Reality Collection


Jeff Berlin gehört wohl den profiliertesten Bassisten der alten Schule. Leuten, die ihn nicht kennen, empfehle ich insbesondere seine Arbeiten mit Bill Bruford. Jeff leitet heute die Players School in den USA (in die ich mit nach meiner Pensionierung einschreiben werde ... :-)). Der folgende Artikel ist in Bass Player 04/99 erschienen. Ich habe ihn mit Jeff's freundlicher Genehmigung übersetzt und verwendet. Mail-Adressen etc. finden sich am Ende des Artikels.

Practicing Without Learning

Hier ist ein Problem, das ich oft bei meinen Schülern feststelle. Es tritt in Live-Auftritten des Ensembles zutage, zeigt sich aber auch in normalen Unterrichtsstunden. Musiker üben ein Stück zuhause ein, und im Gefühl es gelernt zu haben, kommen sie in die Klasse und machen Fehler. Studenten können oft vor mir nicht aufführen, was sie zuhause angeblich problemlos gespielt haben. Was ist das, dass ein Bassist zuhause ein Stück perfekt spielen kann, aber nicht in der Lage ist, im Ensemble oder in der Klasse das Gleiche zu tun?

Die Antwort ist teilweise psychologisch. Schüler meinen, weil sie ein Stück zuhause fehlerfrei gespielt haben, können sie es von da ab immer gut spielen. Und das ist nicht wahr! Tatsächlich scheitern sie in der Erwartung ein Stück aufführen zu können wo sie nur den reinen Inhalt im Sinne von Noten gelernt haben. So sabotieren Schüler oft, was sie eigentlich üben wollten.

Ich sage den Schülern auch, wenn sie Fehler machen, und dass es jetzt nicht so wichtig ist, weil eben keine Audition, wo präzises Spiel entscheidet. Fehler während des Übens sind nicht massgeblich, weil sie automatischer Bestandteil einer Lernerfahrung sind; es gibt keinen Weg, sie zu vermeiden. Solange die Fehler zuhause passieren, können die Schüler sie beheben, und so ihr Spiel verbessern ohne einen Ruf als mangelhafte Instrumentalisten abzubekommen. Und das ist auch der Grund, warum Spielen und Üben zwei ganz verschiedene Erfahrungen sind.

Musik ist eine Kunstform, die umso besser verläuft, je grösser Euer Erfahrungsschatz ist. Als Beispiel: Ihr könnt ein Instrument nicht allein durch Üben und Spielen innerhalb von sechs Monaten erlernen, das ist einfach nicht genug Zeit. Und Ihr werdet auch nicht genug Erfahrung haben um zu beurteilen, ob Ihr gut und effektiv oder einfach schlecht übt, und deshalb ist ein guter Lehrer gerade für diese grundlegenden Monate essentiell. Schüler ruinieren manchmal selbst ihre Fortschritte im Spiel, indem sie versuchen, jenseits ihrer Spielfähigkeiten aufzuführen oder zu üben. Das heisst nicht, dass Ihr nicht versuchen dürft, Euren aktuellen Level zu überschreiten. Es heisst einfach, dass es manchmal günstiger ist, auf seinem aktuellen Stand zu bleiben und die jeweiligen Übungen zum eigenen Nutzen zu lernen, bevor man sich an schwierigere Dinge wagt. Spieler schiessen oft über's Ziel hinaus und landen dann im Nirgendwo.

Perfektion ist kein realistisches Ziel, an dem man sich orientieren kann; Musikalität ist es. Wen stört's, wenn Ihr mal ein paar Noten auslasst? Während perfektes Spiel selten wirklich erreicht wird, kann man das inpuncto Musikalität durch langfristiges Spielen und Üben schon. Euer Ziel sollte es sein, etwas über Musik zu lernen indem Ihr Euer Instrument als Übertragungsmedium nutzt für das, was Ihr gelernt habt! Vergesst niemals, dass Euer Bass keine Priorität hat -- nur die Musik, die Ihr darauf spielt!

Eins der grössten Hindernisse beim Erlernen eines neues Stückes ist das Geheimnis, das in ihm liegt, und das bringt Leute in's Kippen. Wenn Musiker sich nur mal in Geduld üben würden und sich selbst die Zeit gönnten zu sehen, was in ihrem vorliegenden Übungsmaterial steckt, würde dieses Material viel an Schrecken verlieren. Perfektion ist nicht Teil des Lernens, weil es dort nicht hingehört. Üben heisst nicht, das man Material gut genug erlernt, um es live vorzuführen, oder nur den gesamten Bedeutungsinhalt zu verstehen. Üben ist als ein Weg zur Erleuchtung zu sehen, Übungen sollen gut, nicht perfekt gelernt werden. 'Perfektes Spiel' ist in allem enthalten, was man übt -- und je besser Ihr dies begreift, desto besser ist auch die letztendliche Aufführung.

Wenn Ihr mir irgendein Musik-Stück zum Üben gebt, erlerne ich dieses aufgrund langjähriger Erfahrung sehr schnell. Gebt Ihr die gleiche Übung an eine Gruppe unerfahrener Spieler, werden diese wahrscheinlich nicht in der Lage sein, diese Übung 'fliessend' zu spielen, wenn ihre musikalische Auffassungsgabe dem Inhalt des Stückes nicht entspricht. Sie werden glauben, sie müssten dieses Stück zu einem Grad der Perfektion erlernen, mit gutem Timing und um dem Lehrer zu zeigen, sie wüssten, was sie da tun. Diese Einstellung sabotiert oft den Fortschritt. Vielleicht ausgenommen zugunsten technischer Gründe, gibt es keinen Anlass, sich für etwas die Seele aus dem Leib zu spielen, das es nicht wert ist oder wo es nicht notwendig ist.

Lernt um des Spasses willen, den das Lernen bringt. Spielt aus der Freude am Spielen. Lasst Perfektion da, wo sie hingehört -- in einer Kiste in der Besenkammer zusammen mit Eurem Metronom, Eurer Augenbinde, Eurem 'Grip Master', und Euren Übungen zum absoluten Gehör.

[Anmerkung des Sätzers: Jeff ist mit Aufrufen wie im letzten Absatz (z.B. in TBL) in die Kritik geraten, weil Leute es so interpretiert haben, als wenn Üben mit Metronom und Gehörtraining aus Jeff's Sicht überflüssig sei. Jeff hat diese Positionen ausdrücklich von sich gewiesen und kommentiert, dass Übungen eben der Musikalität dienen müssten und nicht Sebstzweck zu sein haben. Also nicht das Kind mit dem Bade ausschütten!

Was ich an diesem Artikel für sehr wichtig halte ist a) Relativieren von Aufwand und Zweck, b) Üben nicht zum Auswendiglernen degradieren, sondern zur Entwicklung der Musikalität nutzen, und c) der Hinweis, ein Stück zu erarbeiten heisst nicht, es genauso zu spielen wie der Autor, sondern seine eigene Interpretation zu schaffen.]



Jeff's EMail-Address ist playersk@cftnet.com.
Die Website der Players School erreicht man unter www.playerschool.com.


 
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