The Talking Hands Collection


Wieder mal Alternate Picking

... der Workout.

Mit dem Thema Wechselschlag etc. hatte ich mich ja schon mehrmals ausführlich beschäftigt. Dazu gab es dann auch eine Menge Rückmeldungen. Um das ganze Thema abzuschliessen (diesmal endgültig) soll es nun um eine Übungsroutine gehen ...der "ultimative Alternate Picking Workout". Vorher gibt es natürlich wieder Einiges zu erwähnen ... "Disclaimers" eben.

Damit gehe ich auch auf einige Anfragen von Lesern der Talking Hands-Collection ein, die mich während der Messe in Frankfurt angesprochen haben. Dabei kamen ein paar sehr interessante Gespräche heraus, und ich werde mich an den Themenvorschlägen (Danke, Jungs!) in Zukunft ein wenig orientieren. Ist doch mal nett, ein wenig direktes Feedback mit konstruktiven Vorschlägen zu bekommen. Aber zurück zum Artikel:

Zum Beispiel gebe ich hier Einiges an chromatischen Übungen vor. Dabei gilt es aber zu beachten, dass eben solche chromatischen Übungen bzw. Läufe musikalisch nicht unbedingt Vollwertkost sind. Viele von uns haben sich sehr sehr lange mit dem Üben solcher chromatischen Licks beschäftigt, was ja auch bei der Entwicklung des Wechselschlages und der dazugehörigen Linke Hand / Rechte Hand-Synchronisation hilft ... aber seien wir ehrlich, wie oft brauchen wir diese Bewegungsabläufe denn im realen Leben, im wirklichen Gebrauch? Also sollte man eben jene Übungen also nicht überbewerten ... bzw. sich nicht ausschliesslich darauf beschränken.

Gleichzeitig können diese Übungen, sinnvoll in den täglichen Übungsablauf eingebunden, ein wertvolles Werkzeug zur Verbesserung der eigenen Spieltechnik sein. Also bitte nicht als alleinigen Übungsinhalt sehen, sondern sinnvoll mit anderem Übungsmaterial (Akkorde, Songabläufe, ganze Soli etc.) kombinieren.

Der Workout, den ich hier nun aufzeigen werde, ist fester Bestandteil meiner Übungsroutine und nimmt damit täglich etwa 30 min. meiner Zeit ein. Anschliessend beschäftige ich mich dann mit dem anderen Material, also ist nur der Workout eine feste Grösse. Auch zum Aufwärmen vor Auftritten verwende ich ihn gerne (Hallo Benjamin, mit dem Workout war ich gerade beschäftigt, als Du mich ansprachst ob ich "Trockenübungen" mache). Auch Wechselschlagmeister wie der gute Steve Morse, Vinnie Moore und John Petrucci verwenden solche Workouts, die sie getrennt vom sonstigen, eher musikbezogenen Üben täglich durchexerzieren. Auch ...

So, watt is noch wichtig:

  1. Präzision & Sauberkeit. Sicher kann man das Tempo erhöhen, je öfter man sich durch den Workout spielt. Irgendwann geht das ganz mechanisch und läuft problemlos durch. Doch am Anfang sollte man sich langsam heranarbeiten ... also so langsam wie nötig, um alle Noten sauber zu spielen. Dazu alles natürlich im sauberen Wechselschlag (bzw. im Economy Picking, dazu später). Es macht keinen Sinn, nur am Tempo zu schrauben und dabei unsauber zu werden. Im Endeffekt geht es hier darum, die Wechselschlagtechnik zu verbessern, also: langsam beginnen, und sicherstellen, dass jede Note sauber erklingt. Empfehlenswert ist wie immer ein sauberer, allerhöchstens leicht angezerrter Sound ohne Effekte, oder, wie ich es oft mache, mit nicht eingestöpselter E Gitarre. Klappt das sauber, kann man dann Gain dazuaddieren, wenn gewünscht. Wie ich das schon öfter sagte: es muss mit 'nem trockenen Sound klappen ... ansonsten ist geschummelt.
  2. Gegebenen Falls sollte man ein Metronom dazustellen, um zu kontrollieren, dass man genau im Timing ist. Ausserdem fällt es damit leichter, später das Tempo langsam zu steigern. Unsere "Killer Death Licks" z.B. müssen im besten Fall bei verschiedenen Tempi (also z.B. mal bei 118bpm, mal 110, 120 etc.) funktionieren, nicht nur bei einem, denn wenn man mit der Band nicht gerade einen Click Track zur Probe verwendet, stösst man schnell auf das Phänomen "Drummer zu schnell eingezählt, und ich komm mit meinem Mörderlick nicht hinterher!"

