Beginners, Basics, Battlefields
Bending und Vibrato
Tja, hier mal wieder ein ganz grosser Sprung rückwärts
zu einem Thema, das ich schon viel früher hätte
behandeln müssen. Es geht nämlich um eine der grundlegendsten
Ausdrucksmittel auf der Gitarre überhaupt: Bendings &
Vibrato. Beide gehören wohl zum Grundvokabular eines
Gitarristen und verdienen eine Besprechung, denn so einfach
ist es mit ihnen gar nicht.
Warum benutzen wir beide eigentlich so viel? Nun ja, Bendings
(= Saiten "ziehen") sind nun zuerst einmal eine
Legatotechnik, und sie ermöglichen flüssigeres,
weicheres Spiel. Die Möglichkeit die Saiten zu ziehen
unterscheidet die Gitarre enorm vom Piano, und sie versetzt
uns in die Lage, die menschliche Stimme noch besser zu kopieren
als nur mit den üblichen Werkzeugen.
Über die Jahre, angefangen beim Blues, haben sich sowohl
Bending als auch Vibrato einen festen Platz in der Welt der
Spieltechniken errungen, und sind nicht nur im Grossteil aller
Gitarrensoli enthalten, sondern gehören einfach dazu
... man stelle sich Gitarristen wie BB King einmal ohne Bendings
vor.Das Vibrato wiederum macht das Spiel weicher, lässt
die Noten singen. Zudem macht das Vibrato oft die persönliche
Stimme eines Gitarristen aus ... der eine hat ein enorm weites
oder schnelles Vibrato, Andere haben ein eher langsames, wieder
Andere haben beides zu einem Markenzeichen gemacht und setzen
es zumeist zum passenden Zeitpunkt ein. Schauen wir uns beide
Techniken doch einmal genauer an....
Vibrato
Wer noch nicht weiss, worum es da geht, höre jetzt einmal
ganz genau zu (oder besser, lese genau mit ...). Vibrato ist
eine Technik, die sich Gitarristen (und wahrscheinlich vorher
Violinisten) von der menschlichen Stimme und dem Gesang abgeschaut
haben. Und zwar geht es darum, einen gehaltenen Ton "vibrieren
zu lassen". Meister des Vibratos im Gesang finden wir
in den Opern (und ich meine nicht nur die drei Tenöre),
sowohl als auch in der moderneren Musik.
Nun aber erst einmal: wie erzeuge ich jenes Vibrato auf der
Gitarre? Nun, da gibt es mehrere Möglichkeiten und Varianten.
Die einfachste: wir greifen eine Note, schlagen
jene an und drücken nun die Saite ein klein wenig nach
oben (auf dem Griffbrett, dies bewirkt je nach Ausmass der
Bewegung ein leichtes Ansteigen der Tonhöhe), lassen
sie wieder herunter (somit kehren wir zum Originalton zurück)
und ziehen sie eventuell nach unten, zum Boden hin, was wieder
ein Ansteigen der Tonhöhe bewirkt.
So, wer das nun verstanden hat probiert mal ein paar Sachen
aus:
- wir erhöhen das Tempo dieses Vibratos
- wir "vibrieren" so langsam wie möglich
- wir drücken / ziehen die Saite extrem weit (weites
Vibrato genannt)
- wir bewegen sie nur minimal (Microbendings)
Wer dies z.B. auf einer elektrischen Gitarre mit einigermassen
Lautstärke versucht, wird wahrscheinlich bereits merken,
wie viele Ausdrucksmöglichkeiten uns dies gibt. Wir können
eine ganz einfache Passage entweder relaxed und ruhig klingen
lassen (langsames, vielleicht weites Vibrato), oder nervös
und hektisch (schnelles Vibrato) und auch noch beides kombinieren!!!!!!
Das MIDI-Programm, das ich für die Erzeugung der MIDI-Files
verwende, erzeugt schon ein recht extremes Vibrato, es wird
wahrscheinlich etwas eigenartig klingen, aber das ist ja gerade
der Punkt ... das Vibrato löst uns aus der digitalen
Welt, Bendings sind für uns einfach, klingen aber aber
auf dem Computer oder aus dem Synth immer zu synthetisch,
bzw. sind gar nicht möglich. Ein Vibrato ist im Endeffekt
ein so schwer zu berechnender Effekt, dass man auch mit den
besten Synthesizern allemal befriedigende Ergebnisse bekommt.
