Beginners, Basics, Battlefields
Beginners III: Practising II - Die Fortsetzung
So, hier nun also die Fortsetzung meines Artikels über
das Üben. Im ersten Teil habe ich Beispiele für
chromatische Übungen, Übungskonzepte usw. gegeben
und einige Tips zum Üben selbst gegeben. Ich glaube aber,
dass ich noch ein paar Punkte besprechen sollte, da das Thema
Üben äusserst komplex ist, und zumeist
unterbewertet wird.
Ich habe mich ausgiebig mit dem Lehrmaterialmarkt fuer Rockgitarristen
beschäftigt (Videos, Lehrbuecher ...) und es gibt kaum
eine Publikation mit zufriedenstellenden Übungskonzepten.
Nun kann ich auch nicht über's Wasser gehen, deswegen
kann ich auch nicht sagen, dass die von mir vorgegebenen Übungskonzepte
die einzig wahren sind, und für jeden funktionieren.
Ich versuche ganz einfach, eine Richtung vorzugeben und
beginnenden (und auch fortgeschrittenen) Gitarristen Tips
zu geben, wie sie sich ein individuelles Übungskonzept
selbst erstellen können.
Generelles und Allgemeines
Nun gut, erst einmal etwas Generelles: Ich hatte im ersten
Artikel empfohlen, den Verzerrungsgrad des Verstärkers
niedrig einzustellen und möglichst ohne Effekte zu üben.
Ich habe zu viele Gitarristen gesehen, die ihre zumeist
mangelhafte Technik hinter Wänden von allen möglichen
Modulationseffekten und zuviel Verzerrung verbargen. Sie liessen
ihr Spiel durch Echos und andere Effekte eindrucksvoller klingen
als es wirklich war. Dem sollte entgegengewirkt werden.
Ein jeder Gitarrist sollte in der Lage sein, seine Licks
mit und ohne Effekte bzw. Verzerrung runterzuschräbbeln.
Man nehme ein paar Beispiele:
Paul Gilbert: (ja ja, ich weiss, den erwähne
ich zu oft, er ist aber auch ein zu gutes Beispiel für
die kreative und eindrucksvolle Anwendung von Shreddingtechniken
).
Paul Gilbert hat während seiner Karriere zu keiner
Zeit übermässig viel Verzerrung verwendet, ganz
im Gegenteil: Sein Distortionlevel ging immer weiter runter
über die Jahre. Schon bei Racer X (seine erste bekannte
Band) war sein Sound eher trocken und clean, gepaart mit einem
gesunden Mass an Höhen und Presence.
Trotzdem (oder gerade deswegen) waren seine Hochgeschwindigkeitsparts
ungemein beeindruckend: keine verschluckten Töne, ein
sehr trockener Ton, in tiefen Passagen klangen die schnellen
Repeating Patterns sauber wie ein Maschinengewehr ... [also,
.., äh, ..., ich hab' ja nicht gedient, aber ... d. Sätzer]
Das kommt nicht nur von einem enormen Mass an Übung
und Präzision, das entsteht auch aus einem sauberen
Ton ohne unnötige Effekte.
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Ich schlage
Euch jetzt nicht vor, sämtliche Effektgeräte
zu verschrotten, ich plädiere nur dafür,
sie im richtigen Konzept anzuwenden!!!
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Ein langes Delay mit zehn Wiederholungen gehört einfach
nicht in ein Hochgeschwindigkeits-Stringskipping-Lick.
Der gute Paul orientiert sich mit seinem Gainlevel an der
Grösse (bzw. dem Sound) eines Auftrittsortes. Ihm ist
es wichtig, die Töne ortbar zu machen.
Gleiches gilt für
Richie Kotzen: Was der Mann da auf einer Tele
mit Cleansound anstellen kann, würde so manchen Guitarhero
der jüngsten Generation erröten lassen.
Aber zurück zu unserem Übungskonzept ...
Lautstärken
Konzentrieren wir uns auf Präzisions- und Geschwindigkeitsübungen,
z.B. auf das Training des Wechselschlages. Ich kann hier wirklich
nur sagen: Dreht die Verzerrung mindestens auf '5'
zurück, und dreht den Amp soweit auf wie möglich
(ohne Omas Herzschrittmacher aus dem Takt zu bringen,
und ohne die eigenen Ohren bluten zu lassen), und hört
einmal genau hin!
Wenn ich unterrichte, sind mein Amp sowie der Amp, den der
Schüler benutzt, sehr laut. Man kann sofort Unsauberkeiten,
Nebengeräusche usw. ausmachen. Aber man kann auch lernen,
sie abzustellen!
Viele meiner Schueler reagieren erschreckt, wenn sie bei
mir über einen Amp in dieser Lautstaerke spielen, weil
sie daran gewöhnt sind, zu Hause eher mit Unter-Zimmerlautstärke
zu üben. (Und warum ? Weil die Übungslicks aus der
letzten Ausgabe furchtbar klingen ! Ja ja, ich weiss schon,
Sätzer ... [?!#*&!?%
....])
Im Endeffekt kann man nur bei dieser Lautstärke eine
saubere Dämpfungstechnik entwickeln (wie gesagt, darauf
komme ich zurück und werde dem Thema wohl einen Artikel
widmen ). Nur ein Hinweis: Man kann die Finger, die nicht
mit dem Halten des Picks beschäftigt sind, hervorragend
dazu benutzen, die nicht benötigten Saiten abzudämpfen.
Jenes ist zu üben, und erst wenn man das beherrscht,
sollte man wieder am Gainregler herumfummeln. Besonders live
und bei Balladen kommt man bei HiGain-Sattings ohne akkurate
Dämpfungs- und Fingertechnik nicht aus.
