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Per Anhalter durch das Real Book
Two-Handed-Tapping?!?
Ich sehe verwunderte Gesichter. Was hat Tapping denn jetzt
mit dem Real Book bzw. mit Jazz zu tun? Auf den ersten Blick
gar nichts - das gebe ich zu. Hier geht es allerdings um eine
spezielle Tapping- Technik, die sich meiner Meinung nach ideal
dafür eignet, unser Verständnis für Jazz-Basslinien
und das was sich harmonisch im Real Book tut zu schulen. Aber
fangen wir erstmal ganz von vorne an ....
..... Es begann irgendwann Mitte der 80er. Gerade hatte ich
notdürftig Slappen gelernt, da erfanden die angesagten"
Bassisten etwas Neues um mich zu ärgern: Tapping. Man
hörte (und sah) Bass-Solo-Licks, denen die Helden",
dadurch, daß sie mit der rechten Hand auf's Griffbrett
klopften, atemberaubendes Tempo verliehen. Meine Nachahmungsversuche
habe ich damals bald wieder eingestellt. Einerseits weil ich
irgendwie schlecht damit klarkam, andererseits weil ich schnell
merkte, daß im Bandalltag mit dieser Technik wenig anzufangen
war. Tapping geriet bei mir in Vergessenheit, bis ich eines
Tages ...
... im Fernsehen einen Live-Mittschnitt eines Konzerts von
Robben Ford & The Blue Line sah. Was Roscoe Beck, der
Bassist dieser Band, mit einer raffinierten Tapping-Technik
anstellte, interessierte mich nun wiederum brennend.
Roscoe Beck "mißbraucht" diese Technik nicht
für Solo-Einwürfe, sondern zaubert damit eine Begleitung,
die sowohl aus groovenden Basslinien (die tappt er mit der
linken Hand), als auch Akkorden (besser gesagt Akkordfragmenten
- das macht er mit rechts) besteht. Er ist in diesen Tapping-Passagen
gleichzeitig Bassist und Rythmusgitarrist.
Ich habe mir dann das Lehrvideo von Roscoe besorgt und mit
dem Two Handed Tapping" angefangen. Hat mir das
was gebracht? Auch mit dieser Technik bin ich noch nicht weit
genug gekommen, um sie im Bandalltag einzusetzen. Das ist
jedoch auch mittlerweile nicht mehr mein Ziel. Ich übe
aber trotzdem ab und zu weiter - warum?
Recht schnell habe ich gemerkt, daß man durch die Beschäftigung
mit dieser Technik sehr wohl Dinge lernt, die einen als Bassisten
auch dann weiterbringen, wenn man sie live nie einsetzen würde.
Man lernt dabei aus meiner Sicht im wesentlichen folgendes:
- Wie man mit jeweils nur drei Tönen (mehr kann man
mit Roscoe's Technik nicht gleichzeitig spielen) auch komplexe
Akkorde zum Klingen bringt,
- daß der Klang von Jazz-Akkorden - zumindest soweit
dies für die Bassbegleitung von Bedeutung ist - im
wesentlichen durch diese drei Töne bestimmt wird (es
sind Grundton, Terz und Septime, bei manchen Akkorden die
Quinte), und
- wie man Walking-Bass-Linien spielt, die zwar einfach gestrickt
sind aber trotzdem funktionieren.
Wenn man sich mal etwas damit beschäftigt, wird man
feststellen, daß Two-Handed-Tapping gar nicht so schwer
ist, wie es auf den ersten Blick aussieht. Bis es so sauber
klingt wie bei Roscoe, ist es allerdings ein weiter Weg. Nur
ist das ja hier nicht unser primäres Ziel.
Schauen wir also einmal Roscoe Beck auf die Finger.
Arbeitsteilung - eine Hand wäscht
die andere
Wie macht er es nun:
Beim Hinschauen habe ich folgende Grundregeln erkannt:
- Wahrscheinlich damit es keine unbeabsichtigten Kollisionen
gibt, hat Roscoe Beck die Arbeitsbereiche seiner beiden
Hände strikt voneinander getrennt. Die linke Hand ist
für E- und A-Saite zuständig, die rechte Hand
für D- und G-Saite (auch wenn Roscoe in der Regel 5-
und 6-Saiter spielt, benutzt er beim Tappen nur die 4 Standard-Saiten).
