The Bernd Weitzmann Collection


Solieren und Improvisieren: Folge 1 - Zur Einstimmung

In den ersten Kapiteln der Reihe "Jazz für Rockbassisten" haben wir uns sehr intensiv mit dem Thema Begleitung auseinandergesetzt. Darüber gibt es auch noch sehr viel mehr zu schreiben (und zu üben), nur wollen wir uns jetzt einmal einer Sache zuwenden die zum Jazz einfach dazugehört: Solieren und Improvisieren.

Durchkomponierte Stücke sind im Jazz ein Rarität. Die Stücke laufen meist so ab, daß am Anfang und am Ende das Thema vorgestellt wird und zwischen drin gibt es eine Anzahl von Durchläufen wo die Musiker der Combo nacheinander (manchmal auch durcheinander ;-) solieren. Und wenn wir Jazz spielen, kommt die Reihe irgendwann auch an uns Bassisten.

Natürlich kann man sich als Bassist auch im Jazz auf die Rolle des Begleiters beschränken. Wenn wir das tun, bringen wir uns aber um jede Menge Spaß. Solieren und Improvisieren ist nicht ganz so einfach, vor allen wenn man es noch nie gemacht hat, aber auch nicht so schwer, daß wir uns davor fürchten müßten. Und wenn sich die ersten Erfolgserlebnisse einstellen, ist es einfach eine super Sache. Probieren wir es also.

Ziel dieser Artikel kann es nun nicht sein, daß wir am Ende über die wildesten Akkordwechsel loslegen wie John Patitucci, Jeff Berlin & Co. Wir wollen uns als Minimalziel setzen, daß wir - falls wir beim Jammen mit einem Solo an der Reihe sind - ohne allzu große melodische oder harmonische Katastrophen improvisierend durch die gängigsten Akkordfolgen kommen. (Wer danach auf den Geschmack gekommen ist und doch so gut wie Patitucci werden soll, kann darauf aufbauen und auf eigene Faust weitermachen).

Wenn Rockbassisten solieren ...

Allerdings - selbst für dieses Minimalziel sind wir als Wald-und-Wiesen-Rockbassisten in der Regel schlecht gerüstet. Wir haben da üblicherweise einfach keine Praxis. Daß der Bassist einer Rockband soliert, kommt äußerst selten vor. Und wenn man mal so ein Solo zu hören bekommt, ist es auch in der Regel nicht improvisiert, sondern oft eine Aneinderreihung eingeübter Licks. Sehr häufig sind es Solos in der Art, daß der Bassist die Spieltechniken, die er drauf hat demonstriert: erstmal einige Takte pentatonische Licks, dann wird getappt, geslappt etc. ... oft steht so ein Solo auch in keinem Zusammenhang mit dem Stück, in das es eingefügt wird. Man hört und staunt vielleicht über das, was der Bassist alles drauf hat, aber irgendwie wirkt so ein eingefügtes Bass-Solo so wie wenn eine Radiosendung für eine wichtige Verkehrsmeldung unterbrochen wird..

Natürlich ist das insgesamt etwas pauschal geurteilt. Aber ich habe schon viele Solos dieser Art gehört.

Wir wollen uns hier an eine andere Art des Solierens herantasten. Nennen wir es einmal "melodisches Improvisieren". Was ich damit meine wird deutlich, wenn wir uns einen der alten Könner am Kontrabass anhören. So jemand hat keine Chance, seine Zuhörer mit Slappen oder Tappen zu beindrucken. Das einzige Mittel das er hat, sind die Töne, die er aus seinem Bass holt (und für jeden Ton der rauskommt muß er hart arbeiten). Ein typisches Bass-Solo so eines Könners fängt vielleicht damit an, daß er die Grundmelodie des Stücks aufgreift, dann wird die Melodie variert bzw. der Solist löst sich mehr oder weniger stark davon und bringt andere Klangfarben ein, zum Schluß kommt dann vielleicht eine schöne Überleitung für den nächsten Solisten etc. ...

Ein Jazz-Bassist tut in so einem Solo nichts anders als etwa ein Trompeter oder Saxophonist der improvisiert. Im Ergebnis geht es für uns Basser darum für die Dauer unseres Solos zu vergessen, daß wir Bass spielen. Wir wollen keine Basslicks aneinanderreihen, sondern melodisch improvisieren.

Die Voraussetzungen für das melodische Improvisieren - wieviel Theorie muß sein

Wenn wir nun unseren Bandkollegen und dem Publikum keine wiedergekäuten Riffs präsentieren wollen, sondern Melodien, müssen wir uns allerdings ein wenig mit dem Thema Skalen bzw. Modes beschäftigen. Skalen sind nun einmal das Grundmaterial aus dem Melodien bestehen. Natürlich gibt es auch Könner, die ohne jegliche Kenntnisse über Skalen Gänsehaut-Solos produzieren. Aber auch diese Cracks wenden Skalen und Modes an, allerdings unbewußt, weil sie den Klang der verwendeten Skalen im Gefühl haben.

Es gibt Leute, die vertreten sogar den Standpunkt, daß man nur dann kreativ improvisieren kann, wenn man sich nicht mit Theorie und Harmonielehre beschäftigt. Die Vertreter dieser Meinung gehen noch weiter und sagen, daß die Beschäftigung mit der Theorie die Kreativität eines Musikers beeinträchtigt, daß derjenige, der sich in der Theorie der Skalen und Modes gut auskennt, gar nicht mehr spontan und kreativ improvisieren kann, weil ihm Regeln und Vorgaben das Gefühl für die richtigen Töne zur richtigen Zeit nehmen.

