Beginners, Basics, Battlefields
Part IX: Die Bewegungsrichtungen auf dem Griffbrett
So ... hier kommt jetzt ein ganz elementarer und wichtiger
Beitrag für die "Beginners"-Serie. Und zwar
geht es um die Bewegungsrichtungen auf dem Griffbrett. Tja
... nun muss ich mir 'ne beeindruckende Einleitung ausdenken,
damit Ihr auch weiterlest ...
Wie wär's mit "Seit Menschengedenken ..."
... neee, zu altmodisch .... oder "Es war einmal vor
unendlich langer Zeit .... " .... auch nicht, is' ja
kein Märchen, was ich hier erzähle ... ich hab's!!!!
Also: Was macht den guten Solisten denn aus? Naja, da gibt's
viele Faktoren ... Sicherheit, Phrasierung, Abwechslungsreichtum,
Ideen .... naja, aber auch ganz wichtig: Ein Solist sollte
sein Metier, sein Arbeitsgerät kennen. Für Gitarristen
heisst das u.a.: Er muss sein Griffbrett gut kennen. Namensgebung
ist 'ne gute Idee, ich spreche jetzt aber von der Fähigkeit,
diverse Bewegungsrichtungen auf dem Brett zu beherrschen.
Nicht nur Skala in einer Position rauf und runter, sondern
auch entlang einer Saite oder quer durch die Lagen.
"Warum ?" Na, weil ich das sage. Und weil man erstens
bestimmt neue Ideen und Licks findet und alle tonalen Bereiche
der Gitarre erreichen kann ... wer zum Beispiel denkt, dass
das Spielen entlang einer Saite nur was für Anfanger
ist, kauft sich jetzt am besten einen digitalen Ampsimulator,
'ne MIDI-Gitarre, nennt sich Profi und spielt Gabba. Dieses
Vorurteil ist nämlich vollkommener Blödsinn.
Nun, fang ich doch einfach mal mit dem Artikel an ... aber
schon mal die Grundidee: Es geht um die Erweiterung des eigenen
Gitarrenvokabulars.
Also: Schauen wir doch mal auf's Griffbrett ... haltet die
Gitarre waagerecht und guckt auf's Brett ... so wie Ihr Euch
das bei TAB's vorstellt: die E6-Saite am nächsten am
Körper ... ja, genau so .... Gut, nun gebe ich Euch diesen
Kompass vor:
Jawoll, und den stellt Ihr Euch jetzt auf dem Griffbrett
vor: Positioniert ihn an einem beliebigen Punkt .... Seht
Ihr? Wir haben jetzt mindestens acht verschiedene Richtungen,
uns fortzubewegen. Bei den Licks werde ich darauf mit Abkürzungen
wie N-S (Nord-Süd) usw. verweisen ... Lange Rede, kurzer
Sinn...zu den Licks, bitteschön.
Gut, nehmen wir doch einfach mal 'ne einfache Richtung ...
S-N (von Süden nach Norden) ... das könnte z.B.
ein Three Notes per String-Lauf von E6 zu E1 (oder zwischen
zwei anderen beliebigen Saiten) sein, in einer Position. Oder
wie in unserem ersten Lick:
Ein Cmaj7-Arpeggio, beginnend beim G (der Quint), und dann
von E6 zu E1 ... die linke Hand bewegt sich nicht von der
Basisposition (erster Finger am 2. Bund, kleiner Finger am
5. Bund) weg, also weder nach Osten, noch nach Westen. Verstanden?
Gut! Übrigens seht Ihr bestimmt, dass wir uns im ersten
Teil von S nach N bewegen (also aufwaerts), und dann zurück
von N nach S. Anderes Beispiel....
Hier haben wir jetzt ein TNPS (Three Note per String)-Lick
über die C-Dur/A-Moll Skala, beginnend mit einer Streckung
zum F, aber immer noch strikt S-N ... Alles klar, das war
ja auch noch einfach...
Nun, nehmen wir doch mal 'ne andere Richtung: entlang der
Saite. Wieder mal C-Dur Skala, beginnend bei der leeren E1-Saite
(spielt ihr natürlich auch auf anderen Saiten), von W
nach E (E = East, engl. f. Ost ) ... und nach Erreichen der
Oktave (E am 12. Bund) wieder zurück von E nach W ...
auch klar, oder?
Trotzdem gebe ich noch mal ein anderes Beispiel fuer die
Bewegung entlang der Saite:
So, das Schema in diesem Lick ist auch recht übersichtlich.
Wie gesagt: Die Bewegung entlang der Saite hat nix mit Anfängergewürge
zu tun, sondern kann immer mal zu neuen Ideen führen
und hat obendrein auch noch klangliche Unterschiede zur Bewegung
über mehrere Saiten.