- Die linke Hand nimmt die uns Bassisten angestammte Funktion
war, d.h. damit tappt er die Basslinie. Er setzt dabei -
mit Ausnahme des Daumens - alle Finger ein.
- Mit der rechten Hand tappt er Double Stops. Dazu benutzt
er ausschließlich Zeige- (für die D-Saite) und
Mittelfinger (für die G-Saite). Und er arbeitet ausschließlich
mit drei unterschiedlichen Double-Stops, mit der Quarte,
mit dem Tritonus und mit der Quinte.
| Beispiel für
Quarte/Tritonus/Quinte: |
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Und das ist nun eigentlich der Witz bei Roscoe's
Tapping-Technik. Mit lediglich diesen drei Intervallen "zaubert"
Roscoe Beck fast jeden Akkord, den man sich überhaupt
nur vorstellen kann. Z.B. wird aus der Quarte je nach Grundton
ein m7 oder ein maj 7 (oder 6/9 und, und, und ...), aus
dem Tritonus ein Dominant-Septakkord oder ein dim- (alt-)
Akkord etc.
Deshalb bringt die Beschäftigung mit dieser Technik
auch für den Wald- und Wiesen-Bassisten so viel. Mit
etwas Übung erkennen wir auf Anhieb, welche drei Töne
"angesagt sind", wenn wir im Real Book auf ein bestimmtes
Akkordsymbol stoßen. Wenn wir diese drei Töne an
den richtigen Stellen in unsere Basslinien einbauen, werden
auch, ohne daß irgend jemand einen Akkord spielt, die
Harmonien hörbar. Two-Handed-Tapping ist aus diesem Grund
ein ideales Training für jeden Bassisten, der mehr als
Grundtonlinien spielen will.
Trainieren wir ein wenig:
Die ersten Schritte
Als allererstes brauchen wir einen Bass, der richtig eingestellt
ist, d.h. die Oktavreinheit muß stimmen und die Saitenlage
sollte flach sein.
Wir haben unseren Bass wie sonst auch vor'm Bauch - ob im
Sitzen oder Stehen ist egal. Die linke Hand legen wir flach
auf die Saiten, damit beim Tappen mit der rechten Hand nicht
die Saite zwischen gegriffenem Bund und Sattel mitschwingt.
Mit der rechten Hand machen wir jetzt einen "Stinkefinger".
Damit es nicht so nach Stefan Effenberg aussieht, legen wir
den Zeigefinger gestreckt daneben. Der Daumen wird abgespreizt.
Ringfinger und kleiner Finger liegen - damit sie nicht im
Weg sind - gekrümmt in der Handfläche.
Nun stützen wir uns mit dem Daumen am oberen Griffbrettrand
ab, z. B. in der Höhe des 15./16. Bundes. Soweit alles
klar - jetzt kommen die ersten Töne. Mit unserem Doppel-Stinkefinger"
drücken wir die beiden hohen Saiten am 17. Bund runter
- mit dem Zeigefinger die D-Saite, mit dem Mittelfinger die
G-Saite.
Wenn die Bewegung schnell und fest genug ist, erklingt jetzt
eine Quarte (G und C). Versuchen wir die Sache mehrere Male
hintereinander. Wichtig ist, daß die Töne sauber
und gleichmäßig laut klingen. Das mag am Anfang
etwas dauern, aber unseren normalen Fingeranschlag haben wir
auch nicht innerhalb von 5 Minuten zur Perfektion gebracht.
Wenn wir soweit sind, daß unsere Quarte gut klingt
(Töne ausklingen lassen, d.h. Finger liegen lassen),
bekommt die linke Hand Arbeit. Der Zeigefinger der linken
Hand bleibt zur Dämpfung flach über den Saiten liegen.
Mit dem Ringfinger drücken wir die E-Saite am 5. Bund
runter, und zwar schnell und fest, dann müßte ein
A erklingen. Zusammen mit den weiter klingenden Tönen,
die wir mit dem Stinkefinger" getappt haben, hören
wir jetzt einen wunderschönen Am7-Akkord.