Also, erst einmal die chromatischen Übungen. Ein erster Blick auf die TAB des ersten Abschnitts:

Da gibt es wohl nicht viel zu erwähnen: ein chromatisches Lick über alle sechsSaiten, mit aufsteigenden Noten. Das Ganze wird immer um einen Bund erhöht, bis man die 12. Position (d.h. Zeigefinger am 12. Bund) erreicht ... und dann das Ganze genauso wieder zurück.

In der zweiten Übung spielen wir das Ganze nun mit einer absteigenden Tonfolge, also andersrum. Und wieder gilt: nachdem man bis zur tiefen E-Saite und dann wieder zurückgespielt hat, eine Lage aufwärts rutschen und nochmal, bis hoch zur 12. Position ... anschliessend wieder zurück. Wie bitte? Langweilig? Stupide? HA! Habe ja noch nicht einmal richtig angefangen.

Hier das ganze einmal mit drei Noten (also kann man das auch schön triolisch spielen). In den meisten Fällen geht es ja beim Skalenspiel eh um dreiNoten pro Saite.

Auch hier gilt ... immer um eine Lage vorrücken, bis zur 12ten Position, dann zurück.

Übrigens: all dies sind ja wie gesagt nur Richtlinien. Es steht jedem frei, eigene Übungen dazuzuaddieren. Diesen Workout habe ich mir, gemessen an meinen eigenen spielerischen Bedürfnissen und Schwächen, auf den Leib geschrieben. Wer gerne an anderen Problemen arbeiten möchte, sollte für eben jene eigene Übungen in dieser Art gestalten, und sich damit einen eigenen "Custom Shop"- Workout erstellen. So sollte man auch Übungen dieser Art mit zwei Noten pro Saite (Pentatonik etc.) oder sogar fünf (mit integrierten Slides) angehen. Die mechanischen Fähigkeiten sollen geschult werden, damit man technisch in der Lage ist, je nach Bedarf mit musikalisch interessanten Licks aufkommen zu können.

Das Ganze wieder andersrum etc.

Das nächste Lick beinhaltet wieder 3 Noten pro Saite, allerdings weniger chromatisch, als in einer 1-2-4-Kombination, geeignet für Patternspiel z.B.

Und im nächsten Lick ...

... haben wir das Ganze wieder anders herum mit einer 1-3-4-Kombination. Natürlich nicht vergessen: sowohl Nr. 5 und Nr. 6 bis zur 12. Lage und zurück und sowohl auf- als auch absteigend zu spielen!

So, nun zu dem nächsten Abschnitt.

Problempunkte

Saitenwechsel beim Wechselschlagspiel ist immer so ein Krisenfall, und die nächste Übung war eine, die mir die Arbeit daran enorm erleichtert hat, besonders nachdem ich begann sie in den verschiedensten Lagen und mit verschiedenen Notenkombinationen anzuspielen. Sie geht so:

Hier einmal etwas simpler und in höherer Lage:

Ich hatte ja schon über Übungsmethoden gesprochen, in meinen Artikeln über den Wechselschlag. Wie dort erwähnt, sollte der Gitarrenton möglichst trocken sein. Ich spiele solche Übungen aufgrund einer Empfehlung von Mr. Morse teilweise auch ganz ohne Amp auf einer "unplugged" E-Gitarre [das ist mir überhaupt die liebste Gitarre ... d.S.]. Vorteil davon: spielt man unsauber, hört man den gewünschten Ton halt überhaupt nicht, weiss also sofort, dass man geschlampt hat.

