Timing
What's the similarity between
a drummer and a philosopher?
They both perceive time as an abstract concept.
(Worin sind sich
ein Drummer und ein Philosoph ähnlich?
Beide empfinden Zeit als ein abstraktes Konzept.)
Das ist natürlich böse, und trifft wohl auf die
wenigsten Trommler zu. Aber nicht nur für Schlagzeug-Spieler
und Perkussionisten ist Timing ein wichtiges Stichwort. Der
Bassist, mit den trommelnden Bandmembers eng zur Rhythm Section
verbunden, hängt mit drin. Timing, das ist nicht nur
exaktes Spiel, das ist vor allen Dingen kontrolliertes, präzises
Spiel. Auch wenn wir bisher den harmonischen Dingen so viel
Raum gewidmet haben, Timing ist auch wichtig.
Zur Definition: man spricht von einem guten Timing, wenn
ein Instrumentalist
- über längere Zeit ein vorgegebenes Tempo hält,
auch wenn die Zeitvorgabe durch einen Drummer fehlt bzw.
aussetzt
- in der Lage ist, auf den Beat konstant und präzise
zu spielen
- in der Lage ist, kontrolliert und konstant neben den Beat
zu spielen
- komplexe Rhythmus-Parts sicher absolviert
Die Diskussionen darüber, wie wichtig denn nun ein gutes
Timing ist, und ob nicht musikalische und kreative Aspekte
die wahren Inhalte musischen Schaffens sind, hält beständig
seit dem 19. Jahrhundert an. Auch liegen Fragen des Timings
nicht alltäglich auf dem Tisch, sondern fallen zu Gunsten
von optimalen Fingersätzen und möglichst komplexen
Licks regelmäßig unter den Tisch. Ein großes
Brimborium darum zu machen kann in endlose Wechsel von Argumenten
führen. Jedoch denke ich, das Thema ist zu behandeln.
Warum? Dazu ein Beispiel:
Vor schon längerer Zeit schlürte mich ein Freund
in die hiesige Kulturwerkstatt, wo Newcomer-Bands an einem
Abend ihre musikalischen Ergüsse präsentieren. Das
Spektrum der Leistungen reicht von Plagiaten, die deutlich
an die streckenweise peinlichen Werke des 70er Deutsch-Rocks
erinnern, bis zu erstaunlichen Sachen, die die Jungs und Mädels
dar brachten. Eine Band ist mir besonders in Erinnerung geblieben,
nicht weil sie so grottenschlecht war, im Gegenteil, das war
schon guter, intelligenter Bluesrock. Allerdings, wären
sie nur einen Deut präziser gewesen, etwas besser in
time und nicht teilweise scheinbar in verschiedenen
Takten, wäre es ein wirklicher Genuss gewesen. Was fehlte,
war das kongruente Spiel, allen, auch dem Drummer, fehlte
gutes Timing. Und das machte die eigentlich gute Performance
wieder ein Stück zunichte.
Gutes Timing ist nicht das Einzige, nicht das Eine und Alles.
Aber es ist das, was das kreative, musikalische Resultat der
ganzen Band in den Rahmen einer guten Durchführung stellt.
Gutes Timing allein macht keinen noch so schlechten und langweiligen
Song wirklich gut, aber es ist die Prise Salz, die der Musik
das Flair einer Perfektion gibt. Es ist der letzte Schliff.
Nun zur schlechten Nachricht: Drummer und Bassisten brauchen
mehr gutes Timing als Solisten und Hochton-Saitenartisten.
Daher zur Tat.
Wie kommt man zu gutem Timing?
Einfach: Üben. Damit könnte ich nun diesen Artikel
abschliessen. Tue ich aber nicht, sondern präsentiere
eine Reihe von Anregungen und Übungen, die helfen können,
gutes Timing zu erreichen (warum gibt es eigentlich keinen
guten deutschen Begriff für Timing?) als
auch die kritischen Aspekte des Timings zu beleuchten. Und
um eigene Übungsaktivitäten einzuleiten.
Kompass des Timings ist, wie angedeutet, eine zuverlässige
Vorgabe, falls man mit einer Band zusammenspielt. In der Band
ist das i.d.R. der Drummer, hoffen wir auf einen guten Griff
hinsichtlich desselben. Hat man keinen Drummer zum Üben,
kauft man sich einen, oder einen Ersatz für ihn. Das
kann sein: ein Metronom, ein Drum-Computer, ein PC mit Drumloops
und einem geeigneten Player (nämlich einen, der ohne
Lücke eine WAV-Loop wiederholen kann), Goldwave
kann das. Bleiben wir so einfach wie möglich und ziehen
uns mit einem Metronom zurück. Luschtiger ist das natürlich
mit Drumloops, die tonnenweise im Netz herumstehen. Ich würde
es aber lassen, denn die Konzentration soll auf dem Üben
von Timing liegen, und Üben darf ja keinen Spaß
machen. 
