Acoustic Collection


Acoustic Corner - die unplugged-Lüge

Das Schöne an akustischen Instrumenten ist ja, dass man sich um die Verstärkung eigentlich keine Gedanken machen muss. Ein Griff zum Instrument und es geht los. Leider gilt das nur solange, wie man das heimische Wohnzimmer nicht verlässt - oder irgendein richtig lautes Instrument den zarten Saitenklang übertönt. Jetzt geht das Drama los.

Bevor wir aber einsteigen, erst einmal ein kleines bisschen Geschichte. Das Problem der zu leisen Gitarre ist nicht neu. Schritt eins war der Umstieg von Nylonsaiten auf Stahlsaiten. Deutlich lauter, gleichzeitig aber anderer Klang - die Stahlsaitengitarre (ich mag den Ausdruck "Westerngitarre" nicht) war geboren. Mit der Zeit wuchsen die Korpusgrössen, das Klangvolumen wuchs mit.

Ein weiterer Lösungsansatz war eine Art "Verstärker mit Lautsprecher" direkt in der Gitarre und führte tatsächlich zu mehr Lautstärke. Gleichzeitig aber auch zu einem anderen Klang - das Ganze ist unter dem Namen Resonatorgitarre, manchmal auch schlicht "Dobro" nach einem der Hersteller bekannt geworden. Orville Gibson kam auf die Idee, die Gitarre der Geige anzupassen: Gewölbte Decke und Boden, aufgesetzter Steg. Lauter war die "Archtop" (übersetzt: gewölbte Decke) schon, nur der Klang war wieder nicht so wie die jetzt auch "Flattop" (flache Decke) genannte, typische Westerngitarre. Dafür gab es als Neuentwicklung nun die Jazzgitarre. Weil auch das zu leise war, probierte jemand einen Tonabnehmer zu entwickeln. Der klang aber gar nicht akustisch, trotzdem aber in den Musikerohren gut. Die so entstandene E-Gitarre ist schlicht ein weiteres Abfallprodukt aus einer Fehlentwicklung.

Stahlsaitengitarre, Resonatorgitarre, Archtop, E-Gitarre - offensichtlich ging die Verstärkung in der Geschichte schon mehrfach daneben, bescherte uns aber immer neue Instrumente. Hier soll es darum gehen, die Akustikgitarre so lauter zu machen, dass ihr Klang erhalten bleibt.

Akustikgitarren sind nicht leicht zu verstärken. Das liegt an den Obertönen, die bei der Verstärkung schnell verloren gehen können, was zu einem künstlich klingenden Ergebnis führt. Schließlich machen uns noch Rückkopplungen zu schaffen. Daher müssen wir leider einigen Aufwand in Kauf nehmen.

Weg Nummer 1: Das Mikro

Machen wir es uns doch ganz einfach. Wenn man das Signal möglichst genau aufnimmt und so wenig daran manipuliert wie möglich, müßte doch ein optimales Ergebnis erzielbar sein. Nehmen wir also ein möglichst neutrales Mikrofon zum Aufnehmen und geben das Ergebnis linear über die P.A. raus. Schon gehen die Probleme los. Wohin mit dem Mikro? Je näher ein Mikro an der Gitarre dran ist, desto lauter ist das Signal, das es aufnehmen kann. Wer jetzt raumgreifende Bewegungen mit der rechten Hand oder der Gitarre macht, muß natürlich wissen, wo das Mikro steht, denn gegen ein Mikro zu stoßen, macht verstärkt richtig Lärm. Ein Zusammenstoß zwischen Gitarrendecke und Mikrofon führt neben dem Knall über die Verstärkeranlage meistens noch zu häßlichen Kratzern oder Dellen bei der Gitarre. Einfach erscheint es, das Mikro entfernter aufzustellen. Dann muß man aber die Anlage mehr aufdrehen und lernt das Phänomen des "Übersprechens" kennen. Mit ziemlicher Sicherheit hört man dann nämlich das Instrument des Kollegen im Kanal und mit etwas Pech auch noch dumme Kommentare aus der ersten Reihe der Zuhörer. Außerdem fängt man sich allzu schnell eine saftige Rückkopplung ein. Also lieber doch wieder ranrücken. Neben der Frage des Abstands kommt es auch darauf an, wohin das Mikro gerichtet ist. Die erste Idee ist zumeist, das Mikro direkt auf das Schalloch zeigen zu lassen. Allerdings ist der Sound da meistens zu baßlastig. Sinnvoller ist es, das Mikro auf das untere Ende des Griffbretts zu richten. Das klingt oft deutlich besser, hat aber den Nachteil, daß man sich Greifgeräusche einhandelt. Gute Erfahrungen habe ich damit gemacht, auf eine Stelle etwa zehn Zentimeter unter dem Steg auf das untere Korpusende zu zielen. Aber hier hilft nur Ausprobieren, wie die eigene Gitarre am besten klingt. Es lohnt sich wirklich, damit zu experimentieren. Durch einen kleinen Schwenk des Stativs lassen sich Soundunterschiede erreichen, wobei die Ergebnisse weitaus natürlicher klingen als bei dem Versuch, durch "Rumschrauben" am Equalizer etwas zu verändern.

