The Talking Hands Collection


Biz 3: "You didn´t try to call me"

Ach Gott, was erinnere ich mich gut an meine ersten Gehversuche auf dem schlüpfrigen Parkett der Selbstpromotion. Damals, in den geheiligten Hallen der Musikmesse Frankfurt, Demos in der Hand, Visitenkarten in der Tasche, grosse Hoffnungen im Kopf. Was hing ich an den Lippen meiner Gesprächspartner, was legte ich jedes positive Wort auf die Goldwaage. Und dann die endlosen Wochen danach ... das eben nicht klingelnde Telefon, die Enttäuschung über versprochene, aber nicht zustande gekommene Kontakte und Zusammenarbeiten. Wie hatte mir doch ein etwas erfahrenerer Kollege vorher erklärt "Junge, das ist wie Politik, da wird viel geredet und viel versprochen ... häng Dich nicht zu sehr an irgendwelche mündlichen Zusagen, verlass Dich nicht zu sehr darauf, dass was dabei rauskommt ... dann freust Dich um so mehr, wenn es dann was wird"

Und so war es auch. Ist bei mir und einigen meiner Kollegen damals so ein richtiger Running Gag geworden, dieser Messelingo: "Jau, wir müssen unbedingt mal was zusammen machen"... "Gib mir mal eine Visitenkarte, werde Dich auf jeden Fall anrufen, dann machen wir was zusammen"... Oft dienten diese Sprüche eben nur dazu, dass ich dem Gesprächspartner endlich von der Pelle ging... oder sie sind den Kollegen so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, dass sie sie ganz unbedacht sagen, nur eine weitere Phrase eben... Das war aber nicht der einzige Grund und ist es meist nie, denn diese Sprüche kriegt jeder von uns mal zu hören. Es ist nun mal so: wir haben gewisse Erwartungen und Hoffnungen, Ziele die wir erreichen wollen. Meist sind wir am Anfang sehr unerfahren, und wenn dann ein "Grosser" zu unverfänglich ein "Wir sollten mal was zusammen machen" in die Unterhaltung einwirft, dann kann das für uns eine Welt bedeuten, während es für ihn meist nur eine Phrase ist. Wir müssten diesen Tunnelblick einmal ablegen: sicher, wir wollen weiterkommen, wir wollen wirklich was investieren und hart arbeiten. Aber Freunde: oft ist es so, dass die Kollegen, denen wir unser Demoband unterjubeln, die Tasche mit eben solchen voll hat. Die Uhren laufen bei A&R-Männern, Promotern und Zeitschriftenredakteuren anders ... die denken leider in anderen Grössenordnungen, und haben eine Menge andere Sachen, um die sie sich kümmern müssen Oft ist es so, dass sie einem einfach nicht vor den Kopf stossen wollen, und so versuchen, einen erst mal mit einer freundliche Ansage loszuwerden. Eine mündliche Zusage ist ja so gesehen nicht gerade bindend. Ausserdem: die Zeitverhältnisse sind einfach anders. Wir kommen von Events wie der PopKomm oder der Musikmesse nach Hause und warten sofort auf irgendwelche Anrufe von der "Biz-Fraktion". Für uns gibt es da kaum etwas wichtigeres. Für jemand von einer Plattenfirma aber ticken die Uhren anders. Der hat oft 'nen vollen Terminkalender, 'zig Demos zum Durchhören etc. Da kann es Monate dauern, bis er mal dazu kommt, unser Demo zu hören, oder sich zurückzumelden. Das ist oft nicht mal böse Absicht, es geht eben nicht anders.

Im Ernst: ich will jetzt auch nichts entschuldigen, es gibt eine Menge Leute im Geschäft, die einfach gerne ihr Machtgefühl ausspielen oder denen es egal ist, ob sie die Hoffnungen von jungen, enthusiastischen Kollegen zerschlagen. Es gibt aber genauso viele Leute, die wirklich in Ordnung sind, die aber eben eine ganze Menge zu tun haben und kaum dazu kommen, alle Versprechungen einzuhalten, oder diese leider sogar vergessen, während diese für uns so unheimlich wichtig sind.

Man will dann auch nicht zu aufdringlich werden sollte man eben auch nicht und alle drei Tage telefonisch oder per Email nachhaken. Kein Witz, das kann ein echter Rückläufer werden. Immerhin geht es eventuell um eine spätere Zusammenarbeit. Manchen Leuten mag es gefallen, wenn man -zigmal nachhakt und rückfragt "Na also, der Junge hat Biss, der will wirklich was erreichen, der bleibt dran", anderen mag es eben aufdringlich und nervig erscheinen, und Ungeduld ist nie ein gutes Aushängeschild, wenn es um die Vorbereitung einer Zusammenarbeit geht.

