The Talking Hands Collection


1000 Meisterwerke

The Final Countdown

Oh Mann, die "1000 Masterworks"-Serie scheint die Unterserie von TH zu sein, die sich am langsamsten entwickelt … 2 ½ Jahre gibt es sie schon, und dies ist die dritte Folge. Na ja, vielleicht liegt es daran, dass ich lieber Artikel über Technik und Theorie schreibe, um dem geneigten Leser die Werkzeuge in die Hand zu geben, die er braucht, um seine eigenen "Masterworks" zu kreieren.

Diesmal geht es um einen Klassiker, und mit diesem Artikel beuge ich mich zahlreichen Nachfragen per Email betreffs einer 1000 MW-Folge über diesen Klassiker. Wer kennt nicht den Song "The Final Countdown" von Europe? Speziell Leuten aus meiner Generation dürfte das Stück noch immer bekannt sein, obwohl es inzwischen 15 (oder sind es 16?!?) Jahre her ist, dass er in diversen Ländern die Charts anführte. Vor einigen Jahren spielte ich in einer Top40 Band hier in Deutschland, und bei dieser befand sich das Stück im Programm (ein paar Klassiker gehören halt oft dazu). Damals war ich also gezwungen, mich näher mit dem Solo zu beschäftigen, es zu transkripieren und zu lernen. Und auch ein Auftritt des "Lawrenceville Syndicate" führte mich wieder an das Stück heran, schliesslich war LS eine Band, die eine Menge "Klassiker" aus den 70ern und 80ern live spielte ... war eine tolle Band, und wir hatten eine Menge nette Gigs in der Umgebung von Atlanta. Wie auch immer, erst einmal ein paar Worte zur Band.

Europe

Europe gehört zu den erfolgreichsten 80er Jahre Bands, die sowohl in Europa als auch in Japan und den USA grosse Erfolge feierte. Ursprünglich stammt die Band aus Schweden, wo auch einige der Mitglieder schon Zeit im Dunstkreis eines gewissen Herren Malmsteen verbracht hatten. Die ersten beiden Alben waren nicht gerade sehr bekannt (das selbstbetitelte Debüt sowie "Wings Of Tomorrow"), obwohl die Band sich eine treue Fangemeinschaft erspielte und eine Menge Lob von Kritikern einsteckte. Erst mit dem Album "The Final Countdown" und dem gleichnamigen Hit kam es dann zum Durchbruch. Auch die Ballade "Carrie" ist heute noch auf diversen Samplern zu finden. Die Besetzung der Band bestand damals aus (Achtung! Künstlernamen! Ein Glück, wären es die schwedischen Originalnamen, könnte ich sie wahrscheinlich eh nicht tippen): Joey Tempest (Gesang), Mic Michaeli (Keys), John Leven (Bass), Ian Haughland (Drums) und John Norum (Gitarre ... damals hatte er bereits mehrere Talentwettbewerbe gewonnen). Sicherlich ist "The Final Countdown" sehr 80er-typisch und mag heute ein wenig outdated klingen, trotzdem hatte die Band einen sehr guten Sound, hohes spielerisches Potential und sehr gute AOR-Songs.

Vor dem Release des Nachfolgealbums "Out Of This World" stieg John Norum aus und wurde durch Ausnahmegitarrist Kee Marcello ersetzt. Dieser spielte auf dem Album gar unglaubliche Soli, technisch perfekt und, was noch wichtiger war: wunderschön melodiös. So zählt für mich auch heute noch das Solo von "Superstitious" zu den besten Soli der letzten Jahre, und die Gitarrenparts von "Coast To Coast", "More Than Meets The Eye" und "Just The Beginning" sind auch heute noch beeindruckend und überraschen durch hohen Ohrwurmfaktor.

Trotzdem gelang es der Band nicht, an die alten Erfolge anzuschliessen, und nach dem letzten Album "Prisoners In Paradise" machte die Band eine Pause... bzw. legte sich selbst auf Eis. Bis heute sind alle Ex-Mitglieder noch musikalisch aktiv, und es wird immer wieder von einer Reunion gesprochen... Wer weiss.... Für einen repräsentativen Querschnitt empfehle ich das "Best Of"-Album, dass obendrein mit fast 80 Minuten eine Menge Material bietet.

Soundz etc.

Die beiden Gitarristen Norum und Marcello vereint, dass beide technisch ein ungemein hohes Niveau besitzen und beide sehr melodiöse Parts spielten, die man leicht wiedererkennt. John Norum ist ein grosser Fan von Gary Moore (was er auf "Another Destination" auch ganz klar zeigt), und hat einen sehr agressiven, bissigen Ton. Übrigens verwendete John beim Solo von "Final Countdown" ein kurzes Delay, was fast den Charakter einer Dopplung simuliert. (Wie es auch Nuno B. und Yngwie schon verwendet haben)

Ein Marshall sowie eine Strat mit DiMarzio-Pickups (na, woran erinnert uns das?!?) zählen zu seinen Hauptwerkzeugen. Auf den ersten Europe-Tourneen war oft auch eine weisse Hamer-Explorer und eine Flying V dabei.

