Be creative! (Improvisation & Phrasing)
"Wie gehe ich eine Improvisation am besten an?"
- Das ist eine Frage, die ich von vielen meiner Schüler
nach einiger Zeit gestellt bekomme. Denn ich versuche
ihnen zu vermitteln, dass Solieren und speziell Improvisieren
viel mehr heisst als nur ein paar Licks aneinanderzureihen.
Ich vermittle Schülern, die am Solospiel interessiert
sind, schon recht früh Werkzeuge wie die hier an
anderer Stelle aufgezeigten Pattern Fingersätze,
die fünf Pentatonik-Pattern, die fünf Dur-Pattern
sowie die sieben Longform/Three Note Per String-Pattern.
Natürlich werden diese nicht im Wochentakt durchgepaukt
... wir gehen im Unterricht jedes einzelne Pattern durch,
erschliessen diese durch Sequenzen, eignet sich sehr
gut zum Einprägen und auch durch Solieren auf eben
diesen ... so wird ein Pattern nach dem anderen über
einen längeren Zeitraum eingeübt.
Ich hoffe, in meinen Artikeln über die Fingersätze
ist es nicht so herübergekommen als wären
diese nur dazu geeignet, so schnell wie möglich
über´s Griffbrett zu dudeln. Das kann man
mit ihnen zwar machen, im Endeffekt sind sie aber ein
Hilfsmittel, um sicher und selbstbewusst im diatonischen
Kontext zu solieren, und zwar über das ganze Griffbrett
und in jeder Tonart. Das heisst, wenn ich einem Schüler
ein Pattern beigebracht habe und dann sage "Alles
klar, ich spiele jetzt eine einfache Kadenz in C#-Dur",
so ist er im besten Falle in der Lage, sich eines oder
mehrere dieser Pattern auf dem Griffbrett zu visualisieren
und darauf zu solieren. Am Anfang kann das wie ein Filter
wirken ... der Schüler weiss, dass er theoretisch
keine "falschen" Noten bezogen auf die Diatonik
spielen wird, solange er sich an die Fingersätze
hält, speziell bei der Pentatonik, wo es ja keine
Tension Notes wie die Quarte oder Septime gibt
Später kann man sich aber an den Fingersätzen
orientieren und etwas freier vorangehen ... chromatische
Durchgangstöne einbauen, leiterfremde Noten verwenden,
um Spannung zu erzeugen etc.
Auf jeden Fall geben uns die Pattern Sicherheit, so
dass wir uns darauf konzentrieren können, Melodien
etc. zu spielen, ohne uns obendrein auch noch Gedanken
zu machen, welche Noten in die Tonart passen.
Es gibt verschiedene Arten, eine Improvisation anzugehen,
einige freier, andere mit etwas mehr Konzept. Nehmen
wir einfach mal ein Beispiel.
Unsere Akkordfolge soll eine ganz typische sein:
I-IV-VI-V in G Dur,
also
G-Dur | C-Dur | E-Moll | D-Dur
Am besten, Ihr nehmt diese Akkordfolge eingespielt
mit mitlaufendem Metronom auf Band auf, oder programmiert
sie in ein Programm wie TablEdit ein, als JamTrack.
Ich hoffe, Ihr seid zumindest mit einem Fingersatz
vertraut, ob es nun um die Pentatonik oder die Dur-Tonleiter
geht. Schon eines von Ihnen gibt uns nämlich die
Möglichkeit, sicher über diese Progression
zu improvisieren ... haltet Ihr Euch nämlich streng
an den Fingersatz, so wißt Ihr zumindest, dass
Ihr keine "falschen" Noten spielen könnt.
Obendrein könnt Ihr u.U., je nach Lage des Patterns,
eben jenes noch eine Oktave höher oder tiefer spielen.