Was noch hilfreich ist, und peinliche Erkenntnisse bringt,
ist ein Multitracker oder ein Recording-Programm für
den PC. Diese PC-Multitracker haben meist ein eingebautes
Metronom, das für Übungszwecke ausreichend genau
ist. Man wird sich, zeichnet man seine Timing-Übungen
mal auf, mit Schamesröte abwenden, wenn man hört,
wie präzise man ist und zu sein glaubt.
Da liegen Welten dazwischen. Daher ist irgendeine Aufnahme-Möglichkeit,
auch ein simples Diktiergerät, ein MD-Recorder (braucht
man eh für die Proben) oder ein Recording-Walkman eine
große Hilfe, die eigene Überzeugung zu Boden zu
werfen.
So, technisches Material ist also da, z.B. ein elektrisches
Metronom, ein Cassetten-Recorder plus Mikro, und natürlich
Bass und Übungs-Amp. Und das Kapitel über Rhythmik
sollte man sich zuvor auch angetan haben, schon wegen der
Lesbarkeit der Notenwerte. Dann ma' los ...
Fangen wir ganz simpel an
Nehmen wir zum Start eine sehr einfache Linie, als Eingangstest,
sie erinnert ein büschen an Back in the USSR:

Metronom auf 80bpm und 4/4 und diese Linie mal
eine Minute durch spielen, möglichst aufnehmen und anhören.
Zufrieden? Wahrscheinlich weniger. Nehmen wir an, es geht
doch ganz gut, erschweren wir die Aufgabe etwas und stellen
das Metronom auf ... 32bpm. Und nun? Da hört's auf. Anderes
Ende gefällig? Metronom auf 140bpm. Da merkt doch mal
so richtig, wie die Anschlagshand ihre Problemchen hat. Ist
aber tatsächlich so: im Bereich von 70 ... 80bpm fällt
es uns am leichtesten, in time zu bleiben. Eine Ahnung, warum
das so ist? Ist es Zufall, dass dies der Bereich unseres Ruhepulses
ist? Ich denke nicht, dass das Zufall ist. Abgesehen von den
manuellen Problemen im Anschlag ist es tatsächlich einfacher
in höheren Gescheindigkeiten zu spielen als in sehr niedrigen.
Daher ist auch eher sinnvoll, Übungen immer langsamer
zu spielen, nicht in 60 ... 80bpm. Da ist das eh easy. Dann
schon lieber schnell und heftig.
Tatsächlich mal das Resultat des eigenen
Übens aufgenommen? Überrascht, dass wir eigentlich
dachten, viel besser in time zu sein als das Tonband (ad.
lib. Festplatte/MD/Memory-Stick) es offenbart? So viel zum
Thema Eigenwahrnehmung. Und auch die Antwort auf die Frage,
warum sich im Proberaum nach dem rhythmischen Auseinanderdriften
die Leute manchmal so vorwurfsvoll gegenseitig anschauen,
und keiner fühlt sich schuldig.
Noch ein Eingangstest? Aber bitte gerne.
Dazu muss man selbst, oder jemand als Hilfestellung,
das Metronom leise drehen können. Oder Metronom-Output
in den Amp und ein Mute-Fußtaster. Auf den Beat vom
Metronom einrasten, Metronom weg, vier bis acht Takte weiterspielen,
Metronom wieder dazu. Geht auch einfach mal so als Trockentest
mit MIDI und den Fingern auf der Tischplatte, zuerst 4 Takte
vor, 2 Takte alleine weitermachen und wieder auf die letzten
beiden Takte einrasten. Danach erschwert mit vier Takten Alleingang:
| Test the rest (2bar) |
 |
| Test the rest (4bar) |
 |
Huch, wo bin ich denn gelandet .... ??????
Erste Schlussfolgerungen
Erstens ist das Üben von Timing von musikalischen
Betrachtungen (in Sinne von harmonischen Gesichtspunkten)
ein Stück entfernt. Timing-Übungen machen keinen
besonderen Spaß, damit muss man leben. Als nächstes
fällt auf, dass es viel leichter fällt, im Bereich
60 .. 80 .. 90bpm im Takt zu bleiben. Demnach sollten Übungen
entweder deutlich darüber liegen oder deutlich darunter
bleiben. Und dann noch die fehlende Synchronisation: fällt
die Vorgabe durch Metronom oder Drummer weg, ist es eine Krux,
den einmal eingeschlagenen Beat zu halten. Das ist sogar beim
Spielen mit der Band so, manche Bassisten neigen entweder
dazu, mit der Zeit schneller zu werden (engl. 'to rush') oder
zu verzögern (engl. 'to drag'). Daher nennen unsere amerikanischen
Freunde solche Leute auch rushian dragons.
