Zwei Welten?
Nicht unbedingt. Ich würde eher sagen, dass das eher etwas trockene
und schwer verdauliche Thema Modes am konkreten, nicht enden wollenden
Proberaum-Blues im Praxisbezug vielleicht deutlicher zu sehen ist. Und
das, weil es zum Thema Modes und was-soll-ich-damit-überhaupt eine
Menge Fragen gibt. Ja sogar noch mehr: in diesem Kontext wird vielleicht
gut sichtbar, dass die Modi ganz und gar real sind und gerade für
uns Bassisten wichtig. Dieses Kapitel also als Versuch, die Modi der
Dur-Leiter, und damit Moll inklusive, in die Praxis zu tragen. Ehe ich
nun wieder lange predige, in medias res.
Wiederholung
Sollte der geneigte Leser noch nicht mit dem Thema Modes vertraut sein,
empfehle ich den Konsum des betreffenden Artikels in der Theory
Collection sowie insbesondere die Weiterführung,
die auf Kadenzen und Modes abzielt. Könnte an dieser Stelle der
Eindruck entstehen, es handele sich um ein Thema für Jazz und/oder
Ensemble-Arbeit. Dass es so nicht nicht ist, entpuppt sich dem geübten
Ohr spätestens an den Stellen, wo man sich doch sicher glaubt und
es klanglich dann etwas quietscht. Und das geht sogar schon an der sicher
geglaubten Stelle Proberaum-Blues, der immer wieder gerne intoniert
wird, wenn man im Moment nix Besseres zu spielen weiß.
Der Proberaum-Blues leitet sich vage von der Reinform des 12-taktigen
Blues-Schemas ab und gehorcht i.d.R. der Kadenz I - IV - V, was der
Reinform-Blues auch tut. Da es gute und schlechte Zeiten gibt, wird
je nach Stimmungslage der Beteiligten dieser Blues in Dur oder Moll
gespielt. Der Proberaum-Blues ist allerdings tonal vom Reinform-Blues
unterschiedlich und wird in den Akkord-Längen und Akkord-Folgen
gern variiert. Wir konzentrieren uns als Testplattform auf folgende
vier Formen, die wohl daraus entstanden sind, dass Gitarristen Tonartwechsel
im Grunde gar nicht mögen und daher gerne lange auf bestimmten
Tonarten resp. Modes verbleiben. Und das entweder in E oder in A. Wir
nehmen A und E.
| 8-taktiger Dummy-Blues in Dur |
| A | A | D | A | E | D | A | A | |
| 8-taktiger Dummy-Blues in Moll |
| Am | Am | Dm | Am | Em | Dm | Am | Am | |
| 10-taktiker Red House-Blues in Dur |
| E | A | E | A | A | E | E | B | A | B | |
| 8-taktiger Testify-Blues |
| Em | Em | Em | Bm | Em | Am | Em Bm| Em Bm | |
Wir nehmen uns vor, über alle Takte komplette Basslinien aus der
vollen Leiter zu spielen, soll der Ketarrist doch bei seiner stumpfsinnigen
Pentatonik bleiben. Können wir dann über alle Moll-Akkorde
die Moll-Leiter spielen, und über alle Dur-Akkorde die Dur-Leiter?
Spätestens nach dem Artikel über Modes und Kadenzen wissen
wir, dass wir das eben nicht können. Denn wir haben hier eindeutigst
eine Kadenz. Warum das nicht geht, mal nicht singulär in akustischer,
sondern in schriftlicher Form. Nehmen wir uns die Akkorde und die Noten
und stellen wir die Noten der Grundleitern dagegen.
| Akkordnoten Dur |
Leiter-Noten Dur |
| A-Dur = A - C# - E |
A-Dur = A - B - C# - D - E - F# - G# |
| D-Dur = D - F# - A |
D-Dur = D - E - F# - G - A - B - C# |
| E-Dur = E - G# - B |
E-Dur = E - F# - G# - A - B - C# - D# |
Scheint doch alles paletti. Die Noten der Akkorde kommen auch in den
Leitern vor, was soll da Schlimmes passieren? Der Teufel steckt im Detail:
Beim D klingt im Akkord ein F#, in der Leiter steht aber außer
dem F# auch ein G. Beim E klingt im Akkord (natürlich) ein E, die
Leiter hat auch das E drin, jedoch auch ein D#. In allen Fällen
würde unsere Dur-Basslinie Noten hinein bringen, die mit den Akkordnoten
das Intervall einer kleinen Sekunde bilden, neben dem Tritonus das disharmonische
Intervall schlechthin. Was nicht zu überhören ist. Und daher
passen die Ionischen Leitern eben nicht überall. Was in den Darstellungen zu Modes ja auch begündet
war.