Alles klar? Nun startet den Jam Track, hört genau
zu ... und beginnt zu spielen. Für ganz Unsichere
gibt es natürlich für den Anfang den rein
theoretischen Ansatz: Orientiert Euch an den Akkordtönen,
d.h., über den G Dur-Akkord spielt Ihr Phrasen,
die z.B. auf dem Grundton oder einem der anderen beiden
Töne des Dreiklanges beginnen oder enden die Einzeltöne
der Akkorde:
| G-Dur: |
G B D |
| C-Dur: |
C E G |
| E-Moll: |
E G B |
| D-Dur: |
D F# A |
Lasst uns aber erst einmal versuchen, eine einzige
Melodie zu kreieren. Orientiert Euch am Rhythmus des
JamTracks und beginnt, eine beliebige, am besten ganz
einfache Melodie zu spielen... es kommt auf keinen Fall
auf das Tempo an, lasst Euch Zeit, spielt meinetwegen
in halben oder Viertelnoten. Es muss auch noch keine
superkomplexe, anspruchsvolle Melodie sein... es reicht
eine einfache, einprägsame Tonfolge, die schön
zu den Akkorden passt. Um Euch die Melodie noch einmal
einzuprägen, versucht, sie aus dem Gedächtnis
gleich noch einmal zu spielen. Seid in der Lage, sie
beliebig oft zu wiederholen, prägt sie Euch ein.
Sie soll nun die Grundlage für unsere Improvisation
sein...
Alles klar, ausgehend von unserer recht "straighten"
Grundmelodie werden wir auf diese aufbauen und so langsam
eine Improvisation "basteln" Widerspruch?
Ganz und gar nicht! Denn: Sicher kann man auch komplett
die ganze Zeit spielen, was einem in den Kopf kommt
oder, wie ich es halt zu oft höre, einfach Eure
Standardlicks eines nach dem anderen herunterdudeln.
Aber warum nicht einmal versuchen, das Ganze nach und
nach aus einer einfachen Grundidee zu entwickeln? Mick
Goodrick sagte einmal sinngemäß: "Über
einen einzigen Akkord zu improvisieren ist wie eine
Kurve durch eine gerade Linie zu ziehen, über mehrere
Akkorde zu improvisieren ist wie eine gerade Linie durch
eine Kurve zu ziehen"
Ich nenne das übrigens den "Jazz Approach",
meine Bezeichnung, denn besonders in der Frühzeit
des Jazz war es für die Solisten üblich, erst
einmal mit einer einfachen Melodie zu beginnen und diese
dann immer weiter zu variieren, immer weiter von ihr
abzukommen. So kann man selbst bekannte Melodien von
Kindermelodien einbauen und daraus etwas Interessantes
basteln
Und genau darum soll es hier gehen ... laßt die
Begleitakkordfolge immer wieder durchlaufen, und spielt
die Melodie darüber, bis sie "sitzt".
Nun beginnt der Spass ... und der kreative Prozess.
Beginnt mit Variationen auf die Melodie. Ihr könnt
z.B. Noten dazu basteln, kleine "grace notes",
wie z.B. Triller etc. oder wegnehmen und einiges anderes
variieren... hier ein paar Möglichkeiten bzw. Ansätze:
Rhythmik: verändert die Rhythmik! Besteht Eure
Grundmelodie z.B. aus reinen Viertelnoten, spielt sie
doppelt so schnell, dafür zweimal. Oder spielt
das Ganze geshuffelt ... oder spielt jede Note nur halb
so lang, dafür aber doppelt ... anstatt vierNoten
zu spielen, unser Jam Track ist ja wahrscheinlich in
4/4, spielt fünf und verschiebt damit den Akzent
der Melodie. Beginnt die Melodie auf der 2 statt auf
der 1 ... verschiebt sie minimal, um "behind the
beat" oder "ahead of the beat" zu sein,
mal ganz entspannt, mal eher straight. Ihr könnt
zwischendurch jedesmal auf die Grundmelodie zurückkommen
und sie so spielen, wie Ihr sie am Anfang gespielt habt,
um Euch "auszuruhen".
Wichtig ist: Konzentriert Euch auf Eure Grundidee.
Es mag erstmal langweilig erscheinen, immer wieder die
gleiche Melodie zu spielen, allerdings nicht, wenn Ihr
mit Variationen herumprobiert, aber wenn Ihr das eine
kleine Weile aushaltet, könnte es sehr gut sein,
dass Ihr wirklich darin versinkt, soi wie eine Art Meditation
... Ihr beginnt dann u.U. diese Melodie als Basis zu
sehen, und ganz automatisch kleine, gar minimalste Veränderungen
einzubauen. Statt wie ein Blöder herumzududeln
und immer etwas neues zu probieren, kostet Ihr diese
eine Grundmelodie bis ins Detail aus und kommt mit der
Zeit auf eine fast unbegrenzte Anzahl an Möglichkeiten,
wie Ihr sie spielen könnt...