Hand-/Körperhaltung
So, nächster Punkt: Die Hand- und Körperhaltung.
Ich habe oft beobachtet, dass Schüler versuchten, neben
den Akkorden und Licks die ich ihnen zeigte auch meine komplette
Körperhaltung zu kopieren.
Das funktioniert nicht! Es gibt zwar eine klassische Finger-
und Handhaltung, aber deren Nuancen und der Rest der Körperhaltung
hängen vom Gitarrentyp (Mensur), Proportionen des Schülers
und Flexibilität (welche sich nur bis zu einem gewissen
Punkt steigern lässt ) und anderen Komponenten ab.
Wir sind uns einig, dass es gewisse Grundregeln für
die Haltung gibt, aber auch dass ein Schüler sich gewisse
Kleinigkeiten selbst erarbeiten sollte.
Streckungen
Zum Thema Streckungen: Auch für Beginner ist es irgendwann
nötig, sich mit Streckungen der linken Hand zu befassen.
Dies sollte vorsichtig und langsam angegangen werden. Es liegt
auch in der Verantworung des Lehrers, wie das Thema angegangen
wird. Wer einem Schüler in der Frühzeit den Tappingpart
von Van Halens Spanish Fly (teilweise mit
Streckungen vom 2. bis zum 6. Bund der A-Saite) beibringt,
und verlangt, dass es möglichst nah' am Originaltempo
nachgespielt wird, überfordert in fast 90% der Fälle
den Schüler mit diesen Streckungen. Muskel- und Sehnenschäden
sind vorprogrammiert.
Streckungen sollten langsam geübt werden. Das gilt
auch für Akkorde mit Streckungen (z.B. ein A add9 am
5.Bund).
Tempo
Ein paar Worte zum Thema Tempo. Es ist ungemein
wichtig, bei den meisten Übungen ein Metronom zu verwenden.
Nur so lässt sich eine Genauigkeit, Sicherheit und Präzision
erarbeiten, und ohne Metronom kann es zur Qual werden, das
Tempo einer Übung sinnvoll zu steigern.
Dabei ist es wichtig, das richtige Metronom zu wählen.
Kleine Drumcomputer sind natürlich von Vorteil, da man
unterschiedliche Drumpatterns eingeben, editieren und in einen
Ablauf programmieren kann, um z.B. einen gesamten Songablauf
durchzuüben.
Für den Anfang reicht auch ein handelsübliches
Metronom. Bei beiden (Metronom und Drumcomputer) ist der Puls
selbst entscheidend ... es sollte ein klares Klick
oder ähnliches sein, ein Snaresound usw. ist zu ungenau.
Ausser einem Attack sollte fast nichts zu hören sein.
Es lohnt sich sowieso, mal auf den Tisch zu hauen,
und zwar als Begleitung zum Metronom. Stellt doch einfach
mal probeweise einen Puls von 66bpm ein, und klopft erst Viertel,
dann Achtel ... das Gleiche wiederholt ihr mit unterschiedlichen
Tempi. So lässt sich ein natürliches Rhythmusgefühl
erarbeiten.
Eine weitere schöne Übung ist es, sich einen willkürlichen
Song zu nehmen, und einfach mal den Rhythmus der Melodie zu
klopfen ... nicht die Noten der Melodie, sondern deren Rhythmus
zu analysieren.
Wenn man dann vom Metronom oder Drumcomputer z.B. einen
4/4-Rhythmus vorgeben lässt, sollte man mal auf den Tisch
ein kleines Rhythmuspattern klopfen, und dann das Ganze auf
die Gitarre übertragen. Klingt wahrscheinlich blöd,
ist aber eine erfrischende neue Übung, die immer mal
zu neuen Übungen führen kann.
"Blatt-Spiel"
Abi von Reininghaus hat damals mal eine Methode vorgeschlagen,
in deren Verlauf man ein Blatt Papier zwischen die Saiten
flechtet um dann einfach mal die Saiten rein perkussiv zu
bearbeiten. Hierzu eine Übung:
Flechtet das Blatt ein, schlagt einen konstanten 16tel-Rhythmus
über alle Saiten, und dann baut z.B. die Akkorde der
Rhythmusgitarre des alten Spin Doctors-Klassikers Two
Princes (Alt? Mann, das waren noch Zeiten, Mann, Schulbus
? Hatten wir gar nicht. Der Schnee soooo hoch, und dann im
Dunkeln zur Schule, 7km hin, 9 zurück, jeden Morgen,
aber das kennt Ihr heute ja gar nich' mehr ...).
Schlagt im gleichen 16tel-Beat an, und zwischen den Akkorden
schlagt ihr die Saiten abgedämpft an. Das groovt wie
Hölle und klingt nicht so steif wie bei vielen Covergitarristen
(Oh Rainer, ich sehe säckeweise Protestbriefe durch die
Tür kommen ... ).
Ausserdem habe ich für mich selbst herausgefunden,
dass man den Spass am langweiligen Üben zurückgewinnen
kann, indem man das gerade Gelernte im Anschluss an die Übungsroutine
mal anwendet, und zwar z.B. indem man zu einer CD jammt. So
kann man auch noch die Licks in verschiedenen Tonarten üben.
Durch das Üben mit der CD wird man motiviert, das neu
Gelernte mit seinen üblichen Jamlicks zu mischen und
dann auch im Songkontext anzuwenden ...
So, ich glaube das war erst mal alles, was ich so zum Üben
und zum Entwickeln eines Übungskonzeptes anmerken kann.
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