The Theory Collection


Synkopierung, Polyrhythmik. Rhythmus-Wechsel.

Rüttmick II

Betrachtet man die Harmonik/Melodik als die räumliche Dimension der Musik, so könnte man die Rhythmik als die Zeit in diesem Universum ansehen. Grundlagen der Rhythmik hatten wir im ersten Kapitel, was nun noch folgen soll, sind die praktischen Anwendungen, und wie sich rhythmische Varianten und Techniken auswirken. Da hätten wir den rhythmischen Aufbau von Songteilen, da hätten wir die Polyrhythmik, und da hätten wir Tempowechsel, in Geschwindigkeit und im Metrum. Es ist schon vertrackt, dass die Harmonik so weitschweifig theoretisch darstellbar ist, die Rhythmik aber in dieser Hinsicht ein Stiefkind-Dasein führt. Ohne Rhythmik wären doch die so unterschiedlichen Stile Reggie/Ska, Headbanger-Metal, Walzer und Marsch nicht zu definieren und zu hören.

Nimmt man, wie angemerkt, die Rhythmik als Gestaltungsmittel, kommt man wieder auf die beliebte Floskel Aufbau von Spannung und Entspannung, tension and release. Wie funktioniert ein guter Witz? Er baut im Zuhörer eine Erwartungshaltung auf, führt die Vernunft und die Gewöhnung in eine bestimmte Richtung, und nimmt dann eine ganz andere Wendung. Der gute Witz führt das Realitätsempfinden in die Irre, dadurch entsteht Spannung und Erlösung. Im Grunde nicht anders funktioniert die Anwendug rhythmischer Varianten.

Während sich in der Harmonik die Themen und Methoden die Klinke nur so in die Hand geben, beschränken sich die Modelle in der Pop/Rock-musikalischen Proberaum-Praxis gegenüber der Harmonik. Was praktisch von Nutzen ist: Dinge wie Synkopen, Polyrhythmik, Onbeat/Offbeat-Techniken. Hätten wir schon die Überschriften für die nächsten Absätze (auf einer Website mit Links stand neben justchords.com der Kommentar "gelegentlich ungenau", ich bleibe dabei).

Synkopen

Unter Synkopen versteht man kurzzeitige Ohnmachtsanfälle, die nach Statistiken ca. 20% der Bevölkerung mindestens einmal in ihrem Leben haben ... öh, sorry, richtiger Begriff, falsche Thematik ...

Mögliche Übersetzungen für Synkopen/Synkopation/Synkopieren sind Gegenrhythmus und Kontrarhythmus. Synkopieren findet dann statt, wenn entweder

  • Betonungen innerhalb eines Taktes verschoben werden (accent off the beat)
  • Taktteile ausgelassen werden (silence instead of accent) oder
  • Betonungen und Strukturen innerhalb eines Taktes überlagert werden (mixing different accents)

Alle drei Formen bewirken eine Spannung, indem die Erwartungen des Zuhörers enttäuscht werden, es passiert nicht das, was vom Gefühl her erwartet wird. Synkopieren ist rhythmisches Ausbüxen, Wegtauchen.

Schauen wir uns obige drei Varianten mal genauer an.

Accent off the beat

Bei der ersten Geschichte mit den Taktarten hatten wir die gängigen Formate 4/4, 3/4 und 2/4 erwähnt. Schauen wir uns in diesen drei Kandidaten noch einmal an, wie die üblichen Betonungen der Beats liegen.

Beim 4/4 ist erster Beat stark betont, zweiter weniger, dritter etwas mehr und vierter schwach.
Beim 3/4 abnehmende Betonung. Dadurch entsteht der Eindruck des Rollens (Hump-ta-ta-Hump-ta-ta ...).
Beim 2/4 besteht nicht viel Auswahl (Bumm-tschak-Bumm-tschak).
Gemeinsam ist aber allen drei Taktarten, dass der erste Beat immer stark betont ist.

So, das wäre dann der Regelfall. Und synkopieren in diesem Sinne heißt dann, die Betonungen der einzelnen Beats zu verschieben, ganz einfache Geschichte. Also z.B. beim 4/4 den ersten schwach, den zweiten stark und die letzten beiden abnehmend zu gewichten. Eine weitere Stellschraube ist die Anzahl der Verschiebungen, es kann durchgängig sein (beim Reggie zum Beispiel), oder auch nur an ein paar ausgewählten Takten, platziert in einer Bridge oder einem Intro, oder einfach mal so zwischendurch.

Damit wird der Begriff Gegenrhythmus mit Sinn gefüllt, es werden Beats gegen die übliche Gewichtung gelegt. Aber damit ended die Story noch lange nicht, sondern beginnt erst. Die Betonungen können nämlich nicht nur verlagert werden, oder ausgetauscht, sondern auch dazwischen gelegt. 'Accent off the beat' wird damit Programm. Nämlich musterhaft so:

Die dritte Betonungszeit kommt zwischen Viertel- und Achtelnote zu liegen. Die Summe ist wieder 4/4. Klingt aber treibender als ein reiner 4/4, vor allem in der Basslinie, wie das MIDI-Beispiel zeigt. Unten noch mal die korrekte Notation.

Ist gar nicht ungewöhnlich, gerade im Jazz wird gern und viel synkopiert. Und die reine Verschiebung der Betonungen allein kann auch schon hinreichend sein, siehe The Police oder auch Rush. Der charakteristische Stil von The Police entsteht meist durch die Anwendung von Synkopen und ternärer Rhythmik. So viel hier an dieser Stelle zu accent off the beat.

