The Talking Hands Collection


Studio Log Part 1: Introduction / "You´re the one"

Hallo Hallo ...

mal wieder zu einer neuen Folge und gleichzeitig einer neuen kleinen Miniserie: Studio Log.

Wer in den späten 80ern bzw. frühen 90ern mal den amerikanischen Guitar Player gelesen hat, kennt vielleicht die gleichnamige Serie von Studio-Kingpin Tommy Tedesco (Rest in Peace, Tommy!). Jeden Monat berichtete er über eine seiner zahlreichen Sessions, beschrieb wie er die jeweiligen Herausforderungen meisterte, druckte Leadsheets und / oder Notation ab etc.

Nun, da ich in letzter Zeit mehrmals Leserbriefe zum Thema Studioarbeit bekam, und ohnehin das Thema einmal aufgreifen wollte, hier nun die erste Folge der "Studio Log" Serie. Weitere Folgen gibt es ... irgendwann.

Zuerst jedoch einige ganz generelle Kommentare zur Studioarbeit:

  1. Im Fall der Session bei Wolfgang ging es nicht ganz so angespannt zu wie bei den "Gebührenzähler tickt!!!" Sessions, bei denen man als Studiomusiker in den meisten Fällen gebucht wird. Bei eben jenen geht es dann darum, in möglichst kurzer Zeit ohne grosses Experimentieren mit einem perfekten Sound seine Parts fehlerlos einzuspielen. Ich kann dazu nur sagen: Lasst Euch nicht nervös machen, bleibt ruhig. Fangt Ihr erst an, nervös zu werden, wird es immer schwieriger. Seid geduldig und freundlich. Vor allem: Bleibt kritisch (das sind die anderen Beteiligten sowieso, glaubt mir!). Es sollte nicht genug sein, mit Hängen und Würgen den Part gerade mal so fehlerlos einzuspielen. Vielleicht einfach nochmal versuchen, um zu sehen, ob es nicht noch einen kleinen Tick besser klappt. (Aber auch hier nicht übertreiben, denn wie schon erwähnt: der Zähler tickt!)
  2. Bereitet Euch vor. Das betrifft erst einmal das Gear. Eure Gitarren sollten funktionieren... d.h. "in tune" bleiben, keine vermeidbaren Nebengeräusche (Mikrophonisches Feedback, Klappergeräusche von Security Locks o.ä., Nebengeräusche von Vibratofedern) Die Saiten sollten möglichst neu sein, aber doch so eingespielt, dass sie in tune bleiben und vom Obertongehalt der Norm entsprechen. Im Studio neue Saiten aufziehen ist keien gute Idee. Erstens müssen die erst eingespielt werden, zweitens klingen sie ganz anders als die vorher aufgezogenen (denn neue Saiten klingen halt in den ersten Spielstunden übermässig brilliant). Wenn es allerdings darum geht, Obertöne aufzunehmen, sieht die Sache anders aus (allerdings: wo geht es schon mal darum, NUR Obertöne aufzunehmen?!?)
  3. Seid freundlich und geduldig. Sicher kann es bei fortschreitender Session anstrengend werden, oder man wird nervös. Trotzdem sollte man verbindlich bleiben. Auf keinen Fall herumzicken, denn die Konkurrenz steht schon so gut wie vor der Tür und wartet. Sicher braucht man sich nicht alles gefallen zu lassen, aber in den meisten Fällen geht es für uns darum, eine Dienstleistung zu erbringen.

Also, die Geschichte begann damit, dass mich mein guter Freund Wolfgang Malende (ein grossartiger Country-Sänger, unbedingt anchecken unter www.wolfgangmalende.de) einlud, ihn einmal auf seiner "Farm" zu besuchen. Am ersten Abend spielte ich ihm dann einen Song vor, den ich vor einigen Jahren geschrieben hatte. Dieser sagte selbst in der rohen Akustikgitarrenfassung Wolfgang schon sehr zu, und am nächsten Tag begannen wir, ihn aufzunehmen. Aufnahmemedium war die LogicAudio Software, die heutzutage in fast allen modernen Studios zu finden ist. Einer der Vorteile (neben unzähligen anderen tollen Features) ist die Möglichkeit, zu Hause erstellte LA-Files mit in´s Profistudio zu nehmen und dort weiterzuverwenden... da freut sich der Produzent.

