The Reality Collection


RUHE!!!!!!!!!!

Das Problem des Rumfuddelns

Manchmal ergeben sich in Foren sehr produktive und informative Diskussionen. Zu einem Thema gab es zwei Postings, die ich gerne hier festhalten möchte, weil ich denke, sie treffen den Kern und helfen vielleicht anderen bei ähnlichen Situationen. Danke an Herrn Holle und burke für die Genehmigung zur Veröffentlichung. Also ....

Ein Posting in einem Musiker-Forum

(sinngemäß):

Ich komme gerade von der Probe und bin reichlich frustriert. Während der Pausen in der Probe klimpert immer einer heum. Das Blöde dabei ist, dass ich mich auch nicht beherrschen kann, und auch gelegentlich herumklimpere. Wie sieht das so bei Euch aus? Strafzölle einführen? Wird in anderen Bands wirklich der Set zwei Stunden lang durch gespielt und in Spielpausen sind alle ruhig und diszipliniert?

Und was Herr Holle dazu meinte ...

Vor einigen Monaten hatten ich und meine Band das gleiche Problem. Wir steckten gerade in einem kreativen Loch, die Proben waren extrem chaotisch und wir kamen seit Wochen nicht weiter. Unzufriedenheit machte sich breit, nicht nur bei mir, alle beklagten sich, aber niemand tat etwas dagegen. Als wir dann noch versuchten, ein paar Songs in halbwegs brauchbarer Qualität aufzunehmen (die dafür erforderliche Geduld wollte aber keiner aufbringen) und ich (zum Tontechniker verdammt, weil sich sonst keiner mit dem Recorder auskannte) bei dem Versuch, die Aufnahmen abzuhören und die Instrumente einzupegeln, gegen unkoordiniertes Schlagzeug- Gitarren- und Keyboardgefuddel ankämpfen musste (teilweise wurde auch noch versucht, an den Songs herumzubasteln), war bei mir dann wirklich Schicht im Schacht. Die Aufforderung "mal kurz leise zu sein" zeigte für ca. 30 Sekunden Wirkung. Mein zunehmend ruppiger Ton blieb unbemerkt (war schon später am Abend), und als dann endlich der befreiende Anschiss kam, war's längst zu spät.

Die Sache lies mir keine Ruhe,und so habe ich darüber nachgedacht, wo denn jetzt eigentlich das Problem lag. (Es ging ja nicht nur um einen chaotischen Abend, sondern um eine grundsätzliche Krise.)

Meine Erkenntnisse:

1. Wir haben Ziele. Wir haben sogar alle die gleichen Ziele. Beste Voraussetzungen also.

2. Obwohl Unsere Ziele recht bescheiden sind, ist ihre Verwirklichung mit viel harter Arbeit verbunden. Eigentlich trivial, aber so was wird schnell mal übersehen. Mir ist das vorher auch nicht so deutlich bewußt gewesen.

3. Um Arbeiten zu können, brauchen wir nicht nur Disziplin, sondern vor allem: Struktur und ein paar Regeln. Und die hatten wir überhaupt nicht. Hier lag das Problem.

4. Wir machen Musik als Hobby, also nur weil's Spaß macht. Struktur und Regeln dürfen den Spaß also nicht beeinträchtigen. Da wir in den vergangenen Wochen mehr Chaos als Musik produziert hatten, war der Spaß dem Frust gewichen. Folge: fehlende Motivation, keine Disziplin, wildes Herumgefuddel...

Ich habe dann begonnen, ein paar Regeln und und einen Ablaufplan für die Proben aufzuschreiben. Das klingt kleinkariert, meine Bandkollegen waren auch etwas irritiert, als ich bei der nächsten Probe damit ankam, aber ich habe klar gestellt, dass die Struktur nicht zu streng ausgelegt werden soll, sondern nur als grobe Zielvorgabe zu verstehen ist. Wichtiger als die Regeln ist das Verständnis für die Ideen, die dahinter stehen.

Hier die Kurzfassung:

1. Ein paar elementare Grundregeln (echt nicht zu viel verlangt):

a) Jeder spielt nur dann wenn er soll. b) Bei aller Disziplin darf der Spaß nicht zu kurz kommen. Also nicht zu sehr in eine Sache verrennen, wenn die anderen nicht mitziehen.

