Beginners, Basics, Battlefields
99 ways to pick...
Hallo ... welch' eine Überraschung, geht es doch
in der vorliegenden Folge der TH-Collection um ... na
?... GENAU!
PICKING!
(Hatte dem Thema ja bisher nur wenigstens drei Artikel
gewidmet ... *sarkastischguck)
Also, was kann man dazu noch erzählen ? Glaubt
es oder nicht, eine Menge! Das Hauptthema dieses Mal
soll aber die Art zu picken sein, z.B. die Plekhaltung.
Da gibt es eine riesige Anzahl an möglichen Wegen,
'zig Beispiele aus der Geschichte der Rockgitarre ...
Fachbegriffe wie "anchoring", "Pivoting"
etc.
Nun ja, erzähl ich doch erst mal etwas aus´m
Nähkästchen, und zwar aus dem eigenen. Als
ich damals begann, Gitarre zu spielen, nahm ich erst
einmal keinen Unterricht, und verwendete von Anfang
ein Pick, und zwar ein ultradünnes. Irgendwann
hatte sich dann geradezu unbewusst eine Plekaltung bei
mir eingebürgert: Daumen sowie Zeige- und Mittelfinger
der rechten Hand halten das Plek Pick, Ring- und kleiner
Finger werden zum Dämpfen benutzt. Nur für
Hybridpicking (also die Kombination von Fingerpicking
und Anschlagen mit dem Plec, wie es z.B. Albert Lee
recht oft macht) nahm ich den Mittelfinger vom Plec
und verwendete auch ihn für´s Fingerpicking.
Dies blieb dann auch meine Hauptart zu picken, bis zu
der Zeit, als ich mich auf den Weg an´s Musician
Institute nach Kalifornien machte. Dort war meine Art
der Plekhaltung eher wengier als optimal angesehen,
und einer meiner Instruktoren zeigte mir dann eine andere
Art des Pickings und empfahl mir, diese auszuprobieren
und mir möglichst zueigen zu machen ... Daumen
und Zeigefinger am Plek, geschlossene Hand, kein "anchoring"
(also keinen Finger auf die Gitarre auflegen oder am
Poti oder sonst wo einhaken) [macht
Steve aber doch auch ...? d.S.]. Dies wurde
mir als die optimale Variante für schnelles Picking
vorgestellt, und ich schaffte es tatsächlich, mir
eben dies anzugewöhnen. Auf die Frage "Ist
das wirklich die beste Methode für mich?
Gibt es eine richtige oder falsche Art ?"
kam ich damals nicht.
Nun, nachdem sich dann irgendwann nach meinem Studium
dort so langsam etwas etablierte, was ich als eigenen
Stil definierte (immerhin bekommt man an Schulen wie
dem MI sehr viel beigebracht und sollte sich danach
Zeit nehmen zu entscheiden, was man davon "behält",
in sein Spiel integriert etc.), begann ich mit einigen
(für mich) interessanten Konzepten zu arbeiten
... z.B. Arpeggios auf zwei oder drei nebeneinanderliegenden
Saiten, gepickt als Wechselschlag und nicht "gesweept"
(denn wie sagte schon Mr. Morse damals beim MI- Workshop
? "Sweeping ist schnell, aber rhythmisch nicht
sehr präzise ... ist eher vergleichbar mit dem
Effekt, den Jerry Lee Lewis erzeugte, wenn er mit beiden
Händen die Klaviatur rauf- und runterfuhr ... also
eher ein "flurry of notes" als rhythmisch
genau unterteilte Notenfolgen"). Bei diesem Picking
auf nebeneinanderliegenden Saiten erkannte ich dann,
dass die Plekhaltung,
die mir am MI beigebracht wurde, ihre Grenzen hat. Dass
ich nämlich mit meiner "alten" Plekhaltung
viel besser damit zurechtkam und mehr Kontrolle hatte
bei solchen Manövern. Also wechselte ich eben solchen
Passagen die Plekhaltung ... was auch nicht gerade effektiv
war ... über die Jahre habe ich dann verschiedenste
Varianten ausprobiert, bis ich endlich vor ca. einem
Jahr soweit war, mich wieder komplett auf die alte Variante
umzustellen. Also Plek mit drei Fingern (Daumen + Zeige-
und Mittelfinger) halten, die anderen Finger zum Dämpfen
verwenden. Problempunkt No.1 wurde plötzlich der
Ringfinger, der war, wenn ich so pickte, ein wenig gekrümmt
und stiess teilweise zufällig an andere Saiten,
erzeugte so leider Nebengeräusche (war mir so extrem
früher nicht aufgefallen). Also musste ich eben
jenes Problem lösen. Als Hilfsmittel diente mir
ein Hackblock sowie eine halbwegs scharfe Axt und ....
