Shred101
German Roots
Oder: Made in Germany / Boooooorn in West Berlin
Tja, da bin ich nun nach zwei Jahren erstmal wieder in Deutschland,
und aus Spass habe ich mal wieder in meinen alten Gitarre&Bass-Ausgaben
gewühlt, um ein wenig was zum Lesen zu haben. Und da
fällt mir eine der neueren Ausgaben in die Hände
(Danke dafür an Heiner!), in dem Markus Deml ein wenig
was zur deutschen und amerikanischen Szene erzählt.
Dazu fiel mir dann eine Frage ein, die mir mal jemand während
meiner Zeit am GIT gestellt hatte ... Does Germany have
a lot of great players? If yes, whom?!?
Tja, da war erstmal Schweigen angesagt. Denn wie es auch
oft in den deutschen Fachzeitschriften berichtet wird: Was
deutsche Gitarristen angeht, die auch internationales Ansehen
geniessen, da wird´s etwas dünn. Natüüüüürlich
können wir jetzt wieder die Scorpions hochhalten, machen
wir ja schon seit über 20 Jahren. Und ja, Michael &
Rudi, Uli und Matthias geniessen immer noch ein gewisses Ansehen
auch überm grossen Teich. Keine Frage.
So konnte ein Kollege von mir am MI (arty aus Wisconsin,
Grüsse an Dich!!!) auf Zuruf Soli von Uli Jon Roth herunternudeln
(z.B. Catch Your Train, He´s a Woman,
She´s a Man etc.), und in der Clubszene von LA
spielen immer noch einige Rock-Coverbands ein paar Scorps-Klassiker
(The Zoo oder Rock You Like a Hurricane...).
Und ja, Roth, Jabs und Schenker geniessen immer noch Lob und
Erwähnung von Leuten wie Friedman, Mustaine, Pitrelli,
Ed Van Halen. Aber hört es damit auf ?
Ist denn seit den frühen 80ern (wo ja die Scorps in
den USA wohl am bekanntesten waren ) nix mehr passiert bei
uns, was gut gespielte Gitarre angeht? Nee, da gibt es immer
noch einiges zum Vorzeigen. Allerdings wird es da schwierig.
Denn erstens werden es Leute aus Deutschland, die sich z.B.
Instrumentalmusik auf´s Banner geschrieben haben (Blug,
Reininghaus etc.) ein wenig schwierig haben, Anerkennung vor
der eigenen Tür zu kriegen. Denn in Deutschland ist es
mit den Verkaufszahlen dieser Kategorie nicht (mehr?) weit
her. Ich habe im letzten Jahr in den USA sowohl Vai als auch
Satch und Morse live spielen sehen, und die spielen immer
noch vor ausverkauften Hallen, mit einem Publikum, dass sich
sowohl aus Musikern als auch einfach aus Musikfans, sowohl
männlich als auch weiblich zusammensetzt. Sicher,
Platin kriegen die Jungs auch nicht, aber zumindest sind dort
immer noch genug Anhänger zu finden, ein gewisser Markt
ist da. Und der ist im Augenblick hier leider nicht zu finden
... selbst Ran kann da nix ändern. Eben erwähnte
deutsche Kollegen sind dann eben nur dem harten kern der Gitarristen
und Lesern von Zeitschriften der G&B bekannt.
Und deswegen stellt sich da auch bei Deutschen die Frage
Wen hamma da noch ? Kein Wunder. Wie gesagt, kaum
ein Markt für gut gemachte Gitarrenmusik vorhanden, die
meisten CD´s kann man da nur per Kreditkarte im Internet
oder bei Fachläden bestellen. Nix mit der gut sortierten
Auswahl im örtlichen Geschäft. Und wie Markus Deml
erzählte, aus irgendeinem Grund scheint es, als wolle
die deutsche Szene solche Vorzeigekandidaten gar nicht wahr
haben wollen (Markus erzählte ja, dass bei seinen Workshops
die Publikumszahlen um einiges höher waren, wenn er seine
Ansagen auf Deutsch machte). Woran liegt´s ?
