The Talking Hands Collection


Shred101

Leserpost

So, jetzt läuft die Talking Hands- Collection schon eine ganze Zeit lang, und in dieser Zeit hat sich auch einiges an Leserpost angesammelt. Die beantworte ich eigentlich auch immer direkt und auch so schnell wie möglich, allerdings hat sich da über die Zeit ein kleiner Katalog an Fragen herauskristallisiert, der besonders interessant ist:

Zum einen bestimmte Fragen, die immer und immer wieder auftauchen, wie z.B. allgemeine Fragen über das GIT, oder die Studioarbeit in den USA, oder auch über so Sachen wie Endorsements (letzterem hatte ich ja auch vor einiger Zeit einen eigenen Artikel gewidmet). Zum anderen Fragen, die nach oft als "Standardthemen" angesehenen Sachen fragen, z.B. über gewisse Spieltechniken. Also habe ich mir gedacht, ich picke einfach mal ein paar Mails heraus, und beantworte sie hier noch einmal, um auch den Just Chords-Besuchern Antworten auf Fragen zu bieten, die ihnen vielleicht schon lange auf der Zunge lagen. Das soll natürlich niemanden davon abhalten, mir auch weiterhin fleißig Post zu schicken ...

Erst einmal die spieltechnischen Sachen.

So fragte z.B. Adrian D. per Email "was heißt eigentlich Economy Picking?"

Ist für mich ein wichtiges Thema, es geht ja hier offensichtlich um die Ökonomie beim Spielen. Und "Economy Picking" ist in diesem Sinne eigentlich nichts als ein Teil der Kategorie "Sweep Picking" ... eigentlich ist es sogar identisch. Aber mal ein wenig zur Geschichte des Themas.

In den frühen 80ern kam der Australier Frank Gambale zum damals immer noch sehr jungen GIT, und hier machte er schnell Furore. Ein toller Fusionspieler mit 'ner Menge Chops n´ Tone n´ Knowledge. Frank schloß dann auch mit Auszeichnung ab, und fing dann auch an, am GIT zu unterrichten. Eines der Themen, an denen Frank hart arbeitete war nun halt die Ökonomie beim Spielen. Wer beim Sweep-Picking (zu dessen Perfektionierung der gute Frank übrigens eine Menge beigetragen hat) nur an megagrosse Arpeggios über den ganzen Hals in 32tel Noten bei 120 bpm denkt, der übersieht eine weitere wichtige Funktion: das Sweep Picking kann auch unseren Wechselschlag nach vorne bringen, besonders wenn es um Three Note Per String Sachen geht!

Nämlich so: Spielen wir einen aufsteigenden Lauf zwischen zwei Saiten, mit jeweils drei Noten auf einer Saite, so stoßen wir natürlich wieder auf einen der Schwachpunkte des sturen Wechselschlags: den Saitenwechsel. (siehe Figur 1, das v steht für Abwärtsschlag, das auf dem Kopf stehende v für Aufwärtsschlag). Beim Economy Picking kann man das nun folgendermaßen regeln: wir beginnen mit einem Abwärtsschlag, dann auf, ab, zur nächsten Saite mit einem weiteren Abwärtsschlag (!!!). Das heißt, wir schlagen die letzte Note auf der ersten Saite sowie die erste auf der nächsten Saite mit einer durchgehenden Bewegung und aus zwei Abwärtsschlägen an. Die Hand hält hier bei richtiger Ausführung gar nicht mehr an! (siehe Figur 2) Damit minimieren wir die Bewegung der rechten Hand und spielen schon ein wenig ökonomischer.

Gleiches geht hier auch, wenn wir die gleiche Figur abwärts spielen, wobei wir hier mit einem Aufwärtsschlag beginnen und den Saitenwechsel mit zwei aufeinanderfolgenden Aufwärtsschlägen bewältigen. Hat man mehr als drei Noten, oder besser gesagt einen geraden Wert (wobei unser bisheriges Schema d-u-d-d-u etc. auseinanderbricht), so können wir uns zwischendurch mit ein wenig Legato (Hammer on etc.) behelfen, um zumindest für die rechte Hand das alte Schema beizubehalten. Um ökonomischer zu spielen, kann man aber auch andere Tricks (obwohl ich nicht weiß, ob man das wirklich Tricks nennen kann) anwenden, z.B.: anstatt das Plektron genau parallel zu den Saiten zu halten, also in einem rechten Winkel, kann man es auch ein wenig drehen, also z.B. die rechte oder linke Seite des Picks ein wenig mehr zum Boden hin, was den Weg, den es zum Anschlag einer Saite zurücklegen muß, ein wenig reduziert.