2. Probenablauf:

a) Instrumente aus und ein Ziel für die Probe festlegen: An einem Song arbeiten, Aufnahme etc. Nicht zu viel. Berücksichtigen, wenn jemand früher gehen muss. Auch die Verfassung einzelner Bandmitglieder berücksichtigen (nach ner Frühschicht ist die Konzentrationsfähigkeit nun mal nicht die beste...)

b) Warm spielen. Dabei soll der Kopf frei bleiben für die Arbeit. Also nicht sofort an den Songs herumbasteln (auch "Verbessern" genannt), sondern nur vertrautes Material so spielen, wie wir es immer spielen. Auch Jammen am Anfang ist suboptimal, da man da nur verrückte Ideen bekommt, die dann bei der Arbeit nicht mehr aus dem Kopf gehen wollen... Manchmal kann aber gerade das sehr produktiv sein. Ausprobieren.

c) Der Arbeitsteil. Diszipliniert arbeiten, und wenns mal überhaupt nicht mehr weiter geht, Pause machen oder doch mal locker was anderes spielen. Aber immer schön die Konzentrationsfähigkeit im Auge behalten.

d) Spass-Teil. Der Übergang vom Arbeits-Teil zum Spaß-Teil ist meistens fließend. Man sollte aber den Punkt erkennen, wo es kein Zurück mehr gibt. Da sollte man dann auch nix mehr erzwingen, das führt nur zu Frust.

e) Reflexion und Analyse. Sind wir unserem anfangs gesteckten Ziel näher gekommen? Wenn nicht, worann lag's? Hat jemand permanent gestört, hat jemand nen schlechten Tag gehabt, oder war einfach nur der Wurm drin? Solange der Wurm sich nicht fest einnistet, ist es OK, wenn das gelegentlich passiert. Oder haben wir uns einfach nur zu viel vorgenommen?

Gezz drehter völlich app...

Aber der letzte Punkt wirklich enorm wichtig. Ich denke, jeder macht sich darüber Gedanken, wenn es nicht gut läuft. Die meisten reden mit irgendwem darüber. Das ist der Fehler. Erzähl Dein Problem nicht den Aussensaitern, sondern deinen Bandkollegen. Obwohl wir hier gerne an den Problemen anderer Leute teil haben :-)

Schaffe die passenden Rahmenbedingungen für ein Gespräch. Ein Gespräch ist nicht konstruktiv, wenn Du gegen den Krach anschreien musst. Auch eine umgehängte Gitarre ist hinderlich. Nach 30 Sekunden kommen die Urinstinkte durch, auch bei ausgeschaltetem Verstärker. Ein Schlagzeuger, der hinter mehreren m² Blech und Fell verborgen ist, ist nicht angemessen an der Kommunikation beteiligt. Betrunkene und/oder bekiffte Bandkollegen übrigens auch nicht, auch wenn die das Gegenteil behaupten. Setzt Euch in Ruhe zusammen und klärt, was immer Ihr zu klären habt. Amen.

[Ende der Predigt]

Und unsere Band? Wir haben die schriftlich festgehalten Regeln nie so streng befolgt, wie ich sie aufgeschrieben habe. Das habe ich ausdrücklich weder verlangt noch erwartet. Aber geholfen hat es trotzdem. Niemand war beleidigt. Einigen war gar nicht richtig klar gewesen, dass es überhaupt ein Problem gab. Anderen war es schon klar, aber sie haben nie versucht es anzusprechen. Seit dem ist das Chaos auf ein erträgliches Niveau zurück gegangen (mal ehrlich: ganz ohne Chaos machts nicht so viel Spaß). Manchmal klimpert doch mal jemand dazwischen (auch ich ertappe mich manchmal dabei), aber man muss einfach den Mut aufbringen "Ruhe!" zu sagen. Wenn die Kommunikation funktioniert, dann nimmt das niemand persönlich. Wenn aber niemand sich traut, was zu sagen, wird eine stillschweigende Übereinkunft getroffen, dass dieses Verhalten in Ordnung sei. Folge für Dich: Frust.

So, jetzt aber genug gesülzt. Ich hoffe, mit meinen Ausschweifungen irgendwie weiter geholfen zu haben.

Mach's gut,

Holle

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Und von burke ...

beinahe hätte ich diesen Thread verpennt. Da gingen mir doch so ein paar Lichtlein auf, als ich Herrn Holles schönen Beitrag gelesen habe... So gründlich (und gründlich isses ;-) )hat sich niemand bei uns die Mühe gemacht, die Quellen der Allerwelts-Band-Problemchen zu analysieren. Mittlerweile sind wir auch ungefähr dort, aber nur, weil wir viel Zeit hatten, da "reinzuwachsen" und sich unser harter Kern immer mehr gefestigt hat, je mehr Krisen wir durchgemacht haben. Und diese Krisen kennt Ihr bestimmt auch alle:

- Vermieter des Raums ist ein Betrüger - Streit - der eine zieht zum Studieren weg - der Ersatzmann ist doch nicht so toll am Instrument, wie man anfangs dachte - dafür ein prima Kumpel, und man will nicht offen über seine Schwächen reden - Einbruch, Geraffel gezockt - plötzlich will einer ganz andere Mucke machen - oder einer hat Ziele, die dem Rest nicht gefallen, aber alle kuschen.

