Beginners, Basics, Battlefields
Beginners VI: Mehrstimmigkeit, Harmonisierung ...
Ich weiss gar nicht, wie oft ich schon Gitarristen begegnet
bin, die mit ihrem "intelligenten Pitcher" oder "Harmonizer"
geprotzt, ihn auch ausgiebig benutzt haben, denen aber die
Gesichtszüge entgleisten, wenn man sie dann bat, doch
etwas mehrstimmiges ohne technische Hilfsmittel zu
starten.
Ich werde hier keine Hasstirade gegen intelligente Pitchshifter
und Harmonizer starten ... ganz im Gegenteil: Richtig und
kreativ angewendet können sie das Gitarrenspiel enorm
erweitern, sehr interessante Farben addieren und das Thema
"komplexe Mehrstimmigkeit" auch live realisierbar machen.
Brian May z.B., der ja im Studio sehr oft "orchestrale"
Gitarrenparts durch Overdubbing kreirt, verwendet live ein
Rocktron Intellifex, um diese Parts auch auf der Bühne
ohne Bandeinsatz/Sampler wiederzugeben (interessant dazu ist,
dass das Intellifex keinen "intelligenten" Pitchshifter eingebaut
hat, Brian hat diverse Intervalle, wie z.B. Moll- und Dur-Terz,
Quinte usw., einprogrammiert und schaltet zwischen ihnen via
MIDI-Pedal hin und her ...).
Erklärung zum Thema
Ein Pitchshifter/Harmonizer (deutsch = "Stimmungsheber",
grins ... jaja Sätzer, is' ja schon gut ... [und
auch noch falsch, muss nämlich 'Stimmungs-Schieber'
heissen ... d.S.] ) "trackt" das
Originalsolo (z.B. die vom Gitarristen gespielte Note), erkennt
sie, und addiert eine Note in einem vorher eingestellten Intervall
hinzu, bzw. nimmt das Originalsolo und verändert die
Tonhöhe, ohne einen Extra-Ton hinzuzugeben.
Je nach Ausstattung des Shifters kann man auch mehr als
eine Note und auch noch in verschiedenen Intervallen hinzufügen.
"Intelligente" Harmonizer (heutzutage schon in vielen Multieffekten
vorzufinden, bekanntester Vertreter ist der Eventide Harmonizer,
dessen Preis aber auch im oberen vierstelligen Bereich liegt)
wissen über Intervalle Bescheid (soviel zum Thema "Talking Hands
erklärt die Welt und macht kalte Effektprozessoren menschlicher"),
erkennt die Noten und addiert weitere hinzu, und zwar passend
zur vorgegebenen Tonart. Stellt man z.B. "A-Dur/F#-Moll ein,
und gibt dem Gerät vor, Terzen zu addieren, so addiert
es zum A richtigerweise die Dur-Terz (C#, 2 Ganztonschritte),
und zum folgenden B das D (1 1/2 Ganztonschritte) ...)
"Unintelligente Pitchshifter" sind da unflexibler, und man
gerät schnell aus dem diatonischen Kontext, wenn man
als Intervall eine Dur-Terz (2 GTS) einstellt ... beim Grundton
der jeweiligen Tonart passt es noch, bei der Sekunde und Terz
aber schon nicht mehr ... wäre die Tonart D-Dur und das
gewählte Intervall die Dur-Terz, würde das Gerät
zum gespielten D ein F# addieren (richtig, die Terz in D-Dur
), beim E (nächster Ton in D-Dur) würde das Gerät
dann das G# addieren, und das G# ist in D-Dur nicht enthalten
... also haben wir einen falschen Ton, und im Bandkontext
klingt das richtig furchtbar.
Ausserdem kommt noch hinzu, dass einige Harmonizer/Pitchshifter
für Gitarre immer noch Schwierigkeiten mit dem "Tracken"
von tiefen Noten auf der Gitarre haben. Sie reagieren bei
diesen entweder zu langsam, zu ungenau oder lassen Matsch
entstehen.
Von Gitarristen mit 7-saitigen Gitarren mal ganz zu schweigen,
wenn die in den tiefen Bereichen, möglichst runtergestimmt,
herumkrebsen und dann noch 'nen Harmonizer einsetzen, kommen
sie den Bassisten so dermassen in die Quere, dass denen nix
anderes übrigbleibt, als sich 'nen 6saitigen Bass zu
kaufen und in den hohen Lagen den Gitarrenpart zu übernehmen.
Um den tiefen Frequenzbereich nicht total versumpfen zu lassen
(wegen den tiefen Tönen von 7-saitiger Gitarre + Harmonizer)
müssten sie dann die Soloparts übernehmen und das
will ja wohl keiner, oder???
Un'nu?
Egal, um zur Einleitung zurückzukommen, ich will heute
mal ein paar Beispiele für mehrstimmiges Spiel im diatonischen
Kontext vorgeben und mal vormachen, wie man Harmonizer simulieren
kann. Ausserdem kriegen wir vielleicht neue Ideen für
mehrstimmiges Spiel.
Wer immer noch keine Dur- oder Moll-Skala kennt (jetzt wird's
aber Zeit ), den erweise ich, wie immer, an Rainer's Theoriesektion.
Ich werde die jeweilige Harmonisierung aber jedesmal erklären
(ich bin ja nicht so ...) , fangen wir doch gleich mal an
...