Wie man sich denken kann, gibt es zu dieser Lehrmeinung auch den entgegengesetzten Standpunkt. Danach wären Musiker, die sich mit Skalen und Modes nicht auskennen, überhaupt nicht dazu in der Lage, sich vernünftig musikalisch auszudrücken. Wenn dann im Einzelfall hörenswerte Leistungen herauskommen, sind das Zufallsprodukte und keine ernstzunehmenden Beiträge. Wie sich jeder Mensch mit einigermaßen entwickeltem Urteilsvermögen denken kann, haben beide "Schulen" zu einem gewissen Teil aus ihrer Sicht Recht. Aber die Sicht ist sehr einseitig und in beiden Fällen irreführend.

Meiner Meinung nach kann man keinen größeren Blödsinn von sich geben, als zu sagen, daß die Beschäftigung mit Theorie die Kreativität beeinträchtigt. Genauso gut könnte man Goethe, Schiller und Shakespeare davon überzeugen wollen, ihre jeweilige Sprache nicht zu lernen, weil sie daß davon abhält gute Literatur zu produzieren. Nein, Skalen und Modes sind unser Handwerkszeug beim Improvisieren. Unsere Kreativität nimmt keinen Schaden, wenn wir die wesentlichen Dinge darüber wissen (wesentliche Dinge = die Dinge die wir beim Spielen brauchen, nicht die akademische Skalenmystik, die manche "Päpste" verbreiten). Ich würde sogar noch weiter gehen und sagen, daß die Beschäftigung mit Skalen und Modes unsere Kreativität eher fördert, sofern wir die Skalen nicht büffeln, sondern uns praktisch mit dem Klang beschäftigen, den spezielle Skalen erzeugen. Wenn man eine bisher unbekannte Skala einfach mal ausprobiert, kommen wie von selbst musikalische Ideen heraus, das ist zumindest meine Erfahrung.

Ich bin in diesem Punkt so ausführlich, weil die Aussage, daß theoretisches Wissen die Kreativität lähmt, ärgerlich und auch gefährlich ist. Ärgerlich, weil es einfach Humbug ist, gefährlich, weil sie trotzdem von vielen geglaubt wird.

Genauso ärgere ich mich, wenn verbreitet wird, daß man ohne fundiertes Wissen über Skalen und Modes nicht in der Lage sei, sich musikalisch auszudrücken. Wenn man manchen Zeitgenossen zuhört oder die einschlägige Literatur liest, dann könnte man auch das glatt glauben. Es ist von den Verfassern solcher Lehrwerke (die sind nützlich und wichtig, keine Frage) wahrscheinlich auch gar nicht beabsichtigt, aber man wird dazu verleitet zu büffeln anstatt zu spielen, weil man glaubt, daß man bevor man sich an's Improvisieren wagen kann, im Detail und umfassend wissen muß, welche der unzähligen Modes über welchen Akkordtyp gespielt werden kann (oder muß oder darf), wie die Intervallstruktur dieser Skalen aussieht oder welche Töne man nicht spielen darf (avoid notes) etc. Diese Art der Beschäftigung mit Harmonielehre ist was für gediegene Fachsimpeleien, sie lenkt aber vom Wesentlichen ab. Es geht nicht (jedenfalls nicht in erster Linie) um Intervallstrukturen, avoid notes etc., es geht darum den Klang im Gefühl zu haben. Ein Gefühl für den Klang bekommen wir aber nur, wenn wir spielen, nicht beim Pauken von Theorie.

Die Theorie der Skalen und Modes ist nicht die Voraussetzung, daß man sich musikalisch ausdrücken kann, sondern ein Hilfsmittel. Alle diese ganzen Akkorde, Skalen und Modes hat es immer schon gegeben und wurden von Musikern verwendet. Der Nutzen der ganzen Harmonielehre liegt darin, daß das Ganze systematisch beschrieben wird, damit man es leichter reproduzieren kann. Und unter diesem Gesichtspunkt sollte man sich mit Theorie beschäftigen.

Wie wollen wir es also nun halten

Wir machen es wie bei den bisherigen Folgen dieser Reihe. Wir legen sofort mit einfachen Beispielen praktisch los und machen die Theorie dazu nebenher. Das hat den Vorteil, daß wir nichts auf Vorrat lernen, sondern nur das, was wir auch gerade praktisch anwenden. Und nur so bleibt es auch hängen. Alles was man nur büffelt und nicht spielt, vergißt man wieder. Wir werden auf diese Weise, die Theorie der Skalen und Modes auch so weit als möglich entmystifizieren und erkennen, daß hinter den meisten kompliziert erscheinenden Dingen ganz einfache Zusammenhänge stehen.

So viel zur Einstimmung. In der nächsten Folge geht es dann mit der Praxis los. Unter anderem lernen wir dann

  • wie man mit einem einzigen Fingersatz 7 verschiedene Modes spielen kann und
  • wie man mit diesem Tonmaterial über eine Standard Akkordfolge improvisiert.

Bis denne,

Bernd

 
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