Anyway, den Anfang machte die 6-saitige Akustikgitarre, mit der ich die Grundstruktur des Songs durchspielte. Aufgenommen per Mikrofon, mit etwas Hall unterlegt, lieferte die Gitarre einen sehr schönen Klang. Abmikrofoniert wurde übrigens über den höchsten Bünden des Halses, nicht allzu weit von der Schlaghand entfernt. Frische Saiten hatte ich am Vorabend aufgezogen, als Pick kam ein mittelstarkes Tortex-Plek zum Einsatz. Und natürlich lief ein Click mit. Um nun noch etwas Fläche und Fülle hinzuzufühen, doppelte ich die 6 saitige mit Wolfgang´s 12 saitiger Yamaha. Tipp zum Stimmen: Mit einem dünnen Pick jede Saite einzeln anschlagen und mehrmals stimmen. Wolfgangs Kommentar während ich zum Stimmgerät ging: "Viel Spass"

Die 12 saitige doppelte die 6saitige nicht exact, ich spielte die Akkorde auf ihr entweder eine Oktave höher oder tiefer. Dies ergab einen schön silbrigen Effekt (ähnlich der Dopplung mit einer Gitarre in Nashville-Tuning)

Anschliessend wurde es Zeit für eine erste Leadgitarre. Setup war: Meine Stevens Custom Strat (mit 009er Saiten bespannt, ausgestattet mit einem Seymour Duncan Custom Custom) über einen Marshall JMP1 direkt in´s Pult. Meine ersten Versuche (in einem Heimstudio ist der Zeitdruck gottlob geringer, deswegen kann man sich etwas mehr Zeit lassen, sich etwas einspielen, versuchen, sich in den Song "hineinzuspielen") gingen eher in die stärker verzerrte, Sambora-inspirierte Richtung. Wolfgang schlug vor, das ganze etwas sanfter anzugehen, und so spielte ich eine langsame, getappte Melodie, gefolgt von einem kleinen Melodiebogen, dessen Noten ich als "harp harmonics" spielte. Nach dem ersten refrain kommt eine Variation auf jene Melodie, mit leicht verändertem Ende. Das Schlusssolo wiederum baute ebenfalls darauf, sollte aber länger sein. Nachdem Rohfassungen für das Intro und das Interlude nach dem ersten Refrainb standen, war es Zeit für den Synthbass... der Song ist eine Ballade mit schön offenen Akkorden auf der Akustikgitarre, vielen Flächen. Dazu passte ein fetter, gospelorientierter Synthbass sehr gut. Ich spielte zumeist nur Grundtöne, verband diese jedoch mit kleinen diatonischen Runs, um hier mehr Fläche zu schaffen und auch den Bass einigermassen interessant zu halten. Der Song enthält zwei "B-Parts" (in diesem Fall könnten sie genauso gut als "Pre-Chorus" bezeichnet werden), die ich mit etwas Hendrix-inspirierter Gitarre (wieder Stevens und JMP1) unterlegte... den ersten mit einer Doublestop-Gitarre (in etwa wie bei "Little Wing"), den zweiten mit einer ähnlichen Melodie, jedoch in Oktaven gespielt.

Wolfgang ist nicht nur Sänger, Produzent und Arranger, sondern kann auch Gitarre spielen. Er schlug mir vor, in den zweiten B-Part eine cleane Gitarre einzubauen, die eine Art Antwortmelodie auf die Oktav-Gitarre spielte. Zu diesem Zweck verwendete ich seine 1968er Fender Telecaster. Um eine Art Knopfler-Effekt zu erzeigen, schlug ich die Saite mit den Fingern an. Wichtig war, die Lautstärke der einzelnen Noten auf ungefähr dem gleichen Level zu halten, was nicht einfach ist, wenn man eine cleane Gitarre mit Hammer On´s und Pull Off´s spielt. Wolfgang´s Idee hatte sich als goldrichtig erwiesen. Zudem fiel mir noch eine weitere Klangfarbe für den ersten B-Part ein: auf seiner Tele folgte ich den Akkordwechseln der Akustikgitarre, spielte jedoch die Akkorde mit grösseren Intervallen (also weiter gestreckt), was einen sehr schönen, fast klaviermässigen Charakter erzeugte.

Bei der zweiten Session, die vor nur wenigen Tagen stattfand, ersetzten wir das kurze Introsolo auf der E-Gitarre durch eines, das ich auf der Klassikgitarre spielte. Besagtes Solo besteht aus drei Segmenten, wobei die erste eine Arpeggio-Melodie ist, die zweite fast das gleiche, allerdings gedoppelt von einer zweiten Klassikgitarre (eine Terz höher) und zum Schluss einem Ending, bei dem drei Klassikgitarren in verschiedenen Bereichen des Griffbretts zu hören sind.

