"Step By Step"
Yo, zwischen all dem Durcheinander mit Studios etc.
mal ein Artikel über ein Thema, dass mich eigentlich
auch noch sehr beschäftigt, speziell im Bezug auf
die Aufnahmen meiner Songs, die im Augenblick ablaufen.
Es geht um das Erlernen und Üben komplexer Licks
und Parts. Obwohl ich in diesem Artikel als Beispiel
ein Sololick verwende, trifft das genauso auf Rhythmusparts
etc. zu. Also, um ein Beispiel zu geben...
Vor einigen Jahren, als ich noch Schüler am Musicians
Institute war, bereitete ich mit ein paar Kollegen einen
Auftritt auf den dortigen Bühnen vor. Neben einigen
Eigenkomponisationen aus dem Bereich Fusion wollten
wir auch zwei Nummern von Steve Morse bzw. den Dixie
Dregs spielen. Unsere Wahl fiel auf "Cruise Control"
(einer der Klassiker... zudem gibt es hier viel Raum
für Improvisationen... wir spielten im Endeffekt
nur das Intro wie auf dem Album, der Rest war improvisiert)
und ein Stück vom nicht lange vorher erschienenen
Dregs-Album "Full Circle"... die Wahl fiel
auf "Pompous Circumstances" Nun beinhaltet
der Song einen extrem langen und recht komplexen Gitarrenlauf
von Steve... 8 Takte lang 16tel Noten, äusserst
präzise gepickt... und das im 12/8-Takt. Wie geht
man so etwas an?
Nun, zuerst einmal möchte ich wiederholen, was
ich vorher schon an anderer Stelle gesagt habe: es ist
wichtig, sich kleine Ziele zu setzen (sicher war es
schon ein recht übermütiges Ziel, die Nummer
nachzuspielen, aber davon mal ganz abgesehen ...) Um
ein Beispiel zu geben: Sieht man Steve Morse live, so
kann das recht motivierend sein. Stellen wir uns nun
vor, ein junger Gitarrist fühlt sich so motiviert
und denkt sich "Alles klar, ich geh jetzt nach
Hause und lerne das "Southern Steel" Album
von vorn bis hinten"... Also geht unserer junger
Mann nach Hause und legt die CD ein... und kommt an
den Punkt, an dem er merkt, dass die Fortschritte die
er in bezug auf´s Lernen der Songs macht, sehr
langsam sind. D.h., er muss für viele Parts eine
Menge Zeit investieren, und das Endziel (halt alle Songs
zu können) rückt in unerreichbare Ferne. Also
wird der erste Song übersprungen, der zweite wird
ausprobiert. Auch hier: ziemlich schwierig. Wieder wird
weitergespult... frustrierend, um es kurz zu fassen.
Um der Motivation willen (und die sollten wir immer
im Auge behalten, ob wir nur ein paar Akkorde lernen
wollen oder Steve Vai nacheifern) sollten wir uns wie
gesagt kleine Ziele setzen... die sind schneller erreicht,
und das verschafft uns mehrere kleine Erfolge... Resultat?
Motivation!
Und dies sollten wir bedenken, wenn wir ein Lick wie
das gleich folgende erlernen wollen. Es wird meistens
gar nichts bringen, wenn wir es komplett immer und immer
wieder durchspielen, bis es "flutscht". Dies
Lick enthält diverse Segmente und Problemstellen,
und der beste Weg ist es, diese zu isolieren und daran
zu arbeiten, getrennt vom Rest des Licks. Der Lauf eignet
sich z.B. hervorragend dazu, in kleine "Happen"
zerteilt zu werden, die man dann einzeln behandelt...
anschliessend kann man dann nach und nach diese Teile
zusammenbauen und im besten Fall das komplette Gebilde
nachspielen.
Fazit also erst einmal: Wenn Du bei langen, komplexen
Parts ein Problem hast, finde es, isoliere es und arbeite
daran!
So, gehen wir den Lauf erst einmal durch. Hier ist
ein MIDI des kompletten Lauf's in leicht verlangsamten
Tempo und ohne Backing:
| Pompous Circumstances |
 |
Das Ganze sind nur (nur?!?) 8 Takte, und die werde
ich jetzt einmal getrennt durchgehen, auf ein paar schwierige
Stellen hinweisen und vielleicht veranschaulichen wie
man leichter a) das Konzept hinter jedem "Baustein"
des Licks versteht und b) Das ganze leichter auswendig
lernen kann sowie c) Einige "happige" Passagen
getrennt bearbeiten und erlernen kann...
Also, beginnen wir mit Takt 1. Takt ist wie gesagt
12/8, die Tonart ist G-Dur. ALTERNATE PICKING (Wechselschlag)
ist angesagt, und zwar konstant!