OK, es wird langsam off Topic. Was ich sagen will, ist daß der "harte Kern" die eigene Band irgendwann "richtig kennt", und das ist keine Selbstverständlichkeit. Mittlerweile können wir echt damit umgehen, daß es

- Spaß und Albernheit aber auch - harte Arbeit gibt.

ad 1.: Wir arbeiten einen Break aus, und (meist von mir ;-) ) ertönt nach einem Double-Bass-Gewitter ein Country-double-bending-theme (danke Boogie *rofl*) oder ein Helge-Schneider-Texaaaas Lick.... und dann ist gut!

Jeder macht mal seine Scherzeinlage, aber wenn es brennt und man nicht wirklich weiterkommt, ist der Gagfaktor einfach fehl am Platz.

ad 2.: Man kniffelt an einem harten Harmoniewechsel (leider kann hier keiner Jazz) mit abenteuerlichen Rhythmen drunter, der Drummer pfeffert die Sticks aus Wut in die Ecke, weils nicht klappt, ein Gitarrist vergriffelt sich zum 20. Mal an der selben Stelle, der Basser ist auf einmal in einem anderen Song,.....

Hier hilft (mir) nur: Stift her, Papier, malen, Eselsbrücken, Tips bei den anderen holen (wie zählst Du das???), äußerste Konzentration, und es funktioniert. Wenn in so einem Moment jemand Spökes machen würde, der bekäme einen kollektiven Anschnautz von der gesamten Band. Und jeder weiß das. Und hält sich an die Ruhe.

Klar, bis wir so weit waren, gab es öfter Krisensitzungen (Thema: wieso kommen wir nicht weiter?), Vorschläge, Gegenvorschläge .... an diesem Punkt sehe ich Herrn Holles Regeln, die genau den Punkt treffen. Auch die "Auslegung" und die "Anwendung" scheinen das Optimum zu sein. So eliminierten wir z.B. das in-einer-Pause-Fiddel-Problem: Wir haben das Glück, daß unser (von 2 Bands genutzte) Proberaum sehr "länglich" ist. Das Instrumentarium, Amp- und Drum- Geraffel steht in einem "Sektor", das "Control Panel" (PA, Mischer, FXs) in einer anderen Ecke, und weit weg ist der Gammel-Bereich mit Couch und Tisch etc. .. alles außer Kabelreichweite. Wenn's nicht weiter geht, bedeutet Pause auch wirklich Pause. Niemand schafft es, sich mit Instrument bis zu den Sesseln vorzukämpfen, davor liegen einfach zu viele leere Gitarrenständer ... es ist sehr angenehm, den Ohren nach ca. 2 Stunden eine Ruhepause zu gönnen, bevor die 2. Probehälfte anbricht. Oder man hört sich leise ein Stück von CD an ....

Derzeit proben wir 2 mal die Woche à 4 Stunden, in letzter Zeit nur mit einer kleinen Pause von ca. 15-20 Minuten. Das schlaucht, aber jeder muß mitkommen. Dafür wird man belohnt, wir schreiben ca. alle 4 Proben einen neuen Song, oder verwerfen Schrott-Ideen, nehmen auf, was auch immer. Und wir haben den Vergleich vor Augen: Daddel-Phase und die korrespondierenden "Erfolge" versus jetztiger Ist-Zustand mit dem zugehörigen "Geil-Gefühl". Und wenn es nur eine Phase ist (übrigens nach einer Krise, unser "1. Sänger" ist ausgestiegen, war letztendlich eine Erleichterung), ist das Gefühl da, daß das Spielen in einer Band einfach der Hammer ist. Und das war nicht immer so. Jeder stand bei uns mal kurz davor, das Handtuch zu werfen.

Soo, ich wollte nicht den Eindruck erwecken, als seien wir eine "Super-Band", denn musikalisch sind wir alle in der Hobby-Liga. Außerdem klingt das alles "spießiger", als es ist, der Spaß geht auch bei uns vor. Wir jammen auch ne Menge, auch wenn das Posting einen anderen Eindruck hinterläßt. Ich wollte lediglich darstellen, wie das "Regelwerk" des Herrn Holle auch in die Praxis umgesetzt werden kann; nur, daß wir nicht so gezielt nach den Ursachen für unsere frühere Unzufriedenheit geforscht haben, es aber genau darauf hinausläuft.

Mein Gott, habe ich viel geschwafelt, wer das liest, denkt, ich sei krank im Kopf (hoffentlich niemand aus meiner Band dabei ;o) ).

Ich bedanke mich für Eure wertvolle Zeit und tauche wieder ab,

Burke (der sich gut fühlt, trotz Ibanez ;-) )

 
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