Das G und das C sind Septime und Terz (genau genommen Dezime,
aber das ist für unseren Zweck unerheblich) des Am7,
das heißt die Töne, die den Charakter des Akkordes
ausmachen. G und C sind aber nicht nur kleine Septime und
kleine Terz des Am7 sondern z. B. auch ...
... mit rechts nochmal G und C Tappen (D- und G-Saite, 17.
Bund), Töne klingen lassen ...
... mit links auf die E-Saite, 4. Bund, tappen (G#) ....
maj7 und große Terz einen G#maj7, oder....
... links auf die E-Saite, 6. Bund tappen ... Sexte und None
eines Bb6/9, oder
... die Linke tappt auf den 9. Bund der E-Saite ... Quarte
und Septime eines D7sus4
Langsam müßte klar werden, wie die Chose läuft:
Mit rechts spielen wir ein Akkordfragment, mit der linken
Hand geben wir dem Kind jeweils einen Namen, indem wir einen
bestimmten Basston darunter legen.
Es gibt noch sehr viel mehr Akkorde, die man aus unserer
Quarte basteln kann. Im Prinzip für jeden Basston aus
der 12-Ton-Skala einen. Belassen wir es zunächst bei
den wenigen, die ich hier vorgestellt habe und nehmen uns
mal den Tritonus vor.
Und das geht so: Der Zeigefinger der rechten Hand tappt auf
den 16. Bund, der Mittelfinger wie eben auf dem 17. Wir hören
einen Tritonus (F# und C).
Und nun Taufen" wir mit der linken Hand einige
Akkorde (den Tritonus immer ausklingen lassen):
| A-Saite, 5. Bund |
ergibt D7 |
| E-Saite, 4. Bund |
ergibt G#7 |
| A-Saite, 3. Bund |
einen brauchbaren Cm7b5 |
Und so weiter und so fort.
Spielen wir ein wenig auf diese Art herum. Man wird feststellen,
daß das sehr inspirierend ist. Es kommen allein dadurch,
daß wir ausschließlich mit links die Töne
wechseln, interessante Voicings heraus. Jetzt machen wir eine
kleine Verdauungspause, und danach kommt eine erste richtige
Akkordsequenz.
ii-V-I à la "Roscoe Beck"
Das kleine Projekt, daß wir uns jetzt vornehmen, kennen
wir schon aus dem ersten Teil von "Per Anhalter durch
das Real Book". Wir spielen den A-Teil von Autumn
Leaves. Hört sich auf den ersten Blick schwer an,
aber keine Panik! Beschränken wir uns zunächst
mal auf die ersten vier Takte. Mit der rechten Hand brauchen
wir nur diese Griffe:
Das üben wir jetzt einmal (mit Metronom
vielleicht) - jeden Griff halten wir einen Takt lang aus.
Bereits nach kurzer Zeit sollte diese Folge bei mäßigem
Tempo gut sitzen (bei langsamem Tempo üben, das ist
ganz wichtig. Tempo erst dann steigern wenn es sauber klappt).
Und jetzt kommt mit links eine WLB dazu. Zusammen funktioniert
das so:
| Autumn Leaves,
A-Teil: |
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(Zunächst bitte nur Takt 1 bis 4 beachten)
Wir hören die Akkordfolge
| Am7 | D7 | Gmaj7 | Cmaj7 |
Ist doch gar nicht so schwer.
Jetzt weiter im Text (Takt 4 bis 8). Rechts brauchen wir
folgende Griffe:
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| Tritonus
16. Bund (F# und C) |
Tritonus
13. Bund (D# und A) |
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Quarte 12. Bund (D und G) - diesmal 2 Takte
lang.
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Zusammen mit einer mit links" gespielten
WLB (siehe Tef 1, Takt 5 - 8) erklingt die Progression
| F#m7b5 | B7 | Em7 | % |
Der A-Teil von Autumn Leaves ist im Kasten.
Das soll auch als Appetithappen für den Einstieg ins
Two Handed Tapping genügen. Wer will kann sich auch in
der Riff-Sammlung "Roscoe's
Shuffle" vornehmen - ein kleines Stück, daß
ich einmal zu Übungszwecken aufgeschrieben habe (wem
die Shuffle-Line für die linke Hand zu schwierig ist,
kann sich ja spaßeshalber eine WLB-Begleitung ausdenken).