Das nur als kleiner Einstieg zu dem Thema, ich hatte eh vor, bald mal einen ganzen Artikel drüber zu schreiben.

Was man vielleicht sehen kann ist, daß ich Leserbriefe mit einer Menge Gequassel beantworte, wer also was zu Lesen braucht, kann mir ja mal ne Frage schicken ...

Eine Unmenge an Fragen bekam ich zum Thema Fingersatz, bezogen auf Licks in meinen Artikeln.

Zum Beispiel fragte Dirk per Email, wie man bei den Licks aus meinen Wechselschlagsartikeln die Finger setzt, besonders in den tiefen Lagen und mit Streckungen.

Nun, bei Streckungen (schon mal Three-Note-per String- Läufe mit der pentatonischen Lage zu spielen versucht?!? Alter Schwede ... ) kommt es auf die eigene Belastbarkeit und die physikalischen Voraussetzungen (Dehnbarkeit der Finger, Größe der Hand, Länge der Finger etc.) an ... da gibt es keine Patentlösungen.

Sicher, wenn es um Lagenspiel in Patterns geht, wo man nicht mehr als vier Bünde braucht, kommt einem die Regel von wegen "Ein Finger pro Bund" zu Gute. Kommen da aber weite Streckungen hinein, so kommt es auf einen selbst an. Fragen nach dem Motto "Soll ich die zweite Note nun mit dem zweiten oder dritten Finger spielen?" muß man sich da selbst beantworten, das löst dann auch jeder individuell für sich. Brett Garsed z.B. geht mit Streckungen um, indem er viele Slides verwendet ... was eine Möglichkeit ist. Ich gebe eigentlich nie die Fingersätze für die linke Hand an bei solchen "weitgestreckten" Sachen, einfach weil ich weiß, daß nicht für jeden funktioniert, was ich mir ausgeknobelt habe. Kann genau sein, daß die Art wie ich so Sachen wie die oben erwähnten TNPS-Pentatonik Läufe spiele, für mich perfekt ist, einem anderen kann sie aber genauso gut eine Sehnenscheidenentzündung verschaffen. Also: Wenn es deswegen haarig wird, gebe ich lieber Tips und Denkansätze anstatt Regeln aufzustellen, die u.U. nur für 30% aller Spieler funktionieren.

Immer interessant die Frage nach Geschwindigkeit. Wie man die erreicht ? Na, das habe ich hoffentlich ansatzweise schon mal in den Artikeln über Üben und Motivation schon beantwortet. Wichtig ist immer, daß man sauber spielt, das heißt also keine verschluckten Noten, so wenig Nebengeräusche wie möglich, und rhythmisch sauber. Letzteres ist wichtig, habe ich auch noch nicht so viel drüber erzählt. Der gute Scott Henderson stellt immer gerne sein Licht unter den Scheffel, sagt nämlich immer, daß er bei schnellen Läufen meist ziemlich frei, also am Rhythmus vorbei (anstatt im perfekten Timing, im GIT-Slang "In the pocket"). Kann man machen, hat eine ganz bestimmte Atmosphäre, trotzdem sollte man sich die Fähigkeit erarbeiten, sauber im richtigen Tempo zu spielen, und dann bei Bedarf auf eigenen Wunsch ein wenig lockerer zu spielen. Am besten geht das mit dem Metronom.

So, weiter ... diverse Leser fragten mich nach dem GIT.

Wie man da hinkommt, was man da können muß, wie es da so ist, was es mir gebracht hat.

Tja, also erstmal zu mir. Für mich war das GIT eigentlich immer ein Traum. Eine Menge meiner frühen Vorbilder waren da gewesen, und ich wollte einfach zu einer guten Schule und mir das Thema "Gitarre" einfach durchgehend beibringen lassen. Sicher hätte ich mir auch vieles selbst erarbeiten können. So ziemlich das gesamte GIT-Programm kann man mit entsprechender Arbeit selbst durchgehen, zu Hause, mit Büchern etc. Allerdings fehlt da einiges. Nämlich die Lehrer, die das Ganze interessant und vor allem mit dem Blickpunkt auf Musik rüberbringen.

Oder die Mitschüler, die teilweise richtig gute und interessante Musiker sind, die einem selbst noch neue Horizonte eröffnen können und vielleicht auch richtig anspornen können. Außerdem fehlt einem im stillen Kämmerlein u.U. auch die musikalische Umgebung, diese Atmosphäre, die einen noch zusätzlich motiviert, hart zu arbeiten. Und natürlich die Auftrittsmöglichkeiten, sowohl auf der MI-Bühne als auch in den zahlreichen Clubs rund um North Hollywood. So habe ich da teilweise mal in Jazzclubs gejammt, als auch Top 40 oder Heavy Metal gespielt.