Ruhen wir uns auf so Klischees wie Die besten kommen
eh aus USA, hier wird man ja nix aus, einfach auch um
die eigenen Schwächen zu entschuldigen ? Wer weiss. Tatsache
ist, dass es auch heute noch ein paar Superspieler gibt, die
tatsächlich im Olymp mitmischen könnten,
wenn sie nur bekannter wären (will hier gar nicht auf
das Thema den internationalen Markt knacken oder
Es in den USA schaffen eingehen, das würde
zu weit führen. Gesagt sei aber, dass es wirklich gar
nicht so einfach ist, und auch nicht viel mit der Qualität
der Musik zu tun hat ). Wen ham'ma denn nu?!?
Na, da fallen mir doch die Namen wie Schuppen aus den Haaren:
Viktor Smolski, Abi von Reininghaus, Harry Alfters, Thomas
Blug, Tom Riepl, Markus Deml, Peter Fischer, Peter Weihe,
Peter Wölpl, Edi Oldenburger, Andre Rasfeld, Carl Carlton
.... gehen wir doch einfach mal durch. Vielleicht kann ich
dem einen oder anderen ja damit noch ein wenig Hilfestellung
geben, sich mit der Materie zu beschäftigen und ein wenig
tolle Musik zu finden ... Made in Germany. Fang'wer ma an:
Viktor Smolski
Der ist jetzt wieder nicht 100% als deutsch zu sehen, ist
er doch Sohn eines russischen Komponisten. Darum geht es aber
nicht, er agiert zumeist aus dem deutschen Raum heraus. Also,
Viktor ist der neue Gitarrist bei Rage und hat gerade sein
neues Soloalbum The Heretic veröffentlicht,
was so eine Art Konzeptalbum zum Thema Hexenverbrennung ist,
und geholfen haben ihm da die Kollegen von Rage sowie sein
Vater und ein Symphonieorchester. Und wenn man da mal reinhört,
so hört man hier (auch wenn das jetzt abwertend klingt,
so war es nicht gemeint) einen Weltklasseshredder!
Ja genau, Viktor kann spieltechnisch locker mit den Shredderkollegen
aus den USA mithalten. Beeinflusst von Typen wie Vai und Malmsteen,
hat er aber auch seinen ganz eigenen Stil und Sound, und seine
Platte ist auf keinen Fall pure Selbstbeweihräucherung,
sondern ein äusserst erwachsenes Werk eines beachtenswerten
Musikers. Sowohl The Heretic als auch Viktor´s
Arbeit bei rage sollte man sich mal antun, wenn man auf gut
gespielte Hard Rock / Metal / Neoklassik-Gitarrenarbeit steht!
Lick 1 ist ein Shred-Lick, wie es locker aus der Smolski-Küche
kommen könnte ... ein Arpeggio gefolgt von einem
triolischen Sequenzlauf und noch ein wenig String Skipping
als Sahne auf dem Kuchen ....
The next one is nu dran 
Thomas Blug
Der junge Mann ist ja auf jeder Musikmesse zu finden, und
dort ist er u.a. anderem für Hughes & Kettner tätig.
Obendrein ist eines seiner Aushängeschilder seine legendäre
weisse 61er Strat (eine unglaublich gut klingende Klampfe!),
und mit der hat er einen Hammerton, von stratig perlend und
knackig bis singend und warm. Erleben kann man ihn u.a. als
Tourgitarrist von Tic Tac Toe (hüstel). Aber wer wirklich
die volle Ladung Blug hören will, dem lege ich eines
seiner Soloalben an´s Herz, auf denen er sich überzeugend
als Klassespieler und komponist darstellt. Vom Mitsing-
und Melodiefaktor kommt er einem Satriani näher, dafür
lässt er dann technische Spielereien (wer erinnert sich
nicht an Joe´s Ausflüge in die enigmatische Klangwelt,
mit dem Slide intoniert?) weg, und fällt als melodiöser,
sehr erwachsener und vielseitiger Musiker auf. Empfehlen kann
ich besonders The Beauty Of Simplicity, die mir
vom Melodienfaktor noch besser gefällt als
das etwas neuere Electric Gallery.
Lick 2 sind die ersten 16 Takte des Themas von I´ll
be there von BOS. Eine enorm erinnerungswürdige
Melodie, mit vielen Verspielungen, und präsentiert mit
einem tollen Stratton ... eigentlich kaum wiederzugeben in
einem MIDI-Soundfile.
