Creative Leadguitar
Chromatics ... "A small step for
me..."
Tja ... seufz ... wer erinnert sich nicht an die kurze Ansprache
Armstrong's beim Betreten der Mondoberfläche. Von wegen
"ein kleiner
Schritt für mich, ein grosser Schritt für die Menschheit"
(oder so
ähnlich ... was heisst hier "falsch zitiert"?!?
Bin ich hier der
Geschicht's- oder der Gitarrenprofessor ?!?).
Tja, und um kleine Schritte geht es auch in dieser heutigen,
gar herzzerreissenden Folge der Talking Hands-Collection auch gehen
... nämlich die kleinsten üblichen Schritte... nein,
ich rede nicht von mikrotonalen Bendings, sondern von chromatischen
Umspielungen und Durchgangstönen (und dem Sätzer
steht nun bestimmt wieder der Schweiss in der Kniekehle, wo
ich doch wieder so toll den Bogen zum Thema gekriegt habe
...)
Chrome de lá Chrome?
Tja, unser Freund, die Chromatik. Angeregt wurde dieser Artikel
übrigens
(tatatataaaaaaaaa) von einem Leser meiner Artikel, der sich
das Thema
gewünscht hat! Tja, da könnt Ihr alle Euch doch
wohl eine Scheibe von
abschneiden! Also, wenn Ihr überhaupt erstmal schreibt,
dann baut doch
neben dem ollen Gemotze mal Vorschläge bezüglich
Themen für kommende
Folgen ein. Danke übrigens, Peter!
Also, besagte Chromatik habe ich damals auf die harte Tour
kennengelernt, weil ich nämlich erstmal überhaupt
keinen Plan von
Tonleitern, Diatoniken etc. hatte. Tja, und dann musste ich
mir halt
Melodien von Platten durch Ausprobieren mit Halbtönen
("neee .. zu
hoch ...nee, zu tief...") herausfriemeln. War das ein
Spass. Oder wie
ich damals meinem ersten Gitarrenlehrer den Schweiss auf die
Stirn
trieb, als ich mal ein Solo zu ZZ Top's Klassiker "Rough
Boy" spielen
wollte, und immer noch keinen Plan von diatonischen Skalen
hatte ... also
immer auf e1-Saite hoch und runter gerutscht, dingdingding,
und alle
Bünde mitgenommen ... Als ich dann angefangen habe, mich
mit
Tonleitern usw. zu beschäftigen, kam ich dann von chromatischen
Passagen
ab ... alles schön diatonisch, "inside".
Auf das Thema brachte mich dann eine Lektion von Scott Henderson
am Musician's Institute zurück (dem einige der Tonbeispiele
diser Folge entnommen sind). Zu der Zeit dachten wir alle,
dass diese Jungs (ich nenne zum Beeindrucken mal Henderson,
Scofield, Carlton ...) immer genau den Plan und ein vollständiges
Konzept hatten, wenn sie sich so durch die chromatischen Passagen
kämpften. Well, und ein Einwurf dazu von einem Mutigen
von uns zauberte dann doch ein Lächeln auf Scott's Gesicht.
Und er gab dann offen zu (ob das nun wirklich ein Geständnis
war, stelle ich mal dahin), dass da gar nicht so viel Denkenergie
verschwendet wird, wie der beeindruckte Hörer vermutet.
Dass da manchmal tatsächlich eher nur um eine Zielnote
herumgenudelt wird ... also im Normalfall keine Raketentechnik.
Chromatische "UMSPIELUNGEN" halt. Hier haben wir
einmal ein paar typische Umspielungen ... Zielnote ist in
diesem Falle das C am achten Bund der hohen E-Saite:
Ja, ich weiss, klingt nicht besonders musikalisch wertvoll,
soll aber auch nur als Beispiel dienen, auf wieviele verschiedene
Arten man eine gewählte Zielnote chromatisch umspielen
kann.
Nu wollen wir das Ganze noch etwas verfeinern, etwas Substanz
reinbringen. Nehmen wir uns also einen C Dur-Dreiklang (C-E-G)
und garnieren ihn mit chromatischen Noten. Wer genau aufpasst
("Seid Ihr auch alle da ?!?" [Ja,
aber nicht mehr lange ... d. Sätzer]),
wird hören, dass die Akkordtöne auf den "strong
beats" (1 & 3, im MIDI-File durch "Hand Claps"
noch einmal hervorgehoben) liegen, mit den chromatischen Noten
drumherum.
Ich glaube, die Struktur ist offensichtlich: Chromatische
Einleitung, dann C (erster Akkordton) auf "1", chromatische
Umspielung, dann E (zweiter AT) auf "3", dann chromatische
Umspielung und G (dritter AT) wieder auf "1".
Noch nicht raffiniert genug? Dann mal einen Schritt weiter!
Nehmen wir uns doch mal ein anderes Lick, und probieren eine
Variation, und zwar eine rhythmische. In der folgenden Figur
haben wir wieder einmal die Akkordtöne auf den "strong
beats" ...
Und nun variieren wir das...
Und? Klingt schon etwas schräger, oder? Was habe ich
denn nu' geändert? Gucken wir doch mal in die TAB ...
jau, ich habe einfach alles einen Taktschlag nach hinten verschoben
(das Lick beginnt eine Viertelnote später). Dadurch ändert
sich die Bedeutung und Betonung der vorkommenden Akkordtöne
(C & G) sowie deren chromatischen höheren "Nachbarn"
(Db und Ab). Da muss man schon fast Scofield heissen, um mit
solchen Manövern nicht ...
