns egal bis auf die Tatsache, daß wir um die kleine Septime einen großen Bogen machen.

3. „Terzfreie Zone" - Akkorde, die sich nicht entscheiden können

Akkord Symbole/Beispiele Intervalle Intervallstruktur
Suspended Chords Csus, Csus2, Csus4,
C7sus4, C9sus4
Keine Terz
Kleine Septime

2/4
b7

Suspended-Chords sind Akkorde ohne Tongeschlecht (der Ausdruck „Bi-Akkorde" liegt mir auf der Zunge, aber ich verkneife mir das, Anm. d. Verf.). Angesagt ist die kleine Septime und das Intervall, das hinter „sus" steht. (Sehr beliebt bei Gitarristen ist der 9sus4, für den man einfach nur den Zeigefinger als Barrée über den Grundton legt.) Wenn die Solisten sus-Akkorde sehen, freuen sie sich, weil sie nicht auf ein Tongeschlecht festgelegt sind. Wenn wir eine Terz spielen würden, dann würden wir ihnen dieses Vergnügen nehmen.

4. Die Quinte macht den Klang

Akkord Symbole/Beispiele Intervalle Intervallstruktur
Übermäßiger Akkord
(augmented chord)
Caug, C+ Grosse Terz
Überm. Quinte

3
#5
m7b5 Cm7b5 Kleine Terz
Verm. Quinte
Kleine Septime

b3
b5
b7
Verminderter Akkord Cdim, Co Kleine Terz
Verm. Quinte
Doppelte verm. Sept.

b3
b5
bb7 (6)
Alterierter Akkord C7alt, C7b5(#5),
C7#9, C7b13
Grosse Terz
Verm. Quinte
Kleine Septime

3
b5
b7
#4, #11 (lydisch) C#4, C#11 Grosse Terz
Überm. Quarte

3
#4 (=b5)

Das ist zwar jetzt eine lange Liste, aber bis auf den übermäßigen Akkord sind es durchweg Akkorde mit verminderter Quinte. Wir machen bei diesen Akkorden nix verkehrt, wenn wir die verminderte (übermäßige) Quinte ausspielen.

Vielleicht noch ein Wort zum Alt-Akkord. Es ist ein Akkord, der auf der alterierten Skala gebildet wird. Das ist die 7. Stufe von Melodisch Moll. Wenn wir uns die Skala ansehen (Intervallstruktur: 1/ b2 (b9), #2 (#9) / 3 / #11 (b5) / b13 (#5) / b7 / 8 (1)), stellen wir fest, dass da alle möglichen denkbaren „schrägen" Intervalle drin sind. Allerdings z.B. keine reine Quinte. Im Notenblatt sieht man auch häufig Symbole wie b9, b13 etc., die aussagekräftiger sind, als das Symbol „alt". Wir haben sowohl eine Dur-Terz, als auch eine Moll-Terz. Wenn wir hier schön chromatisch spielen und um die reine Quinte einen Bogen machen, kann wenig schiefgehen.

Was die Sache mit „lydisch" betrifft, mache ich es mir hier einfach und setzte die #4 mit der b5 gleich. Das ist zwar musiktheorethisch ein todeswürdiges Verbrechen, aber es ist nun mal ein und derselbe Ton. „#4" bzw. „#11" sind ein Hinweis darauf, daß der Solist die lydische Skala verwendet. Dabei macht die übermäßige Quarte den Klang aus. Wir fahren nicht schlecht, wenn wir hier Töne vermeiden, die sich mit der #4 nicht gut vertragen.

5. Es passiert was mit dem Grundton - Slash Chords

Wenn wir so etwas sehen wie Cmaj7/G heißt das, daß nicht der Grundton des Akkordes im Bass liegt, sondern der Ton hinter dem Schrägstrich.

Alle anderen Akkorderweiterungen können wir für unsere Zwecke zunächst außen vor lassen. Das Real Book liest sich nun sehr viel leichter, da wir uns auf die für eine solide Bassbegleitung entscheidenden Dinge beschränken. Wir müssen auch nicht immer alle der genannten Intervalle ausspielen. Es kommt darauf beim Lesen schnell zu schalten: „Welche Töne könnte ich jetzt spielen, wenn ich wollte", „welche Töne verkneife ich mir besser". Mit etwas Übung funktioniert dieses „Schalten" schnell genug, um aus dem Stegreif zu begleiten.

Habe fertig!

 
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