Reality Collection


Das Plektrum, das unbekannte Wesen

Zur Natur des Plektrums gehört es, immer dann zu verschwinden, wenn man es braucht. Aber vielleicht sollte ich doch lieber vorne anfangen ....

Gehen wir ein bißchen zurück in die Vergangenheit. Geschichtlich befinden wir uns in einem Zeitabschnitt, in dem das Wort "Verstärker" genauso wenig erfunden war wie die Gitarre in der heutigen Form selbst. Eines der großen Menschheitsprobleme war allerdings bereits die Frage, wie man Zupfinstrumente lauter macht. Ein freundlicher Anschlag der Saiten mit dem Daumen führte damals wie heute zu einem weichen und ziemlich leisen Ton. Haut man mit den Fingernägeln in die Saiten, klingt es deutlich knackiger und lauter. Laut genug, nur ist heftiger Verschleiß an den Fingernägeln eine schmerzhafte Sache. Also griff bereits der frühgeschichtliche Klampfer zu einem Federkiel, einem Knochensplitter, einer Holzspitze oder sonst einem Hilfsmittel: dem Plektrum.

Zurück in unserer Zeit ist die höhere Lautstärke kaum noch ein Thema. Ein Großteil der heutigen Auftritte wird mit Verstärkung gespielt. Ein kurzer Dreh am Regler und schon ist es laut genug. Lediglich beim Spiel der rein akustischen Gitarre "am Lagerfeuer" ist ohne einen kräftigen Anschlag mit Plektrum kein Blumentopf zu gewinnen. Es gibt aber nicht nur "mit" und "ohne" Plektrum. Leider machen viele Gitarristen den gleichen Fehler und kaufen immer wieder die gleichen Plektren, ohne sich einmal die Zeit zu nehmen, mit den unterschiedlichen Sounds zu experimentieren.

Nehmen wir mal ein handelsübliches Fender-Plektrum und zwar das tropfenförmige Heavy aus braunem Zelluloid. Das Ding ist fast überall zu bekommen und kostet im Regelfall etwa einen halben Euro. Das Plektrum hat eine spitze und eine runde Seite. Der Sound beider Seiten ist deutlich unterschiedlich. Der Sound der Spitze ist etwas dünner, spitzer eben und die runde Seite klingt tatsächlich rund. Das liest sich jetzt wie eine Binsenweisheit, die meisten Gitarristen ignorieren das aber und spielen nur mit der Spitze. Dabei bietet jedes Plektrum in Tropfenform zwei Sounds, wenn man es denn nur mal drehen würde ... (das Abgleiten vom Thema Equipment in das Thema Spieltechnik ist leider nicht zu vermeiden). Hersteller wie Dunlop haben das natürlich auch schon gemerkt und bieten entsprechende Vielfalt an. Es gibt Unmengen von Formen (vorne spitz oder leicht abgerundet, kleine Tropfenform, große Tropfenform, die Delphin-Form, dreieckig in groß und klein etc.). Und jede unterschiedliche Form klingt etwas anders.

Zur Form gehört auch die Stärke des Plektrums. Das Fender Heavy ist etwa 0.96 mm dick. Bei Dunlop finden sich Plektren von 0.50 mm bis 3.00 mm. Und wieder: Unterschiedliche Stärke = unterschiedlicher Sound. (Wer hätte das gedacht?) Sehr dünne Plektren klingen häufig "klatschig", das Auftreffen des Plektrums tritt in den Vordergrund. So richtig wird die Saite auch nicht zum Schwingen gebracht, da ist so ein dünnes Plektrum wieder zu nachgiebig. Ein etwas härteres macht meistens mehr "Ton" und klingt sauberer. Allerdings nur bis zu einer Stärke von einem runden Millimeter, dann ist das Plektrum so steif, dass es gegenüber der Saite nicht mehr nachgibt. Zu hören ist ein deutliches "Klack" oder auch "Knack" und dann ein lauter Ton.

Das war nun aber noch nicht alles. Schließlich kann man ja aus fast allem ein Plättchen schnitzen und es dann Plektrum nennen. Am einfachsten ist natürlich die Herstellung aus Kunststoff (vulgo: Plastik). Was genau da zusammengemixt wird, kann uns als Konsumenten völlig egal sein. Eine Sonderstellung unter den Kunststoffen nimmt Zelluloid ein. Dieses Material bringt einen deutlich weicheren und singenderen Ton als ordinäres Plastik. Das Gegenteil zum Zelluloid ist Nylon, das zu einem "twangy" Sound führt, mit reichlich Höhen und Bässen. Wir kommen jetzt geradewegs in die Exoten-Abteilung mit Metallplektren, die der Gitarre auch noch die letzten Höhenreserven rauskitzeln und den Saitenverschleiß massiv in die Höhe treiben. Und nun back to the roots, natürliche Materialien. Alle folgenden Plektren gibt es allerdings nur in mindestens 3 mm Dicke und nicht unter rd. 12 Euro das Stück: Steinplektren sind häufig klirrig und so höhenreich wie Metall. Holzplektren nutzen sich stark ab und klingen dann irgendwann "schabig" - hier kommt es soundmäßig tatsächlich auch noch auf die Holzart an. Etwas widerstandsfähiger als Holz, klanglich aber grundsätzlich ähnlich sind Plektren aus Kokosnußschale. Horn klingt etwas weicher als Holz. Dann gibt es auch noch Plektren aus Knochen, die ich nicht mag, weil sie nervende Hochmitten besonders hervorheben. Ein Sonderfall sind Filz-Plektren, die nur für Bassisten interessant sind. Die Dinger machen einen dumpfen Ton, der sehr an Bert Kaempfert erinnert und wirklich nur begrenzt einsetzbar ist.