Lick #1
Hier also das erste Lick. Ich habe als Grundsatz mal wieder
die C-Dur-Skala genommen (C - D - E - F - G - A - B
- C), die wir probeweise vom C am ersten Bund der B-Saite
aufwärts spielen. Im Lick habe ich nun die jeweiligen
Terzen (bei C wäre das E, bei D F, E = G, F = A usw.)
addiert.
Spielt diese Übung mal durch, und probiert es auch
mit anderen Tonarten, bei denen Ihr ebenfalls mal die Terz
addiert. Das Ganze klingt etwas Richard-Clayderman-mässig
(falls den noch einer von Euch kennt) ...
Lick #2
Hier nun was Anderes: Wir beginnen auf tiefem C (8. Bund
der tiefen E-Saite) und addieren die Terz (immer noch E) hinzu
... von da aus gehen wir dann über die ganze Skala. Ich
habe das Lick in diesen Positionen notiert, um euch ein Übungslick
zu geben, mit dem Ihr euch Läufe wie diesen in allen
Tonarten und nicht nur entlang einer Saite, sondern
von oben nach unten über die einzelnen Saitenpaare erarbeiten
könnt.
Auch hier gilt wieder mein Standardsatz: Probiert es in
verschiedenen Tonarten, Positionen usw.
Nu aber weiter ...
Lick #3
Hab' ich doch glatt vergessen zu erwähnen, da oben
in der Einleitung: Ich zeige auch mal Beispiele für das
Zusammenspiel zweier Gitarristen: Hier eine einfache Melodie
in C, Gitarre 1 (obere TAB) beginnt auf dem A, Gitarre 2 auf
dem C, und so bleibt es auch: Terzendopplung.
Wer mal Beispiele für dieses Konzept hören will,
sollte bei Iron Maiden (z.B. im ersten Solo von "Revelation"
auf "Piece of Mind"), Judas Priest oder Thin Lizzy reinhören.
Experimentierfreudige können auch in Quarten doppeln,
oder sogar in Quinten, oder die Intervalle wechseln (z.B.
erster Takt gedoppelt in Terzen, zweiter Takt in Quinten usw.),
oder vielleicht sogar den Bassisten beteiligen, der dann z.B.
die Oktaven der Melodie (entweder von Git.1 oder 2.) spielt.
Das wäre dann ja schon fast ProgRock!
Lick #4
Hier wieder ein Arrangement für zwei Gitarren, diesmal
ein Repeating Pattern. Tonart wie immer, Dopplung im Beispiel
in Terzen. Zu erwähnen wäre noch, dass eine Dopplung
mit zwei Gitarristen anstatt dem Harmonizer etwas "menschlicher"
und nicht zu künstlich klingt, da zwei Gitarristen natürlich
auch etwas verschieden klingen: Anderes Fingervibrato, anderer
Anschlag ...
Lick #5
So, nun zur Simulation eines Harmonizers. Im ersten Teil
von Lick #5 sehen wir eine einfache Melodie, mit Einzeltönen.
Nix hinzuzufügen ... oder doch? Klar, lassen wir das
Ganze etwas voller klingen (ob mit Harmonizer, zweitem Gitarristen
oder Studio-Overdub ... oder, wie im Beispiel, indem man selber
"harmonisiert") und addieren Terzen ...
So, nun klingt das Ganze doch schon etwas breiter. Der Fingersatz
im Beispiel ist noch nicht allzu schwer, und harmonisch kommen
wir mit diesem Lick kaum mit den anderen Instrumenten in Konflikt
...
Nun noch schnell Quinten dazu...
Nun werden die Bassisten aufgrunzen "Ey, ..., warte
mal, dat sind ja drei Töne, und zwar Grundton, Terz und
Quinte ... Dur- und Mollakkorde!" ... ja, genau!!! Wir haben
nun hier Dreiklänge.
Nun sollte man (wenn man ein ähnliches Lick im Bandkontext
verwendet) ein wenig auf's Zusammenspiel der Band achten:
Wenn der Gitarrero ein solches Lick, mit vollwertigen Dreiklängen,
spielt, wird das Frequenzbild schnell zu voll, wenn nun der
Rhythmusgitarrist auch noch die vollen Akkorde spielt, und
der Keyboarder Dur7- und Moll7- Akkorde addiert. Der Sound
wird sehr schnell "vermatschen" ...
Deshalb immer (besonders bei harmonisierten Linien) auf
den Kontext achten ... der Bassist könnte z.B Grundtöne
in tiefen Positionen spielen, der Keyboarder meinetwegen Grundton
und None zusammen, und der Rhythmusgitarrist "Powerchords"
... das Klangbild sollte mal trocken gehalten werden, sonst
"verschwimmt" alles (Mann, was drück ich mich heute fundiert
aus) und wird unübersichtlich.
Wer mal ein schönes Beispiel für Harmonisierung
dieser Art (allerdings via Overdub und nicht live) hören
möchte, möge sich diverse Stücke mit Gitarrenarbeit
von Brian May (Ex-Queen), besonders aber sein Stück "Procession"
von "Queen 2" anhören ...
Das war's auch schon wieder mit den Licks. Zu beachten ist,
dass Ihr versucht, die von mir vorgegebenen Ideen und Konzepte
herauszulesen und Euch (wie oft muss ich das noch sagen )
eigene Licks und Übungen erstellt, um Euer Spiel interessanter
zu gestalten.
Mehrstimmiges Spiel (Doublestops oder Dreitöne wie
in Lick #5c) füllen das Klangbild, peppen das Spiel auf,
und Licks fuer zwei Gitarristen (bei dem der Eine den anderen
mit Intervallen doppelt) klingen sehr interessant und machen
immer Eindruck.
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