HALT! JUST KIDDING! Nein, ich beugte den Ringfinger
und "klemmte" ihn sozusagen in die Innenfläche
der rechten Hand, so dass er aus dem Weg war. Somit
war der kleine Finger für´s Dämpfen
zuständig.
Was brachte mir das Ganze? Nun, ich fühlte mehr
Kontrolle beim Picken, d.h. es fühlte sich an,
als würde die rechte Hand beim Picken plötzlich
"führen", statt geführt zu werden
(beim Tanzen), speziell bei Picking aus nebeneinanderliegenden
Saiten.
Nun, ihr werdet sicher sagen "Eben faselte der
Typ was von Problempunkt No.1, gibt´s da noch
mehrere?"
Nun ja, es ist nun einmal so, dass bei dieser Art des
Picking das Spiel auf nebeneinanderliegenden Saiten
schon einfacher geht (wie es z.B. Steve Morse immer
wieder beweist), aber das Spiel auf nur einer Saite
vielleicht nicht ganz so schnell läuft wie beim
normalen "closed hand"-Picking. Das heisst,
man muss entweder zwischen zwei Picking-Varianten hin-
und herwechseln (mit etwas Einübung aber kein Problem),
oder aber sich auf eine von beiden Varianten konzentrieren.
Ich glaube immer noch, dass auch das Spiel auf nur einer
Saite mit "meiner" Variante befriedigend zu
erledigen ist.
Wer gerne mal ausprobieren will, wie sich das Ganze
anfühlt, der probiere oben beschriebene Haltungsvariante
und klicke sich zu meinem zweiten
Artikel über Steve Morse ... probiert mal die
Arpeggio-Passagen von Tumeni Notes sowie das
Intro von User Friendly. Nach einiger Zeit solltet
Ihr bemerken, dass sich speziell solche Licks mit dieser
Picking-Variante einfacher bewerkstelligen lassen.
Ein anderes Problem: was ist mit Hybrid-Picking (also
der Mischung zwischen Picking mit dem Plek und Fingerpicking)?
Dazu stehen uns eigentlich nur noch Ring- und kleiner
Finger zur Verfügung ... nicht gerade angenehm.
Meine Lösung dazu: bei solchen Passagen halte ich
das Plek nur noch mit Daumen und Zeigefinger und verwende
Mittel-, Ring- und kleinen Finger für´s Fingerpicking.
Mal ganz im Ernst: ich will hier keinen bekehren. Worauf
ich hinweisen und wozu ich motivieren will ist, auch
mit solchen oft ignorierten Details herumzuprobieren
und zu versuchen, herauszufinden, was für einen
selbst das beste ist. Wenn ich unterrichte oder Workshops
gebe, fallen mir immer zwei Tendenzen auf ... das eine
Kontingent von Schülern konzentriert sich eher
darauf was sie spielen. Hier muss ich oft Hints geben,
wie sich das Ganze durch andere Handhaltungen etc. vielleicht
leichter absolvieren lässt. Das andere Kontingent:
Schüler, die weniger nach Richtlinien und Regeln
fragen und sich selbst Gedanken machen, wie sich etwas
am besten und leichtesten spielen lässt. Was heisst,
sie probieren verschiedene Handhaltungen, variieren
die Pickhaltung etc. Wenn ich dann frage "Warum
hältst Du das Pick in diesem Fall so, hast Du Dir
das irgendwo abgeguckt ?" kommt dann die Antwort
"Nö, ich dachte, es ist einfacher so ... fühlt
sich nämlich so an ... natürlicher" (Gruss
an Tobias und Josh !). Das freut mich immer sehr, denn
hier ist Kreativität und eine gesunde Unverschämtheit
am Werk, nach dem Motto "Mein Lehrer spielt das
vielleicht so, aber mir persönlich
fällt es z.B. leichter, wenn ich hier den Ellbogen
weiter nach innen drehe" ... Das heisst nicht,
dass man nicht mehr auf den Lehrer oder sonstige Ratgeber
hören soll! Es heisst nur, dass man auch mal auf
sich selber hören und selber herumprobieren sollte.