Trotz dieses Limits hier einmal ein Klangbeispiel. Im ersten
Takt eine einzelne Note mit Vibrato, im zweiten Takt eine
kurze Melodie, bei der jede Note "vibriert" wird.
Wie soll das Vibrato nun geübt und erarbeitet werden?
Nun, hier muss ich ganz von der Welt kalter Licks und Sequenzen
abweichen und versuchen, etwas schwer zu Erklärendes
in Worte zu fassen ....
Wie gesagt, ein bestimmtes Vibrato kann zu einem Markenzeichen
eines Spielers werden. Denke ich mal an David Gilmour, denke
ich an ein langsames, sehr sanftes und oft spät einsetzendes
Vibrato, während z.B. BB King (der wirklich so ziemlich
alle Nuancen desselben beherrscht) eher eine schnellere Variante
einsetzt. Hören wir uns einmal Aufnahmen einer elektrischen
Gitarre an (oder probieren es sogar selbst aus), dann klingen
langsame Melodien, die ganz ohne Vibrato usw. gespielt werden
oft zu steif, zu kalt. Fügt man dann etwas Vibrato ein,
so klingt es meist viel gefühlvoller, weicher ... "es
singt mehr!!!"
Ich erinnere mich mit Grausen an bestimmte Balladensoli eines
bestimmten, gar nicht so unbekannten, deutschen Gitarristen
(Namen werden nicht genannt, gedisst wird hier nicht), der
zwar in besagten Balladen immer sehr schöne Melodien
spielte, jene aber durch völlige Abwesenheit jeglichen
Vibratos eher ruinierte und ihrer Ästhetik beraubte (Igitt,
ich kling wie ein Snob!). Aber auch hier handelt es sich mehr
um meinen persönlichen Geschmack.
Wer einmal sehr tief in die Welt des Vibratos eindringen
will, sollte sich mal ganz genau Gesangsaufnahmen sowie Geigenkonzerte
anhören. Hier haben es sich die Gitarristen abgeguckt,
hier finden wir die wahrscheinlich beste Schule. Wer bei Sänger(inne)n
wie Whitney Houston, Sebastian Bach, Devin Townshend, Patti
Austin oder besonders bei älteren (Chess-Zeit, 50er und
60er Jahre), von John Lee Hooker (was für eine Liste,
wie? Aber das Feld ist riesengross, dies ist nur eine willkürliche
Auswahl einiger meiner Favoriten) hinhört, findet unwahrscheinlich
viele Vibratovarianten. Was besonders auffällt, und von
vielen Gitarristen oft gar nicht beachtet wird, ist der Zeitpunkt
des Vibratos: der Ton wird gesungen, dann eine Zeit lang gehalten
und erst dann wird das Vibrato eingebracht. Dies hat nun einiges
mehr an Effekt als die besonders bei jüngeren Spielern
oft gesehene "Gleich zum Zeitpunkt des Anschlages mit
dem Vibrato beginnen"-Variante. Besonders bei eher langsamen
Soli macht es so viel mehr aus, wenn das Vibrato erst eine
kurze Zeit nach dem Anschlagen des Tones angewendet wird.
[Bassisten lesen aufmerksam mit, besonders die grätenfreien.
d.S.]
In der folgenden Grafik habe ich diesen Vorgang einmal dazustellen
versucht. Bevor ich jetzt jede Menge Beschwerden via Post
kriege: ja, ich weiss, dass ich hier zwei verschiedene Komponenten
vermischt habe, nämlich Amplitude und Tonhöhe (die
"Vibrato"-phase spielt mit der Tonhöhe, die
anderen drei mit der Amplitude), aber ich glaube der Zweck
dieser graphischen Darstellung dürfte klar werden.
Man kann natürlich mit all dem gerne herumexperiementieren,
ich glaube aber, dass die letztere Methode mehr Sinnn macht
und einfach geschmackvoller und wohlklingender ist.
