Practicing Without Learning
Hier ist ein Problem, das ich oft bei meinen Schülern
feststelle. Es tritt in Live-Auftritten des Ensembles
zutage, zeigt sich aber auch in normalen Unterrichtsstunden.
Musiker üben ein Stück zuhause ein, und
im Gefühl es gelernt zu haben, kommen
sie in die Klasse und machen Fehler. Studenten können
oft vor mir nicht aufführen, was sie zuhause
angeblich problemlos gespielt haben. Was ist das,
dass ein Bassist zuhause ein Stück perfekt spielen
kann, aber nicht in der Lage ist, im Ensemble oder
in der Klasse das Gleiche zu tun?
Die Antwort ist teilweise psychologisch. Schüler
meinen, weil sie ein Stück zuhause fehlerfrei
gespielt haben, können sie es von da ab immer
gut spielen. Und das ist nicht wahr! Tatsächlich
scheitern sie in der Erwartung ein Stück aufführen
zu können wo sie nur den reinen Inhalt im Sinne
von Noten gelernt haben. So sabotieren Schüler
oft, was sie eigentlich üben wollten.
Ich sage den Schülern auch, wenn sie Fehler
machen, und dass es jetzt nicht so wichtig ist, weil
eben keine Audition, wo präzises Spiel entscheidet.
Fehler während des Übens sind nicht massgeblich,
weil sie automatischer Bestandteil einer Lernerfahrung
sind; es gibt keinen Weg, sie zu vermeiden. Solange
die Fehler zuhause passieren, können die Schüler
sie beheben, und so ihr Spiel verbessern ohne einen
Ruf als mangelhafte Instrumentalisten abzubekommen.
Und das ist auch der Grund, warum Spielen
und Üben zwei ganz verschiedene
Erfahrungen sind.
Musik ist eine Kunstform, die umso besser verläuft,
je grösser Euer Erfahrungsschatz ist. Als Beispiel:
Ihr könnt ein Instrument nicht allein durch Üben
und Spielen innerhalb von sechs Monaten erlernen,
das ist einfach nicht genug Zeit. Und Ihr werdet auch
nicht genug Erfahrung haben um zu beurteilen, ob Ihr
gut und effektiv oder einfach schlecht übt, und
deshalb ist ein guter Lehrer gerade für diese
grundlegenden Monate essentiell. Schüler ruinieren
manchmal selbst ihre Fortschritte im Spiel, indem
sie versuchen, jenseits ihrer Spielfähigkeiten
aufzuführen oder zu üben. Das heisst nicht,
dass Ihr nicht versuchen dürft, Euren aktuellen
Level zu überschreiten. Es heisst einfach, dass
es manchmal günstiger ist, auf seinem aktuellen
Stand zu bleiben und die jeweiligen Übungen zum
eigenen Nutzen zu lernen, bevor man sich an schwierigere
Dinge wagt. Spieler schiessen oft über's Ziel
hinaus und landen dann im Nirgendwo.
Perfektion ist kein realistisches Ziel,
an dem man sich orientieren kann; Musikalität
ist es. Wen stört's, wenn Ihr mal ein paar Noten
auslasst? Während perfektes Spiel selten wirklich
erreicht wird, kann man das inpuncto Musikalität
durch langfristiges Spielen und Üben schon. Euer
Ziel sollte es sein, etwas über Musik zu lernen
indem Ihr Euer Instrument als Übertragungsmedium
nutzt für das, was Ihr gelernt habt! Vergesst
niemals, dass Euer Bass keine Priorität hat
-- nur die Musik, die Ihr darauf spielt!
Eins der grössten Hindernisse beim Erlernen
eines neues Stückes ist das Geheimnis, das in
ihm liegt, und das bringt Leute in's Kippen. Wenn
Musiker sich nur mal in Geduld üben würden
und sich selbst die Zeit gönnten zu sehen, was
in ihrem vorliegenden Übungsmaterial steckt,
würde dieses Material viel an Schrecken verlieren.
Perfektion ist nicht Teil des Lernens, weil es dort
nicht hingehört. Üben heisst nicht, das
man Material gut genug erlernt, um es live vorzuführen,
oder nur den gesamten Bedeutungsinhalt zu verstehen.
Üben ist als ein Weg zur Erleuchtung zu sehen,
Übungen sollen gut, nicht perfekt gelernt werden.
'Perfektes Spiel' ist in allem enthalten, was man
übt -- und je besser Ihr dies begreift, desto
besser ist auch die letztendliche Aufführung.
Wenn Ihr mir irgendein Musik-Stück zum Üben
gebt, erlerne ich dieses aufgrund langjähriger
Erfahrung sehr schnell. Gebt Ihr die gleiche Übung
an eine Gruppe unerfahrener Spieler, werden diese
wahrscheinlich nicht in der Lage sein, diese Übung
'fliessend' zu spielen, wenn ihre musikalische Auffassungsgabe
dem Inhalt des Stückes nicht entspricht. Sie
werden glauben, sie müssten dieses Stück
zu einem Grad der Perfektion erlernen, mit gutem Timing
und um dem Lehrer zu zeigen, sie wüssten, was
sie da tun. Diese Einstellung sabotiert oft den Fortschritt.
Vielleicht ausgenommen zugunsten technischer Gründe,
gibt es keinen Anlass, sich für etwas die
Seele aus dem Leib zu spielen, das es nicht wert ist
oder wo es nicht notwendig ist.
Lernt um des Spasses willen, den das Lernen bringt.
Spielt aus der Freude am Spielen. Lasst Perfektion
da, wo sie hingehört -- in einer Kiste in der
Besenkammer zusammen mit Eurem Metronom, Eurer Augenbinde,
Eurem 'Grip Master', und Euren Übungen zum absoluten
Gehör.
[Anmerkung
des Sätzers: Jeff ist mit Aufrufen wie im letzten
Absatz (z.B. in TBL) in die Kritik geraten, weil Leute
es so interpretiert haben, als wenn Üben mit
Metronom und Gehörtraining aus Jeff's Sicht überflüssig
sei. Jeff hat diese Positionen ausdrücklich von
sich gewiesen und kommentiert, dass Übungen eben
der Musikalität dienen müssten und nicht
Sebstzweck zu sein haben. Also nicht das Kind mit
dem Bade ausschütten!
Was ich an
diesem Artikel für sehr wichtig halte ist a)
Relativieren von Aufwand und Zweck, b) Üben nicht
zum Auswendiglernen degradieren, sondern zur Entwicklung
der Musikalität nutzen, und c) der Hinweis, ein
Stück zu erarbeiten heisst nicht, es genauso
zu spielen wie der Autor, sondern seine eigene Interpretation
zu schaffen.]
Jeff's EMail-Address ist playersk@cftnet.com.
Die Website der Players School erreicht man unter
www.playerschool.com.
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