Besonders bei einer vorhandenen Begleitung (in diesem Falle
hören wir
einen C Dur Dreiklang vom Piano auf Taktschlag 1) kommt der
"schräge"
Effekt unserer Variation gut zur Geltung. "Outside"
Spiel pur! Und bei
diesem System von "Umspielung - Zielnote" liegt
schon mal eines der
Geheimnisse des "Outsidespiels", ein Jazzertrick
... wir spielen
chromatische Noten (die ja nun "outside" sind, gemäss
der Begleitung),
um dann auf einem Akkordton aufzulösen.
Wozu kann man denn chromatische Noten noch benutzen? Nun,
Scott sagt (ich
aber auch), um z.B. von Punkt A zu Punkt B zu kommen (damals
gab's
dann schiefes Grinsen im Hörsaal, als Scott noch einwarf
"Also a great
trick to use when you're lost!").
(Man kann einen Artikel mit sehr ähnlichem
Inhalt,
von Scott geschrieben, auch in der Märzausgabe
1990 der GUITAR WORLD finden!)
Also, hier einmal ein paar Beispiele für dieses Konzept
... Konzepte, bei
denen immer eine Grundstruktur, ein "Bauplan" zu
erkennen ist, so meine
ich wenigstens.
Hier erst einmal, ... aufsteigend:
Und hier ... Trepp' runter,
Und aufsteigend, mit einer "3 runter-4 rauf"-Logik:
Wieder absteigend, mit einem grösseren Sprung ...
Und ... String Skipping, und es klingt recht interesant,
so finde ich zumindest ... ein doch recht bekanntes Lick.
Und nicht nur im Jazz anwendbar ... in meiner vorherigen Band
habe ich genau jenes Lick als Fill in einem Uptempo Metalsong
verwendet ... da kam der enthaltene "fiese" Charakter
chromatischer Licks ausgezeichnet zur Geltung.
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Nun gut, was denn noch? Nehmen wir doch mal wieder ein Beispiel
aus der Realität ... wer kennt das denn nicht? - Ein
längerer Solobreak über eine eher trockene Akkordfolge
(z.B. ein paar Takte lang Am7 oder D7, weiss jeder was ich
meine?). Und in der Beziehung, kennt jeder das Frank Zappa-Instrumental
"Jam Over The Secret Carlos Santana Chord Progression"
(oder so ähnlich) von "Shut Up And Play Yer Guitar"?!?
Schon gut, war ja nur 'ne Frage!!! Also, da gehen einem schon
mal die Ideen aus, wenn sich so was hinzieht (na ja, nicht
allen von uns, aber seien wir mal einen Augenblick lang realistisch).
Und da kann man schon etwas Interesse beim Zuschauer wecken
(oder im Notfall auch den ganzen Zuschauer aufwecken), indem
man einige unserer chromatischen Umspielungen einbaut ...
im Klangbeispiel einmal ein willkürliches Beispiel dafür,
die Akkordfolge lautet:
Am | Am | D7 | Am
Am | Am | D7 | Am
Die solistischen Einwürfe beginnen beim zweiten Durchgang,
und sind hier zu sehen:
So, und wo ich nun schon Meister Henderson schon so unverschämt
zitiert habe, lasse ich ihn einmal selbst zu Worte kommen,
mit einem kurzen Ausschnitt aus einer Komponisation von ihm
namens "Dr. Hee". Here we go ...
So, soweit mal ein Abstecher zur Chromatik. Ach so, fällt
mir gerade ein, ich hab ja noch bis jetzt kaum Namen von bekannten
Anwendern eingeworfen ... muss ja jetzt kommen ... hier mal
eine Liste von Leuten, die beweist, dass das Ganze nicht nur
im Fusion und Jazz zuhause ist. Eddie Van Halen, Steve Lukather,
Mike Landau, Jennifer Batten, Kee Marcello, John Petrucci,
Eric Johnson, Steve Vai, Satch, Andy Timmons, Scott Henderson,
Scofield, Carlton, Ritenour, Graydon, John Petrucci, Steve
Morse ... Wenn das mal keine Referenzen sind ...
Ach ja, zum Schluss noch ein paar Kommentare: Wie immer ist
dieser
Artikel nur als Einführung in die Materie gedacht, und
sollte weder als
"Best Of ... Chromatics" noch als vollständige
Sammlung aller möglichen
Anwendungen betrachtet werden. Ich will hiermit zum Experimentieren
mit
dem Werkzeug "Chromatik" anregen, zum Entwerfen
eigener Licks (die dann
in's eigene Arsenal einfliessen), zum Ausprobieren in eigenen
Komponisationen ... Aber gleichzeitig warne ich: Die Chromatik
kann ein
tolles Hilfsmittel sein, sie kann zur Täuschung dienen,
sie kann zum
schneller Fiedeln dienen, und zum "Auslüften"
einer Sammlung zu
klinischer Licks ... also ein wenig zum "Dreck integrieren"
... gleichzeitig
sollte sie aber (wie alle anderen harmonischen und spieltechnischen
Tools) nicht als "Allheilmittel" gesehen werden,
sondern mit Bedacht
angegangen und verwendet werden. Es gibt leider doch Spieler,
die
keine Linie ohne chromatische Einwürfe spielen können.
Also verwendet
Euren Verstand, Euren Geschmack und Eure Ohren ...
Dank an Scott Henderson und die Mitarbeiter von "GUITAR
WORLD"
Lob? Kritik? Anregung? Wie immer an talkinghands@web.de
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