Und noch einmal - was soll das Ganze?
Das klingt ja nun ganz nett und eindrucksvoll. Ich unterstelle
aber mal, daß selbst diejenigen unter uns, die mit der
Technik blendend klarkommen, diese in der Bandpraxis selten
bis gar nicht einsetzen werden. Auch ich tue das nicht. Wozu
also die Spielerei?
Schauen wir uns an, was im vorangehenden Beispiel die linke
Hand so treibt. Mit links spielen wir eine WLB - und das mit
gewissen Handicaps: wir können erstens nur die zwei tiefen
Saiten benutzen, zweitens steht - anders als beim konventionellen
Spiel - gewissermaßen nur noch ein Teil der CPU-Kapazität
unseres Hirns für die Basslinie zur Verfügung, weil
wir mit der rechten Hand auch noch unabhängig davon Double
Stops spielen müssen.
Diese beiden Handicaps zusammengenommen zwingen uns dazu,
die WLB so einfach wie möglich zu halten und Basslinien
zu spielen, die mit zwei Saiten und wenig Lagenwechseln auskommen.
Wie von selbst spielen wir ganz simple Lines, die auf den
Punkt kommen. Und das sind die, die meiner Meinung nach am
besten klingen.
(Das ist vielleicht auch mit der Grund dafür daß
Roscoe Beck, was das konventionelle Walking-Bass-Spiel angeht,
für meinen Geschmack einer der Besten ist. Seine Linien
sind einfach, elegant und treibend. Wer sich z.B. seinen Part
auf You Cut Me To The Bone (CD Robben Ford & The
Blue Line) genau angehört hat, wird mir da mit Sicherheit
zustimmen.)
Vom Walking-Bass-Spiel abgesehen hat die Sache noch einen
Effekt. Ich habe es schon angesprochen - man bekommt mit der
Zeit ein sehr gutes Gefühl dafür, welchen Töne
den Klang eines bestimmten Akkordes ausmachen, den wir im
Real Book (oder auf einen Leadsheet) lesen.
Wenn ich mir einen neuen Standard "draufschaffe",
habe ich mir inzwischen angewöhnt, zunächst einmal
zu tappen. So kapiere ich am schnellsten, was harmonisch so
abläuft. Wenn ich mit Tapping bei gemäßigten
oder langsamem Tempo "unfallfrei" durch das Stück
komme, dann fällt mir eine Begleitung in konventioneller"
Technik auch bei schnellerem Tempo nicht mehr so schwer.
Die Anwendung in der Band
Wir haben das Two-Handed-Tapping nun in erster Linie als
Übungsmethode kennengelernt und nicht als universell
einsetzbare Begleitmethode. Es ist auch sehr schwer, diese
Technik so weit zu bringen, daß es sauber und druckvoll
klingt. Meine Fähigkeiten in dieser Disziplin reichen
für's Heimtraining. In meiner Rockband würde ich
damit untergehen. Ab und zu setze ich das Tapping auf der
Probe ein, wenn ich meinen Bandkollegen die Akkorde eines
neuen Stücks vorspiele (ich muß mir man dann nicht
mehr wie früher eine Gitarre leihen). Aber das war es
auch schon.
Es gibt aber auch Cracks, die es drauf haben. Neben Roscoe
Beck fällt mir da Claus Neumann ein (Studiobassist und
Tieftöner der Band "Drei vom Rhein"). Beide
spielen in Trios. Dann wenn der jeweilige Gitarrist Solo spielt,
übernehmen sie zeitweise den Part des Rythmusgitarristen.
Sie setzen das jedoch sehr sparsam ein. Somit sehe ich in
der harmonischen" Ubnterstützung des Solisten
in ganz kleinen Besetzungen eine sinnvolle Anwendung für
das Two-Handed-Tapping. Insofern soll sich niemand davon abbringen
lassen, die Sache - im Gegensatz zu mir - zu perfektionieren.
Wer richtig gut geworden ist, kann mir dann Unterricht erteilen.....
[Those who can do. Those
who cant do teach. Those who cant teach create graphics.
d.S.]
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