Es ist leider so, dass wir oft von Leuten abhängig sind, die auf dem falschen Posten sind, die ihr Machtgefühl geniessen, oder die den Bezug verloren haben zu dem, was wir am Anfang unserer Karriere durchmachen .... oder eben durch Glück oder Beziehungen nie "Klinken putzen" mussten und deshalb nicht wissen, was es heisst und wie es sich anfühlt, wenn man sich auf ein paar nebenbei hingeworfenen Worte verlässt und sie als Riesenerfolg ansieht... und dann einfach frustriert wird, wenn da nichts passiert.

Sicher wäre es uns manchmal lieber, wenn die Leute uns `ne klare Absage machen würden, als wenn sie uns Wochen und Monate auf eine Reaktion warten lassen. So läuft es aber leider oft nicht. Ich muss zugeben, ich war früher auch echt blauäugig. Dachte mir "Yo, ich bin im Musikgeschäft, hier geht es um die Liebe zur Musik... wir sitzen doch alle im gleichen Boot, und ich hab ja soooooo viel zu bieten, hab so viel Energie ... da gibt es kein Bescheissen, da wird alles ehrlich herausgesagt" Pustekuchen Freunde, es heisst "MusikGESCHÄFT" .... hier will jeder nach vorne kommen. Da wird genauso geschleimelt und geschmeichelt, genauso gelogen und betrogen wie anderswo. Ich will jetzt auch keinen deprimieren oder alles schlechtmachen, es gibt genauso viele Gegenbeispiele, es gibt ganz unglaubliche Stories aus der Branche, aber in erster Linie geht es um´s Geschäft. Wir alle lieben hoffentlich die Musik, aber wenn wir das ganze vermarkten wollen, wenn wir unseren Keller oder das Schlafzimmer verlassen und auf dem Markt mitmischen wollen, dann müssen wir uns schon ein wenig abhärten und mit so Sachen wie Vertragswesen und "Politik" beschäftigen.

Ich wünschte, es wäre alles so einfach mit Vertrauensbasis etc. Aber auch hier muss man einfach vorsichtig sein. Sicher nervt es, wenn man für alles mögliche Proberaum, Bandkasse, Auftritte etc. nen Vertrag machen soll, aber echt... es ist eh schon hart im Augenblick, da hilft es nix, wenn man mit offenen Augen ins Verderben läuft und den Spass an der Sache dadurch riskiert, dass man sich nicht absichert und seine Gage, sein Gear und seine Songs riskiert. Und das ganze geht nicht nur Halbprofis oder Neueinsteigern so... was glaubt Ihr denn z.B., was Steve Morse zweimal dazu veranlasst hat, das Musikgeschäft zu verlassen Das erste Mal in den frühen 80ern... da hat er für ne Weile nen Mähdrescher gefahren... lag es wirklich am Geldmangel oder eher daran, dass er mehrmals von der Plattenfirma hintergangen wurde und dadurch zeitweise die Rechte an vielen seiner Songs sowie die eh knappen ihm zustehenden Provisionen und Einnahmen nie gesehen hat!?

Oder wie ist es mit Shawn Lane Der sitzt jetzt vollkommen bankrott in Memphis ... die letzte Gitarre gestohlen von einem Ex-"Geschäftspartner", der diese vor kurzem auf Ebay versteigern wollte ... arm wie 'ne Kirchenmaus und ohne Möglichkeit, sich einen geeigneten Anwalt zu finanzieren. Ich will nicht sagen, dass da nicht auch oft Dummheit im Spiel ist, bei einigen solcher Katastrophen, das beziehe ich eindeutig nicht auf Shawn ... ich will sagen, dass das Ganze nicht umsonst "MusikGESCHÄFT" heisst, und wir uns ein wenig absichern sollten, sei es durch Verträge oder einfach durch das Erlernen von Kenntnissen über Vertragswesen, Abrechnungen etc.

Es gibt so viele Beispiele... einige betreffen Dummheit oder Blauäugigkeit von Kollegen, andere betreffen gewieftes Geschäfte machen und unlautere Mittel der "Biz-Seite". Ich will mich da nicht ausnehmen, ich hab mir auch ein paar Schnitzer geleistet und bin dabei echt ein paar Mal auf die Schnauze gefallen. Spätestens da habe ich gemerkt, dass man nicht nur Geschäftsleuten nicht grundsätzlich blind vertrauen sollte ... es geht leider auch um Leute, die man eher für Freunde hält.