Was ich ganz wichtig finde: das Vibrato (genau wie das Bending)
sollte nicht als Trick angesehen werden, sondern etwas ganz
Natürliches in unserem Gitarrenvokabular sein. Wenn man,
wie es ja oft und gerne gemacht wird, die Gitarre mit der
menschlichen Stimme und der Anwendung der Sprache vergleicht,
so kann man Vibrato und Bending, und vielleicht sogar die
ganze Legatotechnik, mit dem "Tonfall" vergleichen,
mit dem wir (hoffentlich) Sarkasmus, Ärger oder Freude
hörbar machen können ... da macht meine Erwähnung
von vorhin schon Sinn ... ich zitiere mich mal selbst: "Wir
können eine ganz einfache Passage entweder relaxed und
ruhig klingen lassen (langsames, vielleicht weites Vibrato),
oder nervös und hektisch (schnelles Vibrato) und auch
noch beides kombinieren !!!!!!"
Und bitte: auch wenn ich jetzt Grafiken und so etwas verwendet
habe, bitte ich doch darum, weder Vibrato noch Bending zu
sehr als eine Wissenschaft zu sehen, es zu klinisch zu betrachten.
Beides kann punktgenau und sauber (mit Präzision) angewendet
werden, oftmals jedoch ist das eher eine Gefühlssache,
eine "Bauchtechnik"....
So, nun mal zum Bending....
Das Grundprinzip eines Bendings (im Grunde das gleiche wie
Vibrato) ist es, eine Note zu spielen, und diese dann zu ziehen,
zu dehnen, so dass wir im Endeffekt eine andere Note erreichen.
Also, erst mal ganz genau, setzen wir voraus, dass es darum
geht, eine Note ganz genau zu treffen, also entweder einen
Halbton, einen Ganzton oder mehr zu ziehen, aber alles das
sehr genau und präzise, um "gerade" Noten zu
erhalten.
Also nun einmal die übliche Methode, mit der wir üben
würden (nur als Beispiel, ich erkläre, warum diese
Methode weniger geeignet ist): zuerst spielen wir die Grundnote
(wir können sie hier auch "Startnote" nennen),
das B am 12. Bund der B-Saite. Dann spielen wir die "Zielnote",
die Note durch unser Bending erreichen wollen, in diesem Falle
das C einen Bund höher. Dann spielen wir wieder die Grundnote
und ziehen die Saite bis wir tonmässig das C erreichen.
Ich empfehle, die Saite weniger zum unteren Griffbrettrand
zu ziehen, sondern eher zum oberen Rand zu schieben (was wir
aber immer noch "ziehen" nennen, doch dazu später).
Unser Ohr bestimmt nun, ob wir mehr oder weniger fest "ziehen"
müssen, oder ob wir das C schon erreicht haben.
Im zweiten Takt sehen wir den Vorgang noch einmal langsamer
... Zielnote und wir ziehen (langsam) bis wir die gewünschte
Note erreichen.
Dies ist wohl die gängige Art von Übung zum Thema
"Bending", mit der wir alle mal übten oder
noch üben. Und diese Methode ist ..... FALSCH!
Warum? Nun, so schlimm ist es nicht, bei langsamen Bendings
macht es Sinn, und es mag eine gute Übung für die
Ohren sein ... aber!!!! Was ist denn zum Beispiel, wenn wir
gerne einen Prebend spielen wollen., also die Note ziehen
bevor wir anschlagen, und dann loslassen?
Oder wie ist das auf der Bühne, wenn man gernen ein
normales Bending absolvieren will, aber an einem ungünstigen
Platz steht, an dem man kein Signal vom Monitor bekommt? Manchmal
hilft es da nicht einmal, weil man zuweilen nicht unbedingt
den besten Monitormix bekommt.
Also, unser Ziel sollte es sein, Bendings automatisch auszuführen,
also ohne viel Zuhilfenahme des Gehörs. "Automatisch"
heisst ja nicht "ohne Feeling" sondern nur,
dass die Hände die Saiten automatisch im richtigen Maße
benden können.
Wie üben wir das?
Ganz einfach.
Nehmen wir an, wir wollen vom C (13. Bund, B-Saite) zum D
(15. Bund) ziehen, also einen Ganzton. Und wir wollen diesen
Vorgang nur mit den Fingern kontrollieren. Also spielen wir
das C, dann das D, dann wieder das C, stoppen es ab und ziehen,
ohne anzuschlagen, den Ganzton und schlagen die Note an. Erklingen
sollte nun das D.
Natürlich braucht dieser Vorgang am Anfang etwas Übung,
aber später kann es klingen, als ob man nur das C und
das D spielt, ohne Bendings, obwohl man in Wirklichkeit einmal
C, dann D, dann wieder C spielt und dann hochbendet, um nach
Erreichen der richtigen Note anzuschlagen.