Zudem spielten wir einen weiteren Song ein. Auch hier begannen wir mit der Akustikgitarre. Problempunkt war in diesem Fall, dass viele add9-Akkorde verwendet wurden. Diese sind schwer zu greifen, wenn man Nebengeräusche vermeiden will. Also entschied mich mich, die Basstöne (Grundtöne) wegzulassen... letztere wurden später eh durch den Synthbass ersetzt. Dieser "Trick" wird auch oft im Jazz verwendet: hat man allzu komplexe Akkorde, kann man bestimmte Bestandteile (z.B. die Prim oder die Quinte) weglassen, da sie entweder noch von einem anderen Instrument gespielt werden, und obendrein nicht die entscheidenen Noten vieler Voicings sind...also verzichtbar.

Wolfgang Malende   

Dieser zweite Song ist stimmungsmässig sehr einigen der Springsteen- oder sogar Dire Straits-Balladen verwandt. Der erste Overdub (als Klangfarbe) von der E-Gitarre sah so aus: ich folgt den Akkordverläufen, indem ich getappte Obertöne spiele, die ich allerdings etwas verzögert mit einem Volume Pedal einfadete. Gleichzeitig fügte ich etwas Vibrato mit dem Whammy Bar hinzu (die E-Gitarre, die ich bei diesem Song verwendete, war eine Valley Arts Standard Pro mit EMG 85/SA/SA Pickups und VA-Lizenz Floyd Rose).

Wieder war es dann Zeit, Synthbass und ein paar Stringflächen einzuspielen. Nachdem noch ein weiteres Overdub mit einem cleanen Stratsound eingespielt wurde, ging es daran ein Solo einzuspielen. Ich spielte mich also erst einmal "heran", d.h. improvisierte über den Background, um die ersten Ideen zu sammeln. Ziel war für mich ein sehr emotionales Solo mit vielen Legatophrasierungen und sehr überlegten Melodien (also bewusstes Spiel mit Moll- und Durintervallen, um verschiedene Stimmungen zu erzeugen)

Nach einigen Versuchen entschieden wir uns dennoch, das Solo noch etwas zurückzustellen, und Wolfgang begann stattdessen, seinen Gesang samt Gesangoverdubs aufzunehmen. Zu später Stunde dann war dies erledigt (und ich kann euch sagen: der HAMMER!), und ich konzentrierte mich wieder auf ein Solo. Diesmal jedoch stellte ich mich dazu hin... dies kann teilweise dazu führen, dass man ein wenig anders phrasiert. Ähnliche Effekte kann das Höher- oder Tieferhängen der Gitarre haben...ausprobieren!

Der dritte Versuch war dann in unseren Augen perfekt: ein langes Solo mit vielen Bends, Doublebends und Melodiebögen. Allerdings hatte ich beim Einspielen dann auch nicht mehr wirklich nachgedacht über Intervalle etc. Diesmal hatte ich einfach nur "die Augen zugemacht" und gespielt, hatte mich ganz in das Spiel vertieft. Was herauskam ist in meinen Augen eines der besten Soli, die ich je gespielt habe...ganz ehrlich.

Problempunkt hier war das Delay, das ich verwendete. Das Tempo des Songs liegt bei 80bpm, das Delay wurde dann nach einer Tabelle auf Viertelnoten programmiert. In diesem Falle sollte man vorsichtig sein, nicht zu viel zu spielen... zu viele Noten verwaschen. Ein Delay inspiriert zumeist zu langen Tönen und kurzen Phrasen, die dann wie bei einer Unterhaltung vom Delay gedoppelt wurde... damit kann man experimentieren... Ganz wichtig ist die Dämpfungstechnik, denn jeder Fehler wird ebenfalls wiederholt. Also: sauber spielen war angesagt. Trotzdem baute ich viele kleine Slides und Phrasierungen ala Gary Moore ein, um das ganze etwas rauher und natürlicher zu gestalten...

Soundfiles kann ich leider im Augenblick nicht anbieten, da der Song auch offiziell nicht veröffentlicht wurde... die reiche ich aber entweder hier oder auf meiner Website nach. Ich hoffe, hier einigen etwas Interessantes über Studioarbeit angeboten zu haben (natürlich waren diese Sessions nur eine Version von Studioarbeit...die Bedingungen können auch um einiges schwieriger sein...dazu ein andermal mehr). Ich werde in der Zukunft in loser Folge noch ein paarmal über Studiojobs oder andere "hired gun" Engagements schreiben, und ich hoffe, dem einen oder anderen noch ein paar Tipps geben zu können. Feedback ist wie immer gerne gesehen, genau wie Rückfragen, also:

Email: talkingshands@web.de
Website: www.ericvandenberg.com

 
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