Ein besonderes Thema sind Plektren aus Schildpatt. Schildpatt wird aus dem Panzer von Schildkröten hergestellt. Handel und Besitz von Gegenständen aus Schildpatt sind aus Gründen des Tierschutzes verboten. Es gibt meiner Ansicht nach keinerlei Rechtfertigung für diese Plektren.

Neben der Auswirkung auf den Sound haben Plektren auch auf das Spielgefühl und sogar das Timing und die Kontrolle des Anschlags eine enorme Wirkung. Schauen wir uns mal in Vergrößerung und Zeitlupe den Anschlag einer Saite mit einem weichen Plektrum an: Das Plektrum nähert sich der Saite und "klatscht" dagegen, die Spitze des Plektrums biegt sich erst einmal zur Seite, dann wird Saite "gespannt" und jetzt erst löst sich die Saite und der Ton ist da. Das Plektrum ist im Moment der Tonerzeugung schon ein ganzes Stück von der Saite weg. Beim klassischen Wechselschlag wird das Plektrum wieder zurück geführt, "klatscht" etc. Jetzt zum Vergleich ein hartes Plektrum her. Das Plektrum nähert sich der Saite, "klickt" und schon wird die Saite gespannt (das Plektrum biegt sich ja nicht!). Saite löst sich, Ton ist da. Das Plektrum ist deutlich näher an der Saite für den nächsten Anschlag. Die Anschlagsbewegung wird also kürzer, die Anschläge können schneller erfolgen und der Anschlag ist präziser im Timing. Die Gewöhnung an härtere Plektren (ab 1.00 mm aufwärts) kann also die Spielkultur deutlich verbessern.

Plektren sind wie Saiten Verschleißteile. Durch die Anschläge nutzt sich das Plektrum ab. Es gibt Riefen und Rillen an den Anschlagflächen. Solange ein Plektrum an den Seiten glatt ist, klingt es auch sauber, alle Unregelmäßigkeiten führen zu Nebengeräuschen. Ich halte es daher für sinnvoll, bei den handelsüblichen 50-Cent-Plektren beim Saitenwechsel auch jedesmal das Plektrum auszuwechseln. Die Exoten kann man hin und wieder mal polieren, damit sie glatt bleiben. Bei einigen Kollegen sieht man Plektren, die richtig "abgenudelt" sind. Das ist dann schon eine Veränderung der Form und beim Griff zu einem neuen Plektrum (glatt und andere Form) spielt sich das minimal anders und klingt auch eine Spur anders. Das ist zwar nicht entscheidend, kann aber störend wirken.

Noch ein Tip in Sachen Handling. Einigen rutschen Plektren immer durch die Finger. Es wirkt Wunder, mit einem simplen Bürolocher mal in die Mitte zu lochen (geht bis rd. 1.40 mm), dann rutscht nichts mehr. Ausprobieren! Andere kleben sich kleine Sandpapierschnipsel mit der rauhen Seite nach oben auf die Pleks oder kratzen ein paar Rillen rein.

Über Plektren, wie sie in der Hand liegen und klingen, kann man noch so viel schreiben. Das ist zwar alles nett zu lesen, hilft aber dem einzelnen überhaupt nicht weiter. Ich halte viel mehr davon, sich für runde zehn Euro mal eine Kollektion von dick bis dünn in verschiedenen Materialien und in verschiedenen Formen zuzulegen und zuhause in aller Ruhe zu probieren, was sich wie spielt und wie klingt (bei den teuren Exoten ist Testen im Laden empfehlenswert).

Die eierlegende Wollmilchsau gibt es auch bei Plektren nicht. Wenn es auf die Feinheiten im Sound ankommt, sollte man auch das Plektrum je nach Song oder Spielart sorgfältig auswählen, sonst vergibt man Chancen. Was für eine akustische Rhythmusgitarre (vulgo: schrammeln) optimal ist, ist für Sololinien auf der Jazzgitarre ja vielleicht völlig falsch, zum shredden will einen anderen Sound als für das Hardcore-Blues-Solo etc. Wer etwas flexibel sein will, packt besser einen kleinen Vorrat an unterschiedlichen Plektren mit unterschiedlichen Sounds in eine Dose und die in den Gitarrenkoffer.

Bleibt noch die Ecke für den ambitionierten Heimwerker. Do it yourself - man schneide Dreiecke aus Prilflaschen, benutze wie Brian May und Billy Gibbons Münzen. Am Strand kann man nach plektrenförmigen Steinen suchen (darüber hat Eddie Van Halen mal in einem Interview erzählt) und die zuhause glattpolieren. Ein abgerissener Knopf kam mir zufälig in die Finger, der klingt unvergleich rund und obertonreich. Erlaubt ist, was gefällt- der Phantasie sind hier keine Grenzen gesetzt. Und dann hätten wir noch die Paradebeispiele Wes Montgomery und Jeff Beck, die beide ohne Plektrum spielen und doch wirklich einen tollen Ton haben ...

 
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