Denn, solange es nicht um ganz strenge klassische Gitarre
und Flamenco geht, gibt es keine wahren, einzig gültigen
Regeln, sondern nur Ansätze, Tipps und Richtlinien.
Kollege Reininghaus hat es mal so beschrieben (sinngemäss):
"Würden kreative und individuelle Spieler
wie Knopfler, Morse oder Santana auf eine Schule wie
das GIT, Berklee oder LAMA gehen, würde man Ihnen
dort wahrscheinlich Ihre speziellen Merkmale und Eigenheiten
abgewöhnen ..." (So müsste Knopfler ein
Plek verwenden und Santana und Morse Ihre Handhaltungen
etc. ziemlich ändern). [Danke,
das war die Antwort ... d.S.]. Diese Schulen
wollen Richtlinien geben und Tipps ... aber was dort
unterrichtet wird, sollte für uns nicht zu den
"Heiligen Geboten", den "Unabänderlichen
Regeln" etc. der Gitarre werden.
Probiert verschiedene Ansätze aus. Gleiches gilt
für die Pickingbewegung. Einige Spieler bewegen
nur das Handgelenk (Gilbert etc.), andere verwenden
eine Kombination von Handgelenk- und Daumenbewegung
(z.B. Malmsteen). Vinnie Moore (dem man nicht gerade
nachsagen kann, dass er nicht schnell picken kann, ganz
im Gegenteil) bewegt den ganzen Unterarm und hält
das Handgelenk ziemlich steif. Das ist eine Methode,
wie sie einem durch Bücher und an Schülern
schnell abgewöhnt wird ... sicher mag es unökonomisch
und sogar verletzungsgefährlich für viele
erscheinen ... aber hey, Vinnie hat es sich so angeeignet,
es funktioniert so für ihn, also warum sollte er
es ändern?
Ich kann mich an eine Anekdote erinnern, die Tommy Tedesco (R.I.P.
!) einmal erzählt hat. Der Gute spielte oft die Nylonsaitengitarre
(klassische Gitarre) und zwar mit dem Pick (übrigens haben
wir alle ihn schon mal gehört, auch wenn wir den Namen vielleicht
nicht kennen ... so hat Tommy neben vielen vielen anderen Sessions
auch die Titelmelodien von MASH, The Pink Panther
und ... Bonanza (!!!) eingespielt). Also, Tommy wurde damals
von einer Vereinigung französischer Klassikgitarristen eingeladen
und wurde gebeten, etwas vorzuspielen. Also spielte er eine sehr
hübsche Variation auf ein klassisches Stück (inkl. Blue
Notes!), und nachdem er geendet hatte, starrten ihn die versammelten
Gitarristen nur ungläubig bzw. peinlich berührt an.
Also fragte Tommy "Was? Habe ich etwas falsch gemacht?!?"
Und als Antwort kam: "Ja, Du spielst mit einem
Plektron ..." (das war übrigens nur eine von
drei Beanstandungen). Also sagte Tommy (sinngemäss):
"Also, Ihr sagt mir, dies ist falsch?"
und wiederholte die eben gespielte wunderschöne
Melodie noch einmal und warf ein paar schnelle Läufe
ein ... "Und dies ist richtig?" und
versuchte das Ganze noch einmal ohne Plek, was ihm nicht
so gut gelang und eher ärmlich klang ...
Was Tommy (und ich auch) damit sagen will ist: wenn
Du etwas gefunden hast, was für Dich funktioniert
und Dir ermöglicht zu spielen, was Du möchtest,
dann tue es auf Deine Art. Wie gesagt, Regeln, Richtlinien,
Bücher & Schulen können uns helfen, Lösungen
zu finden, uns zu entwickeln etc. Aber hört auch
auf Euch selbst, versucht für Euch selbst herauszufinden,
wie ihr etwas spielen könnt ... wie gesagt, würden
wir alle nach den gleichen konformen Regeln gehen, hätten
Leute wie Van Halen, Jimi H., Mark Knopfler, Dave Gilmour,
Jeff Beck, Steve Morse, Stanley Jordan und viele andere
es ziemlich schwer gehabt, und vielleicht hätten
wir dann ihre teils revolutionären, teils einfach
nur schönen Eigenheiten nie gehört ...
Email: talkinghands@web.de
Web: www.ericvandenberg.com
|