The Theory Collection


Linearität der Modes von Dur, Diatonik

Eine andere Betrachtungsweise

Oder: Wie Satriani die Sache sehen würde

Was hat Satriani denn zum Deibel mit Modes zu tun? Kann der überhaupt welche schreiben geschweige denn spielen? Kann er. Und mit einer hat er es besonders, nämlich mit Dorisch. Eine Menge Tunes von Satriani sind in Dorisch und haben diese Offenheit von Dorisch, mit der Moll-Terz am Anfang und der großen Sexte in der Mitte. Versetzen wir uns nun an Josefs Stelle und haben einen dieser 'geilen Riffs', vielleicht durch Experimentieren entstanden, und stellen von uns selbst beeindruckt fest: das ist Dorisch!

Also experimentieren wir weiter. Eine mögliche Idee könnte sein, darüber nun eine ii-V-i-Kadenz zu spielen. Und kommen in's Grübeln. Welche Akkorde und Leitern wären denn nun anzuwenden, für 2-5-1 in Dorisch? Aber halt, das ist ganz einfach. Denn die Bildung der Modes ist zum Glück linear. Was heißt linear in diesem Zusammenhang? Es funzt immer gleich. Und worum es dann im Grundsatz geht, das kommt am Ende.

Machen wir nun mal für Dorisch das Gleiche, wie wir es auch schon für Dur, für Ionisch getan haben. Wir verlängern die Bildungsregeln der Leiter nach hinten, nehmen unterschiedliche Startpunkte und sehen mal, was da so heraus kommt, vereinfachend noch in D-Dorisch, weil wir uns dann ohne Vorzeichen bewegen können und nur die Noten von C-Dur benutzen:

Stufe
Intervalle der Leiter
Name
i
Dorisch
ii
Phrygisch
III
Lydisch
IV
Mixolydisch
v
Äolisch
vi
Lokrisch
VII
Ionisch
   

Es ist tatsächlich so. Gehe ich von einem Modus der C-Dur-Leiter aus, hier D-Dorisch, so entsteht die gleiche Folge von Modes, nur um eben einen Offset verschoben. Und das heißt auch, dass wir auf den Stufen die gleichen Stufen-Akkorde haben (wer's nicht glaubt, baue die Stufen-Akkorde selbst):

Dorisch
m7

Zurück zu unserer ii-V-i-Kadenz für D-Dorisch. Die müsste dann eh ii-v-i heißen. Die entsprechenden Akkorde wären dann

m7 - m7 - m7 =
Em7 - Am7 - Dm7 oder auch
Em7 - Am7 - Dm

die zu benutzenden Modi

E-Phrygisch - A-Äolisch - D-Dorisch

Wie sähe iv - v - i aus?

dom7 - m7 - m7 =
G7 - Am7 - Dm7 oder auch
G7 - Am7 - Dm

und entsprechend

G-Mixolydisch - A-Äolisch - D-Dorisch

Das muss man erst mal sacken lassen ... Kaffee!

Phrygisch
m7
Lydisch
M7
Mixolydisch
dom7
Äolisch
m7
Lokrisch
m7b5
Ionisch
M7

Lasset hören!

Das sieht ja alles äußerst merkwürdig aus. Nehmen wir unsere Referenz zu Hilfe, unser Gehör. Wir ketten ii-v-i viermal hintereinander, dann zwei Mal iv-v-i zu je vier Takten, und legen dann einfach die entsprechenden Leitern von Tonika bis Septime dahinter.

ii-v-i / iv-v-i in D-Dorisch
Play along

Das klappt tatsächlich nicht nur optimal, sondern zeigt nun auch, dass die Modes tatsächlich mehr sind als ein theoretisches Konstrukt zum Quälen von Musikschülern. Die andere Farbe von Dorisch, im Vergleich zu Ionisch oder Äolisch, bring auch mit den dann so verschobenen Modes und Stufen-Akkorden ein ganz anderes Feeling auf.

Selbstverständlich, es ist nicht volltrivial, über solche Akkordfolgen und Modi zu spielen, geschweige denn zu solieren. Aber es kommt doch eine Menge Farbe in's Spiel, indem wir uns nicht in den Grundleitern bewegen, sondern Modes dazu nehmen. Und: selbst weit verbreitete Kadenzen wie 2-5-1 bekommen einen ganz neuen Sound.

Die Alternative

Kennt Ihr Norwegian Wood von den Beatles? Was dran aufgefallen? Ist in Mixolydisch. Mixolydisch ist Ionisch mit einer kleinen Septime, weshalb diese Leiter moderner klingt. Die große Septime ist neben der Terz eine wichtige Komponente von Ionisch, daher kann man mit einer kleinen Septime eine etwas poppigere Dur-Leiter bauen. Machen wir auch für diesen Fall den Elch-Test.