Das Ganze spielt sich erst einmal in Pattern III von
G-Dur ab. So sehen wir in der ersten Hälfte des
Taktes einen erst auf- dann absteigenden Part, der durch
dieses Pattern läuft. Schwierig hierbei ist vielleicht
unser altes Wechselschlagproblem: der Saitenwechsel.
Also die erste Hälfte des Taktes im Bedarfsfall
langsam mehrmals durchspielen (Metronom!) bsi die Passage
reibungslos verläuft. Nächster kritischer
Punkt ist der Sprung zur G-Saite und die zwei Noten
G# und A (obendrin passt das G# eh eigentlich nicht
in unser G Dur)... also wieder: von vorne anfangen und
bis zu besagtem A spielen...
Dann geht es wieder herauf und in unserem Pattern abwärts
zum E (D-Saite 14. Bund). Ihr solltet vor dem Sprung
zu Takt 2 in der Lage sein, diesen ersten Takt sauber
und in gleichmässigem Timing durchspieln zu können.
Das Tempo ist dabei noch nicht einmal SO wichtig...
erst einmal auf rhythmische Gleichmässigkeit achten.
Nun zu Takt 2:

Hier finden wir einige pentatonische Phrasen. Kritisch
könnte hier der Wechsel der Notenanzahl pro Saite
sein... es geht nämlich plötzlich um nur 2
Noten pro Saite. Spielen wir konstanten Wechselschlag,
so sollte uns das relativ egal sein, trotzdem braucht
es etwas Übung. Aufzuteilen ist diese Passage so:
Die ersten 10 Noten (also bis einschliesslich dem D
am 12. Bund der D-Saite) sind eine Passage, danach folgt
ein anders konzipierter Part. Das Schema des letzteren
ist relativ einfach ersichtlich: C zu B, A zu G, dann
D zu B, A zu G etc. Bitte beachten: Takte 1 und 2 werden
später noch mal leicht variiert auftauchen!
Wenn auch dieser Part sauber und gleichmässig
von der Hand geht, können wir weitergehen zu Takt
No. 3

Dieser Teil ist leicht zu erklären, handelt es
sich doch um eine typische 4er-Sequenz, wie man sie
oft hört oder in Übungsanleitungen findet.
Das sieht so aus: Startnote G, dann 3 Schritte runter
spielen (F#-E-D), dann ein Sprung zum F# (also diatonisch
die nächsttiefere von der Startnote aus... ein
Sprung um 3 nach oben), wieder 3 Noten herunter (E-D-C)
und so weiter. Wie gesagt, eine ganz typische Skalensequenz...
ich würde vorschlagen, sie mal bei der eigenen
Übungsroutine einzubauen, sowohl auf-als auch absteigend...
Das ganze geht weiter bis zum F# (16. Bund, D-Saite),
und schon sind wir in Takt 4...

Na, kommt uns die Passage bekannt vor? Richtig, es
handelt sich um die Stelle aus Takt 2, allerdings um
eine 8tel Note nach vorne verschoben (die ersten beiden
Noten finden sich im vorherigen Takt) ... ein Morse´scher
Trick sozusagen, der soundmässig einen wirklich
tollen Effekt hat und den ganzen Lauf noch komplexer
klingen lässt. Kommentare zu diesem Takt bitte
unter Takt 2 nachlesen ... es handelt sich ja nun fast
um die selbe Passage, nur das Ende ist leicht verändert
worden ... weiter geht´s...

Hier haben wir wieder eine 4er Sequenz, diesmal in
den tieferen Lagen. Wie man sieht, geht es auf C los,
dann B-A-G, Sprung zurück zum B, dann A-G-F#. Kurz
danach ein diatonischer Sprung nach oben, d.h. unser
Fingersatz verschiebt sich (wie auch die Position),
aber das Prinzip bleibt das gleiche: wir bewegen uns
in einer 4er Sequenz diatonisch durch Fingersätze
der G-Dur-Tonleiter...

... und das Konzept zieht sich auch durch Takt 6. Wie
man sieht wird es ein wenig einfacher, hat man das Prinzip
erst einmal verstanden. Und noch mal: dies ist eine
sehr typische Sequenz, die man sehr gut als Fingerübung
einsetzen kann!

Auch dies sollte uns bekannt sein: genau, eine Wiederholung
des ersten Taktes... und der letzte Takt...

...ist wieder eine leicht variierte Wiederholung der
Takte 2 & 4. Das Ende ist halt wieder ein wenig
anders.
So... das war´s auch schon *sarkastischguck*
Wie gesagt: man sollte beim Erlernen komplexer Passagen
diese ein wenig auseinandernehmen und versuchen, sie
im geist aufzuteilen... die Konzepte (falls vorhanden)
zu verstehen und das ganze Stück für Stück
üben. Sicher braucht es noch mal etwas Zeit, das
ganze aneinanderzureihen und auf das gewünschte
Tempo zu bringen, aber diese "steb by Step"
Methode ist einfach präziser und effektiver.
Und um es noch mal hervorzuheben: Dies trifft nicht
nur auf Morse-Licks zu, sondern genauso auf Rhythmus-Parts,
Melodien etc. Dieser Artikel soll also dem geneigten
Leser nicht unbedingt den erklärten Lauf näher
bringen (obwohl der echt schön ist und auch ne
gute, musikalische Übung ist), sondern eher das
Prinzip erklären... um es jedem zu erleichtern
seine Langzeitziele durch das Einteilen in kleine Abschnitte,
eben Kurzzeitziele, zu erreichen.
Mail wie immer an talkinghands@web.de
(www.ericvandenberg.com)
|