The Talking Hands Collection


Shred 101 ... Weitgestreckte Akkorde

Ach, ist es nicht herrlich, da wird so oft über neue Skalen philosophiert, man schafft sich 'zig verschiedene Arpeggio-Formen drauf, dudelt sich einen ab ... und plötzlich kommt man an den Punkt, an dem man merkt, dass es vielleicht nicht reicht, nur verschieden Skalen zu verwenden. Dass vielleicht mit dem Background etwas nicht stimmt. Oder man schreibt einen Song, baut riesig viele Akkorde ein, trotzdem klingt das alles nicht so, wie man es sich wünscht...

Nun, sehen wir uns doch mal eine ganz übliche Akkordfolge an:

Hier sehen wir eine I-V-IV-II- Progression in G, also G - D - C - Am. Die Akkorde sind entweder Barree (wie beim G) oder unsere Grundakkorde (D, C und Am). Ich will gar nicht sagen, dass die Progression selbst ausgelutscht ist (ist sie nämlich nicht, kommt immer drauf an, was man draus macht ... hatten wir ja alles bei der Pentatonik schon mal). Aber was ein wenig ausgelutscht sein könnte, sind die Akkorde selbst, die "Griffe". Gemach, Gemach, sicher spielen Gitarristen diese Akkorde so schon seit zig Jahren, bei Peter Bursch kommen sie auch vor ... immer 5-6 Saiten, auf jeder Saite einen Ton und schrumm, schön breit und fett!

Aber... vielleicht kann man es auch mal ganz anders klingen lassen. Vielleicht macht es ja Sinn, unsere Akkorde ein wenig mehr zu "spreizen", die Intervalle innerhalb des Akkordes ein wenig zu erweitern. Vielleicht braucht man beim Songwriting gar keine ellenlangen Formeln a la I-V-II-III-VI-IV-I-IV... unter Umständen kann man schon mit gelegentlich eingesetzten "slash chords" oder halt wie gesagt "gespreizten Akkorden" viel weiterkommen, mit weniger Aufwand.

Wie ich drauf komme? Durch das Hören der Musik von Eric Johnson. Erst hat mich bei dem eigentlich nur die Leadgitarre interessiert. Dann fragte ich mich jedoch irgendwann, wie er diese wunderschön schwebenden Backings hinkriegt, da klingt alles schön luftig und nicht überladen. Natürlich kam dieser Effekt u.a. auch durch seine Arrangements und Keyboardflächen zustande (empfehle dazu die Alben "Venus Isle" und "Ah Via Musicom"), aber was er mit Akkorden macht ist schon sehr interessant. Beispiel gefällig? Gerne!

 

Hier haben wir eine I-II-I-V-VI-Progression in D-Dur, also D - Em - D - A - Bm. In den ersten zwei Takten sehen und hören wir diese Progression gespielt mit unseren recht konservativen "fetten" Voicings... und in den zwei nächsten Takten sehen wir sie, wie Eric J. sie wahrscheinlich spielen würde. Der Trick hierbei ist, ein Intervall (in diesem Fall die Terz) um eine Oktave nach oben zu verschieben. Grundton und Quinte liegen immer noch nah beieinander, aber die Terz ist eben höher. Zudem gibt es auch keine wiederholten Noten, also jede Note des Dreiklanges kommt nur einmal vor. Der Klang der Progression ist so immer noch vorhanden, aber es klingt doch ganz anders... schlanker, schwebender. Das kann man beim MIDI-File wahrscheinlich nicht so gut hören wie bei der eigenen Gitarre, also, Klampfe in die Hand nehmen uns ausprobieren!!!

Gehen wir nun ein paar Möglichkeiten durch, denn man kann diese Akkorde so auch auf verschiedenen Saitenkombinationen spielen: hier erst einmal eine aufsteigende Akkordfolge in Em... empfehle jedem, sich mit der Materie zu beschäftigen, indem Ihr Euch die Intervalle anseht und versucht herauszufinden, welche Akkorde hier zu sehen (und zu hören) sind!

Hier eine aufsteigende Akkordfolge in G Dur, diesmal mit den tiefsten Saiten:

Und das gleiche in einer anderen Inversion... diesmal liegt die Terz auf der E6-Saite...

Hier etwas ganz Johnson-Typisches (übrigens kann man diese Art von Akkordspiel auch sehr oft bei Mr. Morse und Pat Metheny erleben!): diese Akkorde benötigen eine weite Streckung, da Terz und Grundton auf nebeneinander liegenden Saiten sind, und die Quinte sich auf der höchsten Saite befindet:

Warum probiert Ihr nicht einmal ein paar Akkordfolgen (auch in anderen Tonarten) mit diesem Ansatz aus? Spielt doch mal ein paar Songs durch und ersetzt die normalen Akkorde gegen weitgestreckte Akkorde wie die eben gezeigten, klingt natürlich besonders schön mit Cleansounds.

So, was aber noch besser klingt ist, wenn man diese Akkorde arpeggiert! Und da ich EJ schon öfter erwähnt habe, nehme ich nun einmal ein Beispiel aus seinem Hammersong "Cliffs Of Dover" (solltet Ihr es nicht kennen, besorgt es Euch!!!! Zu finden auf Ah Via Musicom) Im grandiosen Introsolo (ist eher "free tempo", die rhythmische Einteilung habe ich einfach mal zur Orientierung arrangiert) finden wir eben solche Akkorde. Tempo liegt bei ca 120 bpm, Tonart ist G Dur:

Um nochmal auf die D - Em - D - A - Bm -Progression von eben zurückzukommen: hier ist sie noch einmal in der "gestreckten Version" und arpeggiert, damit kann man sehr schöne Fingerpicking-Parts kreieren ...

Oder wie wäre es mit einem weiteren Beispiel von Mr. Johnson. Ein ganz toller Song auf "Ah Via Musicom" ist z.B. "Trademark", und hierbei werden weitgestreckte Akkorde zum Melodispiel (ausprobieren!!!) im B-Part eingesetzt. Zu sehen (und hören) ist das hier:

Übrigens steht der Song im 12/8 Takt. Die Akkorde dieser B-Part Melodie sind:

  • C#m - B/C# - C#5 - B5/C# (erster Takt)
  • C#m - B/C# - C#5 - B5/C# (zweiter Takt)
  • Amaj7 - A6 - Amaj7 - B/A - A/B (dritter Takt, wobei die ersten beiden Akkorde keine Terz enthalten)

Das letzte Beispiel nun ist ebenfalls aus "Trademark", es handelt sich um ein "Interlude", das vor dem "Refrain" (ist bei Instrumentalen manchmal schwer zu sagen) zu hören ist:

Hier bedient sich Eric auch der Tonart E-Moll (wobei der Song grundsätzlich in E-Dur steht). Die Akkorde sind:

E5 - G5/E - D/E - E5 - D5/E und wieder E5

Alles klar, "I hope I made my point". Ich empfehle nicht nur Johnson-Fans, damit zu experimentieren. Akkordversionen wie diese helfen nicht nur beim Songwriting, sondern sidn auch ein tolles melodisches Tool und können u.U. etwas frischen Wind ins Spiel bringen. Hoffe, es hat gefallen ...

Email: talkinghands@web.de

Web: www.ericvandenberg.com

 
©Rainer Böttchers, 1995-2021      Impressum/Credits & Maintainer