Wenn Ihr die richtige Stellung gefunden habt, dann heisst es stillsitzen oder -stehen. Jede Veränderung der Position hat erhebliche Auswirkungen auf Sound und Lautstärke. Hier ist Disziplin gefragt!

Welches Mikro?

Die Wahl des Mikrofons erscheint einfach, schließlich ist auf der Verpackung der Frequenzgang angegeben. Je neutraler, desto besser, könnte man denken. Natürlich ist es auch in diesem Fall nicht ganz so einfach.

Der Versuch einer linearen Verstärkung hat nämlich einen gewaltigen Haken. Legt mal eine gut aufgenommene CD eines Akustikgitarristen in die Stereoanlage und dreht den Lautstärkeregler richtig auf, daß die Zahnbürste im Badezimmer mitvibriert und Ihr das Klingeln und Klopfen der Nachbarn nicht mehr hören könnt. Ab einem gewissen Punkt wird sich der Klang deutlich verändern. Das liegt daran, daß das menschliche Gehör nicht linear arbeitet. Einige Frequenzen werden deutlich besser wahrgenommen, besonders diejenigen, die früher einmal mit Gefahren verbunden waren. Eine lineare 1:1 Verstärkung ist also schon wegen unseres Gehörs nicht möglich. Nebenbei können wir sowieso sicher sein, daß die meisten P.A.s auch nicht linear übertragen. Damit wäre die Strategie, möglichst genau den Klang der eigenen Gitarre eben "laut zu machen" gescheitert. Die Frage ist also nicht, wie ich die akustische Gitarre laut bekomme, sondern wie ich einen guten verstärkten Akustik-Gitarren-Sound zaubere. Dabei sollten uns dann auch fast alle Mittel und Wege recht sein.

So ist es unter Umständen sinnvoller, ein Mikro zu wählen, das bestimmte Frequenzen besser überträgt und damit eventuell Schwächen der verwendeten Gitarre überdeckt. Um das richtige Mikro zu finden, hilft nur Ausprobieren. Kondensatormikrofone sind meistens besser für die Abnahme akustischer Gitarren geeignet als dynamische, leider meistens aber auch teurer. Röhrenmikrofone sind hochqualitativ und sehr geeignet, aber eigentlich für den Bühneneinsatz zu wertvoll.

Alternativen

Trotz aller Kritik an der Abnahme mit einem externen Mikrofon gibt es kaum eine bessere Möglichkeit, einen besonders natürlichen Akustikgitarrensound zu erzielen. Besser als ein Mikrofon sind höchstens zwei Mikrofone, womit man sich aber die nächsten Schwierigkeiten einhandelt. Angenehm ist auch der Nebeneffekt, dass an der Gitarre nicht rumgebastelt werden muß . Wer mehrere Gitarren oder andere Instrumente spielt, braucht auch nur ein Mikrofon. Alles Gesichtspunkte, die für diese Form der Abnahme sprechen.

Allerdings darf es beim Einsatz von Mikrofonen nicht allzu laut werden und es sollte Zeit für einen ausgiebigen Soundcheck sein. Wenn die P.A. qualitativ miserabel ist, niemand oder nur ein Mensch ohne Ahnung und Gehör als Mischer arbeitet, dann vergesst es!

Es muß ausserdem auch zur Show passen, wenn der Gitarrist still am Mikrostativ sitzt oder steht. Wer Folkpunk spielt und gleichzeitig Pogo tanzen will, dürfte sich daher für diese Verstärkungsvariante nicht so interessieren. Dann müssen wir uns etwas anderes einfallen lassen. Dazu mehr beim nächsten Mal.

 

 
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