Mixolydisch
dom7

Nun also ii-V-i-Kadenz für G-Mixolydisch.Die entsprechenden Akkorde wären dann

m7 - m7 - dom7 =
Am7 - Dm7 - G7 oder auch
Am7 - Dm7 - G

die zu benutzenden Modi

A-Äolisch - D-Dorisch - G-Mixolydisch

iv - v - i aus?

M7 - m7 - dom7 =
CMaj7 - Dm7 - G7 oder auch
CMaj7- Dm7 - G

und entsprechend

C-Ionisch - D-Dorisch - G-Mixolydisch

Äolisch
m7
Lokrisch
m7b5
Ionisch
M7
Dorisch
m7
Phrygisch
m7
Lydisch
M7

ii-v-i / iv-v-i in G-Mixolydisch
& Playalong

Auch in diesem Falle funktioniert es grundsätzlich. Beinahe jedenfalls, denn wir rasten eher auf das C-Dur ein, eine Dominantleiter als Tonika geht unseren Hörgewohnheiten doch arg ab.

Ergänzung und Fazit

Was sollte das Ganze eigentlich? Sound-Spielerei? Ja und Nein. Das Zauberwort heißt: Diatonik.

Hören wir Musik, rastet unser Ohr (na gut, das Gehirn) auf eine Tonart ein. In den meisten Fällen könnten wir zur Radiomusik die Tonika spontan summen oder singen, wer sich wagt. Und wir könnten auch sofort sagen, ob das Dur oder Moll ist, was da klingt. Und wenn oben erwähntes Norwegian Wood anläuft, ist der Wiedererkennungswert wegen der mixolydischen Melodieführung ganz prägnant. Wir wissen also intuitiv, welche Noten zur Musik passen und welche nicht. Diese intuitive Wahrnehmung von Tonalität ist das, was Musiker befähigt über komplexe Akkord-Folgen Solos zu spielen, ohne irgendetwas von Leitern oder Modes zu wissen. Sie wissen einfach, welche Note passt und welche nicht. Ist eine Leiter für die Tonika gegeben, definiert diese den Vorrat an 'erlaubten' Noten. Verwenden wir nur diese Noten, können wir im Grunde tun und lassen, was wir wollen. So lange wir uns in diesem sogenannten 'diatonischen Raum' bewegen. Alle Kadenzen beruhen darauf, die eben nur Stufenakkorde und Modes der Tonika zulassen, sei die Basis Ionisch oder Melodisch-Moll. Oder auch Dorisch als Modus von Dur. Etwas Witziges passiert allerdings bei dem Beispiel in G-Mixolydisch, weil wir sowohl das A-Äolisch als auch C-Dur so gewöhnt sind, dass wir genau dort einrasten, und die eigentliche Tonika G-Mixolydisch dann schräg klingt.

Aber ist da nicht noch mehr (fragte Spock)? Ja, da ist noch mehr, der

Erweiterte diatonische Raum

Hören wir uns mal einen Jazz-Standard an, Stella By Starlight ist ein geeigneter Kandidat:

Stella By Starlight (Jam Track)

Nimmt man sich mal die detaillierte Analyse aus der Jazz Bass Collection vor (muss man ja nicht unbedingt verstehen), stößt man da auf Begriffe wie 'alterierte Akkorde' (Akkorde mit leiterfremden Noten ergänzt), Akkord-Substitutionen durch Dominantakkorde (Siebener-Akkorde, die nicht mehr Stufenakkorde sind) und andere Merkwürdigkeiten. Also ist das nicht mehr diatonisch, und funktioniert doch?

Dem ist so, man denke an dieser Stelle noch an viel einfachere Sachen wie die Bluenotes der Blues-Pentatonik. Die gehören auch nicht zur jeweiligen Leiter, sind zwar nur Durchgangsnoten, aber klingen eben doch.

Verwirrung kommt auf

Nein, eben nicht. Weil Musik am Ende keine Sache von starren Regelungen und Geht/Geht-Nicht ist. Diatonik, insbesondere was Modes und Kadenzen angeht, ist erst einmal ein Leitfaden. Bleibt man diatonisch, ist man auf der sicheren Seite. Aber auch oft langweilig. Farbe kommt entweder dadurch auf, dass man Gewohntes über den Haufen wirft Modes verschieden von Ionisch/Äolisch als Tonika, oder durch Verlassen des diatonischen Raumes mit Bluenotes, Akkord-Substitutionen etc.

Die mehr musikalische Beschäftigung mit modalem Werk kann allerdings helfen, uns mit diesem theoretischen Gerüst zu versöhnen. Oder klingt Dorisch als Tonika nicht schön? Genau, das wusste Satriani nämlich auch.

 
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