Zurück zu den Ansätzen...
Vibrato: variiert das Vibrato ... setzt ein schnelles
Vibrato ein, dann ein langsames. Verwendet es gleich
nach dem Anschlagen der Note, oder laßt es erst
später einsetzen. Verwendet das Vibrato "in
time", also in seiner Geschwindigkeit an das Tempo
des JamTracks angepasst... vibriert in Achtel-, dann
16tel-Noten, dann in geshuffelten Noten, dann so wild
wie möglich, wieder ganz entspannt. Verändert
auch die Intensität des Vibratos ... mal ganz winzige
Tonhöhenveränderungen a la Jeff Beck, dann
ganz extreme, weite Bends a la Steve Morse. Konzentriert
Euch für eine Weile nur auf Variationen des Vibratos,
während Ihr die Melodie spielt, probiert so viele
Möglichkeiten aus wie Euch einfallen
Stakkato vs. Legato: spielt die Noten ganz stakkato,
auf den Punkt, abgedämpft und kurz, betont dabei
mal die eine, dann die andere Note. Dann spielt sie
weich und flüssig, legato ... verwendet statt puren
Wechselschlag gebundenes Spiel, also kleine Slides,
Hammer On´s etc. Probiert einmal, die Melodie
auf nur einer Saite zu spielen, anstatt stur im Fingersatz
zu bleiben. Slidet dann von oben, dann von unten in
jede Note hinein. Je einfacher unsere Grundmelodie ist,
desto einfacher ist es, sie dann z.B.entlang einer Saite
zu spielen. Was ich meine ist: Wenn Ihr Eure Basismelodie
kreiert, geht es locker an und "keep it simple"...
später, mit den Variationen, könnt Ihr das
Ganze komplexer werden lassen und zu etwas Schwierigem
ausbauen.
Note Choice: baut neue Noten in die Melodie ein ...
chromatische Durchgangsnoten, oder spielt Intervalle,
also zwei Noten auf einmal... spielt z.B. Eure Grundmelodie
statt in Single Notes mal in Terz- oder Quart-Intervallen...
wie wär es mit Oktaven? Baut zwischen jede Melodienote
eine Leersaite ein, in G-Dur z.B. passen diatonisch
alle Leersaiten, oder verwendet "octave displacement"
d.h. spielt einzelne Noten mitten in der Melodie einfach
eine Oktave höher oder tiefer, während die
anderen in der normalen Tonlage bleiben ... kleiner
Aufwand, grosser Effekt Mit den chromatischen Durchgangstönen,
mit denen Ihr z.B. die Melodienoten "umspielen"
könnt, habe ich es angedeutet: probiert einfach
mal "outside" zu spielen ... verlasst das/die
Pattern, spielt völlig frei über das Griffbrett,
versucht Noten zu finden, die trotzdem Sinn machen,
z.B. Spannung erzeugen. Kehrt dabei trotzdem immer wieder
zu Eurer Melodie zurück.
Lasst Euch Zeit! Nach und nach sollte sich das
Ganze entwickeln, die Melodie sollte wachsen und sich
so u.U. zu etwas ganz anderem entwickeln, im besten
Fall zu einem kompletten Solo, welches nur noch in Grundzügen
auf unserem Ausgangspunkt beruht ... trotzdem ist da
aber immer noch eine "Linie" drin, ein Konzept,
ein roter Faden. Nun könnt Ihr beginnen, "Standardlicks"
haben wir ja fast alle, die typischen Page-Blueslicks,
Van Halen-Taps, Gilbert-Runs etc. einzufügen, baut
sie zwischendurch ein, geht aber nicht zu weit weg von
Eurer Basis, d.h. Ihr solltet immer mal wieder zu Eurer
Melodie oder Ihrer Variation zurückkehren... später
könnt Ihr die Ausflüge verlängern...
