The Theory Collection


Bedeutung und Sinn der Musik-Theorie, Anwendbarkeit für den Bassisten, chordaler vs. modaler Ansatz. Einführung zum Thema und generelle Betrachtung bassistischer Arbeitsfelder. Über diesen Bereich von Just Chords und warum und wie.

Just Chords ...

Musiktheorie und Harmonielehre sind zwei Reizwörter und helfen dabei jedes Internet-Forum mit Musikern kurzfristig aufzumischen. Da kommen die Einen und erklären, dass Musik eh nur aus Bauch, Fingern oder bestimmten Pickups kommt, die anderen Leute ergötzen sich stundenlang in philosophischen Diskussionen ob das denn nun ein Cmajminb7no5thb13add9-Akkord, oder doch nur ein C5 sei. Immer wieder nett. Bleiben wir doch bei der Anfangsfrage: wozu Musiktheorie?

Stellen wir uns einem Vergleich: man kann ja auch Auto-Fahren lernen ohne je eine Fahrschule von innen gesehen zu haben. Und wenn wir fortan unseren Kurven mittigst in der Sahara oder auf einem amerikanischen Salzsee drehen, wird unser reines Auskommen mit dem Fuhrwerk auch problemlos ablaufen. Versuchen wir allerdings aus diesem Zustand heraus mit unserer Mühle nachmittags heil durch Hamburg oder sogar Berlin zu kommen, werden wir auf ein paar milde Schwierigkeiten stoßen. Uns fehlt die Theorie, wir kennen keine Verkehrsschilder geschweige denn Verhaltensregeln und Verfahren. Die Parallele zur Musiktheorie sehe ich dort, dass beide Theorie-Bereiche einerseits zur Kommunikation als auch zu einem möglichst universellen Regelwerk führen, das uns leitet und von einem Try-and-error-Verfahren zu einem zielorientierten Vorgehen hilft. Und gerade das Thema Kommunikation, das ist wichtig, auch dafür Musiktheorie. In diesem Sinne werden wir auch eine Menge Fachbegriffe lernen, mit denen wir auf den Putz hauen können.

Warum hier?

Eigentlich gibt es ja eine Menge Material zur Musiktheorie, und trotzdem ist manchmal erschreckend, wie wenig Freizeit-Musiker mit der Harmonielehre vertraut sind. Also habe ich mir gedacht, ich nehme mir das Thema mal aus der Sicht eines Bassisten vor. Also habe ich das ganze Thema auf die aus meiner Sicht für Bassisten wesentlichen Aspekte reduziert und an anderer Stelle wieder aus der Bassistensicht erweitert. Was nicht heisst, dass nicht gerade Gitarren-Anfänger mit diesen Dingen genauso viel anfangen können. Schliesslich sind Bassisten ja auch nur Menschen.

Somit sind diese Seiten auf jeden Fall etwas für Anfänger, die lernen möchten was Akkorde, Leitern und Intervalle sind, wie man sie aufbaut und was man mit ihnen tut. Und am Ende von Just Chords sollte man genug Grundwissen zusammen haben, um weiter zu arbeiten und sich komplexeres Material als dieses hier zu Gemüte zu führen.

Am Anfang war aber auch eine Entscheidung zu treffen, nämlich über den Mix aus Theorie und Praxis, und ich habe mich dafür entschieden, zuerst die Theorie walten zu lassen. Das mag für den einen oder Anderen etwas enttäuschend sein, weil er eine Ansammlung von Griffbrett-Diagrammen oder Kochrezepten in zwei Minuten erwartet hat. Ich würde solche Wege nicht empfehlen, denn die Ergebnisse führen in Sackgassen. Ich habe am eigenen Body erfahren müssen, dass das Erlernen eines Instruments ohne einen gewissen theoretischen Hintergrund zu Frust und Enttäuschung führt.

Akkorde? Auf dem Bass?