Abi von Reininghaus
Bekannt vor allem wegen seiner Kolumnenserie In Vivo
Guitar (Motto: Man liebt sie oder man hasst sie
), kennen immer noch zu wenig Leute das Erstlingswerk dieses
Münchner Gitarristen ... das 97er Album King Of
Heart. Obwohl Abi als GIT-Absolvent sicher den vollen
Shredworkshop hätte abliefern können, oder das Tonmaterial
zu Kolumnen über fremdländische Skalen hätte
liefern können. Stattdessen hat er sich entschieden,
12 Songs mit mehr Melodie als Dudelei aufzunehmen, oft ungemein
nachsingbar, mit hohem Ohrwurmcharakter, mal mit wunderbar
arrangierten Balladen oder mit enorm aufmunternden Midtempo-Nummern.
Als Gitarrist bietet Abi tolle Melodiebögen und teilweise
auch mal Mörderfräsenlicks, allerdings
immer mit Fokus auf die Komponisation. Und wer z.B. Songs
wie 7 Friends oder Only The Beginning
für langweilig hält, kann das Ding ja mal langsamer
laufen lassen und versuchen, sich die Licks hier genau herauszuhören.
Derjenige könnte auf 'ne Menge kleine, unauffällige
Details stossen, die sich einem beim einfachen Hören
gar nicht aufdrängen ... hier also endlich jemand, dem
man einfach mal zuhören kann, ohne dass einem bei irgendwelchen
megaaufdringlichen Solopassagen und offensichtlichen Fräsereine
als Zuhörer der Schweiss ausbricht. Abi von Reininghaus,
melodiös, raffiniert, gut durchdacht und sauber gespielt!
Und mit einem Megaton! (fragt mal die Kollegen in Nashville
und LA, wessen Sound und Ton ihnen letztens mal die Kinnlade
herunterkrachen liess!). Im Musikbeispiel eine abgeänderte,
vereinfachte Version des Intros von Seven Friends:
Peter Fischer
Der Kollege ist vielen als Autor von Lehrbüchern oder
als Workshopdozent bekannt ... aber obendrein ist Peter ein
Megaplayer mit sehr schönen Melodien und einer Menge
Chops. Seine Bücher, u.a. Rock Guitar Secrets,
fand ich schon vor Jahren geil, weil sie modern und witzig
geschrieben waren, und eine Menge Licks und Tricks abseits
der alten 5 Fingersätze von A Dur lieferten,
u.a. auch jede Menge irre Tricks, wie sie von Lynch, Vai,
Lukather und Van Halen benutzt werden.
Wo sonst findet man im deutschsprachigen Lehrbuchwald schon
Kapitel über wirre Whammy Bar Sounds, eine Rockversion
von Paganini´s Moto Perpetuo und eine Menge tolle Hörempfehlungen
für den angehenden Rockgitarristen? Peter hat ja schon
alleine für Werke wie Masters Of Rock Guitar
(in dem er Stilmerkmale und Licks von 20 wichtigen Gitarristen
vorstellt ) die Stile mehrerer Gitarrengötter
studiert...und hat daraus glücklicherweise einen ganz
eigenen Stil entwickelt, ohne dauernd wie ein Copycat"
zu klingen. Schlitzohrige Verweise auf Vai, Lukather und Van
Halen findet man immer mal, trotzdem ist Peter eigenständig,
vielsaitig und originell. Wer die CD von Peter´s Band
Silberfisch nicht finden kann, dem empfehle ich
sein Lehrvideo. Die Stücke darauf waren zwar eigentlich
dazu gedacht, das Lehrmaterial (frische Ansätze für
den Umgang mit Pentatonik, BluesSkala, Sequenzen etc.) aufzufrischen,
doch findet man auch dort tolle Melodien, teils beeindruckende
Weltklassesoli und schöne Ideen. Wer das Video schon
hat, dem empfehle ich, sich nochmal genau mit dem Track High
Five zu beschäftigen.