Silence instead of accent

Stille anstatt Betonung. In diesem Falle wird die Betonung einen Beats nicht nur verlagert, sondern sogar ganz weggelassen, Auslassen von Noten, wo auch immer. Auch das ist Synkopieren. Beispiel ...

Im ersten Takt wird die '3' ausgelassen, im zweiten Takt die '2'.

Stärker noch wird dieser Effekt natürlich, wenn die Betonungen feiner aufgeteilt werden:

Diesmal im 2/4, mit unterschiedlichen Auslassungen.

Mixing different accents

Beide vorheringen Typen von Synkopen waren mit einem Instrument zu realisieren, bei der dritten Version geht das mit eher mit mindestens zwei Instrumenten, wenn man sich nicht die Finger verknoten will. Ausschließen würde ich es trotzdem nicht. Beim Mischen verschiedener Betonungen legen die Instrumente unterschiedliche Accents. Da wir oben schon einmal The Police erwähnt hatten, findet sich auch schnell ein Beispiel, nämlich der Beginn von Roxanne. Diese unterschiedliche Betonung trägt sich weiter durch das Stück, bis auf den Refrain, der dann wieder straight durch geht.

Roxanne - Intro

Endlich mal ein Gitarrist, der beim Spielen stimmen kann. Schon mal aufgefallen? Am Anfang?

Polyrhythmik

Noch'n Stil. Polyrhythmik setzt mehrere Instrumente oder auch Stimmen voraus und ist die Anwendung der üblichen Proberaum-Erfahrung, wenn Bassist und Gitarrist sich nicht deutlich abgesprochen haben und unterschiedliche Stücke spielen (zu erkennen an der Phrase "Ich dachte wir spielen jetzt ..."). In diesem Falle sind die Metren der verschiedenen Stimmen eventuell unterschiedlich (wenn ich hier von Stimmen schreibe, meine ich 'Melodien' oder 'Linien' oder auch nur parallele Noten eines Riffs). Das ist dann schon Polyrhythmik. Beispiel: Bass spielt eine Stimme in 3/4, Gitarre eine Stimme in 4/4. Fangen sie also gemeinsam auf der 1 an, treffen sie sich im nächsten Takt dort nicht mehr. Wo treffen sie sich dann wieder? Kleine Mathematik, sie treffen sich wieder beim kleinsten gemeinsamen Vielfachen auf Basis der Grundnote. Sind das Viertel, ist das KGV(3, 4) = 12, bei Viertel also nach drei Takten ist die 1 wieder die gleiche.

Dies wäre eine Grundform von Polyrhythmus (PR), wenn auch eine einfache. Aber PR ist mehr und nicht auf unterschiedliche Instrumente erzwungen. Wir können die Definition von PR auch dahin gehend erweitern, dass PR dann vorliegt, wenn die Metren-Längen der Stimmen unterschiedlich sind, ohne dass mehr als ein Instrument beteiligt ist. Ziel des PR ist es, zwischen den Stimmen den Eindruck einer Gegenläufigkeit zu erzeugen, einen cross-pulse oder cross-rhythm. Diese Gegenläufigkeit ist wieder Spannung, die Auflösung erfolgt am gemeinsamen Takt-Ende. Legen wir die Wahrheit auf den Tisch:

Polyrhythmik liegt vor, wenn die beteiligten Grundmetren keinen gemeinsamen Teiler haben.

Aua. Bitte ein bisschen mehr praktische Betrachtung. Gut, also anders. Ist die Frage, unter Berücksichtigung der obigen Definition: ist dies Polyrhythmus?

Klingt nicht polyrhythmisch, klingt doof. Die obere Stimme ist in Vierteln, die untere Stimme ist in Achteln. Ist das rhythmische Verhältnis der Metren also 4:8, oder 2:4. 2 und 4 haben einen gemeinsamen Teiler, nämlich 2. Also nix Polyrhythmus. Aber was ist dann Polyrhythmus?

Das ist Polyrhythmus! Obere Stimme ist in Achtel-Triolen, untere in Achteln, Zählbasis für Triolen ist ternär, für Achtel binär. Oder in Zahlen: 3:2. Und 3 und 2 haben keinen gemeinsamen Teiler.

Aber auch andere Längenwerte haben wir zur Verfügung, nicht nur Achtel-Triolen und Achtel oder Viertel. Schon mal etwas von Quart-Triolen gehört?

Kern ist immer, dass die Notenwerte unterschiedlichen Zählformen angehören, also meist binär und ternär, 2-bezogen und 3-bezogen. Die Variationen mit Shuffle- oder Wiederholungsmuster stehen dann immer noch zur Ornamentation zur Verfügung.

Misch-Masch

Weder eindeutig PR, noch einfach nur Synkopation, sind die rhythmischen Wechsel nach Fahrplan. Aber auch ein interessantes Gestaltungsmittel. Hier wechseln sich Metren regelmäßig miteinander ab, es handelt sich also nicht um einzelne eingeschobene Takte, sondern um Metrenwechsel in Sequenz. So könnte man zum Beispiel von Takt zu Takt zwischen 3/4 und 4/4 wechseln, oder zwischen 3/4 und 5/4. Oder zwischen 7/8 und 8/8, wie in diesem Intro eines Stückes namens Seven To Eight:

Seven To Eight (Intro):

Kombiniert man das nun noch mit Polyrhythmik, Synkopation und etwas Kreuzkümmel, kann man dann solche Stücke schreiben

Roxanne - Intro

und weiß, dass ist ternäre Polyrhythmik, interessant synkopiert, oder?

In diesem Sinne ...

 
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