Zweite Begründung, nun vollständig: da es sich hier um eine I-IV-V-Kadenz handelt, mit der Tonika A-Dur, stammen alle
verwendbaren Noten für Akkorde und stufenbezogenen Leitern aus
der Grundleiter der Tonika. Tonika ist hier A, Tonart ist Dur, sind
also die verfügbaren Noten
A - B - C# - D - E - F# - G#
Und das auch für die Stufen IV = D und V = E. Daher haben ein
G und ein D# hier nichts zu suchen, die sind nämlich in der Basistonart,
dem tonalen Zentrum, nicht enthalten. Wie wäre es richtig? Natürlich,
es müssen für die Stufen oberhalb I die entsprechenden Modes
verwendet werden. Für die IV wäre das Lydisch, für die
V wäre es Mixolydisch. Noch mal die Tabelle der Modi?
| Stufe |
Mode |
Intervalle
|
Entstehende
Leiter |
| 1 |
2 |
3 |
4 |
5 |
6 |
7 |
|
I |
Ionisch |
- |
- |
- |
- |
- |
- |
- |
A-Ionisch = A - B - C# - D - E - F# - G# |
|
ii |
Dorisch |
- |
- |
b |
- |
- |
- |
b |
|
|
iii |
Phrygisch |
- |
b |
b |
- |
- |
b |
b |
|
|
IV |
Lydisch |
- |
- |
- |
# |
- |
- |
- |
D-Lydisch = D - E - F# - G# - A - B - C# |
|
V |
Mixolydisch |
- |
- |
- |
- |
- |
- |
b |
E-Mixolydisch = E - F# - G# - A - B - C# - D |
|
vi |
Äolisch |
- |
- |
b |
- |
- |
b |
b |
|
|
vii |
Lokrisch |
- |
b |
b |
- |
b |
b |
b |
|
Aha! Nun kommen auf den Stufen VI und V keine Noten mehr vor, die nicht
auch in der Grundtonleiter vorkommen. Und zwar dadurch, dass in Lydisch
die #4 statt der 4 vorkommt (was das Problem durch G zu G# behebt),
und in Mixolydisch die b7 statt der 7 in Ionisch (was aus dem D# in
Ionisch passend ein D werden lässt). Und es ist noch mehr Wahrheit
drin, denn sowohl Lydisch als auch Mixolydisch sind mit der enthaltenen
Dur-Terz Dur-Tonarten, die Tonalität an sich bleibt erhalten. Nur
jeweils die lydische Quarte #4 und die kleine Septime b7 unterscheiden
die Leitern von Ionisch.
| Akkordnoten Dur |
Leiter-Noten Dur/Lydisch/Mixolydisch |
| A-Dur = A - C# - E |
A-Dur = A - B - C# - D - E - F# - G# |
| D-Dur = D - F# - A |
D-Lydisch = D - E - F# - G# - A - B - C# |
| E-Dur = E - G# - B |
E-Mixolydisch = E - F# - G# - A - B - C# - D |
Die Gegenüberstellung der drei Modi zeigt die Wirkungspunkte:
|
Dur = Ionisch |
Lydisch |
Mixolydisch |
|
1 |
1 |
1 |
|
2 |
2 |
2 |
|
3 |
3 |
3 |
|
4 |
#4 |
4 |
|
5 |
5 |
5 |
|
6 |
6 |
6 |
|
7 |
7 |
b7 |
Und freundlicher Weise auch noch die Griffbrett-Diagramme, für
E in hoher Lage, der Deutlichkeit wegen:

Und wieder der Hinweis auf die Eselsbrücken, um sich diese beiden
Modi zu merken:
LYDISCH ist Dur mit einer lydischen Quarte (=
#4)
MIXOLYDISCH ist Dur mit einer mixolydischen Septime (= b7)
Beide Modi unterscheiden sich von der Basisleiter Ionisch
nur in einer einzigen Note. Und auch nur diese drei sind Dur-Leitern,
alle anderen vier Modi sind Moll-Leitern, Äolisch, Dorisch, Phrygisch
und Lokrisch.