Kee Marcello hat einen etwas runderen singenderen Ton und spielt flüssiger. Neben diversen Larrivee- und Fender- Gitarren verwendete er auch oft eine Gibson SG oder Melody Maker (erstere mit Floyd Rose) über Kitty Hawk Amps.

Das Solo

Das Solo von "Final Countdown" wurde wie gesagt von Norum eingespielt. Bis heute gibt es immer wieder Diskussionen, wie das Solo nun letztendlich zu spielen ist, und ich habe in Coverbands und sonst wo viele Gitarristen gesehen, die es auf unterschiedliche Weise spielten ... mal getappt, mal gesweept, legato mit Pull-Offs ... ich glaube schon, dass die unten abgebildete Version sehr sehr nah am Original ist. Klanglich passen die aggressiv gepickten Passagen sehr zu Norum´s Stil. Es erfordert einiges an Übung, die Arpeggiopassagen flüssig zu spielen. Und ich bitte darum, ich die Notenwerte sehr genau anzusehen. Es ist wichtig, dass (z.B. Takt 1) die ersten beiden Noten 16tel sind, gefolgt von zwei 32tel-Noten, dann wieder eine 16tel. Aber gehen wir das Ganze mal durch ...

Das Stück steht übrigens grundsätzlich in F#-Moll, wobei das Solo auch schon mal Tonmaterial von A-Mixolydisch (bzw. B-Moll) "ausleiht". Hier die ersten zwei Takte:

Hier handelt es sich also um Arpeggien. Sie zu interpretieren ist nicht schwer. Die Noten des ersten Arps sind B-D-F# ... ganz offensichtlich ein B-Moll-Arpeggio. Wie schon oben erwähnt bitte ich darum, sich die Rhythmik des Licks genau anzusehen und beim Spielen auf Präzision und Genauigkeit zu achten. In Takt zwei finden wir mit C#-E-G ein C#mb5-Arpeggio. Diese Dreiklangarpeggien auf zwei Saiten wurden u.a. auch gerne von Gary Moore eingesetzt (erwähnte ich nicht Norum´s Bewunderung für diesen?)

So, die nächsten beiden Takte:

In Takt 3 finden wir ein D-Dur-Arpeggio (D-F#-A), und in Takt 4 einen grossen Positionswechsel zu G-Dur. Was folgt ist eine Art Sequenz in A-Mixolydisch, bevor es in Takt 5 geht. Diesen und Takt 6 & 7 sehen wir hier:

In Takt 5 sehen wir eine bestimmte Melodie, die später im Solo noch einmal auftauchen wird, und Takt 6 enthält einen Lauf in Viertelnoten herab zum A. Hierbei wird jede Note mit einem Whammy Bar-Dip verziert, was dem Ganzen ein wenig den Charakter einer menschlichen Stimme gibt. In Takt 7 dann die Uptempo-Version eines klassischen Blueslicks. Auffällig ist John´s extremes Bending und das schnelle Vibrato.

Die nächsten zwei Takte:

Der Lauf in Takt 8 ist eine Fortsetzung von Takt 7, bevor es dann in Takt 9 wieder mit dem Bm-Arpeggio weitergeht, wie wir es schon vom Anfang des Solos kennen. Und auch die nächsten vier Takte ...


Sollten bekannt sein, handelt es sich doch um Wiederholungen der ersten Halfte des Solos. Die Variation folgt dann in den letzten drei Takten, den Takten 14-16:

 

Takt 14 beinhaltet ein rhythmisch sehr genaues Motiv mit einem sehr präzisen Bending vom A zum B. Takt 15 dann enthält ein sogenanntes Unisono-Bending, wir greifen das F# auf der B-Saite und das E auf der G-Saite, schlagen beide an und ziehen dann das E zum F#. Schluss ist dann mit einem bluesigen Bend in Takt 16 ... das war´s.

Ich schätze, dass meine Transkription zu 99% richtig ist. Ganz so leicht herauszuhören ist das Ganze nämlich nicht, das merkt man alleine schon daran, wie viele Versionen des Solos es gibt, d.h. auf wie viele verschiedene Weisen es von Coverbandgitarreros gespielt wird.

Soweit zur dritten Folge von 1000 Masterworks und dem Solo von "Final Countdown". Viel Spass beim Üben und immer daran denken. .. Geschwindigkeit ist ein Nebenprodukt von Präzision

 

 

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