| Fazit: |
Warum mulmt das eigentlich immer so im Proberaum? Ist das doch die Box? Oder die ungünstige Akustik? Und warum klingt es manchmal so unausgewogen, sind die D- und G-Saiten so laut? Es scheint, dass sich Hören mit zunehmendem Alter doch noch weiter verändert als dass nur die obere Hörgrenze absinkt.
Jedenfalls war ich mit Harrys MM-Pickup im OLP (das Instrument ist nun in Benutzung meines Nachwuchses) ja immer mal versucht, seine Jazz Bass-Pickups zu probieren, was ich nun denn auch getan habe. Die Pickups kommen im gewohnten Look und Feel, nämlich Wachs-vergossen, der Bridge-PU ist etwas breiter als die Neck-Version, was im Mexico Jazz Bass ein wenig Holzarbeit erfordert. Denn der MexJB hatte zwei gleich breite Pickups. Knapp 1.5mm Holzbeseitigung mit der Oberfräse auf jeder Seite reichen und auch der Bridge-Pickup passt. Moosgummi kommt dieses Mal nicht drunter, je zwei winzig kleine Stahlfedern aus dem Baumarkt sind zuverlässiger. Schrauben legt Harry natürlich auch dazu. Da ich gleich auch wieder die Original-Fender-Knöppe drauf machen will, breche ich mir den eh etwas instabilen 3x4-Ebenen-Multikulti-Pickup-Umschalter durch und gehe erst mal wieder zur Standard-Verschaltung über. Die Neuverdrahtung des Schaltwerkes nimmt mehr Zeit in Anspruch als der Einbau der Pickups.
Erster Test an der J-Station zuhause. Ja doch, kommt gut, klingt sauber und nach Jazz Bass. Bis hierhin tatsächlich ein büschen besser als die Bartolinis, vor allen Dinge sind die Nebengeräusche geringer, bei all den digitalen Störsendern in der Umgebung. Dann der entscheidende Test im Proberaum. Amp ein Viertel auf = ausreichend Schub, Einstöpseln, beide Volume-Regler auf, leichten Chorus und BassBoost vom ME50B und ... da geht die Sonne auf!
Harrys Pickups zeichnen sich als erstes durch Sound aus. Eindeutig Jazz Bass, aber wie gewienert und poliert, von den Tiefbässen über ausgeglichene Mitten bis zu strahlenden, aber nicht klingelnden Höhen. Aber nichts davon ist überbetont, oder vorwitzig. Die Bässe drücken und machen ein tolles Sound-Fundament, das trägt. Nix mit Dröhnen oder Mulmen, einfach nur Schub. Der Mittenbereich ist deutlich eine wichtige Komponente, aber die Relation zu den Tiefbässen stimmt. Und die Höhen haben diese leichte Dämpfung ab ein paar Kilohertz, so dass auch hier nichts Unangenehmes oder Überbetontes zu finden ist. Die Pickup-Höhe hatte ich so wie gewohnt eingestellt, also eher nahe an den Saiten. Trotzdem keine Einschränkung des Sustains. Und absolute Ausgeglichenheit über alle vier Saiten. Genial. Spielvarianten werden gnadenlos rüber gebracht, Thumping, Normalanschlag, Tapping, Verschieben des Anschlag zur Bridge hin, da geht nichts unter. Auch unsauberes Spielen nicht. So gesehen sind die Häussels auch ein wenig eine Herausforderung. Schlampen geht nicht, diese Pickups sind zu sensibel dafür. Keine Brachial-Typen, sondern ehrliche Handwerker, mit Hang zum Intellektuellen.
Als Einzel-Pickups ist der Neck-Vertreter natürlich der wärmere, aber trotzdem leicht ausgedünnt im Vergleich zur Kombination, aber mehr Pegel. Seine Spezialität scheinen die Tiefmitten zu sein, alleine gespielt aber auch mit deutlich mehr Höhen. Der Bridge-Pickup allein hat naturgemäß diesen knorrzigen, etwas ruppigen Klang mit mehr Hochmitten und schärferem Attack als der obere Kollege. Aber dafür setzt er Flageolettes mit solcher Heftigkeit in den Raum, dass es süchtig macht. Da möchte man nur noch Obertöne und Tapping spielen. Die Kombination der beiden Pickups in vollem Pegel bringt diesen unnachahmlichen Jazz Bass-Sound mit leicht ausgedünnten Mitten und sattem Bass, aber schon geringfügige Variationen der Pegel der beiden Volume-Regler variieren auch den Gesamtsound erheblich. Da reichen schon ein paar Grad an dem einen oder anderen Knopf für eine drastische Sound-Änderung. Und zum ersten Mal macht auch der Tone-Regler Sinn, er verändert nun wirklich den Sound fühlbar, und schneidet nicht nur Höhen ab. Da ist nun Interaktion zwischen dem Tone-Regler und den Pickups. Diese Pickups brauchen keine aufwändige Schaltung mehr, vielleicht noch mal einen kleinen Schalter um die PUs in Serie schalten zu können, aber mehr auch nicht. Ein Porsche braucht auch nicht getunt zu werden.
Harrys Pickups kosten nicht mehr als andere Markenartikel, aber klanglich sind sie allererste Sahne, wenn man den Jazz Bass-Sound und eine sensible Abnahme mag. Es ist tatsächlich eine Motivation, wenn man einen Sound so mag, es motiviert zu spielen, zu improvisieren und einfach auch mal nur im Sound zu versinken. Das ist wie eine handgemachte Nougat-Praline, die muss man genießen und sich Zeit lassen, nachspüren und wirken lassen.
Ob's an den Pickups auch etwas Negatives gibt? Ja, die Kanten der Gehäuse sind etwas scharf, aber mal kurz mit der Feile drüber und es ist ok. Nehme ich gerne in Kauf. Ist auch das erste Mal, dass ich, nöckelig wie ich sonst bin, komplette Punktzahl vergebe. Haben sie verdient, diese Pickups. Das Beste, was man einem Jazz Bass antun kann. |