Sind Akkorde nützlich für Bassisten? Wohnt der Papst im Vatikan? Bei der Nennung des Wortes Akkorde denken die meisten Leute an Wandergitarren und Lagerfeuer-Lieder. Hauptsächlich aber an Gitarren. Und da Bassisten ja so ganz anders spielen, nämlich Linien und Riffs, scheint hier ein Widerspruch zu liegen. Aber mitnichten! Es gibt nämlich zwei unterschiedliche Anwendungen von Akkorden. Und die andere ist der Aufbau von Linien auf Basis von Akkorden statt auf Tonleitern. Klingt im Moment noch etwas fremd, wird aber später hoffentlich klarer. Nur das vorab: Akkorde bestehen aus wenigen Noten, die harmonisch eindeutig aufeinander bezogen sind, Leitern aus vielen Noten mit teilweise komplexen Zusammenhängen. Akkorde sind simpler. Ach ja, ich hatte die erste Anwendung vergessen: das was Gitarristen machen, nämlich wirklich Akkorde spielen, also mehrere Noten zugleich. Aber auch dazu später mehr.

Auf jeden Fall haben wir jetzt schon den ersten Türöffner, die Gitarristen mit Fremdwörtern niederzumachen: Wir reden über den chordalen versus modalen Ansatz zum Aufbau von Basslinien ... klingt geil, nicht? Es geht aber tatsächlich nur darum, wie man an die Theorie heran geht. Der chordale Ansatz geht von Akkorden aus, der modale Ansatz von Tonleitern. Akkorde sind viel leichter und übersichtlicher zu behandeln und zu behalten als ganze Tonleitern. Und daher auch der Name Just Chords, er geht auf die Methode zurück, den Einstieg in die Harmonielehre über Akkorde zu wagen. So war das damals. Erfunden habe ich diesen Ansatz nicht.

Bevor wir nun endgültig in die Harmonielehre einsteigen, vielleicht noch ein paar Worte und Gedanke zu unserem Job als Bassisten. Ein Tröter (Sax oder Posaune) wird andere Kapitel der Musiklehre angehen als ein Bassist oder Keyboarder. Und das hat etwas mit der musiklsichen Rolle zu tun, die man hoffentlich ausfüllt.

Bassist oder nicht Bassist, das ist keine Frage ...

Nicht, dass ich Euch jetzt mit ausufernden philophischen Betrachtungen nerven will. Ich könnte zur Auflockerung auch ein paar Bildchen einfügen, aber mein Platz auf diesem Server ist begrenzt. Na gut, hier ist eins:

Fangen wir mit einigen Fragen an, die uns als Orientierung dienen sollen.

Schritt #1: Warum spiele ich Bass/will ich Bass spielen/sollte ich Bass spielen?

Man sollte sich wirklich darüber klar sein, warum man sich für den Bass als Instrument entscheidet. Das hat mit Motivation zu tun und mit der Bereitschaft, Hürden zu nehmen und Herzblut zu investieren. Ich rate jedem davon ab, den Bass als Billigversion der Gitarre zu sehen oder sich für den Bass zu entscheiden, weil man auf der Gitarre nicht erfolgreich ist. Es ist kein billiger Witz, dass in den 70er Jahren in Rock-Bands der schlechteste Gitarrist zum Bassisten ernannt wurde. Aber das war in den 70ern, und diese Zeiten sind vorbei.

Auch der Bass erwartet von seinem Herrn (und seiner Herrin) Commitment und Investition, Übungszeit und Bemühen um Perfektion. Wer dies nicht so sieht, wird früher oder wenig später scheitern, weil er den Unterschied zwischen Gitarre und Bass nicht realisiert, und weil seine Erwartungen an das Bass-Spiel falsch waren. Zu dieser Sache gehört auch, dass Bassisten von einem profunden Kenntniss-Schatz in der Theorie profitieren. Oder anders formuliert: das Bass-Spielen führt nicht um die Theorie herum.

Schritt #2: Was will ich spielen?

Eine erste Orientierung ist sicher der eigene Musikgeschmack. Aber das kann gefährlich werden. Mich amüsieren immer wieder die Anzeigen von 16jährigen Kids, die 'so was wie Dream Theater oder Pearl Jam' spielen möchten. Da kann ich auch gleich erzählen, ich würde gerne mit meinem Golf III wie Schumi fahren. Es macht sicher Sinn, sich am Anfang auf das Nachspielen von bekanntem (geliebtem) Material zu beschränken. Es schafft eine erste Einsicht, dass selbst scheinbar einfache Songs doch viel schwieriger sind, wenn sie aus den eigenen Fingern kommen sollen. Es schafft Realitätssinn. Aber auch ein Standard-Repertoir.