Und zuletzt, aber eigentlich am wichtigsten:
es ist unbedingt notwendig, seine Übungen zu dokumentieren
und durch Abhören zu überprüfen, denn wenn
wir spielen/üben, ist unsere eigene Wahrnehmung von Synchronität
verfälscht. Wir unterliegen zwei Vorgaben, und sollten
daher beim Üben uns dessen bewusst sein: wir werden durch
zwei Beats gesteuert, durch einen externen vom Drummer oder
Metronom, und von einem inneren, den wir selbst schaffen und
vielleicht nicht wirklich wahrnehmen. Aber wir hören
unseren inneren Beat lauter und höher prior als den externen.
Das gilt es zu überwinden. Und darum ist das Herunterleiern
von Skalen oder Improvisieren absolut keine Hilfe beim Verbessern
des Timings.
Was nun üben?
Was gemeint im Sinne von Material? Das
ist easy, es ist nämlich völlig egal. Es müssen
ja nicht dauernd die gleichen Töne sein, eher empfiehlt
es sich, eine zyklische, harmonisch einfache, aber nicht zu
einfache Basslinie zu verwenden. Beispiele gibt es zuhauf:

Das war, meine ich mich zu erinnern, so ein
Song aus den Achtzigern. Oder:

Beide Linien haben die punktierten Noten gemeinsam.
Und für die Altsäcke:

Also ähnlich wie Sweet home Alabama
...
Es ist so ziemlich egal, was wir spielen,
jedoch nicht wie wir es spielen, die Exaktheit und
Präzision ist es. Somit darauf den Fokus legen, da die
Ohren und die Wahrnehmung hinlegen. Man kann sogar ohne Instrument
üben, nur mit Metronom. Wenn man sich ein paar Gedanken
macht, kommt man selbst schnell auf Ideen, z.B. die: Metronom
auf 40bpm, die Klicks sind nun die Beats 2 und 4. Eure Aufgabe:
im Kopf die 1 und 3 dazu legen und positionieren. Lange Bahnfahrten
sinnvoll nutzen.
Timing als praktische Übung
Schön ist es, wenn man einen Drummer zum
Üben verwenden kann, so lange der Junge Timing-fest ist.
Aber auch der Kettarist kann zum Üben hervorragend verwendet
werden, und sei es nur als Störfaktor.
- Legt Euch eine einfache Progression oder Akkordfolge fest,
z.B. | D A | E E |. Der Bassist spielt eine möglichst
einfache, konstante Bass-Linie dazu. Aufgabe des Ketarristen
ist es, den Basser aus dem Tritt zu bringen, sei es durch
extensive Synkopen, dropped beats oder 'quer spielen', gegen
den Rhythmus spielen, gegen einen 4/4 einen 7/8. Das braucht
natürlich einen versierten Mitspieler, aber schult
gerade das Zusammenspiel ungemein.
- Variante Zwo: einen langsamen Beat, z.B. gegen 35bpm,
Band oder Mitspieler spielen auf die 1 und 3, Ihr aber auf
die 2 und 4. Oder die vorherige Übung im erleichterten
Modus: Band spielt einen 6/8-Riff, Ihr eine 4/4-Linie dagegen.
Bisschen kreativ sein.
Fazit
Bei meinen letzten Recording-Aktionen ist es mir ja auch
selbst aufgefallen. Da hatte ich einen Drum-Track programmiert
und als WAV-File in den Multitracker genommen, die Bass-Linie
dazu gepackt und war verblüfft, dass das Ergebnis in
der Abhöre ganz anders klang als mein Eindruck während
des Einspielens. Mein Timing war beschissen. Na ja gut, es
war nicht so gut, wie ich wollte und dachte.
Das Dumme am Thema Timing ist, dass das Üben und Verbessern
desselben eine langfristige Sache ist. Der entscheidende Schritt
ist, sich dieser Diskrepanz zwischen innerem und äußerem
Beat bewusst zu werden. Und selbst wenn, wie im Beispiel Homerecording,
der innere Beat zum äußeren wird, kann es immer
noch auseinander laufen. Also die Wahrnehmung und Aufmerksamkeit
schärfen, sich konzentrieren lernen, und nicht zuletzt
das Zusammenspiel mit anderen Musikern genauer betrachten.
Material zum Spielen ist alles was man spielen kann. Wesentlich
ist, wie man damit umgeht und wie man den Fokus legt. Und
unumgänglich ist die Kontrollmöglichkeit durch Abhören
der eigenen Übungen und schonungslose Offenheit sich
selbst gegenüber. In diesem Sinne ...
Stay tuned.
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