Gleiches übt man dann auch mal abwechselnd mit Halb-
und Ganzton-Schritten. Natürlich macht dieser Vorgang
musikalisch noch keinen Sinn, bereitet uns aber zumindest
darauf vor, dieses den Händen zu überlassen, denn
die erste Methode, die mit den langsamen Bends, bei der man
mit dem Ohr "kalibriert", ist in diesem Sinne geschummelt
und wird uns in vielen alltäglichen Situationen im Stich
lassen, weil wir uns nun mal oft nicht auf das Gehör
bzw. die Hörbedingungen verlassen können.
Erst wenn diese Übung einigermassen sitzt, gehen wir
zurück zu den langsamen Bends (die wir ja nun auch gerne
spielen) und probieren uns an erwähnten Prebends, die
nun eigentlich viel sauberer und genauer sein sollten.
So, nun noch ein Wort zu "sauber" und "genauer".
Natürlich kommt es drauf an, in welcher musikalischen
Umgebung wir diese Bendings anwenden wollen. Fans von Jimmy
Page, Beck und Hendrix (von den neueren Kandidaten werfe ich
mal den Namen "Sambora" ein [Gilbert?
d.S.]) wissen, dass besonders in bluesigen Stücken
die sogenannten "Overbends" und "Underbends"
einen tollen Effekt haben. Das sind Bendings, die absichtlich
etwas zu hoch oder zu tief sind. Dies bringt etwas "Dreck"
in zu klinisches Spiel ein. Mit sowas kann man natürlich
herumexperiementieren. Einsatzfeld für die oben erwähnten
und wie oben geübten sauberen Bends sind halt die musikalischen
Umgebungen, in denen diese Sauberkeit erwünscht ist.
Natürlich gibt es da Ausnahmen, aber wer immer zu hoch
oder nicht hoch genug bendet, wird bei der ersten Live-Darbietung
der "geilen" Rockballade eine Überraschung
erleben, besonders wenn die Harmonien von den anderen vorgegeben
werden und die Gitarre weit nach vorne gemischt ist.
Ein Beispiel aus meiner Vergangenheit: damals ging es einmal
darum, mit einer Band eine selbstkomponierte Midtempo-Rocknummer
(was für ein Wort) auf der Bühne darzubieten, einer
meiner ersten Auftritte. Bendings hatte ich nur wie oben erwähnt
geübt. Beim Solo wollten wir die Dynamik zurücknehmen,
nur die Leadgitarre, ein wenig Schlagzeug und einige Synthflächen
sollten im Vordergrund stehen. Alles lupenrein, bis zu meinem
ersten Lick .... mein Monitormix war recht leise, ich konnte
mich selbst kaum hören, obendrein war ich nervös
und deswegen gingen die tollen Ganzton-Bendings vollkommen
in die Hose. In der ersten Reihe kniffen alle Mitglieder der
Jazzpolizei demonstrativ die Augen zusammen, während
deren Freundinnen ihnen etwas in's Ohr flüsterten. Was
es war, weiss ich nicht, aber das Wort "schief"
oder "verstimmt" sind bestimmt gefallen.
Und es ist nun einmal so, dass man bei einem Grossteil der
Soli gerne genaue Bendings hätte. Deswegen kann ich nur
empfehlen, obige Methode zu verwenden und zumindest einmal
auszuprobieren ("Los jetzt ! Klampfe ran und mal probiert!!!!").
Das Ohr ist wichtig, aber auch die Hände sollten gewisse
Schritte alleine und automatisch ausführen können
... es soll ja auch souverän klingen.
Noch ein paar Beschreibungen
"Bend & Release"
- Wir ziehen eine Note und lassen sie auch wieder los, also
ein "auf und ab"
"Prebend" -
Wir ziehen zuerst, schlagen die Note dann an und lassen
sie los.
"Overbend"
- Note ( hoffentlich ) absichtlich zu hoch gezogen.
"Underbend",
same here, nur zu tief diesmal, bzw. nicht hoch genug.
"Microbends"
minimale Bendings, wie z.B. bei Jeff Beck, hat z.T. einen
indischen oder Slide-Charakter
In diesem Sinne ...
Mail immer mal ran an talkinghands@web.de
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