Strange Instruments: Timidity
Obwohl schon lange ein verbreiteter Standard, ist MIDI bei PC-Benutzern
eher eine Erinnerung an C64-Zeiten. In MIDI-Dateien kann man komplette
Musikstücke ablegen und wiedergeben. Dazu müssen Anschlags-Informationen
und Noten vom Rechner analysiert und dann irgendwie in hörbare
Signale (sprich: Töne) umgesetzt werden. Dazu synthetisieren
einfache Soundkarten die Klänge in einer recht reduzierten
Form, was in der Regel reichlich grausam klingt. So weit die erste
Anwendung von MIDI.
Da sind aber noch weitere. Nehme man an, man möchte etwas
Home-Recording betreiben, spielt aber selbst nur Gitarre oder Bass,
bräuchte aber etwas Drums oder sogar Streicher oder vielleicht
ein Cello. Dann müsste man irgendwie halbwegs anhörbare
Wave-Dateien erzeugen, die man in seinen PC-Tracker übernehmen
kann. Das, was der PC aus MIDI-Dateien erzeugt, ist das sicher nicht.
Daher möchte ich hier einmal darstellen, wie man ohne Investitionen
in Drum-Computer und Software-Sequencer solche Instrumental-Spuren
erzeugen kann. Plain: kostenlos.
Ich hätte mal gerne ...
für meinen neuen Song ein Cello. Oder ein Drum-Track. Oder
ein paar Streicher. Oder ein Klavier. Das möchte ich dann in
mein Recording-Programm rein ziehen und meine Gitarren-Soli darüber
legen. Wie geht das?
Step by step
Zu diesem Zweck müssen wir uns am besten am Anfang das, was
wir später hören wollen, in eine Computer-lesbare Form
bringen. Wir brauchen also ein Programm, in dem wir unsere Melodie
oder unsere Vorstellung notieren können. Das geht bereits,
wenn auch etwas größenbegrenzt, mit der Shareware-Version
von TablEdit. Laden wir uns also
herunter, installieren es und machen uns anhand des Helpfiles etwas
vertraut mit der Bedienung. Das Eingegebene speichert TablEdit in
einem .tef-File. Machen wir einen einfachen Versuch, hier ist ein
kleines TablEdit-Werk:
| TE Leaves (TEF): |
 |
Ich habe einfach mal einen Teil aus einem bestehenden .tef-File
genommen, es gibt drei Module: Piano, Rhodes und Drums. Nun kann
TablEdit aber noch etwas mehr, nämlich unseren Song als MIDI-Datei
exportieren. Dazu lade ich mein.tef und exportiere über File|Export|MIDI
den Song in ein MIDI-File:
| TE Leaves (MIDI): |
 |
Hören wir uns das durch eine Nicht-Wavetable-Karte an, ist
das zwar nett, aber wenig brauchbar. Klingt steril und langweilig.
Hier kommt im nächsten Schritt ein Programm in's Spiel, das
kostenfrei ist und Timidity heißt. Timidity macht nun das,
was sogenannte Wavetable-Soundkarten tun.
- Timidity bekommt von zwei Seiten Futter. Einmal eine MIDI-Datei
als Input, und dann noch
einen sogenannten Soundfont. Ein Soundfont ist eine Datei, die
ein Instrument oder sehr viele real
aufgenommene Instrumente im .wav-Format enthält.
- Timidity liest die MIDI-Datei und bildet mit den in der MIDI-Datei
enthaltenen Informationen über
Instrument, Notenlänge und Notenwert die Note auf die im
Soundfont enthaltenen Töne ab.
- Das Ergebnis, also in reale Aufnahmen umgerechnete MIDI-Noten,
schickt Timidity entweder an
die Soundkarte, oder schreibt sie in eine Datei.
Damit macht Timidity das, was auch die Wavetable-Soundkarten tun.
Timidity
Timidity gibt es kostenfrei hier:
Tim liefert uns auch einen einfachen Soundfont dazu, der nicht
die Creme-de-la-chreme darstellt, aber zum Testen ausreicht. Wir
möchten einen besseren Soundfont benutzen. Die Auswahl ist
groß, besonders groß ist sie hier:
Da gibt es einzelne Soundfonts für ein Instrument, oder auch
Soundfonts, die alle Instrumente des GM-Standards (General Midi)
enthalten. Im Prinzip können wir alle Soundfonts benutzen,
die mit der Endung .sf2 vorliegen. Nehmen wir mal an, wir haben
uns den Fluid-Soundfont herunter geladen (immerhin über 68MB,
weil da ja richtige Wave-Sound drin sind). Wir legen uns unter der
Installation von Timidity ein Verzeichnis sf2/ an und legen den
Soundfont dort ab:

Nun müssen wir Timidity noch mitteilen, dass wir diesen Soundfont
benutzen möchten. Dazu braucht Timidity ein entsprechendes
Konfigurations-File. Dies nennen wir fluid.cfg, es kommt in das
Timidity-Verzeichnis und sieht so aus:
dir c:\Bin\timidity\sf2
soundfont FluidR3GM.SF2 |
Beim Start von Timidity geben wir ihm die neue Konfiguration mit
dem Soundfont mit: Config|Preference|Config file = C:\Bin\Timidity\fluid.cfg
Timidity muss nun einmal beendet und neu gestartet werden, damit
der neue Soundfont genutzt wird.
Wir sollten nun eine beliebige MIDI-Datei mit Timidity öffnen
können, und das Ergebnis klingt doch ganz anders als die normale
Soundkarte. Aber wie bekommen wir das nun in unser Recording-Programm?
Letzter Schritt
Timidity kann die 'gemappten' MIDI-Daten nicht nur über die
Soundkarte schicken, sondern auch in einem WAV-File ablegen! Das
geht recht einfach:
- Timidity starten und MIDI-Datei laden
- Config|Output|Output-Listbox -> RIFF WAVE file
auf 'auto filename' setzen, in 'signed'-Kästchen einen Haken
setzen
- Config-Dialog schliessen
- Zurück spulen und Wiedergabe starten
- Timidity schreibt die Sound-Daten nun in eine Datei.
Nett? Nun haben wir eine .wav-Datei, die man in eigentlich jedem
Recording-Programm importiern kann. Mal anhören?
Das entstandene .wav-File war über 9MB groß, daher hier
nur eine MP3-Version davon.
Alles klar?
So, soweit Timidity in a nutshell. Der Soundfont, den ich verwendet
habe, ist aus vielen einzelnen Soundfonts zusammen gestellt, und
heißt arbie.sf2, ist 47MB groß und hat auch ein paar
selbst gesampelte Instrumente (Jazz Bass, Yamaha Akustik-Gitarre)
dabei.
Ach ja, wir wollten ja noch ein Cello ;-)
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