Bitte beachtet, dass all dies immer noch eine Improvisation
ist. Sicher könnte man auf die gleiche Art und
Weise auch ein konpliziertes Solo entwerfen, aber man
kann auch das ganze Gebilde als Improvisation ernstnehmen.
Ich finde, dass es so einfach sinnvoller ist, wenn man
einen roten Faden hat... viel mehr als würden wir
nur wieder mal unsere tollsten Licks nacheinander abfeuern.
Es gibt so tolle Beispiele für diese Art des Improvisationsaufbaus.
Jazzer wie Coltrane oder Parker haben oft eine simple
Melodie genommen, sie nach und nach ausgebaut, sind
dabei immer wilder geworden, immer mehr "outside"
gegangen, haben so echte Spannung erzeugt, um diese
dann später durch das Zurückkehren zur normalen
Melodie aufzulösen.
Auch die Rocker machen es teilweise so: Steve Vai z.B.
baut in "For The Love Of God" auf die simple
Grundmelodie immer weiter auf, spielt sie erst straight,
dann fügt er immer mehr Phrasing Vibrato, trills,
Whammy Bar-Tricks etc. dazu, um schliesslich später
wieder zurückzukehren ... ich habe vor kurzem einmal
meine Version des Stückes eingespielt und aufgenommen,
habe mich zuerst sehr an das Original gehalten und bin
dann immer weiter davon abgewandert. Später habe
ich dann auch die Anfangsmelodie an Stellen gespielt,
wo sie eigentlich nicht "hingehört",
also meinetwegen den Anfang der A-Teil-Melodie über
die B-Teil-Akkorde gespielt und so variiert, dass sie
auch dort Sinn macht. Ein weiteres schönes Beispiel
wäre "Battle Lines" von Steve Morse die
Refrainmelodie taucht dort überraschend und ganz
neu phrasiert am Höhepunkt des Solos wieder auf.
Oder "Purple Rain" von Prince ... das Stück
basiert auf recht simplen Grundmelodien in Strophe und
Refrain, die Prince immer mehr verändert und so
die Spannung steigert. Ähnliches kann man z.B.
bei der genialen Coverversion des Curtis Mayfield-Klassikers
"People Get Ready" von Rod Stewart und Jeff
Beck hören, sowohl beim Gesang als auch bei der
Gitarre... Introsolo und das Mainsolo im entfernten
Sinn auch die Schluss-Soli basieren hier auf der gleichen
Melodie, werden von Beck aber so genial variiert und
ausgeschmückt, dass jedesmal etwas ganz Neues dabei
herauskommt.
Das ist auch der Sinn: eine einfache Basis nehmen,
eine Sicherheit, eine Idee, und darauf aufbauen
... für den Hörer nachvollziehbar, für
den Spieler viel entspannter und zu viel mehr Details
anregend. Bedenkt: Je einfacher die Grundmelodie, desto
mehr könnt Ihr darauf aufbauen, könnt Euch
immer mehr "hineinspielen" und habt "Luft",
Freiraum, um zu experimentieren und kreativ zu verändern.
Improvisation erfordert immer och ein wenig Konzept,
man sollte genau zuhören und, auch wenn es ums
Improvisieren geht, eine "Blaupause", einen
groben Plan haben. Das macht das ganze um einiges interessanter,
speziell für die Zuhörer. Dieses Aufbauen
auf einer Grundidee ist nur einer von vielen Ansätzen
zur Improvisation, für mich aber einer der sinnvollsten,
schönsten und interessantesten. Experimentiert!
Probiert verschiedene Akkordfolgen, verwendet die Pattern,
spielt entlang einer Saite, oder geht einfach ganz frei,
z.B. atonal an die Sache heran. Wichtig ist: lasst Euch
Zeit und spielt Euch in das Stück "hinein",
versetzt Euch in so eine Art Trance, wo Ihr beginnt,
die Melodien immer weiter zu bearbeiten und aufleben
zu lassen. Fokussiert Euch auf die Melodie, spielt und
verändert sie immer wieder, bis Ihr nicht mehr
nachdenkt sondern nur noch Euch selbst zuhört und
ganz versunken seid ... einfach spielt. Das ist der
Weg zu einer guten Improvisation...
Email: talkinghands@web.de
Web: www.ericvandenberg.com
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