Da dieser Artikel sich aber auch auf andere Artikel von mir
bezieht, habe ich hier noch 'ne nette Übung für
die W-E-Bewegung unter Verwendung zweier Saiten ... Licks
dieser Art werden z.B. von Leuten wie Andy Timmons oder Eric
Johnson verwendet [Paul Gilbert
nicht? d.S.] und klingen doch eigentlich
putzig, oder??? Mit Wechselschlag gespielt, bildet sie auch
noch eine nette Übung mit Minisequenzen.
Für die Bewegungen E-W und W-E kann man aber z.B. auch
Oktaven verwenden usw ... dieses Feld ist also gar nicht so
klein und eingeschränkt wie viele denken ... und jeder
Fortgeschrittene oder Profi kann sich zwischendurch die vom
Lagenspiel und Sweeping verrotzten Stirnhöhlen mit One-String-Übungen
freiblasen (zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie bitte
das "Real Jazz Book" oder fragen sie ihren Bandleader
oder Keyboarder ...)
Nächste Richtung: SW-NE (Südwest-Nordost)
Ein Lick in G-Dur, wie ich es schon in vorherigen Artikeln
verwendete ... auch hier wieder ein gutes Beispiel für
TNPS ... was ich hier mit meiner flapsigen Art versuche klarzumachen,
ist, dass jeder sich Übungen dieser Art erarbeiten und
in alle Tonarten übertragen sollte ... übt sie,
bis sie Euch zu den Ohren heraushängen ... das führt
zu einer besseren Übersichtlichkeit und mehr Selbstvertrauen
auf dem Griffbrett.
So, jetzt 'ne Kombination: Wir starten wieder mit einem SW-NE-Lick,
und zum Ende hin (Takt 2) bewegen wir uns von W nach E unter
Verwendung von B- und E1-Saite ... also sozusagen eine Mischung
von Lick 5 & 6.
Gleiches für das nächste Lick: Auf D- und G-Saiten
von E nach W, in Takt 2 dann von NE nach SW.
Man möge mir verzeihen, dass die Erklärungen so
kurz sind ... es handelt sich um Beispiellicks, und das Schema
mit den Bewegungen soll vermittelt werden. Die meisten Lickfragmente
hatte ich vorher schon in anderen Artikeln verwendet, auf
die ich jetzt also aufbaue.
Auch im nächsten Lick finden wir wieder Triolen. Zur
Spielweise schlage ich vor, verschiedene Methoden anzuwenden,
also sowohl Legato als auch sturen Wechselschlag. Das nächste
Lick bewegt sich übrigens von SE nach NW und zurück,
ist also schon ungewöhnlicher.
Das letzte Lick ist mein persönlicher Liebling für
diese Woche. Es klingt schön, aber sehr ungewohnt. Richtungsweise
geht es von NE nach SW und zurück in den Takten 1 &
2, und dann von N nach S in Sechzehnteln im letzten Takt.
Ich hoffe es gefällt.
Ok, als letztes dann also ein Beispielstück ... keine
TAB, nur MIDI (und wer Tabledit hat, kann sich die Tab trotzdem
angucken). Der Sätzer freut sich jetzt bestimmt, es handelt
sich mal wieder um ein typisches Eric-Beispielstück ...
kein Bass, keine Perkussion, und mal wieder Synthflächen
... also langweilig und ohne kompositorischen Gehalt. Das
ist aber eigentlich egal, es geht darum, mal mehrere Bewegungsrichtungen
in ein Konzept zu packen. Die Progression ist Em - D/F#
- C - Bm, also ein Stück in E-Moll. Zu hören
sind mehrere Sequenzen mit verschiedensten Richtungen, mal
triolisch, mal in Sechzehnteln oder einfach gehaltene Noten,
die die Pause des Positionswechsels überbrücken
(Zeit zum Überlegen also) ....
| [The Not-From-Paul-Gilbert-Piece:] |
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Wie gesagt, die Richtungen können als Wegweiser für
fast alle Spieltechniken dienen: Arpeggios, Sweeping, Stringskipping,
Tapping, Oktaven .... also Themen, die ich bereits behandelt
habe. Ihr könnt also diesen Artikel als Abschluss des
Themas "Spieltechniken" sehen (schnief), es soll
nun mehr um Theorie, Konzepte, Gear usw. gehen.
Und wie gesagt, bildet Euch mit all diesen Techniken und Richtungen
ein Arsenal an Riffs, macht Euch das Griffbrett übersichtlicher,
erweitert euer gitarristisches Arsenal.
Ich hoffe, dem Einen oder anderen eine Hilfestellung gegeben
zu haben, ich hoffe, der Eine oder andere hat etwas dazugelernt,
eine Technik gelernt oder zumindest besser verstanden ...
und einfach neue Ideen bekommen ....
Fragen, Kriik, Anregungen? Per EMail an talkinghands@web.de
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