Schritt #3: Wie will ich spielen?

Jetzt wird's haarig. Nun kommen wir an das Grundverständnis jedes einzelnen Musikers. Beispiel:

Es gibt eine Menge toller, guter Bassisten. Greifen wir uns zwei heraus: Jaco Pastorius, das Bassisten-Genie, und Jeff Berlin, der Fighter im Bass-Lager. Jeff spielt einen sehr komplexen, dichten Stil, aber fast immer im Hintergrund. Jaco war lange bei Weather Report, und sie waren froh, als sie ihn wieder los waren. Jeff versteht seine Rolle immer als einen Teil der Rhythm Section, als ein Supporter. Jaco dagegen war ein exzentrischer (und psychisch kranker) Solist, nicht integrationsfähig und nicht berechenbar. Aber eben auch genial und noch heute Vorbild. Und nicht selten hört man über tolle Bassisten, die slappen wie der Teufel und zum Tappen auch noch den rechten Fuss dazunehmen. Wenn's dann aber daran geht, die gesamte Band als einen homogenen Klangkörper zu präsentieren und Konsistenz und Ausgewogenheit in einen Song zu kriegen, sind diese Leute fast immer unbrauchbar. Also können es Technik und Geschwindigkeit allein nicht sein.

Bassist und Drummer sind das Rückgrat jeder Band in Rock, Pop, Funk, Fusion etc. pp. Der Bassist hat dabei die ehrenvolle Aufgabe, quasi die Verbindungslinie zwischen rhythmischem und harmonischem Anteil eines Songs zu ziehen, den Kitt zwischen diesen Aspekten zu bilden. Tut er das nicht, verhindert er den Aufbau eines Songfundamentes, er entzieht dem Zuhörer die Orientierung und seinen Mitspielern den Boden, auf dem sie sich bewegen. Guitar Heroes in Ehren, aber ohne Bass und Drums würde ihr noch so ausgefeiltes Solo sehr dünn klingen.

Das heisst nicht, dass Bassisten keine Solos spielen dürfen. Und das heisst auch nicht, dass Bassisten keine vollen Akkorde auf dem Bass schrammeln können oder sollen, im Gegenteil. Aber jeden Tag Kaviar und Schnecken, da kommt Appetit auf einen anständigen Eintopf oder eine Bratwurst auf. Betrachten wir uns als Bassisten also in erster Linie als Supporter, so müssen wir verstehen, was denn eigentlich das harmonische Fundament der Musik ist und was die (musikalische) Welt in ihrem Inneren zusammen hält. Auch das ist über das Verfahren Versuch&Irrtum möglich, aber erschwert uns das Leben.

Schritt #4: Und dann?

Mit diesem Grundverständnis wird's einfach, weil man seine im Bandkontext zugeteilte Rolle versteht und trägt. Und ab diesem Punkt hat man alle Hürden für sein musikalisches Selbstverständnis aus dem Wege geräumt. Und das heisst auch, dass man ab da alle weiteren Aktivitäten ehrlich und sicher starten kann. Auch Bassisten können komplette Songs schreiben und Solo-Stücke zur Begeisterung des Publikums zum Besten geben. Aber erst die grundsätzliche Beschränkung öffnet die weiteren Türen, anstatt von vorn herein alle Türen einrennen zu wollen.

Was wir so brauchen

Beginnen wir unser Tagwerk als mit einer komprimierten Sicht der Theorie, nur damit wir wissen, worüber wir reden. Und genau dass ist auch ein wichtiger Punkt in der Theorie: sie ermöglicht uns, mit anderen Musiker in einer gemeinsamen Sprache zu sprechen. Daher fangen wir mit den Grundlagen einer Tonleiter an, klären dann das Thema Intervalle, gehen dann in den Bereich Akkorde. Davon gibt es einige, und so haben wir dazu auch direkt mehrere Kapitel.

Alles klar? Also hinein in die Theorie, lasst den Bass im Moment noch in der Ecke stehen, schnappt Euch ein paar Blätter Papier und Stifte und ab gehts ... am besten zu den Grundlagen der Tonleitern.

 
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