Ein gutes Beispiel für Professionalität auf sowohl musikalischer als auch geschäftlicher Basis ist mein Leib- und Magendrummer Andreas. Der ist einer der meistbeschäftigsten und fähigsten Musiker, die ich kenne, und geschäftlich sichert er sich eben schon ab, behält immer ein wenig Kontrolle. Das sieht er wohl auch als notwendiges Übel, erledigt das Nötige und lässt sich davon den Spass an der Musik nicht verderben. Arbeitet gerne mit anderen zusammen und das auch gerne auf freundschaftlicher Basis, trotzdem sichert er sich auch gerne mal ein wenig ab ... Vertrauen ist gut, ein wenig Absicherung ist aber wichtig und verständlich

Es gibt inzwischen schon einige gute Bücher und bestimmt auch Websites, wo man sich ein paar Tipps über vertragliche Absicherung besorgen kann, z.b. auch Formverträge für Gigs etc. Sicher nervt es, wenn man erst einen Vertrag tippen muss, bevor man die Gitarre in die Hand nimmt, aber Freunde: es kann eine Menge auf dem Spiel stehen. Wie oft ist es passiert, dass eine Band auf Vertrauensbasis einen Gig für einen Kumpel spielte und nie die versprochene Gage gesehen hat "Wie, Gage? Kann mich gar nicht daran erinnern, dass ich Euch 60% der Tageseinnahmen zugesichert habe ... habt ihr was Schriftliches dazu Nein Wie schaaaaade, RAUS!".. Wie oft ist es passiert, dass eine Band zum natürlich nicht auf Vertragsbasis gemieteten Proberaum kommt und die Schlösser ausgewechselt sind ... und das Gear steht drin "Wie Ihr habt Euer Zeug da drin Ich hab Euch hier noch nie gesehen... hab den Raum nie als Proberaum vermietet. Das Zeug da drin gehört mir, ich bin Multi-Instrumentalist ... RAUS". Wie oft ist es passiert, dass ein Songschreiber in einer Band seine Songs nicht durch Copyrights geschützt hat, und plötzlich, nach Auseinderbrechen der Band, diese von den anderen Bandmitgliedern mitgenommen werden... oder von irgendjemandem, der einen der Songs bei einem Gig gehört hat, auf eigene Kappe produziert werden... "Wie Ihr habt den Song geschrieben? Irgendwelche Beweise? Vom Notar belegte, datierte Aufnahmen? Copyright-Unterlagen? Nein, schaaaaade, RAUS!". Ein Tipp dazu: eine günstige Methode, einen Song im Zweifelsfall zumindest provisorisch abzusichern ist: Song aufnehmen auf Tape oder CD, mit Credits und Datum beschriften, in einen versiegelten Umschlag stecken und per Post an sich selber schicken. Dann nicht öffnen und sicher aufbewahren. Der Poststempel emthält das Datum, und später kann man dann das Siegel aufbrechen, die CD samt Datum vorzeigen und damit im Glücksfall belegen, dass man das Ding geschrieben hat, bevor sich der Hai um die Ecke das Ding geklaut und zum Hit gemacht hat

Sind alles nur Beispiele. Es wäre ja nun auch wirklich wunderschön, wenn es wirklich nur um unsere Musik gehen würde ... kann es auch, solange wir den Proberaum im Keller nicht verlassen und damit zufrieden sind... oder vielleicht nur mal ein paar Songs für die Freundin schreiben und aufnehmen. Wollen wir aber weiterkommen, Geld verdienen, Gigs spielen, Cd´s herausbringen... dann müssen wir schon aus eigenem Interesse eine etwas professionellere Einstellung entwickeln und uns absichern. Dann betreten wir die Arena des MusikGESCHÄFTS, und da wird halt nach Regeln und Normen gespielt. So leid es mir tut: Viel zu oft ist es wirklich eigene Dummheit, wenn man abgezockt wird. Will nicht sagen, dass es nicht immer noch passieren kann, dass man trotz geprüften Vertrags betrogen wird, aber meistens ist man einfach zu blauäugig. Dazu kommt das schon oben angesprochene Businessgelaber, dass einen echt zum Wahnsinn treiben kann... diese Schmeichelei und leere Versprechungen... gedankenlos gemachte, unverbindliche Zusagen, die für einen selbst die Welt bedeuten können, vom anderen aber ca. 87098098-mal am Tag ausgesprochen werden und nichts weiter als eine leere Phrase sind. Was hilft Erfahrung, Geduld, Realismus, Bodenständigkeit. Hängt Euch nicht zu sehr an nebenbei eingeworfenen Zusagen von Profis, erwartet nicht zu viel. Um so schöner ist es, wenn dann wirklich mal was zustande kommt Härtet Euch innerlich ab, seid auf Nackenschläge gefasst, denkt aber auch daran, dass auch viel Gutes passieren kann, und verliert nicht den Spass am wichtigsten: der Musik

Email: talkinghands@web.de Web: www.ericvandenberg.com

 
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