Habe ich eben Mr. Morse erwähnt? Na, das ist doch 'ne tolle Überleitung zur nächsten Übung:

Hierbei handelt es sich um Arpeggien. Die könnte man toll mit Sweep Picking und integriertem Pull-Off/Hammer On spielen. Wollen wir aber hier nicht. Angesagt ist hier purer Wechselschlag. Das erfordert bei Arpeggien etwas Übung, aber wer "Tumeni Notes" kennt (siehe hierzu auch den zweiten Teil meiner Serie über Steve Morse), weiss, was dabei rauskommen kann!

Nämlich so etwas wie in unserem nächsten Lick, der "Strophenteil" von "Tumeni Notes", gespielt in striktem Wechselschlag, mit gedämpften Noten und in Höchstgeschwindigkeit. Natürlich bleibt es jedem selbst überlassen, die verschiedensten Arpeggien selbst auszuprobieren und sich so eine Sammlung von Etüden zu diesem Schwerpunkt zu erstellen.

Noch einmal ...

All diese Übungen sind nur kurze Hinweise, Richtlinien. Man sollte jede Übung ganz konzentriert angehen und auf verschiedenen Saitengruppierungen und in verschiedenen Lagen des Griffbretts spielen. Wichtig ist wie gesagt Sauberkeit und Präzision. Ungefähr drei Viertel der Zeit sollten auf präzises Spiel verwendet werden, der Rest der Zeit sollte mit der Arbeit an der Geschwindigkeit verbracht werden.

Das nächste Lick ...

... ist ein sog. Pedaltone Lick. Ein Pedaltone ist ein in einer Melodie öfter wiederholter Ton. Das heisst, einer oder mehrere Pedaltone(s) wird/werden gespielt und wiederholt, und dazwischen werden andere, sich verändernde Noten gespielt. Klingt komplizierter als es ist (Zumal ich das Gefühl habe, mit dieser Erklärung einen Bock geschossen zu haben!) [Getroffen, versenkt. d.S.]

Pedalton-Melodien waren schon immer ein beliebtes Werkzeug von Komponisten, und sie sind zu hören bei den verschiedensten Künstlern wie beim seligen J.S.Bach (z.B. Toccata & Fuge in D-Moll), bei Ed Van Halen (im Livesolo "316"), bei Blues Saraceno ("Never Look Back"), Gary Hoey ("Gone Surfin") etc. Die Pedaltones im oben gezeigten Lick sind G-Fis-G, die Melodie ist aufgebaut auf die E-Moll-Skala.

Das Thema "Pedaltone" ist ein Thema für sich, wird demnächst noch mal von mir in einem eigenen Artikel getrennt behandelt und kann bestimmt dem einen oder anderen eine Menge neue, tolle Ideen verschaffen.

Was ich eben schon zum "Erstellen von eigenen Etüden" sagte, möchte ich hier noch einmal betonen. Hat man sich mit all diesen eher linearen (man mag sogar sagen "stupiden") Übungen beschäftigt, und sich einzeln mit den den Schwerpunkten beschäftigt, kann man anschliessend ein paar Licks wie das folgende entwerfen, die man dann hervorragend auch für das eigene Solospiel verwenden kann.

Hier finden wir Pedaltone (die Noten G-Ab-A), Chromatik (die selben Noten) und String Skipping. Das Ganze bei hoher Geschwindigkeit gespielt ergibt ein, wie ich finde, recht cool klingendes Lick, dass sich mit verschiedenen Skalen und in verschiedenen Positionen schön anzuwenden ist.

So, das war´s. Richtlinien und Ideen ... und hoffentlich Anregung, sich einen eigenen Workout zu erstellen, ein kleines Programm, dass man dann im Bestfall täglich abspult, um an den behandelten Schwerpunkten zu arbeiten. Damit habe ich hoffentlich auch das Thema "Alternate Picking" ausreichend abgehandelt. Bis zum nächsten Mal.

Fragen, Kritik und Anregung gerne an meine neue EMail-Adresse talkinghands@web.de.

Neue Website habe ich auch: www.ericvandenberg.com

 
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