Das kurze Beispielstück spiegelt einige der vielen Stilmerkmale
von Don Pedro wieder ... weil solche Dinge ja
anscheinend immer betitelt werden müssen, habe ich es
St. Petersburg (ist das nicht ein Brüüüüüllller,
Rainer? HAR HAR!!! Da fällt mir ein, habe ich diesmal
schon Paul Gilbert erwähnt? [Äh,
hab' ich's verpasst?] Ähmmmm...wie
kriege ich da den Bogen dahin?!? Ausser dem Vornamen hat Paul
ja nicht viel mit Deutschland zu tun ... ach, ich WEISS!!!!
Peter Fischer hat das letzte Kapitel in seinem Masters
Of Rock Guitar- Buch Paul gewidmet! Da hasses! There
ya go!). Und wie es bei Beispielstücken üblich ist,
geht es hier backgroundmässig einfach zu, bei der Leadgitarre
wird´s aber happig, neben Oktaven, Whammy Bar-Einsatz
(hach, wie realistisch das doch im MIDI klingt .... stöhn)
und Arpeggios gibt´s noch ein bisschen Repeating Patterns
und ein Schweine-Legatolick!
Wer fällt mir da noch ein?
Zum Bleistift ...
Harry Alfters
von Brings, auch so ein Kandidat. Der ist in meinen Augen
einer der besten Bandgitarristen im Augenblick, immer sehr
gute Gitarrenarrangements, schöne Riffs und sehr gut
konzipierte Soli, mal technisch, mal sehr gefühlvoll
(wer mal das Rockpalast Konzert von Brings aus dem Sommer
92 aus dem E-Werk in Kölle sieht, der achte auf das Solo
zu Katharina, zumindest mir gibt das Ding noch
immer eine Gänsehaut ). Dabei kombiniert Harry Modernes
mit Altem, und hat obendrein einen wirklich sehr eigenen Sound
und Ton. Seine Soli sind wirklich toll aufgebaut,, und dienen
nicht nur als Atempause für den Sänger, sondern
sind immer extrem songdienlich.
Da mein Artikel ja zur Shred 101 gehört,
habe ich mir statt melodiösen Soli wie denen von Katharina
oder Nix is verjesse [Ah,
er kommt wieder in die Spur ... d.S.] mal eine
niedliche kleine Passage aus Harry´s Livesolo herausgepickt
(jenes findet man in der oben erwähnten Rocknacht-Show
... wird ja immer mal wieder wiederholt ). Harry´s Version
des bekannten Old Sailor´s Hornpipe. Dieses
bot er unter Zuhilfenahme des Publikums dar, das er nämlich
zum rhythmischen
Klatschen aufforderte. Nach einem Durchgang beschleunigte
er dann das Tempo, dann nochmal usw. Ist nicht nur ein netter
Gag beim Metalkonzert, sondern auch eine schöne Fingerübung
für 4 runter, 3 rauf- Sequenzläufe.
 |
 |
So, das war nur ein kleiner Ausblick, gleich kommen noch
die Hörbeispiele, wo auch noch andere Vertreter erwähnt
werden. Hoffe, dass der eine oder andere jetzt die Gitarrenszene
in Deutschland wieder ein wenig positiver sieht, und u.U.
noch eine Menge tolle Musik findet, die er bis jetzt noch
nicht kannte. Bis dahin,
Hörbeispiele
- Viktor Smolski: The Heretic
- Thomas Blug: Beauty Of Simplicity, Electric
Gallery
- Abi Von Reininghaus: King Of Heart
- Harry Alfters: (mit Brings) Zwei Zoote Minsche,
Kasalla, Glaube, Liebe, Hoffnung...
- Carl Carlton: Diverse Maffay-Platten
- Peter Weihe: Diverse Projekte als Studiogitarrist, besonders
zu empfehlen das Debütalbum von Uwe Ochsenknecht
- Andre Rasfeld: die beiden G.B. Arts-CD´s
Und noch ein paar Namen: Andreas Schmidt-Martelle, Jan Vincent,
Peter Wölpl, Joseph Piek, Karl Allaut [Danke,
Danke, Danke!!!! d.S.], Eduard Oldenburger, Roland
Grapow, Kai Hansen und und und ...
Mail wie immer an talkinghands@web.de
|