Und nicht zuletzt die Möglichkeit, bei Problemen, auf die man so stößt, jemanden fragen zu können, nämlich entweder Mitschüler oder einen der zahlreichen Lehrer dort. Hat man nun z.B. Probleme mit seiner Technik, wie z.B. die Handhaltung, Koordination oder Details wie die Pickhaltung, so kann man eine Lösung aus Büchern nur schwer kriegen. Da ist es schon hilfreich, erfahrene Kollegen um sich herum zu haben, die man mal fragen kann.

Man sollte schon wissen, was man will, wenn man zum GIT will. Denn es gibt tatsächlich Voraussetzungen. Zum einen muß man sich vorbereiten, mal eben zwei Jahre Deutschland den Rücken zu kehren, und dann zurückzukommen. Da muß man vorsorgen. Wenn man nämlich zurückkommt, muß man erstmal von was leben, und das ist zumeist nicht die Musik. Da kann man zwar Glück haben und kurzfristig 'ne Menge Schüler finden, die einem dann genug Geld einbringen, aber mit so Sachen wie Sidemanjobs, Sessionplayer oder ähnlichem kann es schon mal dauern, bis man da ist. Ich habe mir die Sache selber finanziert, habe alles an Ersparnissen zurückgelegt und eine Menge Sachen verkauft, bis ich einigermaßen genug Kapital hatte, zum GIT zu gehen. Auch ich hatte natürlich etwas Sorge, ob ich denn nun gut genug war, da aufzutauchen. Bis mir der Denkfehler auffiel, der in dieser Sorge liegt: Warum soll ich zu einer Schule gehen, wenn ich eh ein Monsterplayer bin? Ich meine, ich dachte ich müßte echt so Vai-Sachen draufhaben und Paganinis 24 Capricen kennen, nur um angenommen zu werden. Ist aber gar nicht so ... denn man geht dort hin, um dort erst sich zu entwickeln.

Was man mitbringen sollte, sind eine Zeit an Spielerfahrung, Grundkenntnisse in Theorie und Notenlesen, und jede Menge Motivation, Arbeitswille, ein wenig Disziplin, ein Quentchen Geduld und ein Ziel! Als erstes werden nämlich noch mal die Grundlagen durchgekaut, von Anfang an, bis ins kleinste Detail ... Grundtheorie, Modes, Akkorde etc. Später dann kann man sich dann entscheiden, ob man die Shredkurse belegen will, oder sich doch lieber in andere Richtungen bewegen will. Wichtig ist das Ziel und die Motivation. Wer in den Klassenraum geht, und erwartet, daß die Instruktoren einem bis ins Haarkleinste sagen, was man nun lernen soll, woran man arbeiten soll, der wird schnell auf den Boden der Realität aufschlagen. Denn das GIT bietet nur Ressourcen, mit denen man selber arbeiten muß. So kann man dort theoretisch alles lernen, was die Gitarre zu bieten hat.

Wenn man weiß, was man will.

Das erfordert Initiative, Motivation und Realismus. Und wer glaubt, daß das GIT eine Shredderfabrik ist, deren Absolventen alle gleich klingen, der solle sich doch bitte einmal Platten von folgenden Absolventen bzw. deren Bands anhören: Frank Gambale (u.a. bei Chick Corea), Brett Garsed (John Farnham, Jenna Music, Nelson ...), Paul Gilbert (solo, Mr. Big), Giant (nicht Dann Huff, der andere Kollege war beim MI), TJ Helmerich (Produzent, außerdem mit Garsed bei Garsed/Helmerich), Jennifer Batten (M. Jackson, Jeff Beck), Steve Lynch. George Lynch (auch der hat ein paar Stündchen hier genommen, als er schon mit Dokken sehr erfolgreich war!), Scott Henderson (Tribal Tech, Joe Zawinul, Chick Corea), Pat "Stogie", Markus Deml, Peter Fischer (Silberfisch), Tom Riepl, Abi von Reininghaus, Beth Marlis usw. usf. ............

Wer immer noch behauptet, dass die Absolventen alle gleich klingen, nun ja... kein Kommentar. Hoffe, damit mal einige der wichtigsten Fragen beantwortet zu haben. Nächstesmal geht es dann um mehr Post, z.B. zu den Bereichen Bandgründung, Giggen etc.

Bis dahin: weiterhin Mail schicken an talkinghands@web.de

 
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