Nun für Moll
Schauen wir uns nun die Sache für die Moll-Akkorde an, und erwarten
natürlich Ähnliches. Ist auch so.
| Akkordnoten Moll |
Leiter-Noten Moll |
| A-Moll = A - C - E |
A-Moll = A - B - C - D - E - F - G |
| D-Moll = D - F - A |
D-Moll = D - E - F - G - A - Bb - C |
| E-Moll = E - G - B |
E-Moll = E - F# - G - A - B - C - D |
Mit dem Vorwissen von oben ist der Knackpunkt hier sofort sichtbar.
Die zu Grunde liegende Tonika-Leiter (da A-Moll Moll-Paralle zu C-Dur)
hat nur reine/große Intervalle im Programm. Damit muss für
D-Moll das Bb quietschen, für E-Moll das F#. Es entstehen nämlich
wieder zwischen Akkord und Leiter kleine Sekunden, da Noten verwendet
werden, die nicht in der Grundleiter enthalten sind. Behoben werden
kann das durch Verwendung der passenden Modes, nämlich Dorisch
für die Stufe iv, Phrygisch für die Stufe v. Dorisch hat eine
kleine Terz und eine kleine Septime, Phrygisch die b2, b3, b6 und b7.
Vergleichen wir die Intervallstruktur von Moll = Äolisch und diesen
beiden Modi:
|
Moll = Äolisch |
Dorisch |
Phrygisch |
|
1 |
1 |
1 |
|
2 |
2 |
b2 |
|
b3 |
b3 |
b3 |
|
4 |
4 |
4 |
|
5 |
5 |
5 |
|
b6 |
6 |
b6 |
|
b7 |
b7 |
b7 |
| Akkordnoten Moll |
Leiter-Noten Moll/Dorisch/Phrygisch |
| A-Moll = A - C - E |
A-Moll = A - B - C - D - E - F - G |
| D-Moll = D - F - A |
D-Dorisch = D - E - F - G - A - B - C |
| E-Moll = E - G - B |
E-Phrygisch = E - F - G - A - B - C - D |
Und siehe: die beiden Modi beheben genau die Problempunkte, Bb wird
zu B für D-Moll auf Stufe VIund F# zu F für Stufe ii. Übrig
bleiben wieder nur Noten, die auch in A-Äolisch vorkommen. Die
Welt stimmt wieder. Sogar die Tonalität bleibt erhalten, denn Phygisch
und Dorisch sind ja mit der enthaltenen kleinen Terz Moll-Tonarten,
es ist Moll und es bleibt Moll.
Merkregel:
DORISCH ist Moll mit einer dorischen Sexte (=
6)
PHRYGISCH ist Moll mit einer phrygischen Sekunde (= b2)
So wie sich Lydisch und Mixolydisch nur in einer Note von Dur unterscheiden,
trennt Moll und Dorisch/Phrygisch nur eine einzige Note. Es hilft also
auch sich zu merken, dass Lydisch/Mixolydisch Dur-Tonleitern sind, Dorisch/Phrygisch
Moll-Leitern, wegen der enthaltenen Terzen. <YODA>Griffbrett-Diagramme
nun.</YODA>

I love the blues, she heard my cry
Zitat Ende (George Duke). Und zurück zu unseren Blues-Aliens.
Eine Frage bleibt noch offen. Gitarristen, die nicht so mit den Details
vertraut sind, schrammeln über alle drei Akkorde ihre pentatonischen
Linien, warum klingt das da nicht schief? Einfache Antwort: fällt
eh keinem auf. Richtige Antwort: legt doch mal über alle drei obigen
Griffbrett-Diagramme gedanklich das pentatonische Moll-Basismuster:
Die kritischen Intervalle, die Sekunde, die Sexte, kommen in der pentatonischen
Leiter, die über Moll gelegt ist, gar nicht vor. Darum kann da
auch nix schief gehen. Gleiches gilt natürlich für den Bass
auch; spielt man nur reine pentatonische Bass-Linien, geht es nicht
daneben, die kritischen Noten werden just umgangen. Das ist für
die Dur-Variante das Gleiche, nur müssen wir ein da anderes Pattern
nehmen: 
Gut, dass wir